Über das Buch

Lacey lebt in New York, arbeitet in der Modebranche und gründet nebenher ein Start-Up. Sie hat ihre Ziele klar vor Augen und tut alles, um diese zu erreichen. Bis sie positiv auf die BRCA1-Genmutation getestet wird. Was soll sie jetzt tun? Abwarten oder den radikalsten aller Schritte tun und eine präventive Brustamputation durchführen lassen?

Doch nicht nur die Sorgen, entweder an Krebs zu sterben oder ihre Brüste zu verlieren, verlangen Lacey alles ab: Wie soll sie etwa ihrer Schwester von der Diagnose erzählen? Wie mit ihrer besten Freundin umgehen – die sich zwar bemüht, aber niemals verstehen wird, wie Lacey sich fühlt?

Um irgendwo anzufangen, setzt sie eine Liste mit Dingen auf, die die Weiblichkeit und ihre Brüste feiern. Und mit jedem Punkt, den sie von ihrer Liste streicht, kommt Lacey nicht nur ihrer Entscheidung näher, sondern verliebt sich: in zwei Männer, eine Frau und sich selbst …

teil eins

danksagung


Während das Lesen eines Buches eine private Erfahrung ist, hat das Schreiben sehr viel mit Zusammenarbeit zu tun. Hier sind die netten Menschen, die halfen, dieses Buch ins Leben zu träumen.

Mein überaus großer Dank gilt meiner granatenmäßigen Lektorin Emily Bestler von Emily Bestler Books dafür, dass sie das Wagnis meines »Sexy Mastektomie«-Romans auf sich nahm. Ein Riesendankeschön an alle bei Atria/ Simon & Schuster, vor allem an die reizende Lara Jones, die Superstarverlegerinnen Stephanie Mendoza und Alison Hinchcliffe, das Covergenie Kelly Blair.

Ich schätze mich glücklich, die beste Agentin der Branche zu haben, Allison Hunter bei Janklow & Nesbit, deren hartnäckige Begeisterung für diesen Roman mit der E-Mail-Betreffzeile »OH MY GOD IT’S SO GOOD« begann und von da an nur stetig weiterwuchs. Danke auch an Clare Mao für die aufmerksamen Notizen/Tabellen/Instagram-Posts. An die fantastische Chelsea Lindman dafür, dass sie den Ball ins Rollen brachte. Und Stefanie Diaz.

Sarah Cypher, willst du für immer meine freischaffende Lektorin sein und mich nie verlassen?! Gemeinsam an unserem dritten Buch zusammenzuarbeiten war wie immer ein absoluter Traum. Deine Fähigkeit, das große Ganze zu sehen und es auf verständliche und machbare Weise für mich aufzuschlüsseln, ist eine Sache, für die ich so, so dankbar bin. Bereit für den nächsten Streich?

Danke an Jason Richman bei UTA und seine rechte Hand, Sam Reynolds. Immer wieder schön, eine Entschuldigung zu haben, nach Beverly Hills zu kommen und einen auf reich und schön zu machen!

Ich freue mich ungemein auf die Gelegenheit, wieder einmal mit der unerschütterlichen Crystal Patriarche & Co. bei BookSparks zu arbeiten. Danke, dass du so fest am Team Georgia hängst und allen nah und fern von meinen Werken erzählst.

Ich trage weder das Risiko für erblichen Krebs in mir noch hatte ich eine vorsorgliche Brustoperation. Nur aufgrund der großzügigen Offenheit der Previvor- und Brustkrebs-Community war es mir möglich, Laceys Geschichte zum Leben zu erwecken. Es war eine Ehre, diese Welt zu betreten und von so vielen außergewöhnlichen Persönlichkeiten herumgeführt zu werden. Danke an alle, die mit mir gesprochen und ihre Erfahrungen mit mir geteilt haben. Allen voran meinen toughen BRCA-Babes: Caitlin Brodnick, Cara Scharf, Grace Talusan und Tina Zotovich, die mir alle die Geschichten ihrer prophylaktischen Mastektomien anvertrauten, geduldig meine endlosen Fragen beantworteten und wichtige Rückmeldung zu meinen ersten Entwürfen gaben. Danke an Sue Friedman und Karen Singer bei FORCE dafür, dass sie mir genug vertrauten, um mir einen Einblick in ihre Arbeit zu gewähren. Dr. Andy Salzberg erklärte mir das Vorgehen bei Mastektomien mit Sofortaufbau. Angela Arnold und Mary Freivogel führten mich ein in die Welt humangenetischer Berater. Dr. Neil Collier trug sein Wissen zu dem ganzen medizinischen Kram bei.

Danke an Anneke Jong dafür, dass sie mich in Sachen Start-ups unterrichtete und »nur noch eine letzte Frage« beantwortete. So ein Vergnügen mit Ellen Sideri und Lindsey Smecker bei ESP Trandlab in Verbindung zu treten. Ich wusste rein gar nichts über Trendprognosen, als ich mit diesem Buch begann, aber ihr zwei Ladys habt das im Nu geändert!

Ein Hurra auf Nora Wilkinson für ihre aufschlussreiche frühe Lektüre.

Den ersten Entwurf für dieses Buch habe ich im Ragdale-Künstlerhaus in Lake Forest, Illinois, geschrieben und im New York Writers Room weiter daran gearbeitet – beides unentbehrliche Freiräume für Schriftsteller. Ich vergöttere meine weitläufige Familie von Schreibenden: Danke an alle meine Schriftstellerkolleg*innen, die immer zur Stelle sind, um mich anzuspornen oder zu bemitleiden – was auch immer die verschlungenen Wege eines Autorenlebens gerade erfordern. #Bookstagram-Crew: Ich bin #blessed, jedes Mal, wenn ich gerade ein #currentread bin. Viele Küsse an meine lieben Kumpels in Brooklyn (insbesondere Noz/JT/Foxy/Big D/Iz) und meine Freunde in L. A. und Sydney. Ein großes Dankeschön an die treue Generation-Women-Community, vor allem an Jessica Paugh und Camila Salazar dafür, dass sie mir geholfen haben, meinen Traum von einem Geschichtenerzählabend wahr zu machen.

Lindsay Ratowsky, das letzte Buch war dir gewidmet, und auch wenn dieses es nicht ist, ist es das irgendwie trotzdem, da alles, was ich tue, dir gewidmet ist. Sweet Girl, ich liebe dich unendlich. Danke, dass du meine Lebensgefährtin, meine beste Freundin, meine erste Leserin und mein Ein und Alles bist. Du beglückst mich jeden einzelnen Tag, ich bin so froh, Dein zu sein. Hi!, auch an Chris, Craig, Justin, Erika und die ganze Ratkowsky-Familie. Hab euch alle lieb!

