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Band 249

 

Blackout Terrania

 

Rüdiger Schäfer

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

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13.

14.

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17.

18.

19.

20.

21.

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Das Jahr 2090: Ein halbes Jahrhundert nachdem die Menschheit ins All aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist gefährdet: durch interne Konflikte und externe Gegner, zuletzt durch das mysteriöse Dunkelleben.

Eigentlich hat Perry Rhodan gehofft, diese Gefahr gebannt zu haben. Doch überall dort, wo der skrupellose Iratio Hondro aktiv ist, bleibt das Dunkelleben eine Bedrohung. Hondro kann sogar bis zum Mond vordringen und dort NATHAN, die Künstliche Intelligenz, in seine Gewalt bringen. Nun holt er zum finalen Schlag aus.

Mit einem gewaltigen Energiefeld stürzt er den gesamten erdnahen Raum in Chaos und Finsternis – überall brechen die technischen Systeme zusammen. Rhodan sucht dennoch einen Weg zum Mond, um den Gegner persönlich zum Kampf zu stellen. Währenddessen irren die Menschen der Erde umher im BLACKOUT TERRANIA ...

1.

 

Das Licht ging exakt in dem Moment aus, als Nelly Parks die letzten Stufen der abwärts führenden Treppe nahm. Schlagartig wurde es dunkel ... Nein, dunkel war der falsche Ausdruck. Es wurde stockfinster. Kohlrabenschwarz. Gleichzeitig verstummte die Musik, die mit ihren dumpfen Bässen und dem stampfenden Beat sogar durch die gedämmten Wände hindurch gut zu hören gewesen war.

Nelly stolperte, was bei den hohen Absätzen ihrer Schuhe nicht überraschend war. Im letzten Moment bekam sie das Geländer zu fassen. Sie knickte zwar mit dem rechten Fuß um, stürzte aber wenigstens nicht. Den stechenden Schmerz im Knöchel quittierte sie mit einem scharfen Einatmen.

»Was zum Teufel ...«, entfuhr es ihr.

Von oben vernahm sie wütende Rufe und nervöses Gelächter. Der Club war brechend voll. Auf den Tanzflächen konnte man um diese Zeit wenig mehr tun, als sich mit der Masse der Feiernden treiben zu lassen. Offenbar war auch dort der Strom ausgefallen.

Sie hob den linken Arm, um einen Blick auf ihr Komarmband zu werfen.

Das gibt es doch nicht, dachte sie irritiert, als sie nichts außer Dunkelheit sah. Obwohl sie das schmale Band an ihrem Handgelenk spüren konnte, strich sie mit den Fingern darüber, um sich zu vergewissern, dass es wirklich da war. Das mit winzigen Strasssteinen besetzte Accessoire verfügte über eine Nanobatterie, die angeblich zehn Jahre lang hielt. Dass es gleichzeitig mit dem Licht ausgefallen war, konnte kein Zufall sein.

Am liebsten wäre Nelly sofort an den Tisch zurückgekehrt, an dem ihre Freundinnen auf sie warteten. Aber sie musste so dringend aufs Klo, dass sie sich stattdessen vorsichtig weitertastete; Schritt für Schritt den nicht erkennbaren Korridor entlang, die Hände immer an der Wand und den pochenden Schmerz im Knöchel ignorierend.

Haben die denn nicht so etwas wie einen Notgenerator?, wunderte sie sich. Das Stimmengewirr von oben wurde lauter, dort verloren anscheinend zunehmend mehr Gäste die Geduld.

Das Suprahet gehörte derzeit zu den angesagtesten Adressen Terranias. Vier bewegliche Tanzbühnen, eine Simulator-Lounge, Livemusik, Holoshows. In diesem Club gab sich die internationale Prominenz die Klinke in die Hand. Der perfekte Ort, um Spaß zu haben, wenn es einem egal war, dass ein gewöhnlicher »Black Hole on the rocks« knapp fünfzig Dollar kostete.

Sie erreichte das Ende des Gangs. Es war ihr erster Besuch im Suprahet; deshalb kannte sie sich in den Räumlichkeiten nicht aus. Den Sanitärbereich hatte sie aber bereits früher am Abend aufgesucht, um ihr Make-up zu überprüfen. Sie erreichte die breite Flügeltür und trat hindurch. Die Toiletten waren nicht nach Geschlechtern getrennt, sondern es gab ein gutes Dutzend Separees, die sich nach dem Betreten in optisch und akustisch abgeschirmte Hygienezellen verwandelten.

