Für Ian, Ben und Jonas,

wie immer mit all meiner Liebe.

 

 

Wir pflanzen Drachen an. Drachen, die flimmern, mit ihrem eisigen Atem alles gefrieren oder die den Himmel mit ihren feurigen Flammen erfüllen.

Im Schneidersitz kauern wir vor unserem Drachenfruchtbaum, beobachten und warten.

Auf unseren Schultern hocken Drachen, ihre Schwänze sind um unsere Hälse geschlungen. Diamantenaugen funkeln. Krallen graben sich in die Haut. Funken knistern. Heißer, rauchiger Atem wärmt uns bis tief ins Innere. Wir alle warten auf den Moment, in dem die roten, reifen Drachenfrüchte zu leuchten beginnen. Auf den Moment, in dem sie von ihren fleischigen Ranken fallen und ein neuer, winziger Drache zum Ausschlüpfen bereit ist. Und wir alle fragen uns, was das wohl für ein Drache sein wird.

Wird er leuchten und glitzern, so wie Flicker, der in allen Farben von Rubinrot bis hin zu Türkis schimmert? Wird er uns über und über mit feinen Eiskristallen bedecken wie Crystal, sodass wir bei jeder Bewegung wie ein eingefrorenes Xylofon klirren? Wird er vor unseren Augen verschwinden so wie Dodger, der Meister der Tarnung, oder in einem goldenen Licht strahlen wie Sunny? Wer weiß? Vielleicht wird er das tun, vielleicht noch viel mehr. Aber eins ist mal sicher – jetzt, wo du das alles gehört hast, willst du auch einen, stimmt’s? Deinen eigenen Drachen. Natürlich willst du das. Doch da gibt es etwas, das du wissen musst.

Also pass gut auf, denn du kennst die ganze Geschichte noch nicht. Und wenn du erst weißt, was passiert, überlegst du es dir vielleicht noch mal, bevor du in den Garten läufst und versuchst, Drachen anzupflanzen.

Das Problem ist nicht etwa das Chaos, das die Drachen anrichten, die Flammen, die Krallenspuren, die alles verschmorenden Funken. Auch nicht ihre sich selbst entzündende Kacke. Es gibt da noch etwas viel, viel Schlimmeres.

Denn eines Tages wirst du deinen Drachen ziehen lassen müssen – und das, mein Freund, wird dir das Herz brechen.

1 Flicker, der Sterngucker

Ich wachte mitten in der Nacht auf und Flicker war nicht da. Das beruhigende Leuchten seines kleinen Körpers fehlte. Als ich ins Bett gegangen war, hatte er sich wie immer neben mir eingerollt, doch ich schreckte mit einem Frösteln aus dem Schlaf. Ich spürte seinen warmen Atem nicht mehr.

Verschlafen rieb ich mir die Augen und versuchte, mich an den Traum zu erinnern, den ich gerade gehabt hatte. Ein Traum, der mir schon bekannt war – wäre ich eine Katze gewesen, hätte ich bestimmt im Schlaf geschnurrt.

Fetzen davon glitzerten noch vor meinem inneren Auge: grünes Licht, das den Himmel überzog. Ein hoher Berg. Darunter eine felsige Landschaft. Und dann war alles weg.

Ich setzte mich im Bett auf und sah Flicker. Er hockte auf dem Fensterbrett. Draußen schienen die Sterne und der Mond so hell, dass ich fast dachte, es wäre schon Morgen. Ich stieg aus dem Bett und zog die Vorhänge ganz zurück. Durch das geöffnete Fenster kam die frische Nachtluft herein. Flicker flatterte hinaus auf den Sims und hob den Kopf. Er spie einen Schauer von Funken aus, die in der Luft knisterten und knackten. Sie hinterließen einen rauchigen Ring, so wie Feuerwerkskörper an Silvester. Und mitten in diesem Ring leuchtete der Polarstern. Es war nicht das erste Mal, dass ich Flicker so aus dem Fenster starren sah. Tatsächlich passierte das immer öfter. Ich sah zu, wie das Leuchten schwächer wurde, dann streckte ich die Hand aus und berührte vorsichtig seinen Rücken. Ein goldener Schimmer lief über seinen Körper, während die Schuppen ihre Farbe wechselten.