Danke an meine Familie: Mum, Dad, Will, Louise und die süße Evie. Das Härteste daran, in New York zu leben, ist, so weit weg von euch zu sein. Ich schätze mich glücklich, dass wir eine so liebevolle, friedliche, spaßige Familie haben.

Dieses Buch ist meinem lieben, guten Freund Nick »Nicki-Pee« Salzberg gewidmet. Als Liebender und Kämpfer verstarb Nick im Januar 2017 an einem T-Zell-Lymphom. Nick war Teil der ersten Familie, die ich, unabhängig von meiner eigenen, um die Jahrtausendwende in Sydney fand. Mit seinem schwarzen Eyeliner und der rasiermesserscharfen Zunge war Nick ein zentraler Teil jeder WG-Party, jeder Demo, jeder kreativen Betätigung. Er war politisch, witzig und furchtlos. Das letzte Mal, dass ich Nick sah, war im August 2016 bei meiner Buchvorstellung für Pretty in Sydney. Er hatte gerade mit seinem vierten Chemo-Zyklus begonnen und war sehr geschwächt, aber er kam, mit einem roten Schal und einer blonden Perücke, und setzte sich in die zweite Reihe. Bei der Frage-Antwort-Runde nach der Lesung stellte er mit einem schüchternen, niedlichen Lächeln eine Frage über die Wichtigkeit der Sichtbarkeit der queeren Community in meinen Geschichten. Nick lehrte mich viele Dinge, aber was in mir nachhallt, ist sein Queer-sein, das sich so einzigartig und unverfroren anfühlte. Er war kein gewöhnlicher schwuler Junge, und ich bezweifle, dass es die irgendwo gibt. Nick zu kennen hieß, jemanden zu kennen, der mit der Welt rang, jedoch nicht mit seinem Ich, mit seinem Selbstgefühl. Nicki wird mich stets daran erinnern, die Unterschiede und Abweichungen zu suchen, in mir und in allen um mich herum. Ich liebe dich, mein Herzensjunge. Du wirst immer bei mir sein.

Über Georgia Clark / Ivana Marinović

Georgia Clark, Ursprünglich aus Sydney stammend, lebt Georgia Clark nun schon seit mehreren Jahren als freie Journalistin und Autorin in Brooklyn. Sie hat u.a. für ›Cosmopolitan‹, ›CLEO‹, ›Daily Life‹, ›Girlfriend‹ und andere Magazine geschrieben und mehrere Romane verfasst.

Ivana Marinović, geboren 1980 in Esslingen, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und arbeitete mehrere Jahre als Lektorin in einem Verlag, bevor sie sich als freie Lektorin und Übersetzerin selbstständig machte.

 

 

 

 

Für Nicki-Pee
am m-i-c

57.

Krankenhäuser sind ein anderes, ein fremdes Land. Die Glasschiebtüren zu durchqueren ist ein Grenzübertritt in eine Welt, wo Hoffnung und Verzweiflung von geduldig lächelnden Menschen in blauen Kitteln gespendet werden. Ich hatte Angst vor dem hier – an den Ort des Verbrechens zurückzukehren, das meiner Mutter das Leben raubte. Aber es ist nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte. Tatsächlich ist es beinahe enttäuschend. Merkwürdig normal. Immerhin bin ich unter bedeutend anderen Umständen hier.

Ich sterbe nicht.

Nach der Anmeldung schlüpfe ich in einen Einwegslip und Bademantel und warte auf das Ärzteteam. Meine Haut riecht kränklich, nach dem Desinfektionsmittel, mit dem ich mich nach ärztlicher Anweisung heute früh waschen sollte. Nicht mein Geruch. Es macht alles nur noch befremdlicher.

Ich rufe Bee über FaceTime an. Sie antwortet verschlafen aus einem verdunkelten Schlafzimmer. »Hey, Süße.«

»Selber Süße.«

»Heute ist der Tag der Tage, was?«

»Ja.«

Sie setzt sich auf und schiebt eine knallrosa Augenmaske mit Fuck-off-Schriftzug in ihr blondes Haar hoch. »Du schaffst das. Du schaffst das so was von. Ist deine Schwester da?«

»Holt Kaffee.« Ich runzle die Stirn, als mir etwas dämmert. »Warte mal, wo bist du? Das ist gar nicht dein Schlafzimmer.«

»Schhh.« Kichernd legt Bee sich den Zeigefinger an die Lippen. »Du wirst noch … äh … ihn aufwecken.« Ein Flüstern. »Scheiße, ich hab seinen Namen vergessen. Ich hab ihn bei diesem Open-Mic-Abend aufgegabelt.«

»Du hast es getan?« Ich war nicht sicher, ob sie ihren Vorsatz wahr machen und ein paar Cabaret-Songs in einer Bar in ihrem Viertel singen würde.

»Oh, und ob ich es getan haben. Ich habe den Laden gerockt, Schätzchen! Sie wollen mich wiederhaben. Auf Stammbasis.«

»Das ist ja großartig!«

Ein gedämpftes Brummen außerhalb des Bildes. Eine Männerstimme. »Wie viel Uhr ist es?«

»Halt die Klappe«, erwidert sie. »Das ist meine Freundin, ich rede mit meiner Freundin.« Dann grinsend an mich gewandt: »Du wirst das schon machen. Ich glaub an dich. Ich kann’s kaum erwarten, deine neuen Tittchen zu sehen.«

Ich gewöhne mich an das Gefühl, auf ihre Unterstützung zählen zu dürfen. Es ist wunderbar und seltsam, wie einem ein Unglück zu so unwahrscheinlichen Weggefährten verhelfen kann. Bee und ich wären uns in unserem normalen Leben höchstwahrscheinlich nie so nahegekommen. Aber ich bin fest überzeugt, dass wir, wie es in den Foren so schön heißt, BFFs sind: Breast Friends Forever. Und dafür bin ich mehr als dankbar. Definitiv ein Lichtblick. »Drück mir die Daumen.«

Mara kommt mit ihrem Kaffee zurück. Für mich gibt’s erst wieder welchen, wenn alles vorbei ist. Sie schiebt ein paar lose Strähnen unter mein Haarnetz. »Wie fühlst du dich?«

Ängstlich. Entschlossen. Stark. Traurig. »Bereit«, sage ich. »Ich fühle mich bereit.«

Sie nimmt meine Hand in ihre. Sie ist trocken und schwielig, die Nägel bis aufs Bett runtergekaut. Es fühlt sich an wie daheim.

