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Susanne Breit-Keßler (Hrsg.)

Spielraum!

Sieben Wochen ohne Blockaden

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detail lierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2020 by edition chrismon in der Evangelischen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

Fotos: Cover: gettyimages/Westend61/Katharina Mikhrin, Woche 1: Isabela Pacini, 2: Isadora Tast, 3: Magdalena Jooß, 4: Marlena Waldthausen, 5: Paulina Hildesheim, 6: Christian Werner, 7: Sebastian Lock

Cover: Ellina Hartlaub, Frankfurt

ISBN 978-3-96038-263-8

Inhalt

Vorwort

1 | Alles auf Anfang

2 | Von der Rolle

3 | Das Spiel mit dem Nein

4 | Dir zuliebe?

5 | Geht doch!

6 | Richtungswechsel

7 | Die große Freiheit

Autorinnen und Autoren

Vorwort

Susanne Breit-Keßler

Als Kind zog ich regelmäßig mit Sack und Pack auf eine Wiese hinter unserem Haus. Sie wurde nur einmal im Jahr gemäht und stand voller wilder Blumen und Gräser. Ich breitete meine Decke aus, legte sorgfältig den Proviant hin, der aus belegten Broten und selbst gemachter Limonade bestand. Ganz wichtig: mindestens ein Buch! Niemand wusste, wo ich war – sehen konnte mich auch keiner, weil die Pflanzen zu hoch standen. Pures Glück, diese „Spielwiese“. Manchmal kamen Pferde vorbei, Haflinger, die beim Bauern ausgebüxt waren. Auch sie mochten keine Blockaden, wie ich.

Wenn ich heute die Spielräume betrachte, die ich mir im Leben erobert habe, dann denke ich liebend gerne zurück an dieses Stück vom Paradies, an die Seligkeit, die es bedeutet, frei zu sein und vor sich alle Möglichkeiten, die das Dasein bietet. Covid-19, das Virus, das uns, unsere Gesellschaft und die ganze Welt seit dem letzten Jahr attackiert, es hat mancherlei Blockaden errichtet. Und wir auch, um es sinnvollerweise abzuwehren und niemanden zu gefährden. Spielräume sind weggefallen. Begegnungen, Feste und Feiern, Urlaubsreisen – alles steht unter einem neuen, bedenklichen Vorzeichen.

„Dennoch“, heißt es in der Bibel an vielen Stellen. Die schönste davon, im Psalm 73, lautet: „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat …“ Gottvertrauen eröffnet auch in schlechten Zeiten ungeahnte Spielräume, wenn man sich nicht selbst blockiert und auf stur schaltet. Kreativität und Fantasie sind gefragt, Wesensmerkmale des Heiligen Geistes, um mit Gottes Hilfe einer stellenweise miesen Realität lebensfrohe Schnippchen zu schlagen. Unser neues Fastenbuch ist eine einzige Verlockung: Kommt und entdeckt herrlich neue Spielwiesen und Räume des Lebens!

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1 | Alles auf Anfang

Die Weisheit spricht: Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her. Als Gott die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Sprüche 8,23.29–30

Alles auf Anfang

Susanne Breit-Keßler

BIBLISCHE MINIATUR ZU SPRÜCHE 8,23.29–30

Sie sitzt zu seinen Füßen und spielt mit allem, dessen sie habhaft werden kann. Er hat unentwegt zu tun, aber dennoch oder gerade deswegen jeden Tag seine Freude an dem, was und wie sie es tut. Von Sophia ist die Rede. Von der Weisheit, wie sie im Alten Testament liebevoll persönlich geschildert ist. Sophia oder Hokma, wie sie in der Bibel auf Hebräisch heißt, die als Gottes Liebling von Urzeiten her existiert, ist die weibliche Begleiterin des großen Schöpfers, ein feminines Wesen, das untrennbar zu ihm gehört. Die Weisheit bewahrt zumindest vor größeren Pleiten.

Der Name ist trendy. Auf Standesämtern und am Taufbecken gehört Sophia stets zu den beliebtesten weiblichen Vornamen. Sophia ist en vogue. Ist es die Weisheit auch? Nach anfänglichem biblischen Denken umfasst die Weisheit zunächst geschicktes Handhaben der Materie, Naturerkenntnis und Klugheit bis hin zur List. Erziehung zur Weisheit verbindet praktische mit intellektuellen Fähigkeiten, lehrt Einsicht in Beziehungen und soziales Verhalten. Damit allein allerdings ist es nicht getan. Solche Weisheit kann in die Krise geraten. Man denke nur an Corona.

