9783843721936.jpg

Das Buch

Ist die Aussicht auf Entspannung echt, oder ist auch das nur eine Finte des brutalen Diktators? Thomas Reichart, ZDF-Studioleiter Ostasien, gibt fundiert Einblick in die Machtstrukturen und das Innenleben Nordkoreas. Er reist nach Pjöngjang, an die streng bewachten Grenzen Nordkoreas, in die Machtzentren der Nachbarn und Gegner und zu den Militärstützpunkten der USA in der Region. In Seoul spricht er exklusiv mit dem höchstrangigen Überläufer, er trifft chinesische Schmuggler, die illegalen Handel mit Nordkorea betreiben, und recherchiert in Macao die Hintergründe zum Brudermord. Die spannenden Ergebnisse seiner investigativen Recherchen machen deutlich, wie groß die Bedrohung durch eine nukleare Katastrophe nach wie vor ist. Und wie schwierig der Weg zu einer echten Lösung des Konflikts.

Der Autor

Thomas Reichart, 1971 geboren, leitet seit 2014 das ZDF-Studio Ostasien in Peking, das verantwortlich ist für die Berichterstattung aus China, Nord- und Südkorea, Japan und den Philippinen. Er war zuvor Hauptstadtkorrespondent des ZDF mit den Schwerpunkten »Innere Sicherheit« und »Geheimdienste« sowie Reporter bei Frontal 21.

THOMAS REICHART

DAS KIM-TRUMP-
RISIKO

WIE NORDKOREA UND
DIE GROßMÄCHTE
UNSERE SICHERHEIT VERSPIELEN

Verlagsqualität Ullsteinbuchverlage

ULLSTEIN

Besuchen Sie uns im Internet:

www.ullstein-buchverlage.de


Verlagsqualität Ullsteinbuchverlage

Wir wählen unsere Bücher sorgfältig aus, lektorieren sie gründlich mit Autoren und Übersetzern und produzieren sie in bester Qualität.


Hinweis zu Urheberrechten


Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.

Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.


Dieses Buch erschien im Econ Verlag unter dem Titel:
Der Wahnsinn und die Bombe


ISBN 978-3-8437-2193-6


Aktualisierte Ausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Juni 2019

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018/Econ Verlag

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München, nach einer Vorlage von FHCM GRAPHICS, Berlin

Titelabbildung: © Toby Marshall

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

VORWORT
ZUR AKTUALISIERTEN TASCHENBUCHAUSGABE

Am Morgen dieses späten Februartags 2019, als die Gefahr eines Atomkriegs plötzlich wieder bedrohlich auferstand, hatten noch alle gehofft. Über dem Schwertsee im Zentrum Hanois lag Nebel, der das Geknatter der Motorroller und die Rufe aus den Garküchen dämpfte. Im legendären Metropole Hotel gleich nebenan rückten sie noch einmal die Fahnen der USA und Nordkoreas zurecht. Und auf den Dachterrassen der Hotels rund um den See schalteten die Fernsehteams ihre gleißenden Scheinwerfer an für die Schaltgespräche ihrer Korrespondenten.

Ich blinzelte in das blendende Licht und machte mich bereit für eine erste Live-Schalte mit dem ZDF-Morgenmagazin in Berlin. Kurz zuvor hatte ich Polizeisirenen gehört. Der Tross von US-Präsident Donald Trump war durch die engen Straßen unter mir gerauscht zum Treffen mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. »Noch eine Minute«, hörte ich die Regie aus Berlin sagen, während meine Gedanken abschweiften. Was für ein langer Weg das war. Erst Nordkoreas Raketen- und Atombombentests, die Drohungen von Trump und Kim sich gegenseitig zu vernichten. Dann die plötzliche Wendung, ein erstes Treffen der beiden in Singapur, das erste Mal, dass sich ein amtierender US-Präsident und Nordkoreas Machthaber die Hände reichen. So dramatisch sich der Konflikt zuvor verschärft hatte, so schnell schienen beide Seiten nun in Richtung Frieden zu marschieren.

Was war da passiert? Lagen wir, die zuvor gewarnt hatten vor den großen Gefahren dieses Konflikts, alle falsch? Hatten wir Wesentliches übersehen und wurden nun eines Besseren belehrt? Lag umgekehrt US-Präsident Trump richtig, der unmittelbar nach dem Singapur-Gipfel prophezeite, dass es mit der nuklearen Bedrohung durch Nordkorea bald ein Ende haben werde?