Als Nelly eine dieser Kabinen betrat, geschah ... nichts. Natürlich. Kein Strom, kein Licht – und wohl auch kein elektrochromes Glas, das sich einfärbte und den nötigen Sichtschutz lieferte. Aber das war bei der alles beherrschenden Dunkelheit ohnehin egal.

Sie fand den gesuchten Ort nicht, ohne sich das Knie an der Keramikinstallation anzustoßen. Sie erinnerte sich an einen Trividbericht, den sie vor Jahren gesehen hatte. Darin war es um Menschen gegangen, die ihr Augenlicht verloren hatten. Noch in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts war das in den meisten Fällen gleichbedeutend mit lebenslanger Blindheit gewesen. Wie hatten diese Leute damals nur ihr Leben gemeistert?

Im Jahr 2090 indes behob man ein solches Problem in einem zweistündigen Routineeingriff mit optischen Implantaten, ein paar aus Eigenneuronen gezüchteten Nervenfasern und einem Positronikchip von der Größe eines Stecknadelkopfs. Danach mussten sich die Betroffenen nie mehr Sorgen um ihre Sehkraft machen Im Gegenteil: Häufig funktionierten ihre Augen sogar deutlich besser als zuvor.

Im Zuge der Kolonisierungsprogramme der Terranischen Union und den erforderlichen genetischen Anpassungen der Siedler an die Umweltbedingungen fremder Welten hatte es auch auf der Erde eine Welle körperlicher Selbstoptimierung gegeben. Millionen Menschen hatten sich Implantate aller Art einsetzen lassen, um besser hören, schneller laufen oder länger wach bleiben zu können. Die damit verbundenen Risiken waren entweder ignoriert oder von den Marketingstrategen der Biokonzerne bagatellisiert worden. Erst nach einigen spektakulären Fehlschlägen und den resultierenden Gerichtsverfahren war der diesbezügliche Enthusiasmus zurückgegangen. Trotzdem gab es noch immer viel zu viele Menschen, die glaubten, sich körperlich vervollkommnen zu müssen, um ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen.

Sie beendete ihr Geschäft und verließ die Sanitärkabine. Angesichts der Situation verzichtete sie darauf, sich die Hände zu waschen, und zog ersatzweise ein Hygienetuch aus ihrer winzigen Handtasche.

Hinter der Flügeltür hörte sie sofort wieder zahlreiche Stimmen, die wild durcheinanderriefen. Sie bewegte sich am Geländer entlang die Treppe nach oben, die in zwei Windungen in das riesige Foyer des Clubs führte. Dort war es zumindest nicht mehr völlig dunkel. Das schwache Licht kam von der großen Glasfront, die den Vorraum von der Außenwelt trennte.

Erschrocken erkannte Nelly, dass der Strom anscheinend in der ganzen Stadt – oder zumindest in Venusian Hills, dem Stadtviertel, in dem das Suprahet lag – ausgefallen war. So etwas war doch gar nicht möglich, oder?

Die schummrige Helligkeit stammte nicht etwa von der normalerweise üppigen Beleuchtung der Hochstraßen und Glasfassaden oder den Scheinwerfern des endlos fließenden Verkehrs, sondern von einem ungewöhnlich klaren Sternenhimmel mit einem beinahe weiß strahlenden Mond. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie begriff, dass sie das alles nur deshalb so gut erkennen konnte, weil die Lichtglocke, die sonst über Terrania lag und die man meist gar nicht mehr bewusst wahrnahm, verschwunden war.

Was geht hier vor? Ihr Unbehagen verwandelte sich langsam, aber sicher in Angst. Dann bemerkte sie da und dort zuckende, flackernde Inseln aus Helligkeit. Offenbar gab es doch noch einige wenige Apparaturen, die funktionierten, denn das Licht stammte von Mobilgeräten wie Minidrohnen oder LiveCams, deren Besitzer dem Ausgang zustrebten. Die meisten Umstehenden aber tippten weiterhin vergeblich auf ihren Multifunktionsarmbändern herum – je nach Temperament in diversen Stadien von Wut oder Verzweiflung.

