Über dieses Buch

Cover

Marcel Kamraths Gesetzesinitiative zur Cannabis-Legalisierung steht kurz vor dem Durchbruch, seine Karriereaussichten sind glänzend. Doch dann holt ihn seine begraben geglaubte Vergangenheit wieder ein. Immer tiefer wird Kamrath in ein gefährliches Duell hineingetrieben, das er nur überleben kann, wenn er alles opfert, was ihm wichtig ist.

Jac. Toes

Jac. Toes (*1950 in Den Haag) lebt und arbeitet als freier Gerichtsreporter in Arnheim. Nach dem Studium der Niederländischen Literatur war er als Lehrer tätig, bis er sich ganz dem Schreiben widmete. Er wurde u. a. mit dem niederländischen Krimipreis Gouden Strop ausgezeichnet.

Thomas Hoeps

Thomas Hoeps (*1966) promovierte über Terrorismus in der deutschen Literatur. 1997 veröffentlichte er seinen Debütroman Pfeifer bricht aus, es folgten Gedichte, Erzählungen und ein Theaterstück. Er erhielt u. a. den Literaturförderpreis der Stadt Düsseldorf und den Nettetaler Literaturpreis.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Englische Broschur, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Hoeps & Toes

Die Cannabis-Connection

Thriller

E-Book-Ausgabe

Mit einem Bonus-Dokument im Anhang

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 1 Dokument

Das Autorenduo Hoeps & Toes arbeitet seit Jahren Hand in Hand. Thomas Hoeps schrieb seine eigenen Kapitel auf Deutsch und übersetzte die von Jac. Toes auf Niederländisch geschriebenen siebzehn Kapitel ins Deutsche.

© by Thomas Hoeps und Jac. Toes 2019

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Sven Schrape

ISBN 978-3-293-31045-2

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 16.05.2019, 10:25h

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Teil I

1

Als hätte ihm jemand eine große Last von den Schultern genommen. Obwohl tatsächlich das genaue Gegenteil eintreten würde. Noch einmal mehr Verantwortung für Dr. Marcel Kamrath. Minister! Mitglied der Regierung der Bundesrepublik Deutschland! Das war es doch, was die Kanzlerin vorhin angedeutet hatte? Als sie mit ihrer Entourage im Reichstag an ihm vorüberzog, kurz abstoppte, ihn wegen seines jüngsten Interviews rüffelte, nur um es im nächsten Atemzug als eine perfekte Bewerbung für höhere Aufgaben zu bewerten?

Jeder in Berlin wusste, dass im Herbst ein Stuhl im Kabinett frei würde. Der affärengeplagte Minister für Entwicklungshilfe war seinen Job nur noch nicht quitt, weil man unmittelbar vor zwei Landtagswahlen stand. Einige liefen sich für seine Nachfolge längst warm, Kamrath bisher nicht. Doch die Kanzlerin sah das wohl anders.

»Jedenfalls müssen wir niemandem mehr erklären, dass Sie auch Ahnung von internationaler Zusammenarbeit haben«, hatte sie mit einem Hauch von Zufriedenheit festgestellt, ihm zugenickt und war weitergegangen, ohne dass er auch nur ein Wort hatte sagen können.

Gerade ein gutes Jahr Staatssekretär im Bundesministerium für Justiz und jetzt schon bald Minister! Er hatte sich jede Emotion aufgespart, bis er außer Sichtweite des Regierungsviertels war. Dann drehte er auf, jagte seine Energie in die Pedale, flog geradezu auf seinem Schindelhauer-Bike durch die Straßen, an der Grenze zum Rad-Rowdytum, aber verkehrsrechtlich immer noch knapp korrekt. Diese Schlagzeile hätte er der B. Z. nicht gegönnt.

Seine siebenundfünfzig Jahre sah man ihm auch sonst kaum an, aber so auf dem Fahrrad wirkte er beinahe jugendlich. Na ja, jedenfalls fühlte er sich so. Nie übermütig werden, hörte er seinen Großvater sagen, bis heute die zweifelhafte Autorität in seinem Kopf. Aber die Freude über das Lob war doch überwältigend. Darüber, dass jemand seine Leistungen wahrnahm und würdigte. Das alles wollte sich Bahn brechen.