Mir blieb nicht viel Zeit, diesen Gedanken nachzuhängen. Kurz nach dem ersten Gespräch mit dem Morgenmagazin überschlugen sich die Nachrichten aus dem Metropole Hotel. Das Treffen sei abgebrochen worden, das gemeinsame Mittagessen abgesagt. Und kurz darauf hörte ich wieder Polizeisirenen. Trumps und Kims Eskorten jagten durch Hanois Straßen davon, weg von einem Treffen, auf das so viele Hoffnung gesetzt hatten. Und das, kaum dass es richtig begonnen hatte, geplatzt war. Was war da schiefgelaufen? Und was bedeutete das für die Gefahr eines Atomkriegs, die von Nordkorea ausging?

In den Stunden danach schälte sich ein Bild heraus, das so ernüchternd wie beunruhigend war. Kim wollte die Aufhebung der Sanktionen, die seinem Land schwer zu schaffen machten. Er war bereit dafür, das zentrale Atomwaffenlabor in Yongbyong aufzugeben, in dem Nordkorea auch während der ganzen Monate der Entspannung weiter an Atombomben baute. Aber Kim lehnte es ab, sein gesamtes Atomarsenal aufzugeben. Trump umgekehrt wollte den ganz großen Deal, jetzt und sofort. Ein schrittweises Vorgehen, die Mühen eines langen Verhandlungsprozesses, glaubte er, umgehen zu können, indem er alles auf eine Karte setzte.

Das Echo der Polizeisirenen in Hanois Gassen schien mir wie ein Omen, dass in Hanoi vielleicht mehr gescheitert war als nur ein Gipfeltreffen. Dass nach einem Jahr der Annäherung der alte Konflikt unverändert wieder zu Tage tritt, der Nordkorea zu einem der gefährlichsten Krisenherde der Welt macht. Kim und Trump haben sich selbst die Bühne gebaut für Treffen, die zuvor kaum jemand für möglich gehalten hatte. Aber die Gefährlichkeit des Konflikts konnten sie nicht entschärfen. Im Gegenteil: Kim und Trump sind ein wesentlicher Teil des Risikos, dem sich die Welt gegenübersieht.

Das Schreckensszenario einer nuklearen Katastrophe, das wir mit dem Ende des Kalten Krieges eigentlich für überwunden hielten, ist wieder da. Die USA steigen aus Atomabkommen aus, rüsten gemeinsam mit Russland und China atomar auf. Im Iran, in Pakistan und Indien – überall auf der Welt wächst das Risiko eines nuklearen Konfliktes. Am unberechenbarsten und gefährlichsten aber ist die Lage in Nordkorea.

Umso brisanter ist es, wie wenig wir über diesen Konflikt wissen, wie sehr Politik, Medien und die Öffentlichkeit ihn unterschätzt und vernachlässigt haben. Nordkorea war für uns ein weit entferntes Land mit verrückten Diktatoren und einer Bevölkerung, die sich offenbar nur im Stechschritt fortbewegt. In Deutschland haben wir Schreckensnachrichten gehört über Hungerkatastrophen, einen Brudermord, brutale Gefangenenlager und nukleare Allmachtsfantasien. Aber das kam uns oft so bizarr vor, so jenseits von dieser Welt. Letztlich war es leicht zu glauben, dass Nordkorea uns nicht betrifft.

Erst jetzt, da Kims Raketen Kontinente überwinden und New York, Frankfurt und Berlin erreichen können, schwant uns, dass das ein gefährlicher Fehler war. Und dass wir früher ein paar naheliegende Fragen hätten stellen müssen: Was passiert, wenn das Land soweit ist, Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen abzufeuern? Bedroht Nordkoreas Atomprogramm auch uns in Deutschland und Europa? Warum konnte niemand Kim bislang Einhalt gebieten? Gibt es etwas, das man jetzt noch tun kann, um die Lage zu entspannen?