Jesus ist von Zeitgenossen als Verkörperung umfassender Weisheit verstanden worden. Diese Weisheit ist eine menschenzugewandte, die um notwendige Zeiten eigener Besinnung weiß. Es ist eine, die der Wahrheit verpflichtet ist, ohne ätzend-gemein zu werden. Eine Weisheit, die nicht straft und lohnt, sondern die allein aus Gnaden sich erbarmt für immer und ewig. Wer weise ist, unterscheidet nach alter Einsicht zwischen dem Mut, den es braucht, um Dinge zu verändern, die verändert werden müssen, und der Gelassenheit hinzunehmen, was nicht zu ändern ist.

imageWeisheit kommt leichtfüßig, lebenslustig, tänzelnd daher.image

Weisheit ist attraktiv – gerade weil sie irdische Gegebenheiten verlockend hinter sich lassen kann. Der Mensch „ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, meinte Friedrich Schiller. Das merken Kinder und Erwachsene, wenn sie sich zu Hause „verspielt“ zusammensetzen oder gemeinsam am Fernseher den munteren Wettkämpfen anderer zuschauen. Spielen bringt viele positive Seiten eines Menschen zum Vorschein: Kreativität, Lust am sich Messen, Fantasie, Wissen. Zumindest dann, wenn man sich nicht selbst blockiert und völlig verbissen auf einen möglichen Sieg fixiert.

Beim Spiel kann ich andere Rollen als die gewohnten annehmen, spielerisch meine Blockaden umgehen und sie vielleicht dadurch irgendwann ganz überwinden. Denn Weisheit schleppt sich nicht schwerblütig-depressiv, nicht vergrübelt vorwärts. Weisheit kommt leichtfüßig, lebenslustig, tänzelnd daher – ein federleichtes, geistliches Schwergewicht. Sophia spielt seit Urzeiten zu den Füßen Gottes. Sie ist „seine Lust täglich“, wie es die Sprüche Salomos sagen (Sprüche 8,30). Wie zauberhaft … Reich mir die Hand, Sophia, damit ich über Mauern springe.

ATEMBERAUBENDES ZUTRAUEN

Hans-Jürgen Abromeit

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Diese bekannte Zeile aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse wird heute häufig benutzt, um Anfänge jeder Art zu verklären. Er findet sich auf Hochzeitskarten, Glückwunschkarten zur Geburt eines Babys, Gratulationen zur Einschulung oder Mitteilungen einer neuen Anschrift nach einem Umzug. Ja, jeder Anfang schlägt ein unbeschriebenes Blatt auf, und das hat etwas Zauberhaftes. Gleichzeitig ist aber das Ende des Neuen noch unabsehbar und deswegen beunruhigend. Wird meine Beziehung tragen? Was wird aus dem Kind werden? Werden wir an dem neuen Wohnort glücklich werden? Der Ausgang des Lebens und jedes Lebensabschnittes ist unsicher. Reicht es, die Offenheit einer Situation zu betonen, um Angst vor der Zukunft zu überwinden? Selbstbeschwörungen trösten am Ende nicht. Aber gibt es eine Alternative dazu?

Die Bibel verbreitet ein Zutrauen zum Leben, das atemberaubend ist. Denn diese Welt mit allem, was darinnen ist, und mit allem, was in ihr geschieht, ist nicht zufällig so. Schöpfung und Geschichte wohnt eine höhere Ordnung inne. Es ist kein Gesetz, das man einfach aus der Schöpfung ablesen könnte. Es ist ein guter Wille. Die Spruchweisheit Israels nennt ihn Weisheit. Diese Weisheit begleitet alles, was Gott gemacht hat. Wir Menschen überheben uns, wenn wir meinen, der Welt unseren Stempel aufdrücken zu können. Es herrscht aber auch nicht das Chaos, sondern in allem und über allem Gottes gute Ordnung. Das lässt mich ohne Angst vor dem, was da kommen wird, mutig mein Leben gestalten.