Dr. Williams und Dr. Ho begrüßen uns herzlich. Ich habe beide vor einer Woche noch einmal zu einer letzten OP-Besprechung getroffen, als ich zur Vorabuntersuchung ins Krankenhaus musste: Messung der Herzströme, Blutabnahme, Schwangerschaftstest. Heute haben sie Arztkittel an und erkundigen sich, ob ich irgendwelche abschließenden Fragen hätte.

»Wie sehr wird es wehtun?«

»Jeder hat eine andere Schmerzschwelle«, antwortet Dr. Williams. »Aber Sie werden genug Medikamente bekommen, um sie in Schach zu halten.«

»Schon«, sage ich. »Aber wie sehr wird es wehtun?«

»Mach dir keine Sorgen, Lace«, meldet sich Mara. »Du wirst mindestens bis Silvester komplett mit Drogen vollgepumpt sein.«

»Aber meine Medikamente krieg ich trotzdem auch, ja?« Ich scherze, doch die Angst nagt an mir. Das hier passiert wirklich. Das hier ist real. Ich bin nervös und latent panisch. Aber ich bin auch dankbar. Dankbar, dass diese klugen, netten Ärzte in der Lage sind, mir ein Gefühl von Kraft und Stärke zu vermitteln, in einer Situation, die mich völlig schwach und hilflos macht. Ich möchte das gerne zum Ausdruck bringen, doch alles, was ich zustande bringe, ist ein: »Danke schön.«

Dr. Ho lächelt. »Bereit?«

Mir ist gar nicht bewusst, dass ich meine Brüste festhalte, bis ich in den OP-Saal gerollt und zum Tisch geführt werde. Der Raum ist heller erleuchtet als ein Drogeriemarkt um Mitternacht und arschkalt. Meine Nippel sind hart und empfindlich, und ich will gar nicht erst darüber nachdenken, wie sie sich anfühlen werden, wenn ich aufwache. Alle um mich herum sind beschäftigt und bewegen sich in einem durchchoreografierten Ballett aus Checklisten und festen Abläufen. Kein Geplänkel mehr, nur noch reiner Ordnungssinn. Ein paar Frauen in den Foren haben erzählt, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits ein leichtes Beruhigungsmittel verabreicht bekommen hätten, irgendwas, das einem das Gefühlt gibt, als hätten sie ein paar Gläschen Wein zu viel intus, doch ich bin stocknüchtern. Ich wünschte, jemand hätte mir eins übergebraten, sobald ich ins Krankenhaus kam. Ich will nichts von all dem hier bewusst mitkriegen.

Was ich auch nicht mehr lange werde.

Ein Infusionsschlauch in meinem Arm. Die supernette Anästhesistin macht Small Talk über weiß Gott was.

Die Lichter über mir sind so grell. Alle lächeln.

Kaltes Brennen in meinen Venen. Und jetzt … schwebe ich. Herrlicher Sonnenschein, warme Sommertage. Ich zähle von zehn rückwärts.

Neun.

Acht.

Sie… sieben …

• • •

Meine Mutter – die tatsächlich Meryl Streep ist – und ich shoppen BHs in einem riesigen Kaufhaus. Die einzigen BHs, die ich finde, haben alle die falsche Größe und absurde Farben: Neongelb, Limettengrün.

»Aber wo sind sie denn?«, frage ich immer wieder, während ich mich durch die endlosen, chaotischen Kleiderständer wühle. »Wo sind meine Brüste?«

»Hier«, erwidert Meryl/Mom. Sie streckt mir Maras Fotoalbum hin.

Erleichterung. Ich nehme es.

In der Umkleide ziehe ich den Vorhang einer Kabine beiseite. Donald Trump ist schon drin und probiert meine BHs an. Er blickt verlegen drein und bedeckt seine Brust. Seine Hände sind sehr, sehr klein. Ich bin so wütend. »Ich hasse Sie!«, brülle ich. »Ich hasse Präsident Trump!«

Jemand versucht, mich zu beschwichtigen, während ich weiter auf ihn einbrülle.

• • •

Ich kann nichts sehen. Schwarze Gaze über meinen Augen. Dann erkenne ich ein Krankenhauszimmer. Ein Fenster. Ich ächze.

Eine Unterwasserstimme, die ich nicht erkenne. »Wird schon, Süße. Alles ist gut.«

Ich werde von irgendwas nach unten gezerrt, das so mächtig ist wie der Ozean. Meine Augen zu öffnen ist ein übermenschlicher Kraftakt. »Mom?«

Jemand ganz nah bei mir. »Willst du ein bisschen Ginger Ale, Kleines?«

Erst nachdem ich mich übergeben habe, wird mir bewusst, dass ich etwas getrunken habe muss, weil ich durstig und mir speiübel war. Die Zeit ist ein einziges Durcheinander. Jemand wischt meinen Mund ab, sagt: »Ist schon okay, Süße. Es ist alles in Ordnung.«

Ich nuschle irgendwas wie: »Fühl mich … scheiße …«, und dann umhüllt mich der Ozean.

• • •

Das nächste Mal, als ich aufwache, wache ich wirklich auf. Ich liege in einem Krankenhausbett in einem schwach erleuchteten Krankenhauszimmer. Schlüsselwort: Krankenhaus. Zu meiner Linken ein leeres Bett, zu meiner rechten schnarcht eine ältere Latina leise vor sich hin. Draußen Dunkelheit. Ein Elefant auf meinem Brustkorb, ein kolossaler Druck, der ihn nach innen drückt. Meine Rückenmuskulatur brüllt vor Schmerz. Ich bin eingepackt wie eine beschissene Mumie.

Mara sitzt zusammengesunken in einem Sessel am Fußende meines Betts. Als ich versuche, mich zu rühren, schnellt ihr Kopf hoch. Ihr Gesicht ist so vertraut. Es ist wie ein Blick in den Spiegel. Es treibt mir beinahe die Tränen in die Augen.

»Hey, da bist du ja.« Schon ist sie bei mir, das Gesicht geflutet von Erleichterung. »Willkommen zurück.«

Meine krächzende Antwort klingt nach einem Sumpfmonster, dem man lieber aus dem Weg gehen sollte.

»Bereit für einen Schluck?« Ein Plastikbecher mit Wasser.

Ich leere ihn mit großen Zügen. »Wie spät ist es?«

»Ungefähr sieben. Luna und Steph sind gerade los, um Kaffee zu holen. »Wie fühlst du dich, meine Kleine?«

Eine Kanüle in meinem Arm. Meine Brust fest mit Bandagen verschnürt, ein Kompressions-BH, Schläuche überall. Es fühlt sich nicht wie mein Körper an. Es fühlt sich nach überhaupt gar nichts an. »Wie ist es gelaufen?«

»Perfekt«, sagt Mara. »Sie waren recht schnell fertig. Alles ganz so, wie es sein sollte.«

Nicht wirklich. Es ist einfach nur alles, wie es ist.

