Über das Buch

Als Zwölfjährige entkam Rain Winter nur knapp einem grausamen Entführer, der danach selbst Opfer eines kaltblütigen Mordes wurde. Viele Jahre später – Rain arbeitet inzwischen als Journalistin – stößt sie auf einen rätselhaften Fall, der auffällige Parallelen zu dem Mord an ihrem Entführer aufweist. Am Tatort hinterließ der Mörder ein rotes Kristallherz, das Rain allzu bekannt vorkommt – und auf einmal ist das dunkelste Kapitel ihrer Kindheit wieder beängstigend nah …

Über die Autorin

Lisa Unger ist eine amerikanische Thrillerautorin, deren Romane es in ihrem Heimatland regelmäßig auf die Bestsellerliste schaffen und vielfach begeistert besprochen werden. Auch international kann die Autorin mit ihren Thrillern große Erfolge verzeichnen, ihre Bücher erscheinen in 26 Sprachen, werden millionenfach gelesen und wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Lisa Unger lebt mit ihrer Familie an der Westküste Floridas.

LISA UNGER

DIE          
  TREUE
FREUNDIN

                                            Thriller

Aus dem Amerikanischen
von Anke Angela Grube

LUEBBE-Logo

 

In liebender Erinnerung
an meine wunderbare Großmutter

MILLIE MISCIONE

 

und meine großartige
liebe Agentin und Freundin

ELAINE MARKSON

 

»Denn was ist das Böse anderes als das Gute,

von seinem eigenen Hunger und Durst gequält?«

Khalil Gibran, Der Prophet

Gestern Nacht

Ich warte, weil ich nichts habe außer Zeit.

Vom ruhigen, dunklen Innenraum meines Autos aus beobachte ich die ruhige Nachbarschaft, drücke mich tiefer ins Polster. Herbst. Laub segelt durch die kühle Luft. Geschmacklose, gruselige Halloween-Dekorationen schmücken die Veranden und Rasenflächen, hängen von Bäumen – Skelette und Kürbislaternen, Hexen auf Besenstielen. Morgen ist Schule, also spielen keine Kinder Fangen mit Taschenlampen, kein spontanes Fußballmatch auf der Straße. Vielleicht machen Kinder das auch gar nicht mehr. Habe ich jedenfalls gehört. Sie sind jetzt alle iPad-abhängige Stubenhocker. Das ist die »neue Grenze« der Erziehung. Aber das wirst du besser wissen, als ich es vermutlich je tun werde.

In dieser Straße leben jüngere Familien. SUVs wurden eilig abgestellt, Basketball-Netze hängen in den Auffahrten, Fahrräder wurden auf den Rasen geworfen. Mittwochs warten die Wertstoff-Tonnen geduldig am Straßenrand, der Restmüll wird am Freitag abgeholt. Heute läuft ein Footballspiel. Ich kann es parallel auf drei Großbildfernsehern in drei verschiedenen einsehbaren Wohnzimmern verfolgen.

Doch das Haus, das ich beobachte, liegt im Dunkeln. Ein schöner silberfarbener Benz, der bald zwangsversteigert werden wird, steht in der Einfahrt. Es ist eins von diesen Autos – ein Traumwagen, ein Wagen für Aufsteiger, den man sich anschafft, wenn … Aber er hat seinem Besitzer ganz sicher kein Glück gebracht. Der Typ, den ich beobachte – er ist deprimiert. Ich erkenne es an seiner gebeugten Haltung, wenn er das Haus betritt oder verlässt, an den dunklen Ringen unter seinen Augen, dem gehetzten Blick.

Ich kann kein Mitgefühl für ihn aufbringen. Und ich weiß, dass auch du keine Träne um ihn vergießt. Ich würde wetten, dass du fast so häufig an ihn gedacht hast wie ich – obwohl du jetzt natürlich anderes im Kopf hast.

Ein älterer Mann führt seinen Hund spazieren, eine weiße Flauschkugel an einer dünnen Leine. Eigentlich überhaupt kein Hund, eher ein übergroßes Meerschweinchen. Ich lasse mich etwas tiefer in den Sitz sinken und bleibe reglos wie ein Stein. Den Mann habe ich in dieser Straße noch nie gesehen, und ich verbringe schon seit einer ganzen Weile die meisten Abende und Nächte hier. Er ist von seiner Routine abgewichen, hat vermutlich beschlossen, heute mal einen anderen Weg zu nehmen. Allzu große Sorgen mache ich mir aber nicht. Mein beiger Toyota Corolla ist absolut unauffällig, praktisch unsichtbar, so verbreitet ist das Modell, und die Fenster sind getönt (aber nicht zu dunkel). Solange er mich nicht sieht, eine einsame Gestalt auf dem Fahrersitz, die offensichtlich nichts Gutes im Schilde führt, wird der Wagen ihm überhaupt nicht auffallen.

Ich habe Glück. Er starrt auf das Display seines Handys. Er ist schon älter, nicht damit aufgewachsen, es erfordert also seine ganze Konzentration. Dieses Gerät ist wirklich das Beste, was Leuten passieren konnte, die unsichtbar bleiben wollen. Er geht direkt an mir vorbei, ohne auf das Auto, mich oder überhaupt auf seine Umgebung zu achten. Sogar der Hund ist abgelenkt, nicht neugierig, hat die Nase dicht am Boden. Schnüffel, schnüffel, schnüffel. Endlich sind sie weg, und ich bin wieder allein.

