Über das Buch

Jedes Mal, wenn Nike ihre Wohnung in Berlin-Mitte verlässt, muss sie am Stolperstein ihrer Urgroßmutter vorbei. Nike ist als Jüdin in Ostberlin aufgewachsen, jede Straße trägt Erinnerung, auch schmerzhafte. Als sie ein Jobangebot in Tel Aviv bekommt, nimmt sie an. Dort trifft sie Noam, er ist Journalist bei der ›Haaretz‹, seine Geschichten berühren sie. Nike lässt ihn in ihr Leben, als ersten Mann seit Jahren. Sie fühlt sich ihm auf einer tiefen Ebene verbunden – doch Noam verbirgt einen großen Teil seines Lebens vor ihr. Seit dem Tod seines Vaters lebt Noam auf engstem Raum mit seinem Onkel Asher, in einer Beziehung, die ihm kaum Luft zum Atmen lässt. Und auch Nike werden in Israel die Verluste ihrer eigenen Familie vor Augen geführt. Furchtlos und einfühlsam erzählt Mirna Funk von der Gewalt, die tief in Nikes und Noams Familiengeschichten steckt. Wie leben sie mit ihren individuellen Bruchstellen? Und wie können sie einander lieben?

TEIL II

TEIL I

Über Mirna Funk

Mirna Funk, geboren 1981 in Ostberlin. Ihr Debütroman ›Winternähe‹ wurde mit dem Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet. Seit zwei Jahren erscheint ihre monatliche Kolumne ›Jüdisch heute‹ in der ›Vogue‹. Sie arbeitet als freie Journalistin für diverse deutsche und israelische Publikationen. ›Zwischen Du und Ich‹ ist ihr zweiter Roman.

 

 

 

 

Für A.
Andrée & Alisa

 

 

 

 

Schwebende Füße in pathetischem Glanze.

Ich selbst,

Auch ich tanze,

Befreit von der Schwere

Ins Dunkle, ins Leere.

Gedrängte Räume vergangener Zeiten,

Durchschrittene Weiten,

Verlorene Einsamkeiten

Beginnen zu tanzen, zu tanzen

 

Ich selbst

Auch ich tanze.

Ironisch vermessen

Ich hab nichts vergessen,

Ich kenne die Leere,

Ich kenne die Schwere,

Ich tanze, ich tanze

In ironischem Glanze

»Traum«, Hannah Arendt

NOAM

11

Das Polizeiauto fuhr leise durch die Morgenstunden. Das Blaulicht färbte die Palmen, die Scheiben der parkenden Autos und die Schaufenster der noch nicht geöffneten Läden auf der Dizengoff Street. Noam saß auf der Rückbank. Seine Stirn lehnte am Kopfteil des Vordersitzes. Seine Hände waren am Rücken zusammengebunden. Er hatte Angst. Sehr viel Angst. Angst davor, nie wieder aus der Zelle zu kommen. Angst davor, Nike verloren zu haben. Angst vor Asher.

»Was passiert jetzt mit mir?«, fragte Noam die beiden Polizisten, die vorne saßen.

»Wir nehmen deine Aussage auf, und dann kommst du in Untersuchungshaft.«

»Für wie lange?«

»Mindestens drei Tage. Danach kann Kaution beantragt werden.«

Noam spürte, wie sich Tränen hinter seinem Gesicht in einer Art Auffangbecken ansammelten. So viele, bis es überlief und das Wasser durch seine Wimpern zu tropfen begann. Er wünschte sich, nach seinem Telefon greifen und die Basketballergebnisse checken zu können, aber die Polizistin hatte es ihm bei der Verhaftung abgenommen.

Er stellte sich die Tabelle mit den Ergebnissen vor und wie er auf das YouTube-Video eines Spiels klickte. Irgendeines, das er schon kannte und das er in seiner Fantasie mit neuen Details anreichern konnte. Es funktionierte. Er hörte auf zu weinen.

Drei Tage verbrachte Noam in einer Zelle, bis Asher eine Kaution hinterlegen und ihn aus der Untersuchungshaft holen konnte. Man hatte eine einstweilige Verfügung gegen Noam erlassen, in der es ihm untersagt wurde, sich Nike bis auf zweihundert Meter zu nähern oder sie zu kontaktieren.

Asher wartete auf einer Bank vor der Polizeidienstelle. Er hatte Rivka gebeten, aus Arad anzureisen, das Geld bei der Polizei zu hinterlegen und zu behaupten, Noam habe keine Familie mehr. Danach hatte Asher sie zur nächsten Bushaltestelle gebracht.

Asher rauchte, als Noam sich neben ihn setzte. Er hielt ihm den Tabak hin.

»Ich weiß nicht mehr, wie man dreht. Das hat alles Nike für mich gemacht«, sagte Noam mit gesenktem Kopf.

»Wenn ich diesen Namen noch einmal höre, bringe ich dich um. Diese dumme Tante hat mich gerade viertausend Schekel gekostet.«

»Ich habe dich viertausend Schekel gekostet.«

»Ach so, weil du dich selbst bei der Polizei verpfiffen hast, oder was?«

»Nein, weil ich durchgedreht bin.«

»Na und? Das machen Männer so. Männer drehen durch, betrügen, lügen und arbeiten. Frauen nerven, kriegen Kinder und räumen die Scheiße danach wieder auf. Was man aber nicht macht, ist die dämliche Polizei zu rufen. Diese deutsche Nazischlampe.«

»Nike ist Jüdin.«

»Und? Sie ist Deutsche, wie deine Mutter. Ist sie eben ein Kapo.«

»Asher, lass uns nach Hause fahren. Ich muss duschen.«

»Ich muss nach Eilat.«

»Okay, ich bring dich jetzt zum Busbahnhof und gehe danach in die Wohnung.