Sie schlüpft aus der Tür, um einer Pflegekraft Bescheid zu geben, dass ich zu mir gekommen bin, als Steph und Luna mit einem Papptablett voller Kaffeebecher hereinkommen. Ihre Gesichter erstrahlen, als sie mich sehen. »Sie lebt!«

Meine Freundinnen. Ich bin froh, sie zu sehen, aber auch angespannt. Ich bin absolut nicht in der Lage, sie zu unterhalten.

»Wie geht es dir?« Stephs Atem riecht nach Espresso.

»Toll.« Ich versuche es mit einem Lächeln, doch es wird kaum mehr als eine Grimasse.

»Nur, damit du es weißt: Du hast vorhin definitiv ziemlich krassen Scheiß von dir gegeben.« Steph gluckst. »Die ganzen armen Pfleger wegen Donald Trump zu beschimpfen. Köstlich.«

»Was?« Das war kein Traum? »Was habe ich gesagt?«

»Nichts«, sagt Luna, wobei sie Steph einen raschen Blick zuwirft. »Keine Sorge. Mach dir keinen Kopf deswegen. Du musst gerade nicht mal reden.«

Mara kommt mit einer Krankenschwester zurück. Ich versuche, mich auf ihre (einfachen) Fragen und (simplen) Anweisungen zu konzentrieren. Ich will nichts vergessen oder irgendwas versemmeln. Aber dann sehe ich, dass Mara, Steph und Luna ebenfalls aufmerksam zuhören.

• • •

Das Pflegepersonal inspiziert alles, was sich unter den Verbänden befindet. Ich habe weder die Energie noch den Wunsch, das Resultat schon zu sehen.

Mein dicker beigefarbener Kompressions-BH hat keine Träger, dafür einen Klettverschluss an der Brust, und umschließt meinen Körper wie ein Bandeau-Top. Er ist so robust, altbacken und unnachgiebig wie eine viktorianische Gouvernante. Darunter befindet sich ein fachmännisch gewickelter Verband. Zwei Drainageschläuche schlängeln sich aus den Nähten in meiner Haut, die Behälter an einem Gürtel befestigt, den ich um meinen Bauch trage. Jedes Mal, wenn ich mich bewege, schwappen und ziepen sie. Sie sind widerlich. Ich hasse sie vom ersten Tag an.

Ich hasse es auch, im Krankenhaus zu sein. Es gibt hier keine Ruhe. Ständig piepsen irgendwo Maschinen. Jedes Mal, wenn ich gerade dabei bin einzuschlafen, kommt jemand rein, um nach mir zu sehen. Auf eines der Schmerzmittel reagiere ich nicht gut und erbreche es in eine Nierenschale, die mir eine Pflegerin hinhält – eine sehr freundlich Pflegerin, aber nichtsdestotrotz eine mir unbekannte Fremde. Der Ernst und die Tragweite des Eingriffs werden mir mit voller Wucht bewusst. Und dennoch bereue ich ihn nicht. Ich bin froh, getan zu haben, was ich getan habe, doch dieser Teil des Prozesses ist schwerer, als ich dachte. Jede Minute fühlt sich an wie eine Stunde. Ich will einfach nur noch nach Hause, aber ich bin wirr und benebelt im Kopf. Völlig abgeschossen. Als die Reinigungsdame ein gerahmtes Foto von Mara und Storm umwirft, reagiere ich, als hätte sie mir gerade mitgeteilt, sie hätte sie beide umbringen lassen. »Neeeein!«, schreie ich hysterisch. »Neeeein!«

Ich bleibe zwei Nächte. Mein Passierschein nach Hause? Der Beweis, dass ich allein aufs Klo kann. Es ist nicht leicht, aber ich will verzweifelt von hier weg. Die Dame neben mir ruft im Schlaf nach jemandem namens José. Sie tut mir leid. José, wer auch immer das ist, muss weit weg sein. Meine Schwester weicht nicht von meiner Seite.

Mich zu Maras verbeultem alten Wagen zu schleppen ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens. Selbst nach einem großen Schuss Pethidin und zwei Percocets fühlt sich meine Brust an, als hätte sich jemand mit dem Küchenmesser dran zu schaffen gemacht. Ich lege ein Kissen über meinen Busen und halte den Sitzgurt von mir weg. Wir nehmen Nebenstraßen, meiden die Autobahn. Ich bin immer noch betäubt, nicht ganz da, weswegen ich erst an der Wohnungstür zum WG-Loft in Astoria bemerke, dass wir nicht vor meinem Studio in Williamsburg stehen. »Nein«, keuche ich in Maras Richtung, als sie die Tür öffnet. »Ich wohne hier doch gar nicht mehr.«

Das Loft ist sauber. Die Zeitschriften ordentlich gestapelt, die Decken zusammengelegt. Blasses winterliches Sonnenlicht fällt funkelnd durch makellose Fensterscheiben. Über dem Sofa ist ein Banner gespannt: Willkommen zu Hause, Lacey! Und etwas kleiner darunter: Wir lieben Dich und Deine neuen Brüste.

»Hi!« Es ist Steph, die sich die Hände an einer rosa Schürze abwischt, auf der in großen, schnörkeligen Buchstaben Vagitarian prangt. »Willkommen!«

Frische Blumen auf dem Sofatisch. Essen blubbert auf dem Herd, irgendwas schön Warmes, Herzhaftes.

»Mara und ich haben uns überlegt, dass du für ein paar Wochen eventuell dein altes Zimmer wiederhaben willst«, sagt Steph. »Wir teilen uns die Miete für den Monat. Auf die Weise kann Mara mit Storm in deiner Wohnung übernachten.«

»So können wir uns abwechselnd um dich kümmern«, erklärt Mara und lässt meine Krankenhaustasche auf den Boden plumpsen. »Wir dachten nur, es wäre etwas komfortabler als deine Bude, die, na ja, du weißt schon, eine räumliche Herausforderung ist.«

Stapelweise Kissen und Feuchttücher. Eine Schnabeltasse. Der La-Z-Boy-Sessel, die Fernbedienungen. Alles ist vorbereitet. Für mich.

Ich glaub, ich muss gleich heulen.

»Oder auch nicht«, wirft Steph beunruhigt ein. »Liegt ganz bei dir. Wir können definitiv auch zu Plan A zurück …«

»Nein, nein.« Meine Augen quellen über. »Das ist … Ihr Mädels seid …« Tränen strömen mir über die Wangen. »Entschuldigt, das sind die ganzen Medikamente. Ich bin einfach nur sehr gerührt«, erkläre ich und fange prompt richtig an zu flennen.

