Cover

Manfred Weinland, Alfred Bekker, Lars Urban

Großband Raumschiff Rubikon 4 - Vier Romane der Weltraumserie

Großband Raumschiff Rubikon 4 - Vier Romane der Weltraumserie

Manfred Weinland, Alfred Bekker, Lars Urban

Dieser Band enthält folgende Romane:


Manfred Weinland: Wahres Leben

Lars Urban: Der Gott der Nargen

Alfred Bekker: Verlöschende Sterne

Manfred Weinland: Die Negaperle



A M MORGEN EINER NEUEN ZEIT.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.

Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfredbooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Dieter Rottermund

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Raumschiff Rubikon 13 Wahres Leben

von Manfred Weinland

Am Morgen einer neuen Zeit.

Der Krieg zwischen den organischen und anorganischen raumfahrenden Völkern konnte im letzten Moment abgewendet werden. Die Menschen jedoch sind nach wie vor fremdbestimmt und als die Erinjij gefürchtet, die sich in ihren Expansionsbestrebungen von nichts und niemandem aufhalten lassen.

Abseits aller schwelenden Konflikte kommt es im Zentrum der Milchstraße zu einer von niemand vorhergesehenen, folgenschweren Begegnung.

Eine unbekannte Macht hat sich dort etabliert. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich um keinen "normalen" Gegner handelt. Die Bedrohung richtet sich nicht nur gegen die heimatliche Galaxie, sondern könnte das Ende allen Lebens bedeuten.


Die Geschichte des Kosmos, so scheint es, muss neu geschrieben werden …





Prolog


Kontakt!, meldet die Stimme in meinem Kopf. Sie gehört meiner „anderen Seite“. Sie gehört einer Intelligenz, die nicht von Menschen ersonnen und erschaffen wurde, sondern von Wesen, die einst noch jenseits unserer Milchstraße beheimatet waren: Foronen. Bewohner der Sternenballung Samragh, die irdische Astronomen auf den Namen Grosse Magellansche Wolke tauften. Einst, als die Erde noch ein lebenswerter Ort und nicht von einer dicken Schale aus jahrmilliardenaltem Urgestein umgeben war.

Die Erde ...

Ich weiß nicht, ob ich sie noch Heimat nennen kann. Sie ist völlig verändert. Manche ihrer Bewohner – nicht alle! – sehen nach wie vor so aus wie die Menschen, unter denen ich aufwuchs. Aber es gibt auch andere, extrem veränderte, die dank ihrer Physis befähigt sind, ohne weiteren Schutz im Weltraum zu leben. Dort bauen sie an und ernten sie Gewächse, die ebenfalls nicht mehr auf das Licht und die Wärme einer Sonne angewiesen sind – und die als Nahrung auf der unter Psischleiern liegenden Erde dienen. Auch der gute alte Mond ist in diesen kugelförmigen Hohlraum, die Oortschale, integriert, während die äußere Schale einen gigantischen, atmosphärelosen Planeten vorgaukelt ...

So sind die Verhältnisse im Solaren System, das ich nicht länger Heimat nennen will . Zugleich aber weiß ich, dass ich Schuld auf mich geladen habe. Manchmal wache ich nachts schweißgebadet in seiner Kabine auf, und in mir toben die Erinnerungen an meine Begegnung mit Cronenberg, an die Fraktalen, die X-Schiffe ... all den Wahnsinn, für den ich mich mit verantwortlich fühle.

Mir ist, als hätten wir dort, im irdischen Sonnensystem, etwas erweckt, was ohne unseren Vorstoß zur alten Erde für immer dort geblieben wäre und „unter der Schale“ weiter geschlummert hätte.

Nun aber ist es erwacht. Und hat mit den X-Schiffen der Treymor womöglich ein Instrument zur ungehemmten Ausbreitung gefunden.