Lass das mal zu, Liebster, sonst endest du noch wie dein Kollege Tilby als böser grauer Mann. Lust- und humorfeindlich, ein steinernes Denkmal zu Lebzeiten. Das war Anne, seine Frau, seine Ex-Frau, und sie hatte natürlich wie meistens recht. Also, was solls, die Last der Verantwortung würde er eh früh genug wieder mit voller Wucht spüren, wenn er in seinem Apartment den Computer anschaltete. Die Spätschicht, um Streitigkeiten im Kreisverband zu schlichten, Fragen des Wahlkreisbüros zu beantworten und einen letzten Blick in die Unterlagen für morgen zu werfen.

Das Rad war leicht, er war leicht, der Fahrtwind erfrischte ihn. Er beschloss, einen Zwischenstopp im Anna Koschke einzulegen, auf ein Bier und ein Friko, Pardon, Bulette. Er bog schnittig in seine Straße ein, zog an seinem Apartmenthaus vorüber, da wischte plötzlich ein Gesicht aus seiner Vergangenheit vorbei.

Er bremste scharf ab, rutschte vom Sattel, verdrehte den Hals. Herzklopfen, das nicht von der körperlichen Anstrengung herrührte. Aber da war nur eine Alte am Rollator zu sehen, die an der Einfahrt zur Tiefgarage neben seinem Haus entlangschlich.

Er stieg wieder auf, kam schwerer in Tritt, ein Haarriss durchzog sein Hochgefühl.

Während er sein Fahrrad an den Laternenpfahl schloss, spie ein Reisebus eine Ladung hessischer Touristen auf den Bürgersteig aus. Er beeilte sich und schlüpfte in die Kneipe, ehe sich die Gruppe zum Einmarsch formiert hatte.

Sein Lieblingsplatz in einer Ecke der Theke war frei, nur ein leichtes Nicken, und der Wirt brachte ihm das Kamrath-Gedeck: ein Pils, eine kalte Bulette und ein Tellerchen mit extra scharfem Senf. Es hatte nicht ganz drei Monate gebraucht, dann hatte man ihn hier als Stammgast akzeptiert, inklusive des Vorrechts, einen Steinguttopf mit seinem Lieblingssenf zu deponieren. So konnte es laufen.

Dass er von einem Wochenmagazin wegen der geschickten Diplomatie, mit der er in der jungen Koalition gerade die Gesetzesinitiative zur Cannabis-Legalisierung vorantrieb, als politischer Shootingstar gefeiert wurde, interessierte hier niemanden. Und ebenso wenig, dass ihn die radikale Rechte auf einem Fahndungsplakat als Drogendealer und Verderber der deutschen Jugend brandmarkte. Hier durfte er einfach nur wortkarg in der Ecke sitzen und ein Bier trinken. Oder auch zwei. Er orderte nach.

»Für mich dasselbe«, rief jemand hinter ihm laut und fröhlich. Mit einem starken niederländischen Akzent.

Diese Stimme. Zwar nachgedunkelt und brüchig, aber immer noch unverkennbar, unvergessen. Seit über dreißig Jahren begleitete sie ihn durch seine Albträume. Es war die Stimme eines Toten.

Der Raum geriet ins Schwanken. Er starrte auf seine Hände, die sich am Brett des Tresens festklammerten.

Tief durchatmen! Nicht umdrehen! Was spielten ihm seine Sinne heute für üble Streiche?

Er lauschte nach, ob da auch noch die zweite, glockenhelle Stimme zu hören war, von der er regelmäßig träumte. 

Nichts.

Leider nichts.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter, klopfte sie sachte.

»Siehst gut aus, Knabbel. Nicht mehr so dürr. Vielleicht etwas blass.«

2

Amsterdam, 11. Oktober 1982

ME, weg ermee – Bullen weg!«

Die Kinnladen aufeinandergepresst, die Lippen zusammengekniffen, in seiner Kehle lassen Angst und Scheu einen Kloß anwachsen, den er nicht mehr schlucken kann. Neben ihm schreien sich Kiki und Sander die Stimmen heiser, vor ihm explodieren Kanonenschläge und Feuerwerksraketen auf dem Bürgersteig, der Geruch verbrannten Pulvers erfüllt die Luft.

In Schlachtordnung marschieren sie Richtung Frontlinie an der Jan Luijkenstraat, gleich hinter dem Reichsmuseum, wo das Blaue Pack damit beschäftigt ist, das Lucky Luijk zu räumen.

