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Nr. 3104

 

Der herrliche Diktator

 

Auf der Spur des Zyu – Terraner begegnen dem Ornamentraumer

 

Susan Schwartz

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. BJO BREISKOLL: Herantasten

2. Viel los

3. Erste Erkundung

4. Kjeteti

5. Ein Glas zu viel

6. Die Börse

7. Vorhang auf!

8. Widerstand

9. Die Rede

10. Widerwillen

11. Eine besondere Begegnung

12. Troja und die Folgen

Report

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 2071 Neuer Galaktischer Zeitrechnung, in der Mitte des sechsten Jahrtausends unserer Zeit. Seit fast einem Vierteljahrhundert erleben die Sternenreiche der Milchstraße eine Phase des Friedens und des Aufbaus. Die Zivilisationen arbeiten zusammen, treiben Handel und forschen gemeinsam. Es scheint, als könnte Perry Rhodans alter Traum von Partnerschaft und Frieden endlich Wirklichkeit werden.

Die ermutigende Entwicklung darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Milchstraße ihren uralten Mentor verloren hat: Die Superintelligenz ES ist seit langer Zeit verschollen. Seitdem ist es an den Terranern, den Arkoniden, Gatasern, Halutern, Posbis und all den anderen Sternenvölkern, ihre Freiheit aus eigener Kraft zu wahren und miteinander zu verteidigen. Wachsamkeit bleibt das Gebot der Stunde.

Deswegen sind die Liga Freier Galaktiker und die Lemurische Allianz aufs Höchste alarmiert, als sie erfahren, dass in Cassiopeia, einem Trabanten der Nachbargalaxis Andromeda, ein sogenannter Chaoporter gestrandet sei. Von diesem Konstrukt der Chaotarchen soll eine ungeheure Gefahr für die Milchstraße ausgehen.

Perry Rhodan wird zum Allianz-Kommissar ernannt mit dem Auftrag, diese Informationen zu prüfen und die Gefahr zu bannen. Er startet mit der RAS TSCHUBAI, dem größten Fernraumschiff der Terraner, nach Cassiopeia. Dort begegnet er Nachfahren der Ersten Menschheit und einem Lichtfresser im Auftrag des Chaoporters. Die nächste Überraschung bereitet ihm DER HERRLICHE DIKTATOR ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Perry Rhodan – Der Allianz-Kommissar macht Maske.

Donn Yaradua – Der Mutant geht mit seinem Okrill auf Erkundung.

Anesti Mandanda – Der Kosmopsychologe genehmigt sich einen Drink zu viel.

Hroch-Tar Kroko – Der stellvertretende Leiter des Raumlandebataillons begleitet einen Unsterblichen.

Khosen – Der herrliche Imperator inszeniert seinen Auftritt meisterhaft.

1.

BJO BREISKOLL: Herantasten

29. Juni 2071 NGZ

 

»Das sieht interessant aus«, stellte Oona Zocalo fest, Kommandantin des OXTORNE-Kreuzers RT-04, Eigenname BJO BREISKOLL. »In dieses Sonnensystem ist der Lichtfresser also geflohen. Ob wir hier auch den Chaoporter finden?«

Das große Zentraleholo zeigte wie erwartet nach der Linearetappe von 190 Lichtjahren das angepeilte Dreisonnensystem.

Man war auf genügendem Abstand in den Normalraum zurückgekehrt, um sich zuerst zu orientieren und herauszufinden, wohin das Zyu sie unfreiwillig geführt hatte.

Die Mannschaft der BJO BREISKOLL hatte Perry Rhodans Entscheidung, die Verfolgung aufzunehmen, mit Begeisterung begrüßt. Sie hatten bereits ihre erste Mission auf Bhanlamur bewältigt und vor wenigen Stunden die wahre Feuertaufe bestanden: als es galt, den Kreuzer gegen das Zyu zu verteidigen und es zu verjagen. Die Hauptpositronik BJO war von allen Rückständen der Partikelwolke befreit worden, die geringen Schäden würden in kürzester Zeit vollständig behoben sein.