Ich erinnere mich noch lebhaft, wie mir schauderte, als ich in Pjöngjang auf dem Kim-Il-sung-Platz stand und bei einer Militärparade plötzlich der Boden unter mir zu vibrieren anfing. Unter dem Jubel Zehntausender ließ Nordkorea im Herbst 2015 auf schweren Lastwagen seine Raketen auffahren. Keine drei Meter entfernt rollten sie an mir vorbei. Das war der Moment, in dem mir dämmerte, dass die Vorstellung falsch war, Nordkorea sei ein Operettenstaat und seine Raketen seien bloße Attrappen. Nordkorea war vielmehr eine sehr ernst zu nehmende Gefahr. Natürlich war ich kein Raketenexperte, wusste damals noch wenig über die Reichweite einer Hwasong-12 oder darüber, wie weit Nordkorea beim Bau einer Interkontinentalrakete schon war. Aber die Erschütterungen, die die Raketenlaster auf dem Kim-Il-sung-Platz auslösten, schienen mir mit einem Mal wie böse Vorahnungen auf das Zerstörungspotential, das von diesen Raketen bald schon ausgehen würde.

Es gibt in Deutschland immer noch den einen oder anderen Experten, der bezweifelt, dass Nordkorea tatsächlich eine so große Gefahr darstellt. Das Land, so lautet eines der Argumente, sei so verarmt und rückständig, dass es überhaupt nicht über die Mittel verfüge, ein aufwendiges Raketen- und Atomprogramm zu finanzieren. Entwicklung, Erprobung und Unterhalt eines ganzen Arsenals von Kurzstrecken- bis hin zu Interkontinentalraketen würden Nordkorea auch technologisch schlicht überfordern.

Die Skepsis gegenüber den Bedrohungsszenarien, die insbesondere aus Washington von US-Präsident Donald Trump und seiner Administration kommen, ist nachvollziehbar und berechtigt. Vielen ist noch in Erinnerung, wie George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 angebliche Beweise anführen ließ, die ein Atomprogramm des Irak belegen sollten. Dass Saddam Hussein kurz davorstünde in den Besitz von Atomwaffen zu kommen, war für die USA damals die wesentliche Begründung dafür, in einen desaströsen Krieg gegen den Irak zu ziehen.

Mit meinen Kollegen Jörg Brase und Johannes Hano bin ich damals für das ZDF-Magazin Frontal 21 der Spur dieser angeblichen Beweise nachgegangen. Es ging dabei insbesondere um den Vorwurf, der Irak habe versucht, im afrikanischen Niger sogenannten Yellowcake zu kaufen. Aus Yellowcake kann in einem komplizierten Verfahren mit Gaszentrifugen waffenfähiges Uran gewonnen werden. Wir reisten damals in den Niger, führten die ersten TV-Interviews mit zentralen Zeugen und trafen an einem regnerischen Herbsttag 2003 den damaligen Präsidenten Nigers, der gerade auf Deutschlandbesuch war. In der Suite seines Berliner Hotels zeigte ich ihm das zentrale Beweisstück, das den Uran-Deal belegen sollte und das angeblich seine Unterschrift trug. Aber es war nicht die Unterschrift des Präsidenten, und auch die anderen angeblichen Belege für das Atomwaffenprogramm des Irak erwiesen sich als plumpe Fälschungen.

In Washington hatten viele Experten in den Geheimdiensten und im Außenministerium das auch schon früh erkannt, fanden aber bei den Falken um Präsident Bush kein Gehör. Tatsächlich entdeckten weder die UN-Waffeninspektoren vor Kriegsbeginn noch amerikanische Suchtrupps nach der Invasion Belege dafür, dass der Irak kurz davorstand, eine Atombombe zu entwickeln. Saddam Hussein war ein grausamer und skrupelloser Diktator, aber von seinem Land ging keine nukleare Bedrohung aus.

Bei Nordkorea indes liegen die Dinge völlig anders. Die Belege dafür, dass das Land kurz davorsteht, die gefährlichsten Waffen der Welt in Händen zu halten, haben eine völlig andere Qualität. Die Erschütterungen nordkoreanischer Atomtests werden auf der ganzen Welt gemessen, die Flugbahnen seiner Raketen genauestens ausgewertet. Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Organisation und andere Nuklearexperten konnten immer wieder Nordkoreas Atomanlagen in Yongbyon in Augenschein nehmen. Wir werden deshalb nicht darum herumkommen, Nordkorea und seinen Diktator Kim Jong-un endlich ernst zu nehmen. Dieses Regime ist auf dem Weg zur Atommacht kaum mehr aufzuhalten. Es ist damit die größte Bedrohung für den Weltfrieden seit Jahrzehnten.