Die Zeit vergeht. Ich atme in die Nacht.

Hinter einem Fenster nach dem anderen wird es dunkel, nur ein paar wenige Lampen brennen noch. In Nummer 704 wohnt ein Schlafloser und in Nummer 708 eine Krankenschwester, die mittwochs und freitags gegen drei Uhr nachts nach Hause kommt.

Kurz nach zwei steige ich aus, schließe leise die Autotür und schultere meinen Rucksack. Ich bin ein Schatten, der durch die Schatten der Bäume gleitet und lautlos zum Haus huscht. Es bereitet mir keine Schwierigkeiten, das Schloss am Seiteneingang aufzubrechen – heutzutage kann jeder auf YouTube lernen, wie alles Mögliche geht. Ich betrete das Haus durch die unverschlossene Innentür. Aus der Garage in die Waschküche. Aus der Waschküche in die Küche – ein typischer Grundriss in den Vororten. Ich verharre einen Moment und lausche.

Ich habe sie immer noch im Ohr, weißt du, die Schreie ihres Vaters.

Ich würde wetten, dass es dir ebenso geht. Vielleicht hörst du in ruhigen Momenten, wenn du nachts im Bett liegst, wieder sein verzweifeltes Wehklagen. Ich stelle mir vor, wie deine Gedanken in den Gerichtssaal zurückschweifen. Dein Gesicht war angespannt, diese hilflose Mischung aus Wut und Trauer, die Nasenflügel bebten ganz leicht. Ich war auch da, obwohl du mich nicht bemerkt hast. Oder vielleicht doch. Manchmal frage ich mich, ob du weißt, wie nahe ich dir bin. Ob du mich spüren kannst.

Als das Urteil verkündet wurde, gab es diesen Moment, weißt du noch? Eine winzige Zeitspanne, in der die Information durch die Synapsen und Neuronen lief, einen Herzschlag lang, einen Atemzug. Ich sah, wie das bisschen Energie und Farbe, das ihr geblieben war, aus dem ausgemergelten Körper ihrer Mutter wich. Ich sah, wie ihr Vater zusammensackte, wie ihr Bruder das Gesicht in den Händen vergrub. Das gnadenlose Licht im Gerichtssaal, dieses hässliche weiße Sirren, wurde irgendwie noch greller. Und dann brach ein Tumult aus, Ausrufe und Schreie mit allen Nuancen von Verzweiflung, Ungläubigkeit, Wut. Ich hatte schon früher Ungerechtigkeit erlebt, wie du auch. Du kennst es, wenn sie wie Rauch aus den schwarzen Höhlen zwischen Tischen und Stühlen aufsteigt. Sie erhebt sich, groß und bedrohlich. Ich war schon immer da, scheint sie zu sagen, während sie über dir aufragt, riesenhaft, siegreich. Es bringt einen auf die Knie. In der Gegenwart von nichts sonst fühlt man sich kleiner oder machtloser.

Wenn wir jung sind, sind wir naiv genug, an Gerechtigkeit zu glauben. Wir werden dazu erzogen, an ein Ideal wie aus dem Comic-Heft zu glauben, in dem das Gute das Böse besiegt. Wir glauben, dass weiße Magie stärker ist als schwarze. Dass Verbrecher ihre Strafe erhalten und die Justiz stets gerechte Urteile fällt. Selbst wenn es scheint, als würde das Böse triumphieren – nein. Im letzten Moment sorgt eine kosmische Kraft auf die eine oder andere Art für den Sieg des Guten. Das wollen wir so gern glauben.

Aber so ist es nicht immer. Manchmal braucht es einen kleinen Schubs, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen.

Ich mache einen schnellen Rundgang durch das Haus, um sicherzustellen, dass alles so ist wie beim letzten Mal, als ich hier war. Die Einrichtung ist von Target, IKEA-Chic, weiß und taubengrau, markante Muster setzen Akzente. Es gibt eine Menge dieser Fotocollagen mit Wörtern wie LIEBE und TRAUM und FAMILIE. Ihre Eltern, lächelnd und wohlwollend, ihre Hochzeitsfotos – ein hauchdünner Schleier, ein Märchentraum –, eine Schar Nichten und Neffen mit Zahnlücken, ein Mädelsabend, Anstoßen mit rosa Drinks in Martini-Gläsern. Drei Kissen und weiche Wolldecken, Schnickschnack, dekorative Treibholz-Stücke, kunstvoll arrangiert. Sie war stolz auf ihr Heim, die Frau, die hier mal gelebt hat. Sie mochte es, wenn alles schön und gemütlich war. Jetzt ist alles von einer Staubschicht bedeckt. Ihr Zuhause riecht wie eine Müllkippe.

Als ich meinen Rundgang beende, verspüre ich einen Anflug von Traurigkeit ihretwegen. Sie war eine Frau, die alles richtig gemacht hatte. Sie befolgte alle Regeln, ging aufs College, bekam eine Stelle im Public-Relations-Bereich, heiratete, wurde schwanger. Hübsch war sie, und, allen Berichten zufolge, reizend und freundlich. Und siehe da. Ihr entzückendes Zuhause, ihre kleinen Träume, ihr unschuldiges Leben – alles leer, verrottend. Sie hätte etwas Besseres verdient.