Das Zyu, das den Schlachtkreuzer in seine Gewalt bringen wollte, war ein im Weltraum existenzfähiges Geschöpf. Ein Hilfswesen, das in Diensten des angeblich in Cassiopeia gestrandeten Chaoporters FENERIK stand und im Gegenzug mit Psi-Materie versorgt wurde, die ihm die Fähigkeit zur Teleportation ermöglichte.

Die Übernahme war fehlgeschlagen – und das Zyu geflohen.

Gucky hatte seinen Fluchtweg so weit verfolgt, dass ANANSI den Zielvektor bestätigen konnte: das 190 Lichtjahre entfernte Dreisonnensystem, in dessen Außensektor sie nun herausgekommen waren.

Rhodan hatte gehofft, das Zyu verfolgen zu können, bis es zum Chaoporter zurückkehrte. Dass FENERIK havariert war, galt inzwischen als gesichert – so hatte Gucky es vom Zyu erfahren. Doch ob er sich tatsächlich in Cassiopeia befand und wo, das hatte das Zyu nicht verraten.

Und so leicht, das Partikelwesen einfach zu verfolgen, wurde es dem Terraner natürlich nicht gemacht. Die weit ausgedehnte, nahezu substanzlose Wolke konnte nicht mehr angemessen werden. Also wollten sie sich in dem Dreisonnensystem umsehen, um dort hoffentlich Hinweise auf FENERIK zu finden.

 

*

 

Der Terraner betrachtete das Schauspiel der drei Roten Zwergsonnen, die um einen gemeinsamen Mittelpunkt rotierten. Eine ungewöhnliche Konstellation, fand er und rieb sich nachdenklich das Kinn. Hätte das System möglicherweise ursprünglich als Sonnentransmitter dienen sollen?

Sichu hätte bestimmt umgehend die Antwort gefunden, dachte er mit ein wenig Wehmut an seine Frau, die im Solsystem zurückgeblieben war. Es war für ihn ungewohnt, dass sie ihn nicht begleitete, und er vermisste sie.

Die drei Roten Zwerge wurden von einem Gasriesen, der mehr als doppelt so groß war wie Jupiter, umlaufen – und um diesen wiederum kreisten 75 kleine Monde.

Plus einem sehr augenfälligen »Mond«.

»Ist er ein Irrläufer, wie ursprünglich angenommen, oder gehört dieser Riesentrabant von Anfang an zum System?«, wollte Rhodan von der Hauptpositronik wissen.

Der ungewöhnliche Mond war etwas größer als der Mars, verfügte über eine Sauerstoffatmosphäre und, den ersten Messungen zufolge, über reichhaltiges Leben.

BJO antwortete unverbindlich. »Es ist wie bisher davon auszugehen, dass dieser Mond ein Irrläufer war und eingefangen wurde. Eventuell stammt er aus Andromeda. Ich werde genauere Daten einholen.«

»Gibt es hier sonst etwas?«, fragte Rhodan in die Zentrale des mit Ringwulst 600 Meter durchmessenden Kugelraumers hinein. Die BJO BREISKOLL war das Basisschiff des Ersten Raumlandebataillons, auf das die Mannschaft mit Recht bereits stolz war.

»Ich hab da was«, meldete die Terranerin Perihan Leko von der Ortung und nickte ihrer Kollegin Pinar Koray von der Funkabteilung zu.

Diese übernahm übergangslos. »Kaum Hyperfunkverkehr, viel ist wohl in diesem Sektor nicht unterwegs. Jedoch gibt es einen automatischen Hyperfunkspruch, der sich alle paar Minuten wiederholt. Die Übersetzung läuft bereits. Sekunde ...«

Tatsächlich waren es drei Sekunden, bis der Funkspruch auf das Zentralekom geleitet wurde.