Keine halbe Stunde zuvor war die Telefonkette der besetzten Häuser, die sie hier nach ihren illegalen Bewohnern Kraakpanden nannten, in Gang gesetzt und Alarm geschlagen worden. Nach dem Anruf in ihrem Haus hatte Kiki die Info an die Kraker von fünf anderen Häusern weitergegeben, von denen jedes wiederum weitere fünf zum Einsatz rief.

In der kleinen Autowerkstatt im Keller warf Sander ihm eine weite braune Lederjacke und einen Mopedhelm zu. Das unverzichtbare Palästinensertuch hatte er sich schon vorher selbst gekauft. Kiki griff nach seinem Unterarm und schrieb mit Kugelschreiber eine Nummer auf die Haut.

»Für den Fall, dass du einen Anwalt brauchst.« Sie tätschelte seine Wange. »Guck nicht so schissig, es ist ja nicht der Zweite Weltkrieg.«

Als er die Jacke angezogen hatte, schob sie ihm einige dicke Zeitungen durch die Ärmel bis zu den Oberarmen. »Heb mal die Arme hoch und bleib still stehen.«

Er gehorchte sofort und verwandelte sich in ein Standbild von Madame Tussaud. In der vergangenen Nacht hatte er zum ersten Mal mit Kiki geschlafen, und zur Not hätte er Handstand gemacht, um wieder in den Genuss ihrer Berührungen zu kommen. Sie nahm ein Stück Gartenschlauch von der Wand, bog es zu einer Schleife zusammen und baute sich vor ihm auf. Dann schlug sie mit voller Kraft auf seinen Oberarm. Er zuckte zusammen, während schon der zweite Schlag folgte.

Er konnte seine Erleichterung kaum verbergen, als sie den Schlauch endlich sinken ließ. »Du bist mein Schutzengel. Ich habe nichts gespürt.«

Eine kleine Lüge. Er fühlte die Schläge noch nachglühen, aber seine Wehleidigkeit sollte die Großartigkeit ihrer Fürsorge auch nicht ansatzweise herabwürdigen.

Sander sah ihn prüfend an, während er sich sein Palästinensertuch um den Hals wickelte.

»Du hast doch kein Adressbuch dabei? Oder einen Kalender?«

Er schüttelte brav den Kopf.

Sander drückte ihm ein Fläschchen Zitronensaft in die Hand. Als Marcel es in seine Tasche stopfte, fand er ein paar Rollen darin. Pfefferminz? Er zog eine heraus und versuchte, die kleinen Buchstaben auf der Umwicklung zu entziffern.

»Reibkopfböller«, erklärte Sander. Schau mal nach, ob da auch eine Streichholzschachtel ist.«

Er durchsuchte erneut die Taschen der Lederjacke und zog eine hervor.

»Nur zünden, wenn du danach definitiv abhauen kannst«, hatte Sander gewarnt.

Bis zu diesem Moment sind alle Böller noch in seiner Tasche. Eine Sirene nähert sich heulend. Ein Polizeibus rast vorbei, verfolgt von einem Schwarm aus Steinen, wütendem Pfeifen und Buhrufen.

Zeit, sich den Schal über Mund und Nase zu ziehen und Teil der anonymen Menge zu werden. Aber vor allem ist er froh, auf diese Weise verbergen zu können, dass er nicht mitschreit. Obwohl seine Solidarität mit den Krakern außer Frage steht. Doch er ist nur Gast in diesem Land, vor gerade zwei Wochen eingetroffen in dieser pulsierenden Stadt, ein Auftakt nach Maß für seine Reise durch Europa. Da sollte man sich eigentlich doch halbwegs … oder ist das schon wieder zu spießig gedacht? Wahrscheinlich, nein, ganz sicher. Aber wie sollte auch ein bisschen Krawall gleich die Resultate von zehn Jahren Anstandstraining erschüttern? Und überhaupt ist der entscheidende Grund für sein Schweigen ein anderer.

Er ist ein Deutscher. Und gegenüber schreienden Deutschen sind Niederländer seit dem 10. Mai 1940 nun mal allergisch. Das hat er schnell gelernt in der kurzen Zeit, in der er bei seinen neuen Freunden im Kraakpand logiert, ja, sogar hier, im befreiten Gebiet der Hausbesetzerszene. Eine Erbsünde, die ihm kein Dezibel Stimmanhebung gestattet, ohne dass ihm jemand mit einem Finger unter der Nase in rasselndem Deutsch eine Hitlerimitation entgegenschmettert. Der Unterschied zu den Reaktionen der Leute draußen äußert sich bei den Krakern immerhin in einem darauffolgenden Lachkick und einem freundschaftlich weitergereichten Joint, der die Wunden der Vergangenheit wieder wohlig wattiert.