Daran kann ich nichts ändern. Aber das hier ist das Zweitbeste.

Ich weiß, was du denkst. Was jeder denken würde. Wer bin ich, dass ich sagen könnte, ein Mann, der von zwölf Geschworenen für unschuldig befunden wurde, ist eindeutig schuldig? Und selbst wenn er schuldig ist, wer bin ich, dass ich der Vollstrecker seiner gerechten Strafe sein könnte?

Es ist wahr. Ich bin niemand. Aber ich wusste es.

Als Laney Markham als vermisst gemeldet wurde, hatte ich sofort ihren ach-so-gut-aussehenden Mann im Verdacht. Denn machen wir uns nichts vor: Dass ein Verbrechen von einem Fremdtäter begangen wird, ist eine statistische Anomalie. (Wir hätten beide ein, zwei Dinge zu dem Thema beizusteuern, nicht wahr? Aber statistisch gesehen stimmt es, da wirst du mir sicher beipflichten.) Die Vorstellung des Anderen, des Fremden, des Zerstörers, der in unser Haus eindringt, unsere Familie ermordet oder ein Kind entführt? So was kommt vor. Aber bei Weitem nicht so oft, wie ein Mann seine Frau umbringt. Oder ein Vater seine Tochter vergewaltigt. Ein Onkel seine Nichte sexuell belästigt. Solche Dinge schaffen es nicht immer in die Nachrichten. Warum? Weil es nichts Neues ist. Es ist die alltägliche Horrorshow des ganz normalen Lebens.

Also das war zum einen die »Es ist immer der Ehemann«-Schiene. Doch was es in meinen Augen besiegelte, waren seine Auftritte in den Morgenmagazinen der landesweiten Sender. Er machte die Runde, vorgeblich, um den Entführer anzuflehen, ihm seine schöne Laney unversehrt zurückzugeben. Hochgewachsen, attraktiv wie ein Filmstar – er war ein Naturtalent. Und die Moderatoren dieser Sendungen konnten gar nicht genug davon kriegen. Und Laney? Ebenfalls eine Schönheit. Eine von diesen jungen Frauen, die schwanger zum Anbeißen aussehen – sogar noch hübscher mit ihrem kleinen Babybauch, der glatten, rosigen Haut und dem seidigen Haar, das durch die Hormone voll und glänzend wirkt. Wenn das Ehepaar Markham weniger gut ausgesehen hätte, wäre das Medieninteresse viel geringer gewesen. Du weißt, dass das stimmt.

Jedenfalls, er trat vor die Kamera und fing an zu weinen, und ich meine, zu flennen. Steve Markham starrte direkt in die Kamera, während ihm die Tränen übers Gesicht liefen, und flehte den Entführer an, ihm seine Frau und sein ungeborenes Kind zurückzubringen. Eine beeindruckende Vorstellung.

Nur …

Männer weinen nicht so. Wenn ein Mann dermaßen von seinen Gefühlen überwältigt wird, dass er die Beherrschung verliert und zu weinen beginnt, bedeckt er sein Gesicht. Tränen bei einem Mann sind ein Verstoß gegen die kulturelle Norm. Zu weinen wie eine Frau? Das erfüllt ihn mit Scham. Also bedeckt er sein Gesicht. Daher wusste ich, dass Steve Markham seine Frau ermordet hatte. Er war ein Soziopath. Diese Tränen waren so falsch wie nur was.

Du erinnerst dich. Ich weiß, dass du dasselbe gedacht hast.

Das reicht aber nicht, könntest du einwenden. Ich kenne dich. Du befolgst die Regeln – oder zumindest hast du eine Art Verhaltenskodex. Doch wir wissen alle, dass es genug belastbare Beweise gab, um den Scheißkerl auf den elektrischen Stuhl zu bringen. Es waren seine Anwälte mit ihren Tricks: Sie warfen Zweifel auf dieses, sorgten dafür, dass jenes vor Gericht nicht zugelassen wurde, verwirrten die völlig perplexen Geschworenen mit komplizierten Handydaten. Dieser Satellit sagt, dass er zur Tatzeit da und da war, es also nicht getan haben kann.

Trotzdem warte ich normalerweise ein Jahr. Nur um ganz sicherzugehen. Ich beobachte und warte, ich recherchiere. Mindestens ein Jahr, manchmal sehr viel länger, wie du weißt. Ich wähle sie sehr sorgfältig aus. Ich überlege lange und gründlich. Weil es furchtbar wäre, sich zu irren. Das könnte ich nicht rechtfertigen. Es ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten kann. Wirklich. Denn ansonsten – was wäre ich?

Jedenfalls, meine alte Freundin, ich kann mit Genugtuung berichten, dass es seit dem Freispruch für Steve Markham nicht gut gelaufen ist. Er hat seinen Job verloren. Alle seine Freunde. Und seine Geliebte Tami, gleichzeitig sein Alibi – du erinnerst dich an sie, nicht wahr? Alles hing an der Aussage dieser farblosen Blondine aus Hoboken. Tja, sie hat sich von ihm getrennt. Aber das weißt du sicher alles schon. Wie ich dich kenne, hast auch du ihn im Auge behalten.