»Sababa.«

Am Eingang zum Busbahnhof kontrollierten zwei äthiopische Juden Ashers Tasche und winkten sie beide durch. An dem kleinen ranzigen Kiosk, der Bourekas, Pizzen und süße Teigtaschen verkaufte, holte Noam sich und Asher einen Kaffee. Danach nahmen sie die Rolltreppe in den sechsten Stock. Noam schaute auf die Digitalanzeige an der Haltebucht nach Eilat. »Zwanzig Minuten«, sagte er.

»Hmm«, antwortete Asher.

»Lass uns raussetzen und warten.«

»Du musst nicht mit mir warten.«

»Ich weiß. Ich tue es aber gerne.«

Asher drückte die schwere Glastür auf, die zum Parkplatz führte, und ließ Noam den Vortritt. Eine junge verwirrte Amerikanerin fragte Asher nach dem Bus nach Jerusalem, und der antwortete nur, während er auf ihre Brüste starrte: »Sage ich dir nicht.«

»Jetzt sag ihr doch, wo der Bus nach Jerusalem abfährt. Was soll der Quatsch?«, ermahnte ihn Noam auf Hebräisch. Aber da war die Amerikanerin schon verunsichert weitergelaufen.

Noam saß auf der Holzbank und rollte sich zum ersten Mal seit Monaten selbst eine Zigarette. Er wusste, sie würde niemals so gut schmecken wie eine von Nike. Er fragte sich, was sie wohl gerade machte. Was sie an dem Morgen nach seinem schrecklichen Ausraster getan hatte. Bestimmt hatte sie geweint. Vielleicht war sie auch in den nächsten Flieger zurück nach Berlin gestiegen. Wahrscheinlich hatte sie in den letzten Tagen versucht, Noam zu erreichen, aber es nicht geschafft, weil sein Telefon ausgeschaltet gewesen war. Sofort, wenn er in Bat Yam ankommen würde, musste er es aufladen. Sie würden das schon wieder hinkriegen, dachte er. Noam erinnerte sich an einen Post auf Nikes Instagram-Profil: Sad girls and sad boys making each other sad, when all they want is to be happy together.

»Was ist los? Träumst du oder was?« Asher stieß ihn brutal mit dem Ellenbogen in die rechte Niere.

»Ja. Ich bin fertig. Ich muss schlafen.«

»Du bist fertig vom Leben.«

»Vielleicht auch das, ja.«

»Weißt du, wen ich in Eilat treffe?«

»Nein, wen?«

»Ilan! Du erinnerst dich, mein alter Freund Ilan, der dir so toll das Basketballspielen beigebracht hat.«

»Hm.«

»Er macht Urlaub in Eilat, und wir ziehen ein bisschen um die Häuser, einsame Witwen klarmachen. Wie früher.«

»Wie früher, verstehe.«

Noam fühlte eine riesige Erschöpfung. Von einer Minute auf die nächste könnte er einschlafen, das spürte er genau. »Asher, ich muss los. Ich schlafe wirklich gleich ein«, sagte er und stand auf.

»Ich dachte, du wartest noch, bis mein Bus kommt?«

»Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich muss schlafen.«

»Kümmerst du dich um die Wohnung morgen?«, fragte Asher.

»Ja, mache ich.«

Noam klopfte Asher auf die Schulter, hielt ihm die linke Hand hin und wartete, dass Asher Geld hineinlegte, wie er es immer getan hatte. Sein Onkel kramte in der Hosentasche, zerrte zwei Hundert-Schekel-Scheine hervor und warf sie Noam vor die Füße.

Am nächsten Tag wachte Noam erst am frühen Nachmittag auf. Er öffnete die Augen, blickte kurz zur Wanduhr, die 13:25 anzeigte, und schloss sie wieder. Vor dem Fenster fuhr ein Krankenwagen vorbei. Die Sirene schrillte in Noams Kopf. Er wollte sich die Hände auf die Ohren legen, doch es gelang ihm nicht. Erst dachte er, er habe einen Krampf im Arm. Dann dachte er, er habe einen Krampf in beiden Armen, aber als er sie ausschütteln wollte, bewegte sich nichts. Panik stieg in Noam auf. Vorsichtig versuchte er, den großen Zeh anzuheben und wieder abzusenken, doch egal, wie sehr er sich anstrengte, es ging nicht. Er schickte Gedanken zu seinem rechten Zeh und auch zu seinem linken, sie sollten sich bewegen, aber nicht nur sein Körper schien zu streiken, sondern auch sein Geist.

Noam schaute auf diesen funktionslosen Körper herunter, der zwar zu ihm gehörte, ihm aber nicht mehr gehorchte. Die Bettwäsche war dreckig. Es war dieselbe, mit der er die Decke und die Kissen für Asher frisch bezogen hatte, bevor er zu Nike gezogen war. Seine Nike, dachte er. Sein Blick fiel auf die Steckdose, und er sah, dass er am Abend sein Telefon angeschlossen hatte. Wie gern würde er jetzt Nike anrufen, dachte er. Wenn es irgendetwas auf dieser Welt gab, was er noch mehr wollte, als seine Arme und Beine zu bewegen, dann war es, Nikes Stimme zu hören. Eine Träne lief aus Noams linkem Auge. Sie kullerte an seiner Wange herunter und kitzelte ihn, doch er konnte sie nicht abwischen. Stattdessen drehte er den Kopf und trocknete die Wange am Kissen ab. Die Bettwäsche roch nach Asher. Noams Blaseninhalt drückte gegen die Harnröhre. Was nun? dachte er. Was, wenn er für immer gelähmt bliebe? Was, wenn Asher in den nächsten Tagen nicht aus Eilat zurückkäme? Was, wenn er seinen Urin nicht länger halten könnte?

»Hilfe!«, schrie Noam, und noch ein bisschen lauter, »Hilfe!«, aber niemand hörte ihn.