Steph und Mara treten zu einer unbeholfenen Dreier-Umarmung-mit-Schultertätscheln näher, wobei sie eine Handbreit Luft um meine Brustregion herum lassen.

»Und jetzt komm«, sagt Steph. »Lass es uns dir gemütlich machen.«

Ich humple über sauber geschrubbte Holzdielen. Ich glaube nicht, dass sie je zuvor feucht abgewischt wurden.

»Hoffe, es wird nicht zu komisch für dich, in Coops Bett zu schlafen«, sagt Steph.

Sie weiß es noch nicht. Ich stoße ein schräges, leises Lachen aus. »Wir sind quasi darüber hinweg. Ich erzähle es dir später.«

Das Futonbett ist ordentlich gemacht und mit Kissen überhäuft. Ich werde aufrecht sitzend schlafen müssen. Noch mehr Blumen auf dem Schreibtisch. Und eine kleine Ledertruhe.

»Er hat dir was geschickt«, sagt Steph und deutet darauf. »Ein Geschenk. Meinte, du würdest es schon verstehen.«

Ich klappe den Deckel der Truhe auf. Darin sieben ledergebundene Bücher. Obenauf eine Notiz:

Lass das Abenteuer beginnen!
NC

Selbstverständlich hat mir Cooper die gesamte Harry-Potter-Reihe geschickt.

Zum ersten Mal, seit ich mein Bewusstsein wiedererlangt habe, lächle ich.

58.

Rückenkratzer. Keilkissen. Geknöpfte Flanellherrenhemden. Trinkhalme mit Knick. Danket dem Herrn für Knicktrinkhalme. Eine meiner neuen Geheimwaffen, wenn es um mein postmastektomisches Leben geht.

In den Tagen, direkt nachdem meine Brust sich freiwillig für mein Wohl opferte, bin ich eine einzige Katastrophe. Ich fühle mich, als hätte mich ein Lkw gerammt. Selbst tief einzuatmen tut weh. Ich schlafe viel. Weine ein bisschen. Versuche, Harry Potter zu lesen, doch selbst das ist zu anstrengend für mein benebeltes Hirn. Ich kann fernsehen, aber auch nur dann, wenn die Leute auf dem Bildschirm den IQ einer Mango haben. Mein Körper ist ein verwüstetes Schlachtfeld nach einem blutigen Kampf und immer noch in der hysterischen Was-in-Gottes-Namen-hast-du-bloß-getan!-Phase. Ich versuche, ihm gut zuzureden – all dies sei nur zu seinem Besten, dass es aus Liebe und Umsicht getan wurde, doch mein Körper will davon nichts hören. Bewegungen jedweder Art sind mehr als grauenvoll. Der Schmerz ist anders als irgendwas, das ich je erlebt habe: grausamer, blitzartiger, tiefer Schmerz. Mein gesamtes Leben kreist um meinen Medikamentenplan. Ich habe ein Fläschchen mit hundert verschreibungspflichtigen Percocet-Pillen neben der Mikrowelle stehen. Ich komme mir vor wie Mick Jagger.

Steph leert die zwei Drainagen, die mein blassrosa postoperatives Sekret auffangen (mein Körper ist immer noch darauf eingestellt, Gewebe mit Flüssigkeit zu versorgen, das nicht mehr da ist). Es soll mit der Zeit heller und weniger werden. Sie führt Buch, und zwar mit der Sorgfalt eines Polizisten beim Observieren: Samstag, 8. Dezember, 12:35 Uhr, linke Seite 20 ml, rechte Seite 22 ml. Zielperson nach wie vor motzig und ein bisschen müffelnd.

Ich kann nicht duschen, bis sie mir die Drainagen gezogen haben. Meine Schwester wäscht mich mit großen Feuchttüchern wie so ein Riesenbaby. Nachdem ich eine ganze Sprühdose Trockenshampoo aufgebraucht habe, bietet sie an, mir die Haare in der Badewanne zu waschen. Die gesamte Mission erinnert an einen Elefanten, der durch die Luft gehievt wird. Doch als ich erst einmal sitze, den Hinterkopf über den Rand der alten Badewanne gebeugt, und meine Schwester anfängt, warmes Wasser über meine Kopfhaut zu gießen, entspanne ich mich allmählich. Mara massiert nach Orangen duftendes Shampoo in mein fettiges Haar. Keine Geräusche bis auf die ihrer Finger. Ich schließe die Augen. Ich liebe es, wie nah sie mir ist. Wie sanft sie ist. Ich wünschte, sie könnte das jede Woche bei mir machen.

Ein leises Schniefen. »Mara?« Ich blicke auf. »Was ist?«

Sie wischt sich die Nase an ihrer Schulter ab. »Nichts. Die Gefühle gehen mit mir durch.«

»Wegen was denn?«

Sie schweigt eine Weile. Als sie spricht, ist ihre Stimme ganz zart. »Wegen dir.« Ihre Finger graben sich weiter langsam und sanft in meine Kopfhaut.

Ich kuschle mich etwas näher an meine Schwester und lasse mich von ihr umhegen.

Endlich bin ich bereit, sie zu sehen. Meine neuen Brüste mit den Implis – der Spitzname, den Silikonimplantate in den einschlägigen Foren bekommen. Ich warte, bis Mara, Steph und Luna daheim sind. Vor dem großen Spiegel in Stephs Zimmer entfernen wir den Kompressions-BH und ziehen vorsichtig die Mullbinden ab. Ein Teil von mir hofft auf ein Weihnachtswunder: zwei perfekte Brüste, keine Narben, noch besser als die Originale, mit hundertprozentigem Empfindungsvermögen. Doch das, was ich zu sehen bekomme, lässt mich beinahe würgen. Meine gesamte Brust ist geschwollen und blutunterlaufen, eine grässliche Farbpalette aus Gelb, Pink und Lila. Kein bisschen wie Lunas perfekte Ausstellungsstücke. Ich versuche, nicht in Panik zu verfallen, und reiße stattdessen einen Witz. »Ich sehe aus, als hätte ich einen Kampf hinter mir. Einen erbitterten Tittenkampf.«

»Das wird sich irgendwann alles legen«, sagt Luna, die eingehend meine Brust in Augenschein nimmt. »Beide Narben sehen super aus.«

»Wirklich?«, frage ich. »Bist du sicher?«

Sie nickt bestimmt. »Sobald sich die Fäden auflösen, wirst du sie kaum noch erkennen können.«

»Es ist nicht so schlimm, wie ich dachte«, sagt Mara mit kritischem Stirnrunzeln. »Die Form sieht gut aus. Ich meine, sie sind nicht ganz gleich. Aber trotzdem, nicht übel.«

»Sind sie irgendwie schief?« Ich drehe mich um fünfundvierzig Grad. Ich fühle mich kein bisschen verlegen, dass die Mädels meine Implis begutachten. Sie fühlen sich nicht an wie ein Teil von mir. »Ich finde, sie sind schief.«

»Ich finde nicht«, erwidert Steph. »Im Ernst, Lace, ich glaube, du hast da ein Paar Hammertitten.«

Sie sind immer noch viel zu wund, um sie mit den Fingern abzutasten, aber hoffentlich hat Steph recht.