Ich schaute hinaus in die Nacht und stellte mir vor, wie Ted, Kat und Kai neben ihren Drachen schliefen. Unwillkürlich musste ich lächeln. Zusammen waren wir die Superheldentruppe und mit den Drachen an unserer Seite waren wir für alles gerüstet.

Doch dann stampfte unser Erzfeind Liam mitten rein in meine Gedanken, zerstörte das schöne Bild und erinnerte mich daran, dass die Dinge nicht ganz so einfach waren.

Du musst wissen, dass Liam sich zu Beginn des Sommers in Opas Garten geschlichen und einen Drachen vom Baum gepflückt hatte. Ganz schön hinterhältig, nicht wahr?

Doch nicht nur das. Mit seinem Atem konnte Liams Drache Dinge sehr schnell sehr groß werden lassen. Nachdem Liam so eine megagroße Sonnenblume für den Schulwettbewerb gezüchtet hatte, hatte er seinen Drachen dazu benutzt, eine Riesendrachenfrucht wachsen zu lassen. Der Drache, der aus dieser Monsterfrucht schlüpfte, war erst so groß wie ein Truthahn und wuchs dann innerhalb von Minuten auf die Größe eines Tyrannosaurus Rex.

Mit dem wollte man sich bestimmt nicht im Bett einkuscheln!

Aber Flicker hatte den Tyrannodrachen wie ein Leuchtsignal in den Himmel geführt und zu dem Ort, von dem wir annahmen, dass es das Zuhause der Drachen war. Obwohl wir eigentlich immer noch nicht wussten, ob es so ein Drachenzuhause überhaupt gab.

Und das herauszufinden war nur eine von den tausend Fragen, die mir ununterbrochen durch den Kopf schwirrten. Eine andere war, was Liam wohl mit seinem ersten Drachen noch alles im Schilde führte. Diesem Drachen, der Kürbisse auf die Größe von Cinderellas Kutsche wachsen lassen konnte.

Ich beugte mich vor und wollte gerade das Fenster schließen, da öffnete sich die Zimmertür mit einem Knarren. Ich griff nach dem Vorhang und zog ihn schnell vors Fenster. Hoffentlich würde Flicker ruhig dahinter sitzen bleiben. Ich war ständig auf der Hut vor meinen Eltern, in letzter Zeit noch mehr als sonst.

Mama jongliert ständig mit ihrem Tierarztjob, streunenden Tieren und meiner kleinen Schwester Lolli wie ein vielarmiger Oktopus in einer Zirkusnummer und Papa taucht die meiste Zeit in seine Kopfhörerblase aus Musik ab. Aber sogar sie hatten bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Es gibt eben doch nur eine begrenzte Anzahl von Brandflecken und Krallenspuren, die man verheimlichen oder seinem Kater anhängen kann.

Ein kleiner strubbeliger Kopf erschien im Türrahmen. Ich seufzte erleichtert.

»Was machst du denn, Lolli?«, flüsterte ich. »Du musst schlafen. Morgen ist ein großer Tag.«

Lolli grinste. »Bin aufgeweckt.«

Ich schielte auf den Wecker neben meinem Bett. Es war drei Uhr morgens. Offiziell hatte Lolli schon Geburtstag, aber ich bezweifelte, dass Mama und Papa so früh schon in Feierlaune sein würden. Ich schüttelte den Kopf.

»Es ist noch nicht so weit, Lollibob. Viel zu früh.«

Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse, doch es hellte sich sofort wieder auf, als der Vorhang sich ausbeulte und bewegte und schließlich Flicker zum Vorschein kam.

Er schoss zu Lolli hinüber und kreiste um ihren Kopf, wobei er kleine Rauchringe blies. Sie kicherte fröhlich und ihre Augen funkelten so hell wie die von Opa. Ich musste grinsen. Besonders, weil ich an mein Geheimnis dachte. Denn seit Lolli einmal versucht hatte, einen Drachen aus einer Ananas auszubrüten, und dabei unser Wohnzimmer in eine Schlammkuhle verwandelt hatte, wusste ich, dass sie sich nichts sehnlicher wünschte als einen eigenen Drachen. Und weil einige Drachenfrüchte am Baum schon rot und reif waren, wusste ich auch, dass ich ihr das beste Geburtstagsgeschenk aller Zeiten machen würde.

Es war wirklich an der Zeit, dass Lolli ihren eigenen Drachen bekam.