Mit einem Mal begriff er, dass er das Wort »Hilfe« noch nie benutzt hatte. Er sagte es noch einmal langsam und leise, »Hilfe«, um seinem Klang zu lauschen. Unangenehm fühlte es sich an, das Wort auszusprechen. Noam fühlte sich schwach, bedürftig, einsam. Er dachte an all die Gelegenheiten in seinem Leben, in denen dieses Wort angebracht gewesen wäre. Zu viele fielen ihm ein.

Noam wollte Nike um Hilfe bitten. Er wollte ihr alles erzählen. Auch die Dinge, die er geschworen hatte, sich nicht einmal selbst zu erzählen, weil sie dadurch wahr geworden wären. Eine lange Zeit hatte er geglaubt, dass er die Ereignisse ungeschehen machen könnte, wenn er nur niemals von ihnen erzählte. Ohne Bericht kein Ereignis. Ohne Zeugen kein Beweis.

Langsam begann er, die Lähmung zu genießen, sich in ihr zu Hause zu fühlen. Er begann zu lachen, laut, hysterisch, gelöst. Er lachte, bis seine Hosenbeine nass wurden und die Decke. Der frische Urin roch nach nichts. Die Wärme strömte angenehm an seinem Körper entlang und wich allmählich der Kühle, die vom nassen Stoff ausging. Noam blickte ein weiteres Mal auf die Uhr: 13:54. Er dachte an Ilan und daran, wie dieser ihm sein Lieblingsgedicht vorgetragen hatte, wenn sie zusammen auf der schmalen Liege in seinem Büro gelegen hatten. Es war das einzige Gedicht, das Noam auswendig konnte. Mit offenen Augen und durchnässten Hosenbeinen starrte er an die Decke und sagte es langsam auf:

Schattenküsse, Schattenliebe,

Schattenleben, wunderbar!

Glaubst du, Närrin, alles bliebe

Unverändert, ewig wahr?

Was wir lieblich fest besessen

Schwindet hin, wie Träumereyn,

Und die Herzen, die vergessen,

Und die Augen schlafen ein.

TEIL III

NOAM

8

Noam schlängelte sich vorsichtig an den anderen Gästen vorbei, um den letzten freien Tisch zu ergattern. Es war sechzehn Uhr und das Sheleg voll.

Er setzte sich leise auf den beigen Rattanstuhl und kramte im türkisfarbenen Stoffbeutel, den er immer bei sich trug. Während er nervös seinen alten Toshiba-Rechner herauszog, stieß er mit dem Ellenbogen gegen den nackten, mit Sommersprossen bedeckten Oberschenkel einer Frau vom Nachbartisch. Sofort bildeten sich Schweißperlen auf seinen Schläfen. Hitze stieg ihm ins Gehirn und verursachte einen stechenden Schmerz im Kopf. Er entschuldigte sich viermal hintereinander, klappte den Rechner auf und atmete erleichtert aus.

Auf dem Display erschien ein vollgeschriebenes Word-Dokument. Noam markierte die drei Seiten Text, indem er den Cursor umständlich von oben nach unten bewegte, und löschte alles. Dann speicherte er das leere Dokument unter einem neuen Titel ab: »רקיה יביב«. »Lieber Bibi«.

Auf der Ben Yehuda Street, die zwanzig Meter vom Sheleg entfernt eine Kreuzung mit der Geula Street bildete, war der Wochenendverkehr in vollem Gange. Es war Donnerstag, und das Hupen der Autos klang energisch und hoffnungsvoll zugleich. Die Fahrer glaubten offensichtlich fest daran, etwas an ihrer Situation verändern zu können. Als hätten sie den letzten Donnerstag schon vergessen, an dem alles identisch abgelaufen war und sich ihr Wunsch nach Einfluss auch nicht erfüllt hatte.

Die Kellnerin stellte einen Espresso und einen Aschenbecher auf den Tisch. Noam blickte überrascht vom Display auf und erkannte Tamar.

»Lange nicht gesehen«, sagte sie vorwurfsvoll.

»Du weißt immer noch, was ich nehme«, antwortete Noam.

»Wie kann man das vergessen? So kompliziert sind deine Bestellungen ja nicht.«

»Espresso.«

»Genau. Und ein Aschenbecher.«

»Wie geht es deiner Großmutter?«, fragte er leise, damit ihn niemand außer Tamar hören konnte.

Tamar stockte, kniff die Augen zusammen und neigte den Kopf.

»Ich kann mir auch Sachen merken«, erwiderte Noam.

»Offensichtlich nicht meine Telefonnummer.«

»Ich war die letzten Monate komisch drauf und wollte dich damit nicht belästigen. Du hattest ja schon genug zu tun mit deiner Großmutter.«

»Fünf Monate lang komisch drauf?«, fragte Tamar und verdrehte die Augen.

»Lange Geschichte. Ich erzähle sie dir irgendwann mal.«

»In fünf Monaten?«

»In sechs«, lachte er, und Tamars Nasenflügel weiteten sich.

»Das ist ja bald.«

»Ich wollte einfach nur nett sein. Bestimmt ist das anders rübergekommen. Tut mir leid«, sagte Noam, »wirklich.«

»Entschuldigung angenommen«, sagte Tamar und strich Noam über die dicken schwarzen Haare, die weder ergraut noch ausgefallen waren, anders als bei den meisten israelischen Männern über vierzig.

Viele behaupteten, ihr großflächiger Haarausfall hänge mit dem Stress der Armee und der Reserve zusammen, einige sagten, es seien die dominanten Ehefrauen, und andere glaubten, es liege an den Östrogenen im Humus. Was auch immer es war, Noam war unbeschadet davongekommen und konnte sich damit ein nicht unbedeutendes Alleinstellungsmerkmal sichern.

»So, ich mach mal weiter«, sagte Tamar und drehte sich um, ohne auf Noams Reaktion zu warten.