Reuben Cronenberg, der Diktator des neuen, schrecklich entstellten Erde-Mond-Systems wurde durch Darnoks Entartungsfeld sowohl unsterblich, als auch in seinen späteren Möglichkeiten der Machtentfaltung beschränkt. Dank Darnok war es Cronenberg nie möglich, die Grenzen des Sonnensystems zu verlassen, weil alle Raumfahrt im Erinjij-Reich, wie auch überall sonst in der Milchstraße, zum Erliegen kam, alle Hochtechnik generell – nach Beseitigung des Darnokfeldes aber ist seinem Größenwahn nun Tür und Tor geöffnet.

Das lässt mich nachts aus meinem Schlaf hochfahren.

Kontakt!, wiederholt Seshas Stimme in mir. Und endlich lasse ich sie an mich heran, lasse es zu, dass sie mich ins Hier und Jetzt zurückholt, auf den Boden der aktuellen Tatsachen sozusagen.

Ins Angksystem.

In das von Bractonen erschaffene „ganz spezielle“ Sonnensystem, auf dem mittlerweile Millionen und Abermillionen Menschen beheimatet sind. Sie alle gehen auf eine „Kernzelle“ zurück: auf eine kleine Gruppe Entführter, die hier weit in der Vergangenheit von Kargor ausgesetzt wurden und aus denen sich abseits der verstümmelten Erde eine neue Menschheit entwickelt hat, die mir sympathischer ist als die Untertanen eines Reuben Cronenberg – wenngleich ich einräumen muss, dass jene veränderten und von einem Despoten regierten Erinjij-Nachfahren in der Mehrzahl wahrscheinlich schuldlos an der unguten Entwicklung sind, deren Zeuge ich wurde.

Als ich vor dem Tribunal stand.

Als – – –

Ich dränge das neuerliche Aufsteigen der Erinnerungen mit Gewalt zurück.

Kontakt, meldet Sesha unermüdlich, als wüsste sie um meinen Seelenzustand.

Und nun erst wende ich mich wirklich, in vollem Bewusstsein und mit gespannter Neugier dem zu, was dort draußen , außerhalb meines „Körpers“, und dann fast übergangslos auch drinnen geschieht:

Die neuen Crewmitglieder treffen ein – oder sollte ich eher sagen: die neuen Bewohner des riesigen Komplexes, den mein Geist gerade durchstreift, als wäre er aus Fleisch und Blut.

Die RUBIKON.

Vielleicht ist es genau dieser Moment – in dem die uralte Arche der Foronen eine Flut neuer Passagiere erhält, die ihre vertraute Umgebung hinter sich lassen, weil Kargor es so bestimmt hat –, an den ich später noch oft zurückdenken werde. Als den Moment, in dem mir mit unerwarteter Klarheit bewusst wird, dass ich selbst längst eine neue Heimat gewonnen habe, fernab des düsteren Ortes, auf dem jetzt die Schatten und Schattenhaften regieren.

Meine Heimat, das wird mir fast schmerzhaft klar, ist die RUBIKON.

Und wenn ich mir etwas für die Zukunft wünschen darf, dann, dass all die aufgewühlten Seelen, die gerade an Bord drängen, irgendwann ebenso fühlen werden.

Denn jeder Mensch braucht einen Anker, der ihm Halt und Kraft schenkt. Erst recht, wenn es ihn hinauszieht in die Weiten eines feindseligen Kosmos ... den die Bractonen einst erfanden ...



1. Kapitel


„ Kontakt“, sagte die Stimme aus dem Off.

Scobee warf einen kurzen Blick auf den geschlossenen Sarkophagsitz, unter dessen Gehäuse der Kommandant der RUBIKON Platz genommen und sich mit dem Schiff in einzigartiger Weise verbunden hatte.

Cloud hatte es vorgezogen, die Ankunft der neuen Besatzung auf diese Weise zu erleben. Scobee hingegen war froh, alle relevanten Bilder von der Holosäule geliefert zu bekommen.