2 Der Blaue Tornado und der Nicht-so-frühe-Vogel

Lolli schaffte es immerhin, bis fünf Uhr durchzuhalten, bevor sie ihren Geburtstag für eröffnet erklärte. In ihrem Batman-Kostüm lief sie den Flur auf und ab und schlug dabei so lange auf eine Trommel, bis der Rest der Familie aus seinen Zimmern stolperte, um mitzufeiern.

Als wir etwas später bei Oma und Opa zum Geburtstagsfrühstück ankamen, schoss Lolli durch die Tür wie ein Miniaturtornado. Sie hatte Mama beim Backen »geholfen« und war nun über und über mit blauer Kuchenglasur bedeckt, mit der der Kuchen dekoriert worden war. Mama hatte eine Meerjungfrauentorte gebacken – na ja, so lautete jedenfalls der offizielle Titel. Ehrlich gesagt erinnerte die Meerjungfrau eher an ein Walross mit Perücke. Und auch das nur, wenn man mindestens ein Auge zukniff.

Oma stellte den Teller mit den Pfannkuchen ab, den sie in den Händen gehalten hatte, und breitete ihre Arme aus, um Lolli zu empfangen.

»Den allerallerallerherzlichsten Glückwunsch, kleine Lolli«, gluckste sie.

Lollibob drückte Oma fest an sich und kicherte glücklich.

»Gropa!«, rief sie und sah sich nach Opa um. Ich spähte aus dem Fenster in den Garten in der Erwartung, ihn dort beim Unkrautjäten zu erwischen. Das sähe ihm ähnlich, so früh den Garten umzugraben!

Doch dann bemerkte ich, wie sich Oma und Mama einen Blick zuwarfen.

»Opa schläft heute aus«, sagte Oma und setzte Lolli auf dem Boden ab.

Für die meisten Menschen wäre Ausschlafen sicher keine große Sache. Mama würde wahrscheinlich unser Haus verkaufen, um ein Mal ausschlafen zu können. Aber nicht Opa. Opa steht auf und fängt den Wurm noch früher als der frühe Vogel und wäre schon längst angezogen und dabei, den Rasen zu mähen, bevor der Vogel sich überhaupt aus dem Nest gekämpft hätte.

»Hey, Kurzer«, sagte Opa und grinste, als ich vorsichtig die Schlafzimmertür öffnete. Er saß aufrecht im Bett mit einem Tablett auf den Knien, auf dem er ein Schiff aus einem Berg Streichhölzer baute. Er brachte es schnell in Sicherheit, als Lolli in den Raum geschossen kam und auf sein Bett hüpfte.

»Geht’s dir gut, Opa?«, fragte ich und ließ mich behutsam auf der Bettkante nieder.

»Mir geht’s prima. Oma macht mal wieder aus einer Mücke einen Elefanten.«

Lolli kroch näher und Opa legte den Arm um sie.

»Du kannst also trotzdem zur Party kommen?«, fragte ich.

Opa drückte Lolli an sich. »Diesmal nicht«, sagte er.

Ich merkte, dass er mindestens genauso enttäuscht darüber war wie wir. Aber es war nicht seine Art, das zuzugeben.

»Du hebst mir doch was vom Wackelpudding auf, stimmt’s, Lolli?« Er zwinkerte ihr zu.

Lolli schaute Opa finster an, und ich befürchtete schon, sie würde gleich einen ihrer Tobsuchtsanfälle bekommen. Es war wirklich keine gute Idee, im letzten Moment ihre Partypläne über den Haufen zu werfen. Doch statt zu wüten, beugte sie sich nur vor und küsste Opa auf seine stoppelige Wange. Dann griff sie in ihre Hosentasche und brachte einen klebrigen Batzen blauer Zuckerglasur zum Vorschein. Er war über und über mit Flusen beklebt, aber Opa wusste nur zu gut, dass das ein Geschenk von großer Bedeutung war.

»Danke, Lolli«, sagte er ernst. »Genau das hat mir noch zu meinem Haferbrei gefehlt. Kannst du’s mir bitte in die Schüssel da tun?«

Lolli kletterte aus dem Bett und machte sich eifrig daran, die kalt gewordene Pampe, die Opas Frühstück sein sollte, mit dem Zuckerklumpen zu verrühren, woraufhin der Brei sich bläulich verfärbte.