Sprüche 8,31 setzt dabei einen überraschenden Akzent. Die Weisheit, die Gottes schöpferisches Handeln von Anfang an begleitet, wird als weibliche Person beschrieben, die vor Gott auf dem Erdkreis spielt und „Lust hat an den Menschenkindern“. Gottes Lust am Menschen wird später in Jesus Christus anschaulich. Die Menschwerdung Gottes in Jesus ist Ausdruck der Freude Gottes am und mit dem Menschen. Folgerichtig hat der Evangelist Johannes diese Tradition, die Weisheit Gottes in der ganzen Schöpfung zu finden, mit dem Wort Gottes, durch das Gott die Welt geschaffen hat und das in Jesus Mensch geworden ist, zusammengebracht (Johannes, Vers 1ff.). Auch wenn es kein Leben ohne Leid, Schmerzen und Tod gibt, ist Jesus der Garant eines neuen, wir sagen ewigen Lebens. So ist unser Leben umgriffen von diesem Anfang und diesem Ende, das Jesus uns setzt.

WACKELZAHN UND BUNTE PFLASTER

Ramón Seliger

Das kleine Mädchen mit dem Wackelzahn – einen Steinwurf steht sie von mir entfernt. Ein Kinderlächeln zieht sich über ihr Gesicht. Frech grinst sie mich an. Ein Bein hat sie nach vorn gestellt. Meine Tochter, sie wippt vor und zurück. Jetzt rufe ich: „Wer kommt in meine Arme?“ Da rennt sie los. Mit lautem Kichern tobt sie auf mich zu und wirft sich in meine offenen Arme. Volles Vertrauen. Ganzes Risiko. Nicht einen Moment denkt sie darüber nach, was alles passieren könnte. Die offenen Arme sind ihr genug.

Dabei zeugen die Pflaster an ihren Knien wie Trophäen von ihrer Tapferkeit. Die grellen Farben können die blauen Flecken kaum verbergen. Sie kennt den Schmerz nur zu gut. Aber auch das Gefühl, wieder aufgehoben und getröstet zu werden. Eine Träne im Knopfloch und ein Lächeln auf den Lippen.

Bei mir helfen bunte Pflaster meist nicht mehr. Das Leben ist nicht spurlos an mir vorübergegangen. Davon erzählt so manche Narbe. Der Schmerz, allein zu sein, enttäuscht zu werden, gräbt sich tief ein. Keine offenen Arme, nur harter Asphalt. Die Angst vor dem Sturz, sie ist Teil meines Lebens geworden. Genauso wie die Sehnsucht, dass mir jemand mit offenen Armen begegnet. Mir die Tränen trocknet. Bei dem ich Ruhe finden kann und angenommen werde, so wie ich bin. Mit all den bunten Pflastern auf den Knien, die von den kleinen Dummheiten und den großen Stürzen erzählen.

Um ehrlich zu sein, fällt es mir inzwischen schwer, einfach loszurennen. Meist stolpere ich im Leben eher vorwärts. Und doch wünsche ich mir manchmal das Vertrauen, mich einfach in die offenen Arme Gottes zu werfen. Ohne zu zögern und mit einem Lachen auf den Lippen.

Den Kindern gehört das Himmelreich – weil sie sagen, was sie denken, lieben mit ganzem Herzen und vertrauen aus ganzer Seele. Vielleicht ist diese Woche eine gute Gelegenheit, sich etwas von dieser kindlichen Unbefangenheit zurückzuerobern? Probieren Sie’s aus!

DER ZAUBER DES BEGINNS

Tobias Petzoldt

Die Weisheit spricht: Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her. Als Gott die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

Der göttlichen Weisheit erster Schluss war gemäß ihrer Selbstauskunft der Schöpfungsprozess. Denn da war sie schon da, die Weisheit, umspielte den Schöpfer und begleitete ihn beständig. Als er Licht und Schatten schuf am ersten Tag, den Himmel auf Erden am zweiten, Kraut und Rüben am dritten, Mond und Sterne am vierten, Hund und Katz am fünften und Hinz und Kunz am sechsten. Und als Saus und Braus am siebten Tag folgten und Gott Ruhe hielt vor dem Sturm, war sie auch dabei.

Wenn die Weisheit bei Gott war, so muss sie im Rahmen des Schöpfungsgeschehens – nach seinem Bilde, wie es heißt – auch auf uns Menschen übergegangen sein. Gewiss, oft können wir die Weisheit allzu gut verbergen. Manchmal aber spüren wir sie in uns, und manchmal lassen wir sie zu.