Er zieht Kikis Arm noch fester an sich heran. Links von ihm läuft Sander in graugrüner Militärjacke und mit aufgezogenem Mopedhelm, auf den Schultern einen kleinen, straff gebundenen Rucksack.

Schon zwei Wochen, in denen er auf diesem wilden Karussell mitfährt, angetrieben von der Energie aus Freiheit und Widerstand, zwei Pole, zwischen denen das Leben nie stillzustehen scheint. Seinen Schlafsack hatte er bereits an drei verschiedenen Adressen aufgerollt. Erst in der vorgesehenen Jugendherberge, dann in einer Studentenbude und schließlich im Kraakpand. Marcels Vater würde jubeln: Der brave Sohn in einem besetzten Haus! Aber der Großvater würde sicher sofort alle Hebel in Bewegung setzen, ihn zurückzuholen.

Auf seiner Jacke prangt ein knallroter Button mit einem schwarz umzirkelten A. Ein Geschenk gestern von Kiki. Sie nahm ihn von ihrem eigenen Pulli ab und steckte ihn an seinen Ärmel. Als Zeichen, sagte sie. Aber für was? Gehört er nun zu den Anarchisten oder den Autonomen? Oder zu ihr? In seiner Stadt in Deutschland laufen nur die Punks mit dem Zeichen umher, bierüberschüttetes Pogen, No-Future-Frust, Stinkefinger gegen all die hässlichen, keifenden Klein- und Großbürger. Verhinderte KZ-Wärter. Aber hier, hier ist der Button das Zugangsticket zu einer Welt voller spielerischer Aktion und immer wieder neuen Überraschungen.

Im Zug nach Amsterdam hatte er sich noch ganz auf eine Reise mit höchstens flüchtigen Begegnungen eingestellt. Niederländisch Grundkurs, Französisch Grundkurs, Englisch Leistung, alles mit Eins. Die trotzdem drohende Einsamkeit hatte ihm keine Angst gemacht. Der Europatrip war Wunsch und Geschenk seines Vaters gewesen. Ein ewiger Hippie mit der sehnlichsten Hoffnung, der Junge sollte endlich mal locker werden nach dem glanzvoll bestandenen Abitur. Während der Großvater in seltener Eintracht mit dem verlorenen Sohn die Reise des Enkels befürwortete, von der Grand Tour schwärmte und ihm einen Berg von Literatur zur Vorbereitung hinlegte. Bevor du Wirtschaft oder Jura studierst – entscheiden kannst du dich ja nach deiner Rückkehr.

Ein fremdes Leben, von dem er sich gerade in Lichtgeschwindigkeit zu verabschieden scheint, denn hier gehört er jetzt schon voll und ganz dazu. Seit ihm der erste Joint unter die Nase gehalten wurde. Also ziemlich genau dem zweiten Tag in Amsterdam.

Da hatte er sich im Vondelpark vor einem Frühlingsschauer in ein schummriges Zelt gerettet, aus dem Reggaemusik schallte. Er hatte noch nie eine Zigarette angefasst, aber dieses Zeug zog er, ohne zu husten, gleich tief in die Lungen ein. Sich mit einem Lächeln bedankend, wollte er den Joint zurückgeben, aber ein Finger wies zu seiner Seite, auf ein Gesicht, das sich irgendwo hinter einer Menge Dreadlocks verbarg. Dann spürte er schon, wie sein Körper zu kribbeln begann und immer leichter wurde, Schwebezeit. Jemand sprach ihn mit »Heinz« an.

»Ich heiße aber …« Aber wie kleinlich wollte man denn sein. Er grinste.

Zwei Stunden später lief er mit seinen neuen Kameraden zu einer Ente. Sie fuhren in ein ruhiges Viertel am Stadtrand, dessen Namen er nicht richtig aussprechen konnte. Oilenstede, Oelenstede, er wiederholte es immer wieder, bis sich die ganze Meute in einem heftigen Lachkick verlor.