Wahrscheinlich weißt du nicht, dass er sich eine Weile in der Nähe von Tamis Wohnung herumtrieb, sie gestalkt hat. Ich dachte schon, wir würden ein Problem bekommen – dass ich handeln müsste, bevor ich bereit war. Aber Steve ist ein schlauer Junge. Vermutlich erkannte er, dass er nicht gut dastünde, wenn seine Freundin tot aufgefunden würde, weniger als ein Jahr, nachdem die Leiche seiner Frau in einem flachen Grab entdeckt worden war, wenige Kilometer von ihrem gemeinsamen Haus entfernt. Getötet durch zahlreiche Stiche mit der fünfzehn Zentimeter langen Klinge eines Sägemessers aus ihrer eigenen Küche. Ebenso wie ihr ungeborenes Kind. Er hörte schließlich auf, Tami zu verfolgen – die Frau, die davonkam.

Er wird das Haus verlieren. Letzten Monat wurde der Strom abgeschaltet. Das Wasser des Pools, in dem er, wie man annimmt, seine Frau ermordet hat, ist ganz grün und voller Algen. Sicher, er hat seinen Buchvertrag. Er machte die Runde durch sämtliche Talkshows. Diesmal gab er den unschuldigen, fälschlich angeklagten Mann, unermüdlich auf der Suche nach dem Mörder seiner Frau.

Er sei ihr untreu gewesen, gab er zu, grimmig und reuig. Es täte ihm leid. So furchtbar leid. Weitere Krokodilstränen.

Den Vorschuss hat er schnell durchgebracht. So viel Geld war es nun auch wieder nicht, kein Goldregen. Schließlich gingen noch die Provision für den Literaturagenten und die Steuer davon ab. Er hätte vielleicht damit auskommen können. Aber die Leute verstehen es nicht. Wenn man Geld nicht beschützt, ist es brennbar. Es geht in Flammen auf und weht davon wie Asche. Das Finanzamt ist hinter ihm her. Das System. Vielleicht hat es doch seine Möglichkeiten, einen zu kriegen, selbst wenn man sich zunächst durch die Ritzen gewunden hat.

Ich bemühe mich nicht, leise zu sein, als ich meine Tasche auspacke. Ich breite eine Plastikplane über dem Sofa aus und lege eine weitere vor die Tür, durch die er den Raum betreten wird, wenn er mich hört. Ich lege alles zurecht. Das Klebeband. Das Jagdmesser. Ich trage eine Pistole in einem Schulterholster, die leichte Beretta Px4 Storm Compact mit einem Ameriglo-Nachtsichtgerät und Talon-Gummigriff. Sie soll ihn nur dazu bringen, sich kooperativ zu verhalten. Wenn ich sie benutzen müsste, würde es auf einen Planungsfehler meinerseits hinauslaufen. Aber es gibt immer Faktoren, die man nicht einkalkuliert hat.

Er ist aufgewacht. Als er vorsichtig das vordere Zimmer betritt, sitze ich auf einem der billigen Ohrensessel am Fenster. Er ist nicht bewaffnet. Ich weiß, dass keine Waffen im Haus sind. Unter dem Bett lag ein Baseballschläger. Vielleicht hat er gedacht, dass eines Tages Laneys Bruder oder ihr Vater auf ihn losgehen würde. Aber der Schläger ist nicht mehr da. Er liegt im Kofferraum meines so leicht zu vergessenden, unauffälligen Wagens.

»Hallo, Steve«, sage ich ruhig und beobachte, wie er zurückweicht. »Setzen Sie sich.«

»Wer sind Sie?«

Ich betätige den lackierten Schlitten, der eine neue Patrone ins Patronenlager befördert, und sehe, wie er erstarrt. Es ist ein Geräusch, das jeder erkennt, selbst wenn nie zuvor eine Pistole auf einen gerichtet wurde.

»Auf das Sofa.«

Die Plastikplane zerknüllt unter seinem Gewicht, und er fängt wieder an zu heulen. Diesmal sind die Tränen echt.

»Bitte.« Seine Stimme ist kaum zu verstehen vor Angst und Reue.

Aber höre ich auch Erleichterung heraus?

Wir alle glauben die Geschichte, dass Betrüger nie gewinnen, dass sie immer zur Rechenschaft gezogen werden. Sogar die bösen Jungs glauben daran.

Ist es nicht so, meine alte Freundin?

1

Es war nur ein Pieps, ein kaum hörbares Krähen. Aber Rain riss die Augen auf, lag im Morgengrauen da und lauschte. Das Zwielicht und ein leichtes Blubbern von Übelkeit im Magen verrieten ihr, dass es viel zu früh war. Es würde noch Stunden dauern, bis der Wecker klingelte.

Jetzt ein Stöhnen, ganz schwach.

Schlaf wieder ein, flehte sie stumm. Sie vergrub den Kopf in den Kissen und zog die Bettdecke höher. Bitte, Baby.

Jetzt ein Schluckauf, fast schon ein Quengeln.