Sie warf einen schnellen Blick in Richtung der Tanzsäle. Dort herrschte tiefste Nacht. Also waren Mia und Arkadia sicher nicht mehr an ihrem gemeinsamen Tisch, sondern hatten sich mit der großen Masse aufgemacht, den Club zu verlassen. Glücklicherweise war es nicht zu einer Panik gekommen. Die meisten Besucher bewegten sich langsam und geordnet vorwärts.

Das Portal, durch das man den Club betrat, stand weit offen. Ein von einer Menschentraube umlagerter Ordner versuchte, die Gäste zu beruhigen.

»Nun hören Sie mir doch zu, meine Damen und Herren!«, rief er mit einer auf seltsame Weise komisch wirkenden Strenge. »Ich weiß nicht mehr als Sie, aber ich bin sicher, dass man bereits mit Hochdruck daran arbeitet ...« Seine weiteren Worte bekam Nelly nicht mehr mit, weil sie den Club verließ und auf die Straße trat.

Auf dem Amp Boulevard herrschte Chaos. Die breite Fahrbahn teilte Venusian Hills in zwei ungefähr gleich große Hälften und mündete auf den Crest Plaza in unmittelbarer Nähe des Stadtzentrums. Nelly sah mehrere Rauchsäulen, die trotz der schlechten Lichtverhältnisse gut zu erkennen waren. Zahllose Menschen liefen zwischen vollständig zum Stillstand gekommenen Fahrzeugen umher. Auf der anderen Straßenseite lag eine umgestürzte Lastenplattform. Die auf der Ladefläche gestapelten Kisten hatten sich kreuz und quer um das Antigravfahrzeug verteilt. Namen wurden gerufen. Da und dort gab es einzelne Lichtquellen, doch der Großteil der Stadt war dunkel.

Niemals zuvor war Nelly Terrania so fremd vorgekommen. Diese zu jeder Sekunde vor Leben berstende und vor Aktivität brodelnde Metropole schien auf einmal wie verwandelt. Als hätte sich ein schweres, schwarzes Tuch auf die glitzernden und funkelnden Türme, die blühenden Parks und die von Menschen bevölkerten Straßen und Plätze gelegt.

Was Nelly allerdings am meisten erschreckte, war die düstere Silhouette des Stardust Towers, der in einigen Kilometern Entfernung wie ein überdimensionales Menetekel in den sterngesprenkelten Himmel ragte. Das Bauwerk war einst der Sitz des Unionsrats gewesen, bevor die Regierung geschlossen in den Government Garden umgezogen war. Längst galt der Stardust Tower als Touristenattraktion, als Monument und weltweit bekanntes Wahrzeichen der größten Stadt des Planeten Erde. Ihn ohne sein farbenprächtiges Kleid aus Tausenden von Lichtkegeln und Signalfeuern zu sehen, hatte etwas Beklemmendes, fast Furcht einflößendes.

Sie benötigte fünf Minuten, um sich durch die dichten Menschenmassen vor dem Club zu drängeln und die Straße bis zur nächsten Skybus-Haltestelle hinunterzugehen. Dabei sah sie sich ständig nach ihren Freundinnen um, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Ihr Knöchel tat nach wie vor weh, und die verdammten Stöckelschuhe eigneten sich vielleicht zum Tanzen, aber ganz sicher nicht für längere Fußstrecken. Sie zog sie kurzerhand aus und ging barfuß weiter.

Erwartungsgemäß war auch das öffentliche Nahverkehrsnetz außer Betrieb. Trotzdem drängten sich Hunderte von Nachtschwärmern vor den Rampen, die auf die Flugsteige führten. Vereinzelt stach die rote Uniform eines Mitarbeiters der Stadtpolizei aus dem Gewimmel heraus. Die bedauernswerten Frauen und Männer wurden wie zuvor der Ordner im Club von allen Seiten bedrängt und standen auf verlorenem Posten.

Mist, dachte Nelly. Zu Fuß brauche ich mindestens eine Stunde bis nach Hause. Mit meinem verdrehten Knöchel wahrscheinlich eher zwei.

Sie wohnte in Molar Planes, einem der inneren Randbezirke in der Nähe des Terrania Medical Centers, des TMC. Dort arbeitete sie als Assistenzärztin im vierten Jahr. Mit etwas Glück hatte sie nächstes Jahr ihre Ausbildung abgeschlossen und konnte sich auf eine Stelle im MIMERC bewerben. Das Mimas Medical Research Center auf dem siebtgrößten Mond des Saturn galt als der Olymp der modernen Medizin – und Nellys Noten und Beurteilungen waren gut genug, um es dorthin zu schaffen. Wenn es klappte, würde sie sich damit einen Lebenstraum erfüllen.