»Also, Kurzer …«, begann Opa.

Ich wusste genau, was jetzt kommen würde. Denn in all dem Chaos, das Liam beim Ausbrüten seines Riesendrachen veranstaltet hatte, hatte Opa von unserem Geheimnis Wind bekommen. Und obwohl es fantastisch war, dass er nun über die Drachen Bescheid wusste und ich ihn nicht mehr anschwindeln musste, so hatte ich mich doch auf eine Abmachung mit ihm eingelassen. Und die Abmachung war, dass wir die Drachen nur noch bis zum Ende der Sommerferien behalten durften.

Wir hatten mitansehen müssen, was ein richtig großer Drache alles anstellen konnte, und Opa meinte, wenn unsere vier erst einmal ausgewachsen wären, würden wir nicht mehr mit ihnen klarkommen.

Ein kleiner Teil von mir wusste, dass er recht hatte. Aber dieser Teil war wirklich so winzig, dass ich ihn leicht übersehen konnte. Um ehrlich zu sein, ich hatte den anderen noch nicht einmal erzählt, was ich da versprochen hatte. Ich wusste, wie enttäuscht sie sein würden, und brachte es einfach nicht übers Herz.

Stattdessen hoffte ich, Opa irgendwie doch noch umstimmen zu können. Immerhin hatte ich schon zwei Monate mehr Zeit mit ihm ausgehandelt. Er hatte mir erlaubt, die Drachen bis Oktober zu behalten, nachdem Ted, ich und schließlich Lolli alle unseren Geburtstag gefeiert haben würden. Aber ich wusste, dass ich ihn nicht länger hinhalten konnte. Heute war nun Lollis großer Tag und so langsam wurde die Zeit knapp.

»Morgen müsst ihr die Drachen gehen lassen. Wir hatten eine Abmachung, erinnerst du dich?«, flüsterte mir Opa zu.

Meine Hände fingen an zu prickeln. Ich wollte ihm nicht antworten, denn das würde bedeuten, der Abmachung von Neuem zuzustimmen. Und je mehr Zeit ich zum Nachdenken gehabt hatte, desto klarer wurde mir, dass ich das nicht konnte. Ich brauchte einen Plan. Aber mir fiel nichts ein. Rein gar nichts. Da saß ich nun mit meinem Gehirn, das normalerweise nur so übersprudelt vor Ideen, aber irgendwie schien es sich abgeschaltet zu haben.

Oma und Mama polterten ins Zimmer und fingen an, großen Wirbel zu machen und Dinge hin und her zu räumen und Lolli und mir zu sagen, dass wir Opa ein bisschen »seine Ruhe« lassen sollten.

Er sah mir fest in die Augen, und ich konnte fast sehen, wie über seinem Kopf die Worte »Denk dran, was du mir versprochen hast« aufleuchteten.

Ich ließ mich von Oma aus dem Zimmer scheuchen, wobei das prickelnde Gefühl sich in meinem ganzen Körper ausbreitete. Obwohl ich genau wusste, was Opa dachte, konnte ich ihm nicht zunicken. Ich konnte ihm noch nicht mal richtig in die Augen schauen. Denn ich wusste schon, dass ich mein Versprechen nicht halten würde.

3 Ein Geschenk für Lolli

Also, bevor du jetzt voreilige Schlüsse ziehst: Ich konnte die Drachen wirklich nicht gehen lassen. Wie auch? Nicht, wenn Lolli nun selbst einen bekam. »Bitte schön, Lollibob, dein größter Traum hat sich erfüllt, dummerweise ist er morgen schon wieder vorbei.« Mal ehrlich, wie gemein wäre das denn?

Ich ließ Mama und Oma weiter herumwirbeln und Papa Radio hören und nahm Lolli mit hinaus in den Garten.

Über den Zaun hinweg sah ich Mr Grimm, Opas grantigen Nachbarn. Er belud gerade eine Schubkarre mit Bohnenranken, die er aus der Erde gerissen hatte. Ich wollte ihm nicht über den Weg laufen und womöglich Lollis Geburtstagsüberraschung ruinieren.