 

*

 

»Im Namen des Volkes der Fajemiden heißt die Regierung auf unserer schönen Welt Fajem jeden Raumfahrer herzlich willkommen, der über ein leistungsfähiges, überlichtschnelles Triebwerk verfügt. Wir sind eine noch junge Zivilisation, die sich vor dem Weiten Sprung sieht, unserer zweiten hoch technisierten Phase, die uns ermöglicht, unser kleines Jaellisystem zu verlassen! Wir wollen in den Weltraum vorstoßen und Nachbarsysteme besuchen, fremde Völker und Technik kennenlernen und unsere Entwicklung vorantreiben. Als Ziel streben wir einen ausgedehnten Handel an.

Beginnen wollen wir daher mit dem Erwerb eines Überlichttriebwerks oder den Bauplänen dafür. Wir können in Hyperkristallen bezahlen, was sicherlich für jeden Fernreisenden von großem Interesse ist. Jeder würde bei diesem Geschäft dauerhaft vom anderen profitieren, sobald wir unsere Handelslinie aufgebaut haben.

Deshalb laden wir jeden vorbeikommenden Fernraumer dazu ein, auf unserem Raumhafen zu landen, damit seine Besatzung unsere blühende Stadt Kjeteti besichtigen und ihre Annehmlichkeiten genießen kann, bis wir einen Termin vereinbart haben.

Die Abwicklung kann zügig verlaufen. Selbstverständlich haben wir auch andere Handelswaren anzubieten, die sicherlich von Interesse sind. Uns ist an einer langfristigen Zusammenarbeit gelegen.

Vielen Dank fürs Zuhören! Dieser Ruf wurde mithilfe des Volkes der Tabang ermöglicht, die uns ein Hyperfunkgerät zur Verfügung gestellt haben. An dieser Stelle sei unser ausdrücklicher Dank ausgesprochen, verbunden mit der Hoffnung, dass dies den Reisenden als Anreiz dient, mit uns ins Geschäft zu kommen.«

 

*

 

»Ping! Ende der Werbesendung«, sagte Koray. »Das waren doch schon mal geballte Informationen!«

»Und ein freundlicher Empfang samt Einladung zum Tee«, fügte Leko hinzu.

»Mein ältester Freund, Resident Reginald Bull, würde jetzt ein lateinisches Zitat aus grauer Vorzeit bringen«, sagte Rhodan. »Timeo danaos et dona ferentes.«

»Und das heißt?«, fragte Zocalo neugierig.

»Übersetzt bedeutet es Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen«, antwortete Rhodan. »Das Zitat stammt aus der griechischen Mythologie, nach der die Danaer Troja mit einem hölzernen Pferd, getarnt als Geschenk, eroberten. Lange sprach man von Danaergeschenk, wenn man etwas scheinbar freundlich angeboten bekam, aber einen Hintergedanken vermutete. Oder Unheil.«

»Einfach ist es also nie?« Vermutlich sprach Zocalo damit auf die Geschehnisse auf Bhanlamur und den gleichzeitigen Angriff des Zyu an.

Rhodan dachte kurz nach. »So gut wie nie«, sagte er dann.

Die Mannschaft war jung und energiegeladen, aber an Erfahrung im Einsatz hatten sie noch nicht viel aufzuweisen. Rhodan gefiel es, ein derart frisches, unverbrauchtes Team zu führen, das keine eingefahrene Sichtweise hatte.

»Aber das hier sind keine Menschen oder sonst jemand von der Liga«, gab Zocalo zu bedenken. »Nicht jedes Volk muss von Grund auf misstrauisch sein.«

»Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Meine Besorgnis ist natürlich durch viele schlechte Erfahrungen ausgeprägter als bei anderen. Und mit dem Chaoporter in der Nähe, glaube ich umso weniger an ein friedliches Miteinander. Aber lassen wir uns überraschen!«

»Wir fliegen hin?«

»Wir fliegen hin.«

»Also dann«, sagte Zocalo. »Kurs auf Fajem!«

 

*

 

Die Ortung scannte unablässig das kleine System und den Raum, doch bisher schienen die Angaben zuzutreffen. Entweder waren die Fajemiden technisch extrem weit voraus und konnten ihre Raumüberwachungssysteme und mögliche bewaffnete Außenposten ausgezeichnet tarnen, oder sie standen tatsächlich erst am Beginn der interstellaren Raumfahrt.