Die erfolgreich bestandene medizinische Zwischenprüfung war auch der Grund für den Besuch im Suprahet gewesen. Normalerweise konnten sich weder Nelly noch ihre Freundinnen einen Abend in einem derart exklusiven Etablissement leisten. Aber diesmal hatten sie beschlossen, ausnahmsweise nicht aufs Geld zu schauen und eine Nacht lang einfach nur ausgelassen und gemeinsam mit den Reichen und Schönen zu feiern.

 

Weitere fünf Minuten später bog Nelly in die Amber Street ein. Unterwegs hatte sie weiterhin ständig Ausschau nach Mia und Arkadia gehalten, diese jedoch nirgendwo entdeckt. Sie hoffte, dass es ihnen gut ging.

Warum haben die dummen Hühner nicht einfach vor dem Club auf mich gewartet?

Abseits der Hauptstraße waren deutlich weniger Leute zu sehen. Sie passierte zwei heftig diskutierende Männer, die ihren Disput unterbrachen, als sie an ihnen vorbeihastete, und sie unverhohlen anstarrten. Mit ihrem kurzen, schulterfreien Silberkleid, dem hochgesteckten Blondhaar und dem schlichten Make-up, war sie zweifellos eine Frau, nach der sich Männer umdrehten. Dass sie ziemlich gut aussah, war ihr bewusst, ein Umstand, der ein paar Vorteile mit sich brachte, aber auch eine Menge Probleme verursachen konnte. Vor allem, wenn man allein und im Zwielicht eines stadtweiten Stromausfalls barfuß und mit einem angeknacksten Knöchel durch eine der weniger belebten Gegenden von Terrania humpelte.

Zu ihrer Erleichterung begannen die beiden Männer erneut zu debattieren. Ihre Stimmen entfernten sich schnell. Nelly verlangsamte ihre Schritte wieder, was die Schmerzen im Fußgelenk etwas erträglicher machte. Ihre Augen hatten sich inzwischen ziemlich gut an die Lichtverhältnisse gewöhnt. Zudem stand der Mond beinahe voll am Himmel – und mitten über Terrania. Es war schwülwarm. In der Hauptstadt der Terranischen Union fielen die Temperaturen selbst im Winter nur selten unter fünfzehn Grad Celsius.

Ein Stück voraus tauchte ein orangefarbenes Flackern auf. War das Feuerschein? Sekunden später sah sie den Gleiter, der zur Hälfte im zersplitterten Schaufenster eines Ladengeschäfts steckte. Im Innern des Gebäudes war anscheinend ein Brand ausgebrochen, denn dort, wo das Fahrzeug durch das Mauerwerk gebrochen war, quoll dunkler Rauch hervor. Der beißende Geruch brennenden Kunststoffs stieg ihr schon von Weitem in die Nase.

Sie wollte gerade die Straßenseite wechseln, als sie den Arm sah. Er hing aus einem der geöffneten Seitenfenster des Gleiters. Der kräftige Haarbewuchs ließ vermuten, dass er einem Mann gehörte. Auf dem Handrücken erkannte sie beim Näherkommen das Tattoo eines Totenkopfs.

Oh Gott!, dachte sie. Da ist noch jemand drin! Was, wenn er verletzt ist und noch lebt ...?

Sekunden später hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Exakt auf solche Situationen bereitete sie ihr Training seit Jahren vor. Du bist angehende Ärztin, ermahnte sie sich selbst. Also verhalte dich gefälligst so!

Sie versuchte, die Gefahr abzuschätzen. In Trividfilmen sah man immer wieder, wie verunglückte oder defekte Gleiter explodierten und nach wilden Verfolgungsjagden in spektakulären Feuerbällen vergingen, aber das war Blödsinn. Selbst bei den frühen Modellen, die wenige Jahre nach dem Erstkontakt mit den Arkoniden auf der Erde verkauft worden waren, hatte es zwar Unfälle, aber in keinem einzigen Fall eine Explosion gegeben. Trotzdem fühlte sich Nelly nicht besonders wohl, als sie die letzten Meter zum Ort des Geschehens zurücklegte.