• • •

Cooper schreibt mir jeden einzelnen Tag. Manchmal kurze und witzige, manchmal lange und tiefgründige Nachrichten. Manchmal sind es Fotos von seinem Büro in der Stadt, von seiner neuen Wohnung in Kreuzberg, oder ein Gedicht oder ein Link zu irgendetwas, bei dem er an mich denken musste. Sein neuer Job gefällt ihm und er liebt Berlin. Jedes Mal, wenn sein Name auf meinem Display erscheint, glüht meine Brust warm auf. Es ist eine kurze, erleichternde Erholungspause von dem lang anhaltenden, drückenden Schmerz. Doch mein Kopf, vielleicht auch mein Herz, funktioniert nicht gut genug, um mit der gleichen Häufigkeit zu antworten. Ich danke ihm für die Bücher und sage ihm, dass ich ihn vermisse, aber das war’s auch schon. Irgendwie weiß ich, dass er es mir nicht übel nimmt, dass er nicht jeden Tag von mir hört. Irgendwie weiß ich, dass er bereit ist, auf mich zu warten.

• • •

Als Vivian mich besucht, bringt sie ein paar Salate von Sweetgarden mit, um uns eine Pause von Stephs käse-und-kohlenhydratlastigen kulinarischen Kreationen zu gönnen. In meinem Nest aus Kissen und Decken und dem gedämpften, gemütlichen Licht fallen ihre schwarze Lederhose und der katzenhafte Eyeliner komplett aus dem Rahmen. Aber es stört mich nicht. Es erinnert mich daran, dass es da draußen noch ein anderes Leben gibt, das auf mich wartet.

Es ist ein kurzer Besuch. Ich habe das Durchhaltevermögen eines Säuglings, und die Stimmung zwischen uns ist immer noch etwas angespannt. Doch als sie schon gehen will, dreht sie sich noch einmal um. »Ich habe gerade erst erfahren, dass die Schwester meiner Schwägerin BRCA-Trägerin ist.«

»Scheiße«, sage ich, da die Medikamente mich ganz besonders eloquent machen.

»Ja, verrückt, oder?« Viv zuckt die Achseln. »Ich dachte nur, wenn du so weit bist, könntest du vielleicht mit ihr reden?«

»Klar«, sage ich. »Natürlich.«

»Sie ist echt jung. Gerade mal zwanzig. Meine Mutter meint, dass sie am Ausflippen ist.« Vivian schultert ihre Tasche. »Ich glaube, es wäre gut für sie, andere Leute zu treffen, die das Gleiche durchgemacht haben.«

»Absolut.« Ich denke dabei an Luna, Bee und all die endlosen Stunden in den Internetforen. »Mir hat es wirklich geholfen.«

• • •

Später grüble ich noch darüber nach, während ich ziellos durch Instagram scrolle. Perfekter Avocadotoast, Sonnenuntergänge über Skylines, #makeupfree-Selfies von Frauen mit makelloser Haut. Mein eigener Feed ist genauso sorgfältig durchkomponiert: ein Marshmallow-Butterkeks-Sandwich vor einem knisternden Feuer, ein hübscher Stapel alter Bücher. Seit der OP habe ich nichts mehr gepostet. Ich verweile bei meinem Foto von Toms und Peters Hochzeit: Viv, Steph und ich, gemeinsam grinsend, vom Licht der Nachmittagssonne geflutet. Beste Freundinnen für immer, ohne eine einzige Sorge in der Welt. Ha.

Die letzten paar Tage habe ich Bee eine kontinuierliche Reihe von Selfies geschickt. Ich finde eines vom Tag meiner OP: Ich stecke in meinem Einwegbademantel, das Haar in einem Papiernetz. Ich mache das Peace-Zeichen und gucke trottelig in die Kamera. Ich tippe:

Vor vier Tagen entschied ich mich, eine PBM durchführen zu lassen, was, wie alle hippen Kids heutzutage wissen, #ProphylaktischeBeidseitigeMastektomie heißt, weil ich #BRCA1-positiv bin (googelt es, ihr Nerds). Ich lächle, weil ich wusste, wenn ich aufwache, werde ich ENDLICH frei von der Angst sein, wie meine Mom Brustkrebs zu kriegen – die Krankheit, die ihrem Leben mit 31 ein Ende setzte. Aber in Wirklichkeit hatte ich Angst. Ich habe dieses Jahr viel Zeit damit verbracht, diese Angst vor der Welt zu verstecken, und das gab mir das Gefühl, vollkommen isoliert zu sein. Falls du auch ein BRCA1-Babe bist: DU BIST NICHT ALLEIN. #Implis #ichrettemeineigenesscheißleben.

Ich markiere noch das New York Cancer Care Center und ein paar andere Hilfsorganisationen, auf deren Foren ich mich herumtreibe. Ich poste es. Fünf Minuten später schlafe ich schon tief und fest.

• • •

Als ich aufwache, ist Mara da. Wir vertrödeln den Vormittag mit den Kardashians und ihren ach so perfekten Hintern. Erst als Steph am Spätnachmittag von der Uni-Bibliothek heimkommt und mir sagt, wie sehr sie meinen Post liebt und wie stolz sie auf mich ist, kehrt dumpf die Erinnerung wieder.

»Oh ja«, gähne ich. »Da war doch was.«

Sie lässt ihre Taschen auf den Boden plumpsen. »Du hast es nicht gesehen?«

Ich habe achtzig neue Follower. Und noch mehr Kommentare: Go, girl! Wir sind bei dir ! und Wie fühlst du dich? Ich stehe kurz davor, das Gleiche durchzumachen! und Hi aus Tokio, auch BRCA1, auch meine Mom verloren.

Twitter-DMs von Schulfreunden. Nachrichten von Arbeitskollegen. E-Mails von Kunden. Eine Welle der Überraschung, Neugier und Unterstützung.

Ich starre Steph mit offenem Mund an.