Rhodan überlegte, falls seine Vermutung mit dem geplanten und nie fertiggestellten Sonnentransmitter stimmen sollte, ob die Fajemiden womöglich Nachfahren eines Volkes waren, das von den Lemurern auf dem Konstrukt angesiedelt worden war.

Hatten die Lemurer – oder die Tefroder – den Irrläufer womöglich selbst an diesen Ort gebracht?

Wilde Spekulationen, die nicht weiterführen. Rhodan konzentrierte sich auf die Gegenwart.

Unterwegs begegnete ihnen niemand, doch es gab mehrere Signaturen in der Nähe, wahrscheinlich ebenfalls im Anflug begriffene Raumschiffe, deren Besatzungen den Ruf der Fajemiden gehört hatten. Ein neuer Handelspartner interessierte sicherlich viele, die auf einer Handelsroute in der Nähe vorbeikamen.

Während der Annäherung lieferte BJO weitere Daten. Die Sauerstoffwelt Fajem war in der Rotation gebunden. Eine Seite war immer dem Gasriesen zugewandt. Auf der abgewandten Seite herrschte eine Schwerkraft von 0,9 Gravos. Auf der zugewandten Seite, wo die Schwerkraft des Gasriesen entgegenwirkte, waren es nur noch 0,7 Gravos.

Umgeben von einem seichten Meer fand sich ein einziger Kontinent in X-Form. Ziemlich genau im Kreuzungspunkt der langen kontinentalen Schenkel, auf der abgewandten Seite, wuchs die Stadt Kjeteti empor – die einzige Siedlung, die den Namen Metropole mit angeschlossenen Vororten im Umland verdiente.

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Illustration: Swen Papenbrock

»Sehr grün, selbst die Häuser«, staunte Donn Yaradua, der sich inzwischen in der Zentrale eingefunden hatte. Sein Okrill Phylax wich wie immer nicht von seiner Seite. »Die sehen wie Bäume aus!«

»Ich fühle mich dort garantiert wohl«, bemerkte der cheborparnische Xenobiologe Loscozar Totuyeret, genannt LoT. Er hatte zwar aktuell keinen Dienst in der Zentrale, aber sammelte an seinem Terminal mit Unterstützung von BJO erste Daten über die Welt des Riesenmonds.

Rhodan hatte bereits vor der Annäherung befohlen, dem Schiff eine Tarnung zu verleihen. Er wollte keinesfalls mit der Tür ins Haus fallen und sich großartig ankündigen – da das Zyu gezielt die BJO BREISKOLL hatte übernehmen wollen, waren ihre Daten höchstwahrscheinlich bekannt.

Rhodan wollte noch aus einem weiteren Grund keinen anderen Kreuzer einsetzen. Sollten sie trotz aller Vor- und Umsicht auffliegen, durfte die andere Seite nicht vermuten, dass im Hintergrund ein sehr viel größeres Mutterschiff lauerte. So leicht wollte er sich nicht in die Karten schauen lassen.

Das Zyu wusste nur von der BJO BREISKOLL – und dabei sollte es für alle, die mit dem Chaoporter zu tun hatten, auch bleiben.

BJO veränderte die Energiesignatur der beiden hochmodernen Tevver-II-Linearraumkonverter dergestalt, dass sie altertümlich wirkten, am Rande ihrer Leistungsfähigkeit. Damit es danach aussah, als wäre das Schiff nur mit Ach und Krach einer Havarie entkommen.

Man musste schließlich nicht gleich auffallen mit dem, was man tatsächlich zu bieten hatte – um keine Begehrlichkeiten zu wecken, egal bei wem. Und Rhodan wollte auch nicht in Verhandlungen wegen Plänen oder Bauteilen treten.