Sie parkten vor einem Hochhaus, über dessen Eingang jemand »Residenz Betonrost« gepinselt hatte. Irgendwann viel später fiel er in einer Studentenbude auf der Couch in tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen holte er seinen Rucksack aus der Jugendherberge. Und am Abend stand er schon zusammen mit einem Schlaks namens Sander Schmiere, während der Rest der Truppe Parolen gegen den Häuserleerstand auf die Wände in der Innenstadt malte.

Die Haschdealer fanden in ihm einen guten Kunden, denn er bezahlte seine Unterkunft mit großzügig verteilten pieces. Trotzdem musste er sie schon zwei Tage nach der nächtlichen Malaktion wieder verlassen, als der eigentliche Bewohner des Apartments wiederauftauchte und überrascht feststellte, dass der Nachbar es in einen Partyraum umgewandelt hatte.

»Ich wüsste da noch einen Schlafplatz.« Kiki nahm ihn unter ihre Fittiche und verschaffte ihm ein eigenes Zimmer in ihrem besetzten Haus.

Logisch, dass er sich zum Dank jetzt an diesem lichten Herbsttag mit auf den Weg zu einem Kraakpand macht, das die »Lakaien des Kapitals« räumen wollen. Sich wehren und zugleich gegen Wohnungsnot, Leerstand, Spekulanten und Luxussanierer zu demonstrieren, prima. Aber vor allem gut, um sich in der wuchtigen Anwesenheit und im gerechten Zorn so vieler Gleichgesinnter aufgehoben zu fühlen.

Die im Stakkato gerufenen Losungen klingen immer schärfer, in der Ferne heulen unablässig Sirenen, und über ihnen kreist ein Hubschrauber wie ein giftiges, brummendes Insekt. Der Demonstrationszug wird umso größer, je näher sie ihrem Ziel kommen. Und plötzlich herrscht Stillstand, Chaos im Stau, orchestriert von lautem Gejohle und einem wütenden Pfeifkonzert.

Er hüpft hoch, um über die Wand aus Menschen hinwegzusehen. Rund fünfzig Meter vor ihnen rasen fünf dunkelblaue Polizeibusse über die Tramspur hinweg, bremsen scharf ab, und aus den auffliegenden Türen springen Einsatzkräfte heraus, um sich in einer Linie vor den Bussen zu postieren. Einige von ihnen schieben Tränengasgranaten in ihre Gewehrläufe.

Um ihn herum werden Flüche laut, abgebrochene Holzlatten fliegen Richtung Sperrlinie und prallen von den Schutzschilden der Polizisten ab. Hinter sich hört er das beängstigende Geräusch zerschmetternder Gehwegplatten. Wurfmaterial.

»Söldner!«, Sander zieht eine große Zwille aus seinem Rucksack und zaubert ein paar Stahlkugeln aus seiner Jackentasche hervor. »Kugeln von Krupp«, grinst er ihn an. »Bleib genau so stehen!«

Er stellt sich hinter ihn, stützt die Schleuder auf seine rechte Schulter und zielt.

»Kopf weiter nach links! Ja, gut so.«

Kurz bevor die Polizisten ihre Gewehre anlegen, lässt Sander die Kugel fliegen. Sie zischt haarscharf an seinem Kopf vorbei, das Gummi der Schleuder klatscht gegen seinen Nacken, und fast schon im selben Moment knickt einer der Polizisten weg, seine Hand nach dem Knie fassend, gerade noch aufgefangen von seinen Kollegen. Einige zeigen in seine Richtung, direkt auf ihn.

Er dreht sich aufgeregt um. »Du hast einen erwischt«, will er rufen, aber Sander ist schon längst verschwunden, nur die Zwille ist noch da, steckt in seinem Kragen wie ein Horn. 

Im selben Augenblick fliegen rauchende Granaten auf sie zu. Kiki zieht ihr Halstuch über Mund und Nase. Die eben noch geordneten Reihen der teils untergehakten Demonstranten brechen auf. Er wird von Leuten angerempelt, die sich röchelnd und hustend einen Fluchtweg nach hinten bahnen.

Kiki nestelt hektisch das Fläschchen mit dem Zitronensaft aus seiner Jackentasche, spritzt ein paar Mal auf sein Tuch und nimmt den Rest für ihres, zeigt ihm, dass er fest andrücken soll, ihre Augen tränen heftig.