Sie sieht aus, als würde sie jeden Moment vor Stolz platzen. »Ich finde es einfach nur so super«, sagt sie, »dass du dich endlich an deine Community wendest.«

Community? Ich scrolle durch die Kommentare: Geschichten von Frauen mit der gleichen Diagnose, dem gleichen Aktionsplan. Den gleichen Verlusten. »Tja, dann bin ich wohl wirklich Teil einer Community.« Mein Blick bleibt am letzten Post hängen, der vor nicht mal sechs Minuten hinterlassen wurde: BRCA1 in Ohio. Verängstigt/allein/verwirrt. Danke für deinen Post.

Das war doch ich. Verängstigt, allein und verwirrt.

Und einfach so ist Lacey Whitman zurück auf Instagram. Aber mit einem ganz neuen Konzept.

Radikale Ehrlichkeit.

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Steph setzt einen Essenslieferungsplan für meine Freunde auf, um mir Mahlzeiten zu spenden. Das hier ist New York – niemand wird einen herzhaften Auflauf backen, aber den Kaufen-Button bei seamless.com drücken, darin sind New Yorker richtig gut. Nun, da ich sozusagen aus dem stillen BRCA-Kämmerlein getreten bin, ist es mir egal, wer es weiß. Bee schickt Lasagne und eine Flasche Wodka. Ash schickt Chicken Wings und Buckeyes, die berühmten Erdnussbutter-Schoko-Bällchen aus Ohio. Camila und Cam schicken Sushi. Patricia schickt praktisch die komplette Speisekarte vom Le Coucou. Und ich poste fleißig weiter.

Ich poste ein Foto aus meinem Krankenhausbett, auf dem ich, trotz all meiner Schläuche, Verbände und des Medikamentennebels in meinem Hirn, ein zittriges Daumenhoch für Bee zustande bringe.

Ich poste ein Video von meinem ersten Gehversuch nach der OP, wobei ich mich in meinem labbrigen Flügelhemd wie eine alte Oma vorwärtsschiebe.

Ich poste einen Text darüber, dass Brustkrebs die weitverbreitetste Krebsform bei Frauen ist und wie wichtig es daher für jede Frau ist, ihren Körper und ihre Familiengeschichte zu kennen und sich frühzeitig untersuchen zu lassen.

In der Vergangenheit postete ich einfach nur Bilder mit Einzeilern oder Emojis drunter. Doch jetzt merke ich, wie ich ganze Absätze darüber verfasse, wie es mir geht und was ich durchmache. Ich beschönige nichts. Wenn ich mich dabei erwische, wie ich in schlechte Insta-Gewohnheiten zurückverfalle (beispielsweise meinen Genesungsprozess als »die perfekte Gelegenheit« beschreibe, »um alle drei Teile vom Paten noch mal zu schauen«), halte ich mich davon ab und sage die Wahrheit. Nämlich, dass a) ich nicht über die Aufmerksamkeitsspanne für neun Stunden komplexen Kinos verfüge und b) ich noch nie auch nur einen Teil vom Paten gesehen habe. Und jedes Mal, wenn ich das tue, bekomme ich so viele positive Rückmeldungen und eine Flut neuer Follower. Okay, daneben gibt es natürlich auch ein paar Spinner, die ihre einsamen Wichskommentare aus dem Kellerloch posten, und ein paar fehlgeleitete Freunde, die davon schwärmen, was für ein »Glück« ich doch habe, nagelneue Supermöpse spendiert zu bekommen (äh, nein … es war eine Amputation, auf die ich gern verzichtet hätte), aber zum Großteil spüre ich einfach nur die Liebe, die mir entgegenschlägt.

Ich weiß, dass ich das allein mit Mara und Steph im Rücken durchstehen könnte. Aber mit dieser Community von Previvor-Frauen aus buchstäblich der ganzen Welt in Kontakt zu kommen hat eine wirklich erstaunliche Wirkung. Kraftvoll. Bedeutungsvoll.

Es fühlt sich einfach nur so, so gut an.

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Zwei Tage vor Weihnachten fahre ich wieder zum NY3C, um endlich die Drainagen ziehen zu lassen. Es ist ein wichtiger Schritt in meinem Genesungsprozess. Sobald die Dinger draußen sind, kann ich selbstständig duschen und bin um einiges mobiler. Ich bin nach wie vor weit vom Normalzustand entfernt. Ich werde brutal schnell müde und neige dazu, unwillkürlich traurig zu werden. Ich muss immer noch auf dem Rücken schlafen, was etwas gewöhnungsbedürftig ist. Normalerweise würde ich niemals mit BH schlafen, doch mittlerweile kann ich mir nicht vorstellen, ohne ihn schlafen zu gehen, denn er vermittelt mir das Gefühl, dass die Implantate nicht außen auf meiner Brust sitzen, sondern sich tiefer nach innen bewegen, um Teil meines Körpers zu werden. Ich kann nach wie vor keine Türen aufziehen und ich muss meine Schulter oder meinen Fuß benutzen, um sie aufzuschieben. Wenn ich durch die Nachbarschaft laufe, halte ich meinen Arm vor meine Brust, wie einen Schild oder wie so eine Geistesgestörte.

Doch meine neuen Brüste verheilen. Ich habe mehr Bewegungsfreiheit. Ich muss nicht jedes Mal abwägen, wenn ich meine Arme hebe. Der Tag, an dem ich mich spontan nach oben strecke, um ein Päckchen Tee von einem hohen Regalfach zu angeln, ist ein unleugbarer Triumph. Und auch meine Aufmerksamkeitsspanne wächst. Als die Stadt sich mit weihnachtlichen Stechpalmenzweigen eindeckt (fa-la-la-la-la), schlage ich die Geschichte über einen kleinen Zauberer auf.

Zuerst sage ich mir, dass ich nur meine Zeit totschlage – die Winterabende sind dunkel und lang, vor allem für jemanden, der unter Hausarrest steht –, doch während das Jahr sich kriechend auf sein verschneites, matschiges Ende zubewegt, erwische ich mich dabei, wie ich immer wieder nach Hogwarts zurückkehre. Und das nicht nur, weil die Geschichte rein gar nichts mit prophylaktischen Brust-OPs zu tun hat. In Coopers alte Wolldecke gewickelt, heiße Schokolade aus seiner Cal-Bears-Tasse schlürfend, fühle ich mich dem Jungen nahe, in dessen ehemaligem Zimmer ich schlafe. An Silvester, als ich darauf bestehe, dass alle ohne mich ausgehen, komme ich zu dem Teil (Achtung, Spoiler !), wo Dumbledore stirbt. Ich muss heulen, und es sind nicht nur die Medikamente.