Er schaute ihr aufmerksam hinterher. Sein Blick wanderte von ihren Waden aufwärts bis zum Po und blieb dort haften. Dann ertappte er sich bei dieser für ihn schwer chauvinistischen Handlung und schämte sich sofort. Er schüttelte erst den Kopf und anschließend den ganzen Oberkörper. Die Frau am Nebentisch fragte ihn, ob alles okay sei. »Ja, ja«, entgegnete er, »nur eine Windböe vom Meer.«

Noam hob leicht seinen Hintern vom Stuhl und zog den Tabak aus der Hosentasche. Blättchen und Filter, die lose in der Tabakpackung lagen, befreite er von Krümeln und braunen, kleinen Fäden. Er pustete alles sauber, platzierte akribisch erst das Blättchen und danach den Filter auf dem Tisch und rollte sich seine siebzehnte Zigarette des Tages.

Er steckte sie in den Mund, zündete sie an, nahm einen tiefen Zug und drückte anschließend den Rauch durch die Nasenlöcher. Mit den Zähnen riss er eine Packung braunen Zucker auf und schüttete ihn vollständig in seinen
Espresso.

Noam lehnte sich zurück, trank den Espresso mit einem Schluck aus und schloss die Augen. »Lieber Bibi«, flüsterte er, und noch einmal: »Lieber Bibi«.

Die Idee für seine neue Kolumne war ihm auf dem Weg zum Sheleg gekommen. Er war wie jeden Tag mit dem Bus von Bat Yam nach Tel Aviv gefahren, hatte sich in die letzte Reihe gesetzt, wie er es auch immer als Junge getan hatte, und die Stirn ans Fenster gelegt. Die ersten Tropfen Regen des Jahres waren gegen die Scheibe gefallen, und Noam hatte sich so gefühlt, als spiele er in einem Neunzigerjahre-Popmusikvideo mit. Er hatte erst traurig und dann mit verliebter Miene aus dem Fenster geschaut. Plötzlich war ihm die Idee gekommen. Einfach so. Wie Ideen eben blitzartig ins Gehirn schießen. Und sofort hatte er sie für genial befunden und entschieden, den anderen Text zu löschen.

Bis Dienstag würde er Zeit haben, am neuen Stück zu schreiben. Seit fünf Jahren lieferte er für die Wochenendausgabe der bekannten linken Tageszeitung eine Kolumne zur politischen Lage Israels. Alle Leser liebten sie. Aber noch mehr als die Leser liebte Noam selbst seine Texte.

Die Sonne ging am Ende der Geula langsam unter, es sah aus, als würde sie ins Meer tauchen. Der Himmel verfärbte sich lila. Die Temperatur sank. Es war Anfang Oktober. Am Tag wurde es noch bis zu siebenundzwanzig Grad warm, doch am Abend roch es bereits nach Herbst.

Noam wischte über sein Trackpad, um den Ruhemodus zu beenden. Der Cursor schien im Takt seines Herzschlags zu blinken. Und er begann zu tippen.

Lieber Bibi. Es ist, als hättest du vor vielen Jahren dein Land verlassen, um einen Kampf zu kämpfen, der nicht deiner ist. Jeden Tag warte ich darauf, dass du zurückkehren wirst. Als eine neue Person natürlich. Du hast dich längst selbst verloren, bist ein anderer geworden, hast dein Ich unter einem Stein versteckt, um zu überleben.

Aber eines Tages wirst du einfach vor der Tür stehen. Mit einem langen Bart und vielen Narben an deinem Körper. Du hast Dinge getan und gesehen, die kein Mensch getan und gesehen haben sollte. Du klopfst an die Tür des Hauses, das mal deines war, bevor du in die Wälder gingst und jeder glaubte, du wärst längst tot. Dein bester Freund öffnet die Tür und erstarrt, und man hört eine Frauenstimme aus der Dunkelheit hinter ihm rufen. Die Stimme deiner schönen Frau, die du damals zurücklassen musstest. Sie ruft: »Schatz, wer ist da an der Tür?«, und ein Baby weint aus derselben Richtung, und dann beginnst du zu weinen. Das erste Mal seit einer viel zu langen Zeit.

Noam speicherte den Text ab und klappte den Rechner zu. Er drehte sich eine weitere Zigarette und bestellte bei Gil, dem anderen Kellner des Sheleg, einen weiteren Espresso.

Tamar kassierte gerade ihre Kunden ab, und Noam rief ihr zu: »Setzt du dich kurz an meinen Tisch, wenn du Schluss machst?«, aber Tamar zuckte nur mit den Schultern und lachte.

Noam drehte sich eine neue Zigarette, während die andere noch im Aschenbecher glühte, kippte den Espresso, den Gil ihm gebracht hatte, sofort runter und fuhr sich mit der Zunge über die schmalen Lippen, um den Tabakgeschmack mit dem der Kaffeebohnen zu verbinden. Er nahm einen weißen Kapuzenpulli von Fruit of the Loom aus dem Stoffbeutel, in dem sein ganzes Leben steckte, und zog ihn sich über den Kopf.

Er schloss erneut die Augen und formulierte den Text in Gedanken weiter. Nein, eigentlich wiederholte er den Text, den er bereits geschrieben hatte. Immer und immer wieder. Noam spürte, wie ein wenig mehr Blut als nötig in seinen Unterleib gepumpt wurde, und seufzte leise. »Mit einem langen Bart und vielen Narben an deinem Körper. Du hast Dinge getan und gesehen, die kein Mensch getan und gesehen haben sollte«, flüsterte er fünfmal hintereinander und zog im Takt des Textes den Rauch in seine Lunge und stieß ihn aus den Nasenlöchern aus.