So wie im göttlichen Geschehen von Beginn an alles mit Weisheit verbunden ist, so hat auch in unserem Lebenslauf alles einen Anfang und jede Entscheidung einen Ursprung. Familie und Freunde, Ausbildungen und Arbeitsstellen, Wohnungen und Wohnorte – irgendwann war alles zum ersten Mal. Vielleicht war es damals leichter und unbeschwert. Können wir uns an diese Zeit erinnern? Lässt sich der Zauber des Beginns noch spüren? Kann jener Geist des Anfangs neu in uns wehen?

Oft haben wir Angst, routinierte Denk- und Handlungsabläufe zu verlassen. Alles auf Anfang zu stellen, würde uns überfordern und ist meist praktisch nicht verantwortungsvoll möglich. Aber uns auf den Anfang von allem zu besinnen, das geht schon. Gottes unergründliche Weisheit will dabei helfen, nicht nur an uns selbst zu glauben, sondern dem Schöpfer zu vertrauen im Wissen: Gott lässt mich nicht hängen. Da ist ein Fundament, das ist fest und darauf kann ich sicher stehen. Und spielen kann ich, der Weisheit gleich, auf und aus diesem guten Grund auch.

Darauf, dass ich nicht aus dem schützenden Rahmen falle, muss ich selbst achten. Und wenn es doch einmal geschieht, so weiß ich mich dennoch gehalten. Denn Gottes Weisheit kennt die Menschenkinder in all ihren Facetten und will immer neu weisen auf den Einen, der beständig bleibt und treu. Auch dann, wenn ich mit meiner eigenen Weisheit am Ende bin.

Alles auf Anfang – konkret

Beate Hofmann

Tanze das Leben.

Spiele die Zukunft.

Singe den Dank.

Lache über das Gestern.

Nasche vom Morgen.

Träume die Welt

und hoffe.

(Olaf Hofmann)

Wer das Seniorenwohnheim betritt, dem fallen diese Sätze an der Wand sofort ins Auge. Ganz schön verwegen für so einen Ort, oder? Ist das nun ermutigend, lockt es ein Lächeln hervor, weckt es gute Erinnerungen oder provoziert es sogar? Die Leiterin der Einrichtung hatte den Text in einem meiner Bücher gelesen und meinen Mann angeschrieben, ob sie seine Worte als überdimensionales Wandtattoo in der renovierten Eingangshalle der Einrichtung anbringen dürfte. Wir staunten und freuten uns über den Mut, diese Worte für ein Altenpflegeheim zu wählen. Als mein Mann den Text schrieb, hatte er ganz gewiss keine kranken, hilfsbedürftigen oder alten Menschen im Fokus.

Ich war dabei, als er die Worte bedacht mit Bleistift in ein abgewetztes kleines Notizbuch kritzelte. Wir waren damals auf den Trophy Mountain, einen Berg im kanadischen Wells Gray Park, gestiegen und hatten dort an einem windgeschützten Platz in den Felsen einige Stunden verbracht. Es war ein Tag, an dem wir uns am Ende unseres Sabbatjahres sehr bewusst rückbesinnen, vergewissern und betend ausrichten wollten. Es wurde zu einer kostbaren Zeit, in der wir in der Stille auf dem Berg verweilten, den kreisenden Adlern zusahen und nach innen hörten. Wir suchten nach einer Essenz unseres Sabbatjahres, nach dem, was wir mitnehmen konnten an Weisheit, an Klarheit für unseren Neustart zurück im deutschen Alltag. Etwas, was uns zufiel, aus heiterem Himmel, aus der unglaublichen Weite, aus Gottes Güte.

imageEtwas, was uns zufiel, aus heiterem Himmel, aus Gottes Güte.image

Freunde und Familie fragten schon seit Wochen drängend, wie es denn nun weitergehen sollte. Wie wir den Einstieg nach dem Auszeitjahr organisieren wollten, was wir arbeiten und wo wir wohnen würden. Und ich war allmählich ziemlich angespannt, recherchierte im Internet die Möglichkeiten und hätte so gerne schon alles konkret gewusst. Ich spürte den Druck, der dadurch entstand, dass ich manche Dinge eben nicht machen konnte. Wie aber reagieren, wenn etwas nicht in unserer Macht liegt? Wenn sich Blockaden aufbauen und der Ernst der Sache alle Leichtigkeit verdrängt?