»Lass sie.« Schlaftrunken legte Greg den Arm um ihre Taille und zog sie an sich. »Sie beruhigt sich schon von selbst.«

Nein. Würde sie nicht. Das konnte Rain schon sagen. Draußen lärmten die Vögel. In der Eiche auf dem Rasen nisteten zwei Stare, die den ganzen Tag munter zwitscherten; in der frühen Morgendämmerung legten sie los. Es war süß, ein entzückendes Detail ihres häuslichen Lebens. Bis es das nicht mehr war.

Jetzt zwei schnelle, schwache Laute aus dem Babyfon auf dem Nachttisch. »Äh – äh.«

Sie stemmte sich hoch, den Kopf voller Watte, in ihrem Magen rumorte es. Es war gerade einmal zwei Stunden her, dass sie Lily gestillt hatte. Wachstumsphase.

Greg regte sich. »Ich hol sie.«

»Nein.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. »Schlaf noch ein bisschen, bevor du zur Arbeit musst.«

Mit einem Aufseufzen zog Greg die wohlig weiche Bettdecke enger um sich.

Über das Babyfon hörte Rain die Kleine ebenfalls seufzen. Dann Lilys leise, gleichmäßige Atemzüge, wie Meeresbrandung. Sie griff nach dem Gerät und schaltete den Bildschirm ein. Ein vollkommener kleiner Cherub schwebte auf einer Wolke, daneben lag ein weißer Teddybär. Ein kleiner Burrito in ihrem flauschigen Strampelsack. Ein wilder Schopf roter Haare. Doch nein, nicht rot – es war weiß und golden, mit kastanienbraunen und orangeroten Glanzlichtern. Das Haar einer Märchenprinzessin. Und ihre Augen waren nicht etwa blau, sie waren saphirblau, himmelblau, meergrün.

Ihr Töchterchen war ein Engel, oder nicht? Unsagbar schön und süß. Mach dich bereit für die größte Liebe deines Lebens, hatte Andrew, ihr Chefredakteur, geschwärmt, als sie verkündet hatte, dass sie schwanger war. Tränen waren ihm in die Augen getreten, als er einen Blick auf das Foto seiner zehnjährigen Zwillingssöhne warf. Und natürlich hatte er recht gehabt. Diese Liebe hatte sie verändert, genau wie alle es vorhergesagt hatten. In vielerlei Hinsicht.

Aber ihr war auch vollkommen klar, dass ihr Kind versuchte, sie umzubringen. Ganz langsam. Mit einem anbetungswürdigen, glucksenden Lächeln und den beiden Mäusezähnchen.

Tod durch chronischen Schlafentzug. Keine Gnade.

Rain ließ sich aufs Bett zurücksinken und schloss die Augen. Aber ihr Kopf – ebenso manisch und zwitschernd wie ihre Nachbarn, die Stare – wollte nicht aufhören zu plappern.

Schließlich zog sie ihren Morgenmantel über und ging leise nach unten. Sie konnte ebenso gut die Zeit nutzen und etwas Bio-Babybrei pürieren und in diese perfekten Gläschen mit den blauen Deckeln füllen. Äpfel. Süßkartoffeln. Brokkoli. Es war fünf Uhr morgens, und sie kochte Brei.

Sie behielt die blubbernden Töpfe im Blick, während sie ihren Kaffee trank. Koffein. Gott sei Dank. Ohne Koffein hätte sie die letzten dreizehn Monate nicht überlebt. Als sie schwanger war, hatte sie darauf verzichtet, aber sofort nach der Ankunft von Lilian Rae war sie wieder zu ihrem geliebten Suchtstoff zurückgekehrt.

Sie ließ sich von dem Aroma wecken, ließ das magische Elixier durch ihren Körper strömen. Ihren Körper, der gerade wieder anfing, sich wie ihr Körper anzufühlen, nachdem sie versuchte abzustillen – auf das nicht sonderlich dezente Geheiß ihres Mannes hin. Greg war Anfang der Woche ins Kinderzimmer gekommen, als sie Lily in den Schlaf stillte. (Ja, ja. Sie wusste selbst, dass man Babys nicht in den Schlaf stillen sollte. Aber mal ehrlich. Welchen Vorteil sollte es denn sonst haben, ein menschlicher Schnuller zu sein?)

Er hatte zärtlich Lilys seidiges Haar berührt und dann Rain mit einem seltsamen Lächeln angesehen.

»Wie lange noch?«, hatte er geflüstert. Es war ihr Paarabend. Er hatte etwas Leckeres zu essen und eine Flasche Wein mitgebracht.

»Fünf Minuten?«

»Nein«, sagte er. »Ich meinte, wie lange willst du sie noch stillen?«

Sie hatte versucht, sich nicht vor Verärgerung anzuspannen, sondern weiter gleichmäßig zu atmen. Wenn die Mama sich aufregt, überträgt sich das aufs Kind. So einfach war das.

»Ich weiß nicht«, hatte sie knapp erwidert.

Es war einer dieser aufgeladenen Momente, in denen alles, was sich bei beiden aufgestaut hatte, mal wieder nicht ausgesprochen wurde. Stattdessen presste er die Lippen zusammen – er behauptete, dass dieser Gesichtsausdruck Enttäuschung zeige, sie deutete es als Missbilligung –, nickte kurz und verließ den Raum. Nachdem sie eine Weile vor Wut geschäumt hatte, löste sie das Baby von ihrer Brust und legte es behutsam in das Kinderbettchen.