Nordkorea ist ein abgeschottetes Land, das sich Beobachtern immer seltener öffnet. Mein Team und ich waren seit 2015 sogar drei Mal in Nordkorea. Ich konnte dabei Gespräche und Interviews führen, die tiefe Einblicke geben in die Machtstrukturen und das Innenleben dieses Landes. Dieser Konflikt aber reicht weit über Nordkorea hinaus und begegnet mir in Ostasien an vielen Orten, an die ich komme: in einer Hotelsuite in Seoul, in der ich Pjöngjangs höchstrangigen Überläufer traf, an der strengbewachten Grenze zu Südkorea, auf einem US-Militärstützpunkt auf der japanischen Insel Okinawa, auf dem sich Marines auf einen sogenannten Enthauptungsschlag vorbereiten, und an der Grenze zwischen China und Nordkorea, Pjöngjangs Lebensader, über die der allergrößte Teil von Nordkoreas Außenhandel abgewickelt wird.

An den Frontlinien dieses neuen Kalten Krieges wird deutlich, warum Nordkorea so ein bedrohlicher und letztlich globaler Konflikt ist. In keiner anderen Region dieser Welt stehen sich auf so engem Raum so viele gefährliche Waffen, so viele miteinander konkurrierende Großmächte gegenüber. Für die geht es in diesem Konflikt natürlich um die Atommacht Nordkorea, aber eben auch um die Vorherrschaft im wichtigsten Wirtschaftsraum der Welt. Schon jetzt sind wir wegen Nordkorea mittendrin in einem neuen Kalten Krieg, der die internationale Ordnung und das Verhältnis der Großmächte, besonders der USA und Chinas, auf Jahre prägen wird.

Dieses Buch soll dringend nötige Erklärungen liefern: über Nordkorea, seinen Diktator und was er eigentlich erreichen will, seine Waffen und das Ringen der Großmächte um Einfluss in der Region. Es soll greifbar machen, wo sich dieser Konflikt entfaltet, wer darin welche Rolle spielt.

Dabei soll auch deutlich werden, dass die Gefahr für unsere Sicherheit nicht allein von Nordkorea ausgeht. Es gab Anfang der Neunziger und Anfang der Zweitausenderjahre schon einmal sogenannte Nordkoreakrisen. Dass keine von ihnen so brisant und gefährlich war wie diese, liegt auch an Donald Trump. Die Art, wie er mit diesem Konflikt umgeht, seine Provokationen und Drohungen, seine Art, Verhandlungen zu führen, hat die Krise noch weiter verschärft. China wirkt da im Gegensatz dazu fast wie ein verlässlicher Ruhepol, der sich für Entspannung und eine friedliche Lösung einsetzt. Tatsächlich aber hat Peking Nordkorea über Jahrzehnte mit aufgerüstet. Chinas Machthaber haben auch zugelassen, dass Kims Regime Sanktionen umgehen und sich die dringend benötigten Ressourcen und Devisen für sein Atom- und Raketenprogramm im Ausland besorgen konnte. Beide Großmächte sind damit mitverantwortlich, dass ein Atomkrieg plötzlich zu einer realen Gefahr geworden ist.

Das Kim-Trump-Risiko beruht auf langjährigen Reisen und Recherchen an den Frontlinien des Nordkoreakonflikts, auf Dutzenden Interviews und Gesprächen mit Überläufern, Politikern, Diplomaten, Militärs, ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern, Wissenschaftlern und Menschen, deren Leben durch diese Auseinandersetzung geprägt und gelenkt ist. Außerdem werte ich Geheimdienstberichte, Statistiken und Studien zu Nordkorea und der asiatischen Region aus. Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich auf detaillierte Fußnoten verzichtet. Aber natürlich stützt sich dieses Buch auch auf Arbeiten vieler Nordkoreaexperten. Wichtige Werke zum Thema habe ich deshalb in einem Quellenverzeichnis aufgelistet.