Er spekulierte darauf, dass niemand genauer nachfragen würde bei dem offenbar bejammernswerten Triebwerkszustand und dem designtechnisch durchschnittlichen Eindruck, den ein Kugelraumer nun mal eben machte. Eine Konkurrenz würden sie jedenfalls nicht darstellen, was alle anderen Händler beruhigen würde. Sie würden die Neuankömmlinge mit Missachtung strafen.

Inzwischen schwirrte der Hyperfunkverkehr rund um Fajem nur so in den verschiedensten Sprachen. Es war sehr viel Tefroda dabei, im leicht abgewandelten, aber noch verständlichen Dialekt der Andromeda-Tefroder. Mit dieser und den anderen Sprachen würde der Haupttranslator in Kürze zurechtkommen und die Ergebnisse in die Translatoren der flexiblen SERUNS-SR einspeisen, die während der Erkundung getragen werden sollten. Diese verschlankten Spezialoveralls waren nicht für den Kampf, sondern für die Verkleidung, Anpassung und den Schutz gedacht.

Der Name des Schlachtkreuzers wurde in STATOR-MUTOM geändert.

»Auf zur letzten Etappe!«, befahl Rhodan und war neugierig, was ihn erwarten würde. Nach wie vor schien es ganz so, als wären die Fajemiden genau das, was zu sein sie vorgaben.

»Ist das immer so ... spannend?«, fragte der Pilot Nikhil Nuh.

Bei den ersten Einsätzen war es kein Wunder, wenn man aufgeregt war. Und so breitete sich bei dieser zweiten offiziellen Mission in der gesamten Zentrale innerhalb kürzester Zeit Nervosität aus.

Allen wurde bewusst, dass sie mit ihrer Landung auf einer besonders geheimen und brisanten Mission waren und keinesfalls Fehler machen durften. Sie konnten sich nicht verstecken und abwarten, sondern waren der Öffentlichkeit preisgegeben. Im Notfall mussten sie sehr schnell handeln und sich jeder auf den anderen verlassen können. Als eingespieltes Team, das jeden Handgriff im Schlaf beherrschte.

»Oh ja«, antwortete Rhodan lächelnd. »Das hört zum Glück nie auf. Es ist immer das erste Mal, denn wir wissen nie, was auf uns zukommt.« Nicht einmal, wenn wir nach Hause fliegen – und das Zuhause ist gar nicht mehr da. Das war oft genug vorgekommen.

In einem zweiten Gedanken setzte er hinzu, was Gucky jetzt anmerken würde: Eine Katastrophe erwartet uns, was auch sonst?

Auch den Kleinen vermisste er. Aber der Ilt hatte auf der RAS TSCHUBAI zurückbleiben müssen, nachdem der Kampf gegen das Zyu seine Kräfte nahezu vollends aufgebraucht hatte. Sofort wieder in den Einsatz zu gehen, wäre unverantwortlich gewesen. Das hatte Rhodan ihm deutlich gemacht. Gucky hatte sich einsichtig gezeigt, was bedeutete, dass er wirklich am Ende war.

2.

Viel los

 

Wenige Hunderttausend Kilometer oberhalb des Nordpols des Gasriesen Maerivete, dessen Namen die Terraner inzwischen durch die vielen aufgeschnappten Funksprüche erfahren hatten, kehrte die STATOR-MUTOM aus dem Linearraum zurück und meldete sich beim Überwachungsturm des Raumhafens auf Fajem an.

Im Holo zeigte sich der Raumhafen als mehr oder minder chaotisches, weit gestreutes Feld, das nicht unbedingt überall gut befestigt oder völlig plan war. Wahrscheinlich hatte man nicht mit einem derartigen Besucheransturm aufgrund des Hyperfunkspruchs gerechnet.

»Der Turm sieht skurril aus«, bemerkte jemand.

Keine geraden Linien, wie man sie erwarten mochte, in nüchterner, funktionaler Architektur, sondern der Turm glich genauso wie die Stadthäuser eher einem Baum, mit einigen wenigen Verzweigungen und obenauf miteinander verbundenen gläsernen Kanzeln als »Krone«, in denen die Sicherheitskontrolle und Lotsen ihre Arbeit verrichteten.