Ein historischer Moment stand unmittelbar bevor: die Wiederbevölkerung des Rochenraumschiffs, das in seinen „echten“ Ausmaßen die Größe einer künstlichen Stadt hatte. Eingedämmt wurde dies nach außen hin durch sogenannte Dimensionswälle. Dem Betrachter vermittelte sich der Anblick eines Raumschiffs von immer noch beachtlicher Größe, das an einen irdischen Mantarochen erinnerte. Die Spannweite betrug runde 300 Meter – ohne die Wälle wäre es ein Vielfaches gewesen.

Die RUBIKON bot Tausenden von Individuen Unterkunft und Lebensgrundlagen.

Und Tausende von Menschen strömten jetzt herbei. Von allen bewohnten Planeten des rätselumwobenen Angksystems. Sie kamen via Straßennetz – Energiestraßen, die sämtliche Welten des Ersten Reiches miteinander verbanden, ausgenommen Portas natürlich. Portas nahm eine Sonderstellung im Verbund der Welten ein, die eines Krebsgeschwürs, wenn man Kargors Worten und den eigenen Erfahrungen bei Yaels Rettung trauen durfte.

Auf Portas waren Kräfte aus den Fugen geraten und am Werk, die ein Mensch vermutlich niemals verstehen würde, wenn selbst die Bractonen daran scheiterten.

Scobee wünschte Kargor, der mit vielen seines Volkes aufgebrochen war, um auf Portas nach dem Rechten zu sehen ... und vielleicht den lang gesuchten Weg zurück in sein angestammtes Kontinuum zu finden ..., dass ihm Erfolg beschieden sein würde.

Milliarden seiner Art hatten sich jedoch entschieden, den Vorstoß ins Ungewisse nicht mitzumachen, sondern hier, in diesem Universum, das ihre Schöpfung war, zu bleiben. Bislang gab es keinerlei Anzeichen auf Machtgelüste, die sie zu diesem Entschluss geführt hatten. Vielmehr erhofften sie sich offenbar eine friedliche Koexistenz mit den angesiedelten Menschen. Was sich daraus in Zukunft entwickeln würde, war noch gar nicht absehbar.

Die RUBIKON dockte an einen Knotenpunkt des interplanetaren Systems von Energiestraßen an – und damit war den Ankömmlingen der Zutritt an Bord ermöglicht.

Eine Chance, die sie zu Tausenden wahrnahmen.

Männer und Frauen unterschiedlichen Alters, auch Kinder, die offenbar zu bestimmten Erwachsenen gehörten und eine Familie bildeten, waren darunter.

„ Wie konnte er dazu nur seine Einwilligung geben?“, drang es raschelnd aus dem Gestrüpp von Cys Pflanzenkörper, der auf dem Sitz auf der anderen Seite des geschlossenen Sarkophags Platz genommen hatte.

„ Angst?“, fragte Scobee, die ihren Blick kurz aus der Holosäule löste, in der verschiedene Fenster unterschiedliche Bereiche des Schiffes zeigten – wo jetzt Menschen wie aus dem Nichts materialisierten, immer mehr.

„ Angst? Wovor?“, kam es knisternd zurück.

„ Bisher waren wir eine sehr überschaubare elitäre Gemeinschaft“, sagte sie. „Das wird sich nun nachhaltig ändern. Wir alle müssen mit der neuen Situation umgehen lernen.“

„ Ich halte mich für anpassungsfähig“, erklärte Cy. Seine Augenknospen zitterten leicht.

„ Das wollte ich dir auch nicht absprechen. Dennoch wird sich für uns alle einiges ändern. Wir werden erheblich mehr soziale Kontakte haben als seit einer kleinen Ewigkeit. Wer sich darauf einlässt, wird seinen Gewinn daraus ziehen – aber nur, wenn er sich seine Toleranz bewahrt.“

„ Auch damit werde ich die wenigsten Probleme haben“, seufzte Cy. „Ich bin seit jeher darauf angewiesen, dass ich von anderen toleriert werde – weil ich mich in meinem Äußeren extrem von den meisten anderen hier an Bord und unterwegs unterscheide. Das lehrt eigene Toleranz.“