Sie musste an die Übungen im Simulator zurückdenken. Dort hatten die Ausbilder sie mit weitaus schlimmeren Situationen konfrontiert. Doch wieder einmal bewahrheitete sich die alte Weisheit, dass auch die perfekteste Simulation nicht mit der Wirklichkeit konkurrieren konnte. Diesmal ging es nicht um ein gutes Testergebnis, sondern im schlimmsten Fall um ein Menschenleben.

»Hallo!«, rief sie. »Können Sie mich hören? Sind Sie okay?«

Der Mann rührte sich nicht. Sie trat an den Gleiter heran und packte den Griff der Fahrertür. Es handelte sich um ein älteres Fabrikat mit breiten Bodenflügeln für die Antigravprojektoren. Die ehemals rote Farbe war längst verblasst, und am Heck war die Karosserie mehrfach eingedellt.

Nelly zog kräftig – und hatte Glück. Die Tür schwang auf. Sie packte den behaarten Arm und legte Zeige- und Mittelfinger auf die Innenseite des Handgelenks. Der Pulsschlag war schnell und kräftig. Wahrscheinlich war der Verunglückte nicht mal bewusstlos, sondern nur leicht weggetreten oder hatte einen Schock erlitten.

Sie beugte sich in den Innenraum. Der Fahrer des Gleiters war ein Riese. Sein bulliger Oberkörper hing schief auf der Sitzbank. Ein knappes Muskelshirt aus schwarzem Netzgewebe spannte sich über jede Menge tätowierter Haut. Nelly erkannte einen Löwen, mehrere Wölfe, diverse Blumenmuster, einen Kugelraumer und eine Reihe von Symbolen, die irgendwie arkonidisch aussahen.

Verdammt! Der Kerl wiegt locker über hundertfünfzig Kilo, dachte sie. Den kriege ich allein niemals hier raus ...

Ein bedrohliches Knistern ließ sie den Kopf wenden. Aus dem Ladengeschäft schlugen offene Flammen und leckten gierig über die Fronthaube des Gleiters. Sie konnte bereits die Hitze des Feuers spüren. Was auch immer sie tat – sie musste es schnell tun.

Sie packte den kahl rasierten Kopf des Manns und drehte ihn in ihre Richtung. Die Augen waren geschlossen, der Atem ging regelmäßig. Nelly runzelte die Stirn, als sie die Nägel bemerkte, die sich der Hüne durch Nase und Kinn hatte treiben lassen. Diese Art von Körperschmuck war gerade in Mode. Dabei wurden Titannägel durch Nasen- und Kieferknochen geschlagen. Im TMC hatte sie schon eine Reihe von Patienten behandelt, bei denen sich die entsprechenden Wunden entzündet oder die Knochen aufgrund von Haarrissen äußerst schmerzhafte Fehlstellungen entwickelt hatten. Zusammen mit den Tätowierungen, die der Mann auch im Gesicht trug, sah er aus wie die Gestalt aus einem Horrorfilm.

»Komm schon, Großer«, sagte Nelly und schlug ihm kräftig auf die Wangen, die sich aufgrund der harten Bartstoppeln wie grobes Schleifpapier anfühlten. »Wach auf ...« Außer einem unwilligen Grunzen erzielte sie aber keine Reaktion.

»Dann also mit Gewalt.« Sie schob ihr Kleid nach oben und kniete sich breitbeinig auf den Beifahrersitz. Dann fasste sie den Riesen unter den Achselhöhlen und zerrte mit aller Kraft. Nichts. So würde das nicht funktionieren. Sie brauchte besseren Halt.

Beim zweiten Versuch stemmte sie sich mit dem gesunden Fuß gegen die Verkleidung der Steuerkonsole, während ihr der Schweiß in Strömen von der Stirn lief. Die Flammen waren bereits so nah, dass das Plastglas der Windschutzscheibe knackte. Ihr blieben noch eine, maximal zwei Minuten.

Wütend schlang sie die Arme um den dicken Hals des Manns und verschränkte die Finger ineinander. Sie drohte an der glitschigen Haut abzurutschen, doch dann bekam sie beide Hände wie einen Enterhaken unter das Doppelkinn des Kerls.

Los jetzt, Nell!, befahl sie sich. Du schaffst das!

Als sie erneut zog, legte sie alles in die Bewegung hinein, was in ihr steckte. Sie stöhnte vor Anstrengung, und dann ...