Er spürte, wie Tamar sich leise auf den freien Stuhl neben ihm setzte, hielt die Augen weiterhin geschlossen und schob mit den Fingern die gedrehte Zigarette in ihre Richtung. Noam stieß gegen Tamars Hand, krabbelte mit jedem Finger einzeln auf ihren Handrücken und genoss die Wärme, die von ihr ausging. Er legte den Kopf auf ihre rechte Schulter und sagte: »Ich habe dich vermisst!«

»Ich habe dich auch vermisst«, antwortete sie und steckte sich die Zigarette in den Mund.

»Was machen wir heute noch?«, fragte Noam.

»Ich weiß nicht, was du machst, aber ich gehe gleich ins Levontin 7.«

»Warum?«

»Einfach so. Freunde treffen.«

»Willst du nicht mit mir sein?«, wollte Noam wissen.

»Du kannst doch mitkommen!«

»Aber wenn du mit anderen bist, dann bist du nicht mit mir.«

»Na ja. Ob das jetzt so stimmt.«

»Wen triffst du denn?«

»Yoni, Ella, Ari, und ich glaube, Liron wollte auch kommen.«

»Ich würde lieber nur mit dir sein.«

»Aber Noam, ich bin schon verabredet und will nicht absagen.«

»Das verstehe ich. Es sind ja deine Freunde.«

»Genau. Wieso kommst du denn nicht einfach mit?«

»Vielleicht mache ich das ja auch. Gib mir mal ein bisschen Zeit.«

»Du hast alle Zeit, die du willst. Niemand setzt dich unter Druck.«

»Was habt ihr im Levontin vor? Karaoke?«

»Ja, genau. Eigentlich wollte ich dir das gar nicht sagen.«

»Warum?«

»Weil ich dachte, du findest Karaoke bescheuert.«

»Ich finde Karaoke nicht bescheuert.«

»Dann ist ja gut«, seufzte Tamar.

»Dafür brauche ich aber erst mal einen Arak.«

»Was? Du kommst mit?«

»Ja, bei Karaoke sage ich nicht Nein!«

»Wie toll! Also, lass uns Arak trinken und später rüberlaufen«, sagte Tamar und drückte Noams Kopf mit ihrer Schulter nach oben. Er nahm ihr die Zigarette aus dem Mund, zog selbst daran und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Aus einem Arak waren letztlich sechs für jeden geworden, und als Noam und Tamar zwei Stunden zu spät taumelnd im Levontin 7 ankamen, sang Liron gerade auf der kleinen Bühne hinten am Ende des langen, schmalen Raumes I will always love you von Whitney Houston. Noam und Tamar quetschten sich an zahlreichen Menschen vorbei, die lauthals den Refrain mitsangen. Auf dem Tresen standen Kerzen, und dahinter versuchten die Barkeeper, mit den Unmengen an Bestellungen zurechtzukommen. Als das Saxofon-Solo begann, griff Noam nach Tamars Hand, zog sie an sich und küsste sie auf den Mund. Er küsste sie so lange, bis der Song zu Ende war, und flüsterte ihr ins Ohr: »Wir fangen heute noch mal von vorne an, okay?«, und Tamar nickte.

Liron sprang unter tosendem Beifall von der flachen Bühne und ging direkt zur Sofaecke gegenüber der Bar, wo sich die Freunde versammelt hatten. Yoni saß auf dem schwarzen abgewetzten Tisch und zog an einem gelben Strohhalm. Ella gestikulierte so stark, dass alle verstanden, wovon sie sprach, auch wenn ihre Stimme im Lärm unterging. Und Ari schlabberte wie ein Hund seine Freundin ab, die ihm den Song gewidmet hatte. Als Liron Tamar aus den Augenwinkeln erspähte und erkannte, wen sie da vor sich herschob, schubste sie Ari zur Seite und sah böse in Tamars Richtung: What the fuck soll dieser Typ hier?

Neun Monate lang hatte Tamar Liron in den Ohren gelegen: Noam hier, Noam dort, Noam ruft nicht an, Noam hat gesagt er liebt mich, Noam ist plötzlich verschwunden, Noam ist total süß. Vor ein paar Wochen war es ruhig geworden, und Liron war sich sicher gewesen, den Namen nie wieder hören zu müssen. Und jetzt stand er da, dieser vierzigjährige Typ, der mit ihrer vierundzwanzigjährigen besten Freundin ausging.

Tamar fiel Liron in die Arme, platzierte den Mund direkt an Lirons Ohrmuschel und flüsterte: »Bitte, sei nett zu ihm. Ihm ging es nicht gut, deswegen hat er sich nicht gemeldet. Er wollte mich nur schützen. Er hat sogar nach Safta gefragt und wollte wissen, wie es ihr geht. Bitte, bitte? Okay?«

»Okay«, stöhnte Liron und drückte Tamar so fest wie noch nie. Danach wandte sie sich Noam zu und begrüßte ihn so freundlich, wie es ihr möglich war.

»Wie sieht’s aus, Noam, singst du was?«, fragte Liron.

»Ich weiß noch nicht. Vielleicht«, antwortete er.

»Du musst dich bei Yotam melden«, sagte sie und zeigte auf einen Typen mit Dreadlocks, der rechts neben der Bühne an einem Pult stand. Neben ihm warteten einige Leute, die ihre Songs anmelden wollten.

»Los, mach!«, sagte Tamar und gab Noam einen kleinen Schubs. »Ich hol uns noch zwei Arak!«

»Okay, gut«, antwortete er und gab ihr einen liebevollen Kuss auf die Nasenspitze. Liron zog die Stirn hoch, und Tamar zwinkerte ihr zu.

Noam und Tamar gingen Hand in Hand auf die Bar zu und bogen in verschiedene Richtungen ab. Während Noam sich in die Schlange vor dem DJ-Pult einreihte, kämpfte sich Tamar zur Theke durch. Es dauerte ewig, bis sie endlich bestellen konnte. Zwei weitere Lieder wurden gesungen. Und als der Barkeeper endlich die beiden Arak auf die Bar knallte, zog sie, wie schon im Sheleg, das Geld aus ihrer Hosentasche und bezahlte.