Mein Vater muss am Boden zerstört gewesen sein, als Mom starb. Ich kann mich an nichts davon erinnern – an seine Trauer oder wie überfordert er damit gewesen sein musste, seine Frau zu verlieren und plötzlich die Aufgabe überantwortet zu bekommen, seine zwei Töchter allein großzuziehen. Zum ersten Mal verspüre ich ein tiefes, schmerzhaftes Bedauern für Dad und alles, was er damals, vor all den Jahren, durchmachen musste.

Ich öffne Coopers Chatverlauf und tippe: Dumbledore

Minuten später eine Antwort: Fühl dich virtuell umarmt. Du fehlst mir, Lace.

Ich schreibe zurück: Du mir auch.

7.

Mein neues Kapitel der sexuellen Erkundungen beginnt mit einem Schnarchkonzert. Steph macht einer Industriemaschinenanlage Konkurrenz. Ich bin letztendlich über Nacht geblieben, unter dem Vorwand, dass die Fahrdienste auch immer teurer würden. Um ehrlich zu sein, wollte ich mich nur nicht allein dem Beginn dessen stellen, was meine letzten sechs Monate mit Naturbrüsten sein könnten. Es ist Viertel vor acht. Eine Uhrzeit, von der ich nicht wusste, dass sie samstags existiert, da ich normalerweise damit beschäftigt bin, einen gigantischen Kater auszuschlafen. Herzlich willkommen bei meinem neuen Ich.

Im Wohnzimmer stehen ausgeschlachtete Pizzakartons herum, weit aufgesperrt wie überdimensionierte Pappmäuler. Klebrige Rotweinpfützen trocknen am Grund der Gläser ein. Und da ist auch meine Liste. Im unerbittlichen Licht des Tages bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich das durchziehen kann. Oder warum es überhaupt so eine lebenswichtige Idee schien. Vielleicht ist es nur eine sexy Ablenkung von einem unsexy Problem. Vielleicht musste ich ja einen festen Entschluss in einer Angelegenheit fassen, die nicht ganz so krass ist wie ein Ja-klar-lasse-ich-mir-die-Brüste-wegmachen. Vielleicht wird es mir wirklich dabei helfen, eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht war ich auch nur notgeil. Ich mache mit meinem Smartphone ein Foto von der Liste und blicke mich nach irgendwas um, um den handschriftlichen Beweis zu beseitigen.

Das Rauschen der Klospülung.

Steph schläft.

Cooper.

Ich stürze auf das Whiteboard zu, um die Tinte mit meinen Fingern wegzuwischen. Es geht nicht. Mist, ich habe einen Permanentmarker verwendet. Schritte im Flur. Panisch versuche ich, die Tafel umzudrehen, doch sie klemmt, und da kommt auch schon Cooper mit schlafzerzaustem Haar und schiefer Brille hereingetapst. Er trägt nichts weiter als eine Snoopy-Pyjamahose und begrüßt mich mit einem: »Oh. Hi.«

Ich stehe wie ein Seestern vor dem Whiteboard und tue so, als würde ich mich strecken. »Morgen.«

»Wilde Nacht, was?« Er sammelt im Vorbeigehen ein paar leere Weinflaschen auf. Seine Bizepse wölben sich kurz. Für einen Nerd sehen sie überraschend … rund aus. Ein zarter Härchenflaum verschwindet unter dem Saum seiner Hose. Sein Bauch ist flach, sein Schlüsselbein so solide wie ein Gewehrlauf. Cooper geht so was von ins Fitnessstudio. Ich sabbere beinahe schon, doch er lächelt höflich. »Und, wie hast du dich entschieden?«

Ich drehe meinen Körper, um ihm zu folgen, während er das Zimmer durchquert. »Ich werde mir überlegen, eine Mastektomie machen zu lassen.« Ich sage es, als würde ich mit dem Gedanken spielen, meinen Fitnessklub zu wechseln.

Er bleibt stehen. Die gesittete Gastgeberfassade bekommt einen Riss. »Heilige Scheiße. Das ist aber heftig, oder?«

»Kann man so sagen.«

Er rückt seine Brille zurecht, sein Gesicht ganz aufgeregt vor Neugier. »Und wie fühlst du dich bei dem Gedanken?«

»Als bräuchte ich eine Runde Yoga … allein

»Was ist denn das?« Seine Augen bleiben an der Tafel kleben.

»Nichts.«

»Was ist es?« Blinzelnd kommt er auf mich zu, wobei er auf die Liste späht. »Versteckst du da etwas vor mir?«

Er stupst mich in die Rippen, und ich schnappe kichernd nach Luft. »Nein, nicht! Schau nicht hin!«

Ich versuche, ihn in die Küche zu zerren, aber er schiebt mich mit diesen superstraffen Bizepsen mühelos aus dem Weg. Ich kann nicht behaupten, ich würde es nicht genießen.

»Busen-Bucket-List.« Sein Gesicht macht eine ganze Palette ungewöhnlicher Grimassen durch. »Okay. Mein Samstagmorgen ist gerade um einiges interessanter geworden.«

Ich verschränke die Arme vor der Brust. Na schön. »Wohnbedingte Umstände haben dich hierhergeführt. Ich bin gewillt, dich mit den Informationen vertraut zu machen, wenn du versprichst, Stillschweigen zu bewahren.«

»Ich verspreche es.« Er zieht einen imaginären Reißverschluss zwischen seinen Lippen zu. »Ich bin äußerst vertrauenswürdig.«

Das stimmt wahrscheinlich sogar. »Setz dich.« Ich deute auf das Sofa. »Du bekommst jetzt den exklusiven Audiokommentar, damit es keine Missverständnisse gibt.«

»Lass mich nur kurz ein T-Shirt anzie…«

»Veto.« Ich schüttle den Kopf. »Immerhin entblöße ich mich hier gleich vor dir. Rein metaphorisch.«

»Du darfst es gern auch buchstäblich tun.« Er macht es sich auf dem Sofa gemütlich und überkreuzt die Arme. Wieder diese Bizepse. »Falls es dir bei deiner Liste hilft.«

Flirtet er etwa gerade mit mir? Oder ist das nur albernes Geplänkel? Die Augen hinter seiner Brille strahlen hell. Sie sind nicht ganz grün, auch nicht richtig braun, dennoch ist die Farbe nicht das Auffälligste an ihnen. Es ist die Intelligenz darin. Seine Mundwinkel verziehen sich zu einem beinahe verschmitzten Lächeln. Ich wette, in der Schule haben alle drauf getippt, dass er wahrscheinlich mal einen Podcast-Sender gründet.

Eine schlagfertige Erwiderung will mir nicht einfallen, daher drehe ich mich zur Tafel um, wobei ich mir gleichzeitig ganz dynamisch und ein bisschen dämlich vorkomme – irgendwo zwischen erfolgreiche Präsentation und Gewohnheitstrinkerin