„ Schön. Ich wollte es nur angesprochen haben.“

„ Und du hast es schön ausgeführt“, lobte eine sonore Stimme von links. Dort saß Jelto, gleich neben Aylea, der Jüngsten der Stammbesatzung. Seine schockgrünen Augen blitzten. „Im übrigen gehe ich mit Cy durchaus konform – auch ich frage mich, ob es klug war, diese von Kargor diktierte ... Menschenschwemme an Bord zuzulassen.“

„ Hinter Kargors Angebot “, fühlte Scobee sich bemüßigt, Partei für den Bractonen zu ergreifen, „steht meines Erachtens das ehrliche Bemühen um Hilfsbereitschaft. Wir hätten es ablehnen können, neue Besatzungsmitglieder aufzunehmen – ich bin sicher, er hätte es akzeptiert.“

„ Mich wundert lediglich“, griff nun auch der spindeldürre Algorian in das Gespräch ein, „dass John so überstürzt eingewilligt hat. Meines Wissens hat er nicht einmal Referenzen des potenziellen Mannschaftszuwachses verlangt, ehe er den Zutritt erlaubte.“

„ Offenbar vertraut er Kargor ... oder den Bractonen generell. Was ich befürworte“, sagte Scobee. „Dies hier ist zuallererst und vorrangig eine einzigartige Gelegenheit . Wer weiß, wann uns jemals wieder die Chance geboten wird, derart viele Menschen für unsere Art zu leben zu begeistern, wie es hier der Fall ist.“

„ Offenbar wurden sie seit Jahren auf diesen Moment vorbereitet“, warf Aylea ein. Wer die blonde Elfjährige mit den Zöpfen kannte, wusste ihren Gesichtsausdruck zu deuten: Sie war ebenfalls hin- und hergerissen in ihrer Bewertung dieser beispiellosen Situation.

„ Ja, das wurde uns von Kargor inzwischen bestätigt“, sagte Scobee. „Er selbst hat entsprechende Vorbereitungen getroffen und Maßnahmen verankert, die auf die Stunde X vorbereiteten.“

„ Die Stunde X war demnach unsere Ankunft im Angksystem – wohin Kargor mit seiner Tridentischen Kugel Prosper, Sarah und all die anderen vor Jahrzehntausenden absetzte. Und wo sie sich seither fortpflanzten, bis hin zur heutigen Population“, beteiligte sich erstmals Jarvis an dem Gespräch. Seine Maske vermittelte die Illusion eines lebendigen Menschen, der da zwischen seinen Freunden saß. Tatsächlich war er ein Wesen geworden, das von seiner Umgebung vielleicht noch mehr Toleranz abverlangte als der schon extrem fremdartige Cy.

„ Aber wie sind die Neuankömmlinge zu verstehen?“, fragte Algorian, der den Eindruck vermittelte, als versinke er mehr und mehr in einer Trance. Vielleicht versuchte er gerade, die Gedanken von ersten Neumitgliedern zu espern. „Als echter Mannschaftszuwachs – oder einfach als ‚Gesellschafter’?“

„ Ich denke, das ergibt sich mit der Zeit von selbst“, bekundete Scobee ihre ehrliche Überzeugung. „Sie werden sich erst einmal häuslich einrichten und mit uns auseinander setzen – so wie wir uns mit ihnen auseinander setzen werden.“

„ Aber dir ist schon bewusst“, meldete sich Cy abermals, „dass mit ihnen die Verantwortung der Schiffsführung eklatant ansteigt?“

„ Durchaus.“

„ Ist es auch John klar, was für eine Bürde er sich – und uns – auflädt?“

„ Ich glaube, du kennst die Antwort auf deine Frage selbst“, erwiderte Scobee und blickte erneut zu dem geschlossenen Sarkophaggehäuse, in dem – anders als der Name suggerierte – kein Toter, sondern ein höchst Lebendiger ruhte.

Cy raschelte. Danach schwieg er.

Kurze Zeit später war der Transfer an Menschengut abgeschlossen.