Wie lange noch, hatte sie gedacht. Was für eine Frage soll das denn bitte sein?

»Ich will dich zurück«, hatte er am Tisch sanft gesagt und ihre Hand berührt. Er war doch kein Trottel, oder? Einer von diesen Männern, die dachten, der Körper einer Frau sei ausschließlich für ihre Lust da. »Sechs Monate hatten wir gesagt.«

»Ich will mich auch zurück«, hatte sie zugegeben.

Sie wollte gerne weiter stillen, sie liebte die Nähe zu ihrer kleinen Tochter, diese schönen, innigen Momente mit ihr. Aber sie wollte auch ihren Körper zurück, wollte sich wieder sexy fühlen. Wie es schien, war alles am Muttersein ein ziemlich komplizierter Gefühlswirrwarr, ein empfindliches Gleichgewicht zwischen Festhalten und Loslassen.

Und, mal ganz ernsthaft, diese Still-BHs? Manche waren ja ganz süß, aber die meisten wirkten eher wie Ausrüstungsgegenstände als wie Dessous. Sie hatte sich seit Ewigkeiten nicht mehr sexy gefühlt. Wie konnte man sexy, heiß, erotisch sein, wenn man sich nicht mal selbst gehörte?

»Also«, hatte Greg an dem Abend beim Essen gesagt. »Können wir einen Plan machen?«

Dank einer Google-Seite (Abstillen – so klappt das) gab es jetzt einen Plan. Morgens und mittags wurde zugefüttert. Was bedeutete, Rain konnte abends auch mal ein Glas Wein trinken und brauchte nicht mehr die Milch abzupumpen (auch diese sexy Still-Terminologie). Jedenfalls laut der Kinderärztin. Rain schwor sich, sich nie wieder diese Milchpumpe an die Brust zu legen. Lieber Gott, mit diesem Ding fühlte sie sich wie eine Kuh!

Sie spürte bereits, wie die Milchbildung nachließ. Ihre Brüste waren wieder kleiner geworden, vertrauter. Sie hatte sich hübsche neue, spitzenbesetzte Dessous gekauft, keine abklappbaren Cups in Sicht. Sexy? So kam sie sich noch nicht vor. Aber sie war auf dem Weg.

Sie schüttete das Kochwasser weg, pürierte das Obst und Gemüse und füllte es in kleine Gläser.

Sehr sexy.

Ihr gefiel der Anblick der aufgereihten Gläschen mit ihren fröhlichen blauen Deckeln im Kühlschrank, der gut gefüllt und aufgeräumt war. Alles war ordentlich und übersichtlich. Es lag Befriedigung darin. Sie führte den Haushalt mit einem sparsamen, minimalistischen Eifer. Sie kaufte ein, kochte und erledigte die tägliche Putzarbeit. Einmal die Woche kam die Putzhilfe für die größeren Arbeiten. Rain befüllte jeden Tag die Waschmaschine. Die Sachen für die Reinigung, hauptsächlich Gregs Bürokleidung, wurden dienstags und donnerstags abgeholt. Sie führte den Haushalt so, wie sie früher im Beruf gewesen war – akkurat und effizient.

Mit halbem Ohr hörte sie sich die Nachrichten aus ihrem Smartphone an, während sie die Quarz-Arbeitsfläche abwischte, obwohl sie bereits sauber war. Die Nachrichten waren schlecht, wie immer. Sie versuchte, sich nicht hineinziehen zu lassen, arrangierte die frischen Tulpen in der Glasvase neu, zog eine welkende Blüte heraus und füllte Wasser nach. Auf der grauen Vitrine im Shabby-Chic erspähte sie einen schmierigen Handabdruck. Sie wischte ihn ab. Mittlerweile fiel das Sonnenlicht durch die großen Fenster herein. Sie räumte ein paar von Lilys Spielsachen in den Weidenkorb und zog den flauschigen weißen Überwurf auf dem gemütlichen Ecksofa gerade, auf dem Greg und sie den größten Teil ihrer Zeit verbrachten, jetzt, wo sie Eltern waren – wer hätte geahnt, dass man so viel Fernsehen gucken konnte?

»… Markham, angeklagt wegen Mordes an seiner schwangeren Frau Laney Markham und freigesprochen, wurde heute am frühen Morgen tot in seinem Haus aufgefunden.«

Sie hielt abrupt inne, ein Pappbilderbuch in der Hand. Sie ging zu ihrem Smartphone und stellte den Ton lauter. Jetzt pulste nicht mehr nur das Koffein durch ihre Adern.

Die Stimme war ihr vertraut, und das nicht nur, weil Rain sich jeden Tag die Nachrichten im National News Radio anhörte, sondern weil die Sprecherin ihre engste Freundin und eine frühere Kollegin war. Und es war die Nachrichtensendung, bei der Rain früher Redakteurin gewesen war.

»Markham wurde im letzten Jahr von der Anklage freigesprochen, seine Frau erstochen zu haben. Die Verteidigung stützte sich stark auf Handydaten, die offenbar sein Alibi bestätigten, nämlich dass er sich zum Tatzeitpunkt außerhalb des Bundesstaates aufgehalten hatte, zusammen mit einer Frau, die sich später als seine Geliebte erwies. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Ich bin Gillian Murray, Sie hören das National News Radio.«

Fast konnte Rain ein wenig klammheimliche Freude aus der Stimme der Freundin heraushören. Mehr als ein Jahr lang hatten sie gemeinsam über den Fall berichtet, und beide waren sie niedergeschmettert gewesen, als Markham freigesprochen wurde. Es war auch niemand sonst wegen des Mordes an Laney Markham und ihrem ungeborenen Kind angeklagt worden.