Mr Grimm hatte sich immer noch nicht von dem heillosen Durcheinander erholt, das Liams Tyrannodrache in seinem Garten angerichtet hatte. Dank Opa glaubte er allerdings, dass der Grund für die Katastrophe eine Metangas-Explosion in seiner Komposttonne gewesen war und nicht ein feuriger Furz von einem Monsterdrachen. Doch trotz dieser einleuchtenden Erklärung schien er insgeheim mich für alles verantwortlich zu machen. Jedenfalls fühlte es sich so an, denn jedes Mal, wenn Mr Grimm mich sah, warf er mir finstere Blicke zu.

Bei den Bienenstöcken machten wir halt. Opa hatte versprochen, sie eines Tages wieder mit Bienen zu bevölkern, aber sie standen immer noch leer. Ich hob den Deckel von einem der Stöcke, um Lolli das Innere zu zeigen. Eifrig steckte sie den Kopf hinein, zog ihn aber kurz darauf enttäuscht wieder raus. Wahrscheinlich hatte sie geglaubt, ich hätte ihr Geburtstagsgeschenk darin versteckt.

Glücklicherweise ging Mr Grimm jetzt an uns vorbei zu seinem Haus. Ich drehte ihm den Rücken zu und tat so, als wäre ich schrecklich an den Bienenstöcken interessiert, bis er im Haus verschwunden war.

Dann nahm ich die immer noch grantige Lolli bei der Hand und führte sie bis zum hinteren Ende des Gartens. Flicker flatterte hoch über unseren Köpfen, bis wir am Drachenfruchtbaum angekommen waren. Dann flog er hinunter und landete auf einem der langen, kaktusartigen Blätter.

Drachenfruchtbäume sind so ziemlich die merkwürdigsten Pflanzen, die man sich vorstellen kann. Als wir vor ein paar Monaten den Garten in Ordnung brachten und ihn dabei entdeckten, hatte Opa gesagt, der Baum würde aussehen wie ein umgekehrter Wischmopp. Ein ziemlich stacheliger und grüner Wischmopp.

Der Drachenfruchtbaum hat aber nicht nur stachelige Blätter, sondern auch leuchtend gelbe und orangefarbene Ranken und ungewöhnliche mondweiße Blüten, die nur für eine Nacht aufgehen. Sobald sie verblüht sind, beginnen die Drachenfrüchte zu wachsen.

Lolli beäugte den Baum, aber sie wusste, dass sie nichts berühren durfte. Da war ich von Anfang an sehr streng mit ihr gewesen. Die Früchte brauchten Zeit, um zu wachsen und zu reifen, und ich konnte es nicht riskieren, dass kleine Hände sie abrissen, bevor sie wirklich fertig waren. Doch heute war das anders.

Die Früchte, die am Baum hingen, waren dunkelrot. Manche sahen aus, als würden sie jeden Moment platzen, ihre piksigen Blätter zeigten wie die einer Ananas in alle Richtungen. Es war schön zu sehen, dass es dem Baum wieder so gut ging. Jetzt, da keine megagroße Superdrachenfrucht ihn mehr auslaugte, und dank einer täglichen Prise Asche, kam er allmählich wieder zu Kräften.

»Pass mal auf, Lolli«, sagte ich so beiläufig wie möglich. Denn sobald sie erfahren würde, dass sie heute ihren eigenen Drachen bekam, würde sie bestimmt ein gigantisches Freudengeheul ausstoßen.

»Kannst du mir zeigen, wie leise du flüstern kannst?«

Lolli rümpfte die Nase und sah etwas verwirrt aus.

Ich flüsterte die Frage noch einmal, wobei ich die Worte fast nur mit den Lippen formte und lächelte, um ihr zu zeigen, dass das der Anfang von einem Spiel war. Lolli liebt Spiele.

»Shhh«, hauchte sie, so leise sie konnte, und hockte sich hin, um sich der Größe ihrer minikleinen Stimme anzupassen.

»Hervorragend«, flüsterte ich zurück. »Kannst du diese Stimme benutzen, wenn ich dir dein Geburtstagsgeschenk zeige?«

Lollis Augen wurden groß. Sie nickte ernst.

»Gut«, sagte ich. Ich nahm ihre Hand und führte sie näher an den Baum heran.