Tatsächlich bewegte sich der Koloss. Erst nur millimeterweise, dann immer schneller. Der Gleiter stand leicht schräg, und die vordere Sitzbank bildete eine schiefe Ebene. Das kam ihr nun entgegen. Was ihr jedoch vor allem entgegenkam, waren über hundertfünfzig Kilogramm Mensch. Sie wollte sich noch zur Seite drehen, war jedoch nicht schnell genug. Gemeinsam mit dem schlaffen Giganten rutschte sie aus dem Gleiter und auf die Straße hinaus. Unsanft krachte sie mit dem Hinterteil auf den Boden. Dann senkte sich der mächtige Körper des Manns auf sie und presste ihr sämtliche Luft aus den Lungen. Für einen Moment ergriff sie Panik. Dann jedoch rollte der Fleischberg einfach über sie hinweg und gab sie wieder frei. Beinahe gleichzeitig zerbarst die Frontscheibe des Gleiters unter der Hitze und schleuderte einen Regen aus rasiermesserscharfen Splittern ins Innere des Fahrzeugs.

Nelly kam keuchend auf die Beine. Zwei Meter weiter regte sich auf einmal auch der Glatzkopf.

Na toll, dachte sie. Nachdem die Arbeit getan ist, kommt er zu sich.

Sie ging zu dem Mann hinüber und kniete sich neben ihn. Er hatte die Augen geöffnet und sah sie verwirrt an. Er wirkte wach und konzentriert.

»Tut Ihnen etwas weh?«, fragte sie routiniert.

Er schüttelte den Kopf. Dann musterte er abwechselnd Nelly und den inzwischen brennenden Gleiter. »Heilige Scheiße!«, rief er. »Hast ... Hast du mich etwa da rausgeholt?«

Erst da spürte Nelly, wie erschöpft sie war. Ihr Knöchel sandte stechende Notsignale, ihr Kleid war an mehreren Stellen zerfetzt und wohl nicht mehr zu retten, und ihre Haare hingen ihr wirr und teilweise angesengt ins Gesicht. Wahrscheinlich war auch ihr Make-up verlaufen, und sie machte dem Riesen in Sachen gruseliges Aussehen Konkurrenz.

»Ja«, bestätigte sie. »Sie sind also in Ordnung? Kein Schwindelgefühl? Keine Übelkeit?«

»Mir wird übel, wenn ich daran denke, dass ich den Gleiter noch nicht abbezahlt habe«, sagte der Kerl. Dann stand er auf. Er war mindestens drei Köpfe größer als Nelly. Mit seinem Muskelshirt, der schwarzen Lederhose und den schweren, schwarzen Stiefeln, in denen sie sich hätte verstecken können, erinnerte er an einen Haluter.

Erst vor ein paar Wochen hatte sie eine Dokumentation über diesen Icho Tolot gesehen; angeblich einer von Perry Rhodans besten Freunden, doch bei den Bildern des vierarmigen Giganten mit der pechschwarzen Schuppenhaut und dem breiten Kuppelkopf war es ihr mehr als einmal eiskalt den Rücken heruntergelaufen.

»Ich bin Marwyn«, stellte sich ihr Gegenüber vor und streckte ihr die Hand entgegen. »Marwyn Otombo.«

»Nelly«, gab sie zurück. »Nelly Parks. Steht eigentlich für Petronella, aber niemand nennt mich so. Meine Mutter hat mich wahrscheinlich gehasst, weil ich erst zweiundvierzig Stunden nach Einsetzen der Wehen rauskommen wollte. Deshalb hat sie mir diesen Namen gegeben.«

»Mir gefällt er.« Marwyn sah sich nachdenklich um. Außer ihnen beiden war niemand in der Nähe zu sehen.

Einen schrecklichen Moment lang überkam Nelly ein Gefühl der Unsicherheit, und die dünnen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Marwyn sah nicht gerade vertrauenerweckend aus. Vielleicht verkehrte er in Unterweltkreisen. Oder er war ein brutaler Schläger und Vergewaltiger, der sich einfach nahm, was ihm gefiel.

Hör auf damit!, rief sie sich zur Ordnung. Menschen nach ihrer äußeren Erscheinung zu beurteilen, ist so was von out. Du bist in Terrania.