Dieser furchtbare Justizirrtum hatte sie beide nicht losgelassen. Mit ohnmächtiger Wut hatten sie verfolgt, wie der Medienzirkus losging – das Erscheinen von Markhams Buch, die Talkshows, bei denen er die Runde machte und vorgab, unermüdlich nach dem Mörder seiner Frau zu suchen. Fast jeden Tag hatten sie sein Gesicht sehen müssen, und die Maske des zu Unrecht Beschuldigten war so falsch, so aufgesetzt, dass Rain nicht begriff, wie irgendjemand darauf hereinfallen konnte.

»Früher habe ich an Gerechtigkeit und die Justiz geglaubt«, hatte Gillian eines Abends gesagt, nachdem sie ein paar Gläschen zu viel getrunken hatten. »Das tue ich nicht mehr. Die Bösen gewinnen. Sie gewinnen ständig.«

Rain hatte versucht, sie aufzumuntern, aber wie hätte sie das gekonnt? Ihre Freundin hatte ja recht.

Sie schaltete die Nachrichten aus und starrte auf die Gläschen mit Babybrei. Alles um sie herum drehte sich, so wie früher, wenn sie eine Story witterte.

Jemand hatte Steve Markham umgebracht. Er war mit einem Mord davongekommen – bis jetzt. Tausend Fragen gingen ihr durch den Kopf. Wer, was, wann, wo? Warum? Die Sache berührte auch noch einen anderen Nerv.

Greg kam die Treppe herunter, in seinen Trainingssachen, einen Kleidersack in der Hand. Er musterte sie. Die besorgten Falten auf seiner Stirn verrieten, dass er bereits Bescheid wusste.

»Du hast das mit Steve Markham gehört?«, fragte sie.

»Es kam gerade per News-Update auf meinem Smartphone«, sagte er und rieb sich den Scheitel. Er legte den Kleidersack aufs Sofa und versuchte sich an einem Lächeln. »Ihr solltet darauf anstoßen, du und Gillian. Markham hat endlich das bekommen, was er verdient hat.«

»Wer war es, was meinst du?«, fragte sie.

»Das weißt du sicher besser als ich.« Seine Stimme war rauchig, weich. Sie hatte nie erlebt, dass er laut geworden wäre, in all den Jahren nicht, die sie jetzt zusammen waren. »Der Bruder. Der Vater. Der Kerl hatte keinen Mangel an Feinden.«

»Viele Leute stoßen Drohungen aus«, sagte sie. »Aber es ist etwas völlig anderes, jemandem das Leben zu nehmen. Selbst wenn derjenige es verdient hat.«

Sie schenkte ihm eine Tasse Kaffee aus der Cafetière ein und reichte ihm einen Apfel. Das war sein ganzes Frühstück vor dem Training. Während ihrer Schwangerschaft hatte er zugenommen. Doch er hatte alle Pfunde wieder verloren. Im Grunde war er heute besser in Form als damals bei ihren ersten Dates, die Armmuskeln stark und definiert, der Körper schlank. Von sich konnte sie das nicht behaupten. Neulich hatte sie versucht, sich in eine alte Jeans zu zwängen, was damit endete, dass sie weinend auf dem Bett lag. Hatte sie da je hineingepasst? Es schien unmöglich.

»Was denkst du?«, fragte er. Er schlang die Arme um sie und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Was geht in deinem Riesenhirn vor?«

»Es ist nur … sonderbar«, sagte sie. »Dass ihn jemand umbringt. Ein Jahr später.«

Er trat zurück, biss in den Apfel und trank einen Schluck Kaffee.

»Es ist ein guter Tag, wenn Leute das bekommen, was sie verdienen. Oder nicht?«, sagte er und strebte zur Tür. »Ein Psycho weniger auf der Welt.«

Warum fühlte es sich bloß nicht so an? Sie merkte, dass sie ein hohles Gefühl in der Magengrube hatte.

»Ich geh vor der Arbeit noch zum Training«, sagte er.

Schön für dich, dachte sie, behielt es aber für sich.

»Okay«, sagte sie stattdessen. »Meinst du, du kommst so früh zurück, dass ich heute Abend zum Sport gehen kann?«

Alles war mit einem leichten Unterton behaftet. Wer blieb zu Hause? Wer ging zur Arbeit? Wer hatte die Zeit, sich mit Freunden zu treffen und Hobbys nachzugehen? Sie bemühten sich beide, einander Zeit dafür zu verschaffen.

»Ich werd’s versuchen, Schatz«, sagte er. »Aber du weißt ja, wie das ist. Man kann nicht immer einfach gehen.«

Greg war Produktionsredakteur bei der Nachrichtensendung des lokalen Fernsehsenders. Lokalnachrichten.