Zurück am Tisch, wollte Tamar sofort wissen, welchen Song Noam singen würde, aber obwohl sie ihn anbettelte, es zu verraten, sagte er kein Wort.

»Kannst du eigentlich singen?«, fragte Ari und hob provozierend das Kinn. Noam schüttelte den Kopf, verzog das Gesicht und antwortete: »So gar nicht.«

»Oh, umso besser. Nichts ist schlimmer beim Karaoke als jemand, der singen kann. Die Leute wollen jemanden hören, der so ist wie sie, und nicht jemanden, der so ist, wie sie gerne wären.«

»Das stimmt«, antwortete Noam und stieß mit seinem kleinen Arak-Glas gegen Aris Cocktail. Das Schirmchen wackelte.

Yotam hinter dem DJ-Pult nahm das Mikrofon und sagte: »Noam Elstein? Noam Elstein? Noam, du singst Lady Grinning Soul von David Bowie?«

»Ah, das bist du«, schrie Tamar und zog Noam am Arm. »Noam, Noam«, feuerte sie ihn an, und die anderen fielen ein. Noam riss sich vorsichtig los und ging langsam zum Pult. Er griff nach dem Mikrofon, das Yotam ihm entgegenhielt, klemmte es kurz zwischen die Beine, zog seinen Hoodie aus, schmiss ihn neben die Bühne und zupfte sein T-Shirt zurecht. Dann signalisierte er Yotam, dass er bereit sei, und Yotam startete den Song. Auf der Leinwand hinter Noam erschien David Bowie. Das dreißig Sekunden lange, hoch dramatische Klavier-Intro nutzte Noam, um sich in der Mitte der Bühne in Position zu bringen. Mit seinen langen, feingliedrigen Fingern strich er sich die schönen Haare nach hinten, senkte den Kopf und erhob ihn mit dem Beginn der ersten Strophe. Starr blickte er in den Scheinwerfer, der seine grünen Augen funkeln ließ. Da fing Noam an zu singen, zu singen, wie keiner es vor ihm geschafft hatte und keiner es an diesem Abend nach ihm schaffen würde, denn Noam war so gut, dass sich über den bis an die Decke gefüllten, von Stimmengewirr flirrenden Raum eine Stille legte, als wäre die Welt gerade untergegangen. Noam hörte nur noch Noam, wie er mit seiner klaren und sanften Stimme Lady Grinning Soul sang.

She’ll come, she’ll go

She’ll lay belief on you

Skin sweet with musky odor

The lady from another grinning soul

Cologne she’ll wear

Silver and Americard

She’ll drive a beetle car

And beat you down at cool Canasta

And when the clothes are strewn

Don’t be afraid of the room

Touch the fullness of her breast

Feel the love of her caress

She will be your living end

She’ll come, she’ll go

She’ll lay belief on you

But she won’t stake her life on you

How can life become her point of view

9

Egal, wie viel Mühe sich Noam gab, egal, an wen oder woran er dachte, er konnte einfach nicht kommen. Nach einer halben Stunde Penetration war er so genervt von sich selbst und so angewidert von dem Akt als solchem, dass er entschied, Tamar einen Orgasmus vorzuspielen.

Darin war er geübt. Das tat er seit Jahren. Nicht nur bei Tamar, sondern bei jeder Frau, in die er eindrang. Kommen konnte er fast nur noch unter der Dusche, wenn er masturbierte und an den Feuerball dachte, um den die Erde mit 29,78 Kilometer pro Sekunde sauste. Wenn er es besonders eilig hatte, stellte er sich einfach vor, wie der Feuerball sein Antlitz trug, und schon tropfte der leicht nach Ammoniak riechende Samen aus dem kleinen Loch, in das er einmal als Sechsjähriger seinen Daumen gesteckt hatte.

Noam stöhnte laut und zitterte leicht. Nicht zu kräftig, weil nur Frauen das taten, so hatte es ihm Asher erklärt, aber stark genug, um einen echten Orgasmus anzudeuten. Mit einer schnellen Bewegung zog er das Kondom von seinem Schwanz, spuckte hinein, ohne dass Tamar etwas merken konnte, denn er hatte theatralisch den Kopf in ihren Bauch gestemmt, und knotete es oben zu. Dann stopfte er es in die Hosentasche seiner Jeans, die neben der Matratze auf dem Boden lag, und legte seine Wange auf Tamars Schenkel. Tamar kraulte Noams Kopf, und er bekam Gänsehaut. Irgendwie wollte er weg, aber gleichzeitig wollte er diesen Moment genießen. Es war zum Verrücktwerden, dachte er.

Noam wusste nicht genau, wie viel Zeit vergangen war, aber Tamars Hände lagen mittlerweile neben ihr und nicht mehr auf ihm. Was ein eindeutiges Zeichen dafür sein musste, dass sie eingeschlafen war. Er hob seine Wange von ihrem Schenkel, schaute zu ihr hoch und sah, dass ihre Augen geschlossen und ihre Atemzüge gleichmäßig waren. Vorsichtig tastete er nach seiner Jeans, zog sie leise an und überlegte sich parallel dazu eine schlüssige Antwort, sollte Tamar doch nicht eingeschlafen sein, sondern ihn gleich enttäuscht fragen, wieso er plötzlich einfach so verschwinden wolle. Nein, ich will nicht verschwinden. Ich schlafe einfach nur lieber mit einer Hose, würde Noam sagen. So jedenfalls hatte er es sich überlegt. Er fand diese Erklärung nicht besonders gut und auch nicht besonders logisch. Aber das war egal. Das Wichtigste war, dass er eine Ausrede hatte.

Noam schaffte es unbemerkt aus Tamars Wohnung und atmete vor der Haustür erleichtert aus. Es war zwei Uhr nachts, und sein Magen knurrte. Kein gutes Zeichen, dachte er sich. Noam versuchte, sich zu erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte, aber es fiel ihm nicht ein. Vielleicht gestern, vielleicht vor zwei Tagen. Vielleicht war es aber auch länger her gewesen. Wer konnte die Tage schon voneinander unterscheiden?