Die RUBIKON löste sich vom Knotenpunkt – und John Clouds Geist von den stählernen Gebeinen des Schiffes.



„ Was dagegen, wenn wir dich begleiten?“

Cloud war bereits auf dem Weg zum Türtransmitter. Er blieb kurz stehen und drehte sich zu Jarvis und Scobee um. „Wie könnte ich? Vielleicht könnt ihr mir ja ein wenig soufflieren. Ich bin kein guter Redenhalter.“

„ Aber wir, oder wie?“, fragte Jarvis.

„ Du könntest mal in deinen Speichern nachsehen, ob nichts Passendes dabei ist.“ Cloud grinste.

Der Freund schien es weniger spaßig zu finden. „Du hättest dich ja auch während deiner Verschmelzung mit dem Schiff von Sesha damit versorgen lassen können. Die KI ist bestimmt genial und voller Esprit, wenn es um die Erstellung von pathetischen Reden geht – man muss sie nur von der Kette lassen.“

„ Du schaffst das schon allein“, hielt Scobee dagegen. „Ich glaube, dass du die richtigen Begrüßungsworte findest. Stell dir einfach vor, du wärst einer von ihnen – erzogen und ausgebildet, um eines Tages das Legendenschiff zu betreten, zu dem Kargor die RUBIKON hochstilisiert hat.“

„ Hat er das wirklich? Was weißt du darüber?“

„ Wenig. Du kennst seine Informationspolitik. Klar scheint nut, dass die Angkbewohner seit Generationen auf diesen Tag vorbereitet wurden – auf die RUBIKON ebenso wie auf die mögliche Rückkehr der ERBAUER, die künftig mit Menschen zusammen auf den Angkwelten leben werden.“

„ Nach wie vor ein eigenartiger Gedanke“, sagte Cloud.

„ Und wirklich begeistert davon, neue Crewmitglieder zu bekommen, scheinst du mir immer noch nicht zu sein.“

„ Merkt man das so deutlich?“

Sie nickte. „Einerseits verständlich, andererseits ...“

„ Ja?“

„ Du solltest dir wirklich keine Sorgen machen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Kargor diesmal ohne jeden Hintergedanken handelt. Er will die RUBIKON bereichern , nicht unterwandern .“

„ Legst du dafür wirklich deine Hand ins Feuer?“

„ Absolut.“

Er merkte, dass sie es genauso meinte, wie sie es sagte. „Gut. Dann will ich versuchen, auch die letzten Vorbehalte abzustreifen. Ich hätte ohnehin nicht eingewilligt, sie an Bord zu nehmen, wenn ich begründete Zweifel an ihrer Integrität hätte.“

„ Sie sind nicht vollkommen, erwarte das nicht“, bat Scobee. „Man sollte sie eher als Rohdiamanten nehmen, die noch ihren Schliff erhalten müssen.“

„ Als Schleifer eignet sich Jarvis doch hervorragend“, zwinkerte Cloud dem Freund zu. „Wäre das nicht eine Herausforderung für dich?“

„ Wenn ich sie schleife, bleibt von ihnen nichts mehr übrig“, beschied ihm Jarvis das Angebot abschlägig. „Ich weiß nicht, warum ihr immer den Militaristen in mir sehen wollt. Okay, ich wurde einst dafür konditioniert, im Kampf meinen Mann zu stehen. Aber ich habe auch eine softe Seite. Äh ... hatte eine, wollte ich natürlich sagen. Inzwischen ist nichts mehr an mir weich. Meine Züchter wären stolz auf mich, wenn sie sehen könnten, was für ein harter Bursche dank Nanotechnik aus mir geworden ist ...“

Die Flachserei driftete in Sarkasmus ab. Cloud beschloss, die Notbremse zu ziehen. Das Wort „Züchter“ erinnerte ihn daran, wie und mit welcher Prämisse die GenTecs einst in vitro gezeugt worden waren.

Das war ein anderes Thema.