Ich strahlte sie an. »Alles Gute zum Geburtstag, Lolli!«

Sie sah von mir zum Baum und wieder zurück. Ich wies mit dem Kopf auf eine der Früchte. »Du willst doch einen Drachen, oder etwa nicht?«, neckte ich sie. »Falls du keine Lust mehr hast, ist das natürlich auch okay.«

Um ehrlich zu sein, hatte ich mir eine Menge Gedanken darüber gemacht, ob Lolli wirklich einen Drachen bekommen sollte. Sehr viele Gedanken. Aber ich war zu dem Schluss gekommen, dass Flicker und ich schon alles unter Kontrolle halten würden.

Lollis Augen wurden so groß, dass sie ihr fast aus dem Kopf fielen, und ich konnte fühlen, wie ihre Hand in meiner zu zittern begann, als sie begriff, was ich da gerade gesagt hatte. Das Zittern übertrug sich auf mich und lief meinen Arm hinauf. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.

Eifrig trat Lolli vor und reckte sich nach einer der Früchte. Flicker blies ihr eine kleine Rauchwolke auf die Nase. Sie nieste und zog ihre Hand weg, dann versuchte sie es mit einer anderen Frucht, doch Flicker wiederholte das Spiel. Lolli ließ ihren Arm sinken und verzog das Gesicht. Langsam lief sie um den Baum herum und sah jede Drachenfrucht prüfend an. Endlich suchte sie sich eine aus, die tief im Inneren der Blätter hing. Verglichen mit den anderen Früchten war sie winzig, doch als Lolli die Hand nach ihr ausstreckte, fing die rote Haut der Frucht an zu leuchten. Und im nächsten Moment fiel sie schon in Lollis ausgestreckte Hände.

Sie starrte die Drachenfrucht an, ihr Mund formte ein kleines »Oh«.

Mit einem PLOPP! platzte die Frucht auf und ein Drache schoss heraus. Bedeckt mit einem klebrigen Schleim aus Fruchtfleisch und Samenkörnern, landete er auf dem Boden. Ich sah zu, wie Lolli sich bückte und den Drachen behutsam aufhob. Dabei musste ich an die Nacht denken, in der Flicker aus seiner Frucht geschlüpft war. Und wie es sich angefühlt hatte, als er zum allerersten Mal auf meine Hand gehüpft war.

Dieser Drache glänzte silbrig und hatte hellblaue Dornen auf seinem Rücken und an der Schwanzspitze. Seine kleinen Hörner glimmerten, als wären sie in Lollis Glitzerkleber getaucht worden, mit dem sie all ihre Bilder vollschmierte.

Und dann tat der Drache etwas völlig Unerwartetes – etwas, das keiner von den anderen Drachen je getan hatte. Er öffnete sein Maul, doch anstatt Funken zu spucken, fing er an zu singen. Nicht mit Worten. Es war eine Art Klang, etwas, das ich nicht so recht beschreiben kann. Aber als ich den Drachen hörte, erschien ein Wirrwarr von Bildern in meinem Kopf.

Ich sah die Reflexion des Mondes in einem rauschenden Fluss. Und diese grünen Lichter, die es nur am Nordpol gibt. Und die Farbe, die der Himmel annimmt, kurz bevor ein Unwetter losbricht.

Und es war so, als würden alle diese Dinge Töne erzeugen und sich zu einer wunderschönen Melodie vereinen. Ein Glücksgefühl strömte durch meinen Körper. Es fühlte sich an, als wenn man an einem kalten Wintertag heiße Schokolade trinkt.

Lolli sah genauso sprachlos aus, wie ich mich fühlte.

Eins war mal sicher. Ich hatte gerade den Preis für das beste Geburtstagsgeschenk aller Zeiten gewonnen.

4 Es war einmal … eine Märchengeburtstagsparty

Lollis Party fand in unserem Gemeindesaal statt. Mit Hüpfburg.

Mir war schleierhaft, warum Mama unbedingt Lollis gesamte Kindergartengruppe hatte einladen müssen. Drei Dreijährige sind meiner Meinung nach schon mehr als genug, von dreiunddreißig Mal ganz zu schweigen. Jetzt stell dir noch vier leicht reizbare Drachen dazu vor, und du kannst ungefähr ahnen, was los war.

Alles begann mit Lollis großem Auftritt. Mama hatte beschlossen, dass es eine Prinzessinnen- und Ritter-Party werden würde, und so war alles über und über mit Bildern von pink berüschten Prinzessinnen und wüsten Comicrittern geschmückt.