»Stimmt«, sagte sie. »Es könnte eine Eilmeldung wegen des Schafschurfestivals am Wochenende reinkommen.«

Er warf ihr einen Blick zu. »Sei kein Nachrichten-Snob, Süße. Wir können nicht alle im landesweiten Radiosender über wichtige Kriminalfälle berichten.«

Er kam zurück in die Küche, zog sie noch einmal an sich, und diesmal küsste er sie auf den Mund.

Sie spürte, wie sie lächelte, und ihre Stimmung hellte sich ein wenig auf. Das hatte sie gleich an ihm geliebt, dass er nicht das aufgeblasene Riesen-Ego hatte, das bei männlichen Nachrichtenleuten gang und gäbe war. Wenn sie ihn aufzog, schmollte er nicht. Umgekehrt galt das nicht immer, wie sie sofort als Erste zugegeben hätte.

»Es war schön gestern Abend«, sagte er. »Du siehst gut aus, Rain. Du fühlst dich gut an.«

»Du auch«, sagte sie. Seine Lippen auf ihrem Nacken, seine Hand auf ihrem Rücken.

»Ich komm rechtzeitig nach Hause«, flüsterte er. »Ich versprech’s.«

Er trank seinen Kaffee aus und ging zur Tür.

Sie brachte ihn noch zum Auto. Es wurde Herbst, es war frisch und kühl. Ein scharfer Wind fuhr durch die Zweige, und sie zog den Morgenmantel eng um sich. Ja, sie war die Frau, die im Schlafanzug auf die Einfahrt hinausging. Na und?

Greg stellte seine Tasche auf den Rücksitz, kam zu ihr und legte ihr die Hände auf die Schultern. Das Leuchten seiner dunkelbraunen Augen, die kleine Narbe am Kinn, das wilde braune Haar, das sich nur zähmen ließ, wenn er es ganz kurz schnitt. Sie sah die Sorge in seiner gerunzelten Stirn, den zusammengezogenen Augenbrauen.

»Lass dich davon nicht runterziehen, ja?«

Sie brauchte nicht zu fragen, was er meinte. Der Markham-Fall. Es hatte sie arg mitgenommen, sie beide durcheinandergebracht. Der Mensch, der sie war, wenn eine Story ihr unter die Haut ging – sie war dann keine gute Ehefrau, keine gute Freundin. Eigentlich taugte sie zu gar nichts, außer dazu, die Geschichte zu erzählen, die sie erzählen wollte.

Aber das war früher gewesen – ein anderes Leben und sie eine andere Frau. Jetzt hatte sie Lily, jetzt war sie Mutter. Es gab nicht genug Raum für beide Teile ihrer selbst. Sie war klug genug, um das zu wissen.

Noch ein Kuss – sanft und vertraut, sein Duft war so tröstlich –, dann stieg er in ihren vernünftigen Hybrid-SUV und fuhr los. Sie sah ihm nach, und seine Worte hallten in ihrem Kopf nach.

Er hat bekommen, was er verdient hat.

Ihr Puls beschleunigte sich ein wenig, und die Übelkeit vom frühen Morgen kehrte zurück. Sie wollte Gillian anrufen, aber sie wusste, die Freundin würde noch eine ganze Weile nicht frei sein.

Als sie wieder ins Haus trat, begann Lily zu schreien. Und los ging’s.

Während Lily sicher in ihrem Hochstuhl saß und ihren Haferbrei löffelte, holte Rain ihren Laptop. Halb erwartete sie, dass er beim Aufklappen knarren würde wie die Tür eines verlassenen Hauses, dass die Tastatur von Spinnweben überzogen sein würde. Es war lange her, dass sie an Arbeit gedacht hatte.

Sie öffnete die Dateien über den Markham-Fall, die sie noch hatte, und fing an, ihre alten Notizen durchzugehen, sichtete die digitalen Bilder, die gespeicherten Internet-Links.

Früher hatte sie von Steve Markham geträumt, und in ihren Träumen hatte er die kalten gelben Augen eines Wolfs gehabt. Häufig saßen sie in ihren Träumen zusammen an einem langen Esstisch, auf dem Platten mit verdorbenen Speisen standen – überreife, aufgeplatzte Früchte, rote, hervorquellende Eingeweide und Samen auf dem weißen Tischtuch, verfaulendes Fleisch, von Fliegen umschwirrt, welkendes Gemüse, das dabei war, sich in Schleim zu verwandeln. Er hatte gelacht und seine scharfen Zähne sehen lassen. Und obwohl sie weglaufen wollte, war sie an ihren Sitz gefesselt und starrte ihn an, wie gebannt von seinem grässlichen Grinsen.

Nach seinem Freispruch hatte sie sich in Fantasien ergangen, ihn selbst umzubringen.

Doch die wilde Wut verging und hinterließ eine Art Leere. Eine schreckliche Müdigkeit des Geistes und der Seele.

Sie erinnerte sich an all das, als Lily ihren Nuckelbecher vor den Laptop auf den Tisch warf.

»Ma! Ma!«, krähte sie glücklich und wirkte sehr zufrieden mit sich.

Rain blickte über den Rechner hinweg auf ihre Tochter, Apfelbäckchen und wirrer Haarschopf, Gesicht und Lätzchen mit Haferbrei bekleckert.

»Du hast ganz recht, Häschen«, sagte sie, klappte den Laptop zu und hob den rosa Becher auf. »Lassen wir es los.«