„ Na dann, packen wir’s an“, sagte er und trat als Erster durch den Türtransmitter.

Jarvis und Scobee folgten ihm unmittelbar.

Auf der anderen Seite erwartete sie ein Menschenmenge, die ein kleines Stadion gefüllt hätte.

Menschenmenge? Cloud machte mit geübtem Blick auch Humanoide aus, die unmöglich Menschen sein konnten.

„ Ich kenne sie“, raunte Scobee ihm zu. „Kargor hat sie mir gezeigt. Sie bewohnten früher die kobaltblauen Türme und haben für mich starke Ähnlichkeit mit Gloriden, auch wenn ihre ‚Haut’ völlig anders ist.“

Das konnte Cloud nur unterstreichen. Die Humanoiden waren schwarz, weltraumschwarz – und dazu passend schienen auf ihrer Haut Sternen, ja ganze Galaxien vorbeizudriften. Wer diese Geschöpfe ansah, hatte das Gefühl, mit einem starken Teleskop ins Weltall zu blicken.

„ Die Bractonen nennen die Gloriden Mortuas, wenn ich mich recht entsinne“, sagte er. „Gibt es auch einen Namen für diese Geschöpfe? Sind sie denn miteinander verwandt?“

„ Ich habe auf beides keine Antwort, tut mir leid“, bekannte Scobee. „Aber vielleicht müssen wir sie nur fragen.“

Cloud nickte. Es war erstaunlich, wie diszipliniert die Menge – egal ob Menschen oder ... dunkle Humanoide – sich verhielt, obwohl sie die Ankunft des Trios bemerkt hatte.

Cloud zögerte nicht länger. Er trat zwei Schritte vor und hob, von Sesha mit einem vor seinen Lippen schwebenden Schallverstärker unterstützt, die Stimme an.

„ Willkommen!“

Sie schauten erwartungsvoll, aber immer noch beherrscht. Nur wenige flüsterten mit ihrem jeweiligen Nachbarn.

„ Ihr habt euch entschlossen, dieses Schiff als neue Heimat zu wählen. Ihr kennt uns – die Stammbesatzung – kaum, und wir wissen noch wenig über euch. Eigentlich ...“ Er räusperte sich. „... wissen wir gar nichts über euch. Aber vielleicht liegt genau darin die Herausforderung. Mir wurde versichert, dass ihr alle freiwillig diesen Schritt in ein neues, ganz anderes Leben gewählt habt. Und dass ihr immerhin wisst – zu wissen glaubt –, was dieser Schritt für euch bedeutet. Ihr lasst Familien und Freunde hinter euch. Wann wir das Angksystem das nächste Mal besuchen werden, ist noch völlig ungewiss. Unsere erste gemeinsame Fahrt wird uns hinausführen in den Leerraum zwischen den Galaxien. Wir werden dort versuchen ...“ Er nickte Scobee zu, die Kargors Ring am Finger trug. „... alte Bekannte aus einer misslichen Lage zu befreien. Ich hoffe, es gelingt uns. Und ich hoffe auch, dass ihr davon so gut wie nichts mitbekommt. Ihr werdet die ersten Tage und Wochen vollauf damit beschäftigt sein, euch einzuleben und einzurichten. Für jeden von euch wird überdies eine Aufgabe zu finden sein, die seinen Talenten am nächsten kommt. Wichtiger als die Arbeit ist zunächst aber, dass wir uns alle miteinander besser kennenlernen. Knüpft Freundschaften, besucht einander. Das ist der erste Schritt. Alles andere wird sich ergeben.“

Er winkte ihnen zum Abschied zu. Dann wies er Sesha an, den Transmitter wieder zurück zur Zentrale zu justieren.

Sie verließen den Sammelpunkt, und als sie aus der Gegenstation traten, fragte Cloud: „Na, wie war ich.“

„ Überzeugend“, sagte Scobee. „Zumindest hast du mich voll und ganz überzeugt, dass du recht hattest: Du kannst keine Reden halten. Das ... war überhaupt nichts.“