Nicht weit von Tamars Wohnung entfernt, gab es einen Falafel-Laden. Daran erinnerte sich Noam. Zur Sicherheit sollte er etwas Essbares kaufen und zu sich nehmen, dachte er. Sonst würde es ihm wieder schlecht gehen. Das kannte er von sich. Wenn zu lange nichts außer Espresso in seinen Magen gelangt war, krümmte er sich tagelang vor Schmerzen auf der Couch. Dafür aber hatte er keine Zeit. Die neue Kolumne wartete.

Als er am grell beleuchteten und spärlich eingerichteten Falafel-Laden ankam, knurrte sein Magen noch immer, aber Appetit hatte er trotzdem keinen. Doch darum ging es nicht. So hatte er es von klein auf gelernt. Es ging darum, am Leben zu bleiben. Und die zwei Falafel, die er pro Woche verdrückte, halfen ihm dabei.

Auf dem Weg zum Mersand aß er seinen Falafel. Er wusste, das war eines der wenigen Cafés in Tel Aviv, das um diese Uhrzeit noch geöffnet war. Noam setzte sich auf einen der freien Holzstühle und zog seinen Tabak aus der Hosentasche. Den türkisfarbenen Stoffbeutel stellte er auf dem Stuhl neben sich ab. Die Kapuze seines Hoodies schob er sich über den Kopf. Dann drehte er sich ganz in Ruhe eine Zigarette und sog genüsslich den Rauch ein. Der Wunsch nach einer Zigarette ist immer besser als der erste Zug, dachte er und schrieb den Satz in die Notes seines alten iPhones.

Noam liebte das Mersand. Es war nach seinem Gründer benannt, Walter Mersand. Einem alten Berliner Juden, der die Shoah überlebt und die verlorene Heimat nach Tel Aviv gebracht hatte. Nach Kriegsende trafen sich dort jeden Tag Jeckes, deutsche Juden, aßen Käsekuchen und tranken frisch gebrühten Kaffee. So, wie sie es immer getan hatten, bis sie ihrer Identität beraubt wurden.

Darunter mischten sich irgendwann die Hipster Tel Avivs, bis sie das Café endgültig übernahmen. Obwohl es schon seit fünfzig Jahren existierte, hatte sich die Einrichtung des Cafés nicht verändert.

Noam bestellte einen Espresso bei der einzigen Kellnerin, die noch arbeitete. Sie hatte ihr langes, gelb blondiertes Haar locker zu einem Dutt gebunden und trug ein Nasenpiercing mit einer Kette, die zu einem Ring an ihrem Ohr führte. Als sie Noam den gewünschten Espresso und Zucker brachte, blieb sie stehen, musterte ihn und fragte unsicher: »Hey, bist du nicht Noam Elstein, der Kolumnist von der Haaretz

Noam antwortete: »Nein, du musst mich verwechseln, ich bin Arik Rosenthal und Psychiater im Ichilov Krankenhaus.«

Woraufhin sie mit ihm über ihre Schlafstörungen sprechen wollte, aber Noam winkte ab und begründete sein Desinteresse mit einer wohlverdienten Pause von seiner Nachtschicht. Die Kellnerin reagierte mit Verständnis, und Noam dankte ihr freundlich.

Er klappte seinen Rechner auf, aber der Akku war leer. Fingerschnipsend rief er die Kellnerin zurück und bat um einen Bleistift und ein großes Blatt Papier, was sie prompt brachte. Noam nahm den Bleistift in die Hand, schrieb Lieber Bibi oben auf das Papier und legte den Bleistift wieder auf den Tisch. Ein Sherut hielt direkt vor dem Mersand, und Noam schaute hoffnungsvoll auf die aussteigenden Personen. Seit seiner Kindheit glaubte er fest daran, dass jeder Moment das Potenzial bot, sein altes Leben zu beenden und ein neues einzuläuten. Es müsste nur die richtige Person auftauchen, und plötzlich wäre alles anders.

Ein kalter Windhauch streifte seine unrasierte Wange. Sein Blick fiel aufs Meer, das er hasste. Nur zweihundert Meter entfernt lag es, tosend und unruhig. Das letzte Mal, dass er mit einer Badehose bekleidet über den Sand gerannt war, musste siebenunddreißig Jahre her sein.

Seine Mutter Miri hatte das Meer geliebt. Und die Sonne und die Wärme. Egal, zu welcher Jahreszeit, Miri war zum Strand gegangen, immer mit einem pinken Bikini bekleidet, hatte ihr Badehandtuch ausgebreitet und sich stundenlang nicht mehr vom Fleck gerührt. Noam war dabei gewesen. Ob er wollte oder nicht. Und wenn beide abends rot verbrannt in die Wohnung zurückgekehrt waren, hatte Miri erst sich und anschließend Noam mit Aloe Vera eingerieben, um sie für den nächsten Tag vorzubereiten. Noams erstes Wort war »Strand« gewesen. Auf Deutsch, Miris Muttersprache, nicht auf Hebräisch. »Strand« sagte er jetzt laut zu sich selbst. Und dann noch einmal.

Noam griff nach seinem Tabak, den Blättchen und dem Filter, drehte sich eine frische Zigarette, steckte sie in den Mund und zündete sie an. Er nahm den Bleistift und schrieb:

Es gibt nicht viele Menschen, die mir wichtig sind. Asher ist mir wichtig, und du bist mir wichtig, und danach kommt erst mal lange gar nichts mehr. Ach klar, Amit natürlich, der ist mir auch wichtig. O Gott, wie wichtig er mir ist. Du kennst Amit nicht, aber vielleicht wird sich das irgendwann einmal ändern.