»Versteh mich nicht falsch«, riss Marwyn sie aus ihren Gedanken. »Aber was machst du eigentlich hier?« Offenbar hielt er nicht viel von Förmlichkeit, denn obwohl ihn Nelly gesiezt hatte, blieb er bei der vertraulichen Anrede. »Das ist nicht unbedingt die sicherste Gegend ... Vor allem nicht, wenn es so dunkel ist wie gerade. Du siehst nicht so aus, als würdest du hier wohnen.«

»Ich wohne in Molar Planes«, erwiderte sie. »Ich war ... feiern, und dann ...«

»... gingen die Lampen aus«, beendete der Hüne ihren Satz. »Hm ...« Er kratzte sich am kahlen Hinterkopf. »Ich kann dich leider nicht mehr fahren, Petronella«, sagte er und deutete auf den in Flammen stehenden Gleiter. »Aber ich werde dich begleiten. Dann kommt dir niemand dumm.«

Das glaubte sie ihm aufs Wort. Trotzdem war ihr Blick wahrscheinlich eher skeptisch, denn Marwyn zuckte plötzlich mit den Schultern.

»Ich weiß, was du denkst«, sagte er. »Ich sehe nicht gerade aus wie ein Ritter in weißer Rüstung, ist mir klar. Aber ich tu dir nichts. Ehrlich. Du hast mir das Leben gerettet. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, dich sicher nach Hause zu bringen.«

»Ich ... Ich wollte dich nicht kränken«, stieß Nelly hervor. Sie fühlte sich ertappt. »Es ist nur ...«

»Schon okay.« Marwyn winkte ab. »An deiner Stelle wäre mir auch mulmig zumute, wenn ich mir im Dunklen begegnen würde.«

Nelly musste lachen. Ihr neuer Beschützer grinste sie an. Dabei führten die Tattoos in seinem Gesicht einen wilden Tanz auf.

»Gehen wir?«, fragte er.

Nelly nickte und setzte sich in Bewegung. Schon beim ersten Schritt wäre sie beinahe gestürzt. Ihr Knöchel schrie Zeter und Mordio.

»Was ist los?«, erkundigte sich Marwyn.

»Ich habe mir wahrscheinlich den Fuß verstaucht.«

»Ach so«, sagte er nur. Dann packte er sie und hob sie sich mit geradezu spielerischer Leichtigkeit auf die Arme. Nelly Parks protestierte schwach, doch Marwyn Otombo tat so, als bemerke er es nicht. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

2.

 

Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand einen glühenden Strohhalm ins Gehirn gesteckt und würde es nun langsam und genüsslich ausschlürfen. Nicht, dass Jessica Tekener so etwas schon einmal passiert wäre, aber sie war sich ziemlich sicher, dass die Analogie passte. Iratio Hondro saugte sie aus wie ein Vampir – nur dass er nicht auf Blut, sondern auf ihre mentale Substanz aus war.

Ihr Kopf dröhnte wie eine Glocke. Ringsum war es dunkel. Nur da und dort glommen ein paar Lichtpunkte in der Schwärze. Es fiel ihr unendlich schwer, sich zu konzentrieren. Am liebsten wäre sie zu Boden gesunken und auf der Stelle eingeschlafen. Doch sie wusste, dass sie nicht mehr aufwachen würde, wenn sie das tat. Zumindest nicht als die Person, die sie noch immer war.

In ihrer Erinnerung sah sie Thomas Rhodan da Zoltral. Er lächelte sie an, und dieses Lächeln vermittelte so viel mehr als nur Freundlichkeit oder Sympathie. Das war ihr bereits klar gewesen, als sie ihn das erste Mal getroffen hatte. Vor unendlich langer Zeit und an einem anderen Ort, auf Tiān jīn sì. im Denebsystem. Damals hatte er ihr das Leben gerettet, hatte sie davor bewahrt, dass sie sich unter der mentalen Kontrolle von Iratio Hondro selbst erschoss. Und sie hatten sich ineinander verliebt.

Wo bist du, Tom?, flehte sie in Gedanken. Ich weiß, dass du in der Nähe bist. Aber wenn du mich nicht bald findest, ist es zu spät. Bitte beeile dich. Ich will nicht sterben! Ich will leben – mit dir!

Das Gesicht verblasste. Jessica wollte es mit aller Macht festhalten, aber es gelang ihr nicht. Sie schaffte es nicht mal, zu weinen, denn der Dämon, der sie vergewaltigt, gedemütigt und unterworfen hatte, verhinderte sogar das. Trauer, Reue, Angst – das waren starke Gefühle. Iratio Hondro schöpfte sie ab wie den Rahm von einer Schüssel Milch. Für Jessica blieb nur die Qual des langsamen Vergessens.