Die erste Einstimmung auf das, was den Besucher in der Stadt erwartete.

»STATOR-MUTOM, hier Kontrolle, wir haben die Anmeldung erhalten. Welcher Art ist die Mission?«

Es war nur eine Audioübertragung, also antwortete Rhodan ebenso. »Hier spricht Kapitän Rha-Don. Die STATOR-MUTOM ist ein Forschungs- und Handelsschiff auf eigene Rechnung. Wir kommen aus Andromeda und haben entlang der Handelsroute von der Einladung gehört. Nun, hier sind wir. Wir sind immer interessiert an neuen Handelspartnern.«

»In Ordnung. Willkommen auf Fajem. Wir übermitteln die Landekoordinaten für den Raumhafen Hapejire sowie eine Permission für zunächst vier Personen.«

»Nur vier?«

»Unsere Stadt kann nur begrenzt Besucher aufnehmen, daher reduzieren wir für den Anfang die Besuchserlaubnis. Aber im Normalfall wird diese schnell erweitert. Wir übermitteln zudem ein paar Verhaltensregeln, da wir sehr viele Gäste aus den unterschiedlichsten Regionen begrüßen dürfen. Wir bitten vor allem um respektvollen Umgang miteinander.«

»Das ist gewährleistet«, versicherte Rha-Don. »Wir können keine Geschäfte abschließen, wenn wir unsere Handelspartner niederschlagen.«

Ein Geräusch antwortete ihm, das man als Lachen interpretieren könnte.

Der Landeanflug begann.

 

*

 

Hapejire lag im Osten der Stadt auf der Äquatorlinie. Es sah ganz danach aus, als würde die Technik hauptsächlich auf der mit höherer Schwerkraft belasteten Seite erblühen, wohingegen die »leichtere Seite« des Mondes naturbelassener mit weit verstreuten, kleineren, in die Umgebung integrierten Städten erschien.

Rhodan stellte fest, dass sich tatsächlich ein ordentliches Sammelsurium an diversen Schiffen auf dem Raumhafen befand.

Vielleicht waren auch solche aus Cassiopeia dabei, die Informationen über den Chaoporter liefern konnten. Das hoffte er zumindest.

Cassiopeia war eine alte Galaxis, wie er sich erinnerte, mit nur wenigen größeren Planeten, die eine Atmosphäre aufwiesen und ausreichend Rohstoffe, um das Entstehen einer technisierten Zivilisation zu ermöglichen. Daher fand sich kaum einheimisches Leben oder gar ein raumfahrendes Intelligenzvolk. Jedoch gab es Kolonien, und es waren häufig Abenteurer und Prospektoren unterwegs, um die letzten verbliebenen Rohstoffressourcen zu plündern und nach Andromeda zu transportieren. Diese kamen also weit herum und hatten vielleicht etwas Seltsames entdeckt, das zwischen den Sternen dahindriftete ...

»Perry, sieh mal!« Donn berührte seinen Arm und wies auf das Holo. »Erinnert dich das nicht an etwas?«

»Oh ja.« Rhodan lächelte in nostalgischer Rührung.

Den Hauptteil der parkenden Raumschiffe nahmen kleine Raumfahrzeuge ein, die wie eine Mischung aus terranischen Flugzeugen und Raketen aussahen. Das zeigte, dass die Fajemiden tatsächlich noch nicht über Überlichttriebwerke verfügten und lediglich in ihrem System die Monde und den Gasriesen ansteuern konnten.

Rhodan fiel plötzlich nahe am Rand ein eleganter, schwarzer Diskusraumer auf, das Zentrum und die Ränder leuchteten rubinrot. Der Diskus durchmaß 990 Meter bei einer Dicke von 50 Metern. Zu welchem Volk er wohl gehörte? Er fiel in dem Sammelsurium aus dem Rahmen.