Obwohl wir uns viele Jahre nicht gesehen oder gehört haben, ist meine Erinnerung an dich sehr lebhaft. Oft denke ich daran zurück, wie wir zusammen die Schule schwänzten. Mit Büchern und Zigaretten bewaffnet, sind wir morgens in die entgegengesetzte Richtung gelaufen, in die wir hätten gehen sollen. Wir haben gelesen und diskutiert und in die Wolken geschaut. Was die Erwachsenen in ihren Fernsehgeräten sahen, konnten wir in den wenigen Formationen erkennen, die nichts weiter waren als Ansammlungen kleiner Wassertröpfchen und Kristalle. Es gibt einen Tag, von dem du behauptet hast, er habe dich für immer verändert. Sechzehnjährig besuchtet ihr als Familie das Philadelphia Museum of Art. Du bist durch die Gänge und Räume gelaufen und warst genervt. Du wolltest raus, weg, bei deinen Freunden sein. Aber Zila, deine Mutter, bestand darauf, dass du bleibst. Plötzlich entdecktest du ein Bild des amerikanischen Künstlers Barnett Baruch Newman. Die vertikalen Linien, die über die rote Fläche verliefen, sagtest du, hätten dich alles Alte vergessen und das Leben neu denken lassen. Es war wie ein Fenster in eine andere Welt, in eine andere Realität.

Vor ein paar Jahren, an einem der vielen Tage, an dem ich dich schrecklich vermisste, googelte ich Barnett Newman. Ich suchte auch nach dem Bild. Du selbst hattest mir nicht sagen können, wie es heißt. Repetition Number One war sein Titel. Newman schuf es 1950. Ein Jahr nach deiner Geburt.

Wusstest du, dass es für ihn unmöglich war, so zu malen, wie man es noch vor oder sogar während des Zweiten Weltkriegs getan hatte? Danach war es unmöglich, in eine Welt der Eindrücke zurückzukehren, in eine Welt der Formen und Farben. Was könnten sie abbilden nach all dem Ungeheuerlichen, was passiert war? Also begannen sie ganz von vorne.

Lieber Bibi, du hast immer gesagt, du würdest sechsundzwanzig Stunden des Tages damit verbringen, über Unschuld nachzudenken. Über Unschuld und Schuld. Verzweifelt suchtest du nach der Innentasche eines dicken, warmen Mantels, in der du unterkommen könntest, um auf Ewigkeit Schutz zu finden. Aber weil es keinen Mantel gab, nirgendwo, bist du in diesen niemals endenden Krieg gezogen, um deine eigene Unschuld zurückzuholen. Bringst du mir meine mit, wenn du wiederkommst?

Dein alter Freund

Noam

Noam rief: »Ifshar chesh bon«, als die Kellnerin gerade die Stühle aufeinanderstapelte. Er war der letzte Gast. Sie brachte ihm die Rechnung. Er schrieb seine Telefonnummer auf den Zettel, riss das kleine Stück mit der Nummer ab und drückte es der Kellnerin zusammen mit fünfzig Schekel in die Hand. »Wenn du Hilfe beim Einschlafen brauchst, melde dich!«, sagte er und lächelte sanft.

»Mach ich vielleicht«, antwortete sie und bedankte sich für das großzügige Trinkgeld. Noam packte seinen Tabak ein, griff nach dem Brief an Bibi und lief nach links die Allenby Street entlang Richtung Busbahnhof.

10

Das weißgelbe Licht der Laternen schärfte die Konturen aller Gegenstände und ließ sie plastischer aussehen. Die Farben der Bäume, Häuser, Mülleimer und Bänke wirkten matt und samtig. Noam wollte mit seiner Hand darüberfahren. Surreal wie eine Kulisse in einem Filmstudio erschien Tel Aviv um diese Uhrzeit. Nicht besonders stabil, aber greifbar. Die Billigläden auf der Allenby waren alle geschlossen. Nur die Kioske, in denen man Nüsse, Wasser und Tabak kaufen konnte, waren noch geöffnet. Die Besitzer hielten sich vor ihren Fernsehern wach. Einer schrubbte den Boden vor seinem Geschäft, vermutlich hatte ein Wochenendbesucher hier sein Erbrochenes zurückgelassen.

Noam spürte die kühle Luft der späten Nacht in der Nase. Ein Müllauto fuhr an ihm vorbei.

Nach einer halben Stunde Fußweg bog Noam links in die Levinsky Street. Jetzt konnte er schon die gigantischen Rampen in den Himmel wachsen sehen, von denen die Busse ins ganze Land geschickt wurden. Unter ihnen hatte sich ein Biotop entwickelt. Im ärmsten Teil der Stadt lebten, arbeiteten und schliefen jene, die keinen klassischen Lebenslauf vorweisen konnten oder wollten. Vor zwanzig Jahren wurde die Tachanat Merkazit als größter Busbahnhof der Welt eröffnet. Für ein Land mit neun Millionen Einwohnern geradezu absurd.

Das passiert, wenn sich seit Jahrhunderten alles nur ums Weggehen und Ankommen dreht, dachte Noam.

Er setzte sich auf eine freie Holzbank an der Haltestelle des Busses aus Eilat. In einer halben Stunde würde der eintreffen, und mit ihm Noams Onkel Asher. Kurz vor Sonnenaufgang. Noam drehte sich eine neue Zigarette. Sein Kopf war frei. Die letzten Tropfen Arak verließen gerade seine Blutbahn. Müdigkeit spürte er keine. Vielleicht würde das später passieren oder morgen oder übermorgen. Noam schloss kurz die Augen, um die Stille zu genießen, die gegen seine Ohren drückte, und als er sie wieder öffnete, hatte sich die Welt dunkelblau verfärbt. Auch Noam fühlte sich dunkelblau. Wenn er irgendetwas über seine Seele sagen konnte, dann war es, dass sie diese Farbe trug.