Ihr unbarmherziger Folterknecht ließ sie in allen Einzelheiten an dem grausamen Prozess teilhaben. Immer neue Bilder stiegen in ihr auf. Bilder von Menschen, die sie liebte. Von Orten, an denen sie glücklich gewesen war. Gerüche, Geräusche, Farben. Hondro führte ihr alles ein letztes Mal vor Augen, um es ihr dann für immer wegzunehmen und noch mehr Trauer, noch mehr Reue und noch mehr Angst heraufzubeschwören.

»Bitte ... hör auf ...« Die Worte krochen träge und kraftlos über ihre Lippen. »Töte mich meinetwegen, aber ... lass mir wenigstens meine Seele ...«

Um sie entstand übergangslos ein wunderschöner Garten. Zwischen blühenden Blumenbeeten, sorgsam gestutzten Sträuchern und einigen großen Obstbäumen duckte sich ein weißes Haus mit einer ausladenden Veranda und blauen Fensterläden. Jessica sah eine junge Frau im gelben Sommerkleid. Sie spielte Fangen mit einem Jungen, der vielleicht vier, höchstens fünf Jahre alt war. Schmetterlinge flatterten durch die warme Sommerluft. Das Summen der Bienen und das Zwitschern der Vögel wurden nur hin und wieder vom Lachen des Kinds und der glockenhellen Stimme der Frau unterbrochen.

»Pass ein bisschen auf, Ronny!«, rief sie fröhlich. »Du wirst sonst noch hinfallen.«

Doch der Junge hörte nicht auf seine Mutter. So schnell ihn seine kurzen Beinchen trugen, flitzte er über die Rasenfläche, um sich vor seiner vermeintlichen Verfolgerin in Sicherheit zu bringen. Prompt kam er ins Straucheln und stürzte. Sofort verzog sich sein Gesicht mit den roten Pausbacken und den Sommersprossen auf der Stupsnase zur Grimasse, und er begann zu weinen.

»Siehst du«, sagte seine Mutter sanft, während sie zu ihm hinüberging und ihn hochnahm. »Ich habe es dir doch gesagt. Du musst immer gleich übertreiben ...«

Der Junge legte die Ärmchen um ihren Hals und vergrub seinen Kopf an ihrer Schulter. Danach war nur noch ein leises Schniefen und hin und wieder ein verhaltener Schluchzer zu hören.

»Hat der doofe Pups sich schon wieder überschlagen?«, fragte da eine neue Stimme. Sie gehörte einem dürren Mädchen in weißer Bluse und Holzfällerhose, das gerade aus dem Haus und auf die Veranda getreten war. Sie warf dem Jungen, der in den Armen der Mutter wimmerte, einen abfälligen Blick zu.

»Selber doofer Pups«, stieß der trotzig hervor.

»Schluss damit!«, sagte die Mutter streng. »Alle beide. Jessica, ich möchte nicht, dass du deinem Bruder solche Wörter beibringst, hast du das verstanden?«

»Die lernt er doch eh irgendwann«, erwiderte das Mädchen. »Und wahrscheinlich noch viel schlimmere ...«

»Das ist keine Diskussion, junge Dame. Hast du deine Hausaufgaben gemacht?«

Noch bevor Jessica antworten konnte, trat aus dem Hintergrund ein kräftiger Mann mit langen, braunen Haaren und einem breiten Lächeln im Gesicht durch die Gartentür. Er hatte das Jackett seines Anzugs lässig über die Schulter geworfen und die Krawatte gelockert, die nun schief um seinen Hals lag.

»Daddy!«, krähte Ronald, machte sich mit Händen und Füßen von seiner Mutter los und rannte dem Neuankömmling entgegen.

Der fing ihn auf, riss ihn in die Höhe und wirbelte ihn zweimal im Kreis. Der Junge kreischte vor Vergnügen.

»Und was ist mit dir, meine Hübsche?«, fragte der Mann in Richtung Jessica, nachdem er seinen Sohn wieder abgesetzt hatte. »Kriegt dein alter Vater keinen Kuss mehr, wenn er nach des Tages harter Arbeit nach Hause kommt?«

»Ach, Dad ...« Jessica verzog unwillig die Mundwinkel. »Dafür bin ich doch schon viel zu groß.«