Ein nicht weit davon parkendes Walzenschiff mit spitzem Bug und flachem Heck hingegen erkannte Rhodan. Es gehörte zu den aus Andromeda stammenden Gaids. Sie waren den Terranern erstmals im 25. Jahrhundert Alter Zeitrechnung begegnet; nach Jahrhunderten friedlichen Handels hatten sie sich dann wieder im Kampf gegen die Frequenz-Monarchie hervorgetan: Zunächst waren die Gaids ein Bündnis mit den Hilfsvölkern VATROX-VAMUS eingegangen, doch als sie herausfanden, dass Klone von ihnen als Söldner gegen die Völker Andromedas eingesetzt wurden, liefen sie zum Widerstand über. Sie zählten zu den Mitbegründern des Bundes von Sicatemo, aus dem später die Stabilität hervorgegangen war.

Und dann waren da noch diverse vertraute Kugelraumer tefrodischer Herkunft, mit Tefrodern oder von ihnen abstammenden Völkern besetzt.

Eine bunte Mischung, zu der zu Rhodans Erleichterung kein Ikosaeder-Raumer gehörte, wie er einen auf Bhanlamur gesehen hatte, als er dem mysteriösen Swekkter oder Synthekten namens Thont begegnet war. Allerdings konnte sich ein derartiges Raumschiff selbstverständlich im Ortungsschutz einer der drei roten Sonnen aufhalten und sich ein Artgenosse von Thont unerkannt in der Stadt herumtreiben.

Perry Rhodan durfte sich nirgends sicher vor Agenten des Chaoporters fühlen, dessen war er sich sehr bewusst.

 

*

 

»Jetzt wird's ernst!«, sagte der begabte, gerade mal 36-jährige Pilot Nuh. »Ich leite die Landung ein. Leitstrahl gibt's nicht, nur die Koordinaten und so ein winziges Feld.« Er verschränkte die Finger ineinander und dehnte sie knackend. »Aber das kriegen wir hin.«

»Allerdings wird es ernst«, stimmte Rhodan zu. »Ich bitte um eine möglichst miese Landung.«

»Wie bitte?«

Donn warf Rhodan einen Seitenblick zu und grinste breit. »Ich suche mir dann mal einen Sitzplatz und schnalle mich fest an.« Gesagt, getan. Einige verwirrte Blicke trafen ihn.

»Keine Bruchlandung, aber mit Krachen und Poltern«, verdeutlichte Rhodan.

»A... aber ...« Der Pilot wurde abwechselnd rot und blass, er begriff immer noch nicht und warf hilflose Blicke zu seiner Kommandantin.

»Nikhil«, sagte Rhodan sanft. »Wir kommen wie ein altersschwaches Gefährt daher, das auf der letzten Antriebsdüse pfeift. Eine Bilderbuchlandung würde diesen gewollten Eindruck zerstören. Immer schön den Ball flach halten.«

Nuh wandte sich ihm zu. Dann hellte sich sein Gesicht langsam auf zu einem Strahlen. »Du meinst ... ich darf ... ich darf wirklich ...?«

»Pilot, du hast den Allianz-Kommissar klar und deutlich gehört!«, polterte Zocalo. »Kriegst du das hin oder nicht?«

»Ob ich das ... natürlich kriege ich das hin!« Er klang empört. »Eine astreine Bauchlandung, die nur wegen meiner Genialität nicht zur Bruchlandung gerät!«

Glücklich vor sich hin pfeifend machte der Pilot sich an die Arbeit. Damit hätte er sicherlich zuletzt gerechnet. »BJO, halt dich im Hintergrund, falls es zu hart wird, in Ordnung? Ansonsten muss ich da allein ran, sonst wird es unglaubwürdig.« Er kicherte vor sich hin. »Das wird ein Spaß!«

Dessen war sich Rhodan auf einmal gar nicht mehr so sicher.

 

*

 

Schwankend ging die STATOR-MUTOM nieder und peilte mehr oder minder gezielt das bezeichnete Landefeld an.

»Wir werden gerufen«, meldete Koray und schaltete den Zentralekom zu.

»Sagt mal, seid ihr besoffen?«, kreischte es aus dem Lautsprecher. »Oder ist das eure erste Landung?«

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