Dann rückt die Polizei geordnet vor. Maskierte Aktivisten spurten rechts und links an ihnen vorüber bis wenige Meter vor die Polizeireihen, schleudern aus dem Lauf heraus ihre Steine, ziehen sich rasend schnell wieder zurück. Zwei Beamte sacken zusammen, andere suchen Deckung hinter den Einsatzfahrzeugen. Die Sperrlinie reißt auf, eine kurze Weile sieht es aus, als müsste die Staatsmacht kapitulieren. Aus den Augenwinkeln heraus entdeckt er Sander, der durch eine frei gewordene Seitengasse davonsprintet.

Dann eine scharfe Stimme aus dem Megafon. »Reihen schließen«, sollte das wohl heißen, vermutet er, während er sich das Tuch noch fester gegen das Gesicht drückt. Aber dieser Zitronensaft reicht nicht, der Hals schwillt ihm zu, die Augen brennen teuflisch.

»Los, abhauen!«

Kiki zieht mit einem Ruck ihren Arm fort, während die Polizeilinie jetzt im Laufschritt vorrückt, die erhobenen Schlagstöcke wie Sensen rechts und links durch die Demonstranten ziehend, die im Gedränge nicht schnell genug vorwärtskommen.

Er bleibt paralysiert stehen, starrt nur noch. Das klatschende Geräusch von Schlagstöcken auf Lederjacken, die Aufschreie Getroffener, die zu Boden gehen, das Knallen explodierender Tränengasgranaten und das helle Getrommel von Steinsalven gegen Busse und Schutzschilde. So also sieht Krieg aus, voller Schmerz, Hass und Panik.

Er muss hier weg. Dreht sich um, strauchelt über ein verbogenes Fahrrad, das wie ein totes Pferd auf dem Schlachtfeld liegt, findet Halt an einem Laternenpfahl. Direkt vor ihm platzt eine Tränengasgranate, der Schmerz greift durch die Luftröhre tief nach seinen Lungen.

Er hustet, weint, stolpert weiter, entlang der Schienen der Straßenbahn, stürzt. Kaum wieder aufgerichtet, fällt ihn ein heftiger Schlag in die Kniekehle. Er schaut in den Himmel. Eine weiße Wolke aus Tränengas. Aus der sich vier oder fünf Hünen über ihm erheben, Gasmasken im Gesicht, die Stöcke schlagbereit in ihren Händen.

Einer von ihnen hebt die Zwille auf, die neben ihm liegt.

»Das ist das Schwein.«

3

Er spürte Sander van Haags Hand schwer auf seiner Schulter lasten, während der ihn als Stütze benutzte, um sich auf den freien Barhocker neben ihm zu hieven. Im deutlich gealterten Gesicht das freche Grinsen von früher, seine Erschütterung offenkundig genießend.

»Du lebst?«, brachte er endlich hervor.

»Und wie, mein Lieber! Ein guter Grund, um anzustoßen, was?« Van Haag hielt ihm lachend das Glas entgegen.

Als er sein Bier endlich wie in Zeitlupe erhob, zog Sander das Glas zurück. Das Lachen erlosch. »Aber seinen besten Freund in höchster Not im Stich zu lassen, ist kein guter Grund.«

»Sander, ich – ich war sicher, sie hätten dich umgebracht.«

»Statt mich zu suchen, hast du dich verpisst. Heim ins Reich zu Papi. Während ich im Krankenhaus lag. Monatelang. Ohne sprechen zu können. Mit geklammertem Kiefer, Gipskorsett bis zum Hals.«

»Mein Gott. Hätte ich das doch nur gewusst.« Der Spitzname des alten Freundes kam ihm nicht leicht über die Lippen. »Babbel, bitte glaub mir!«

»Eine einzige falsche Bewegung damals, und es hätte kein Babbeltje mehr gegeben.« Van Haags Blick kehrte sich nach innen, als müsste er den Schmerz erneut niederkämpfen, dann lachte er plötzlich laut auf. »Alles Kram von gestern! Reden wir von heute! Herr Wirt, zwei Schnaps für uns. Heute feiern wir Wiederaufstand. Heißt das so, Knabbel?«

»Wiederauferstehung?«

»Genau, mein Junge, Wiederauferstehung. Und jetzt erzähl mir, wie es mein alter Kumpel zum Staatssekretär gebracht hat. Letzte Woche bist nämlich du für mich wiederauferstanden. In der Volkskrant: ›Der Mann, der den Deutschen den Joint bringt.‹ Du bist ein Held bei unseren braven Bürgern im Grenzgebiet! Drogentourismus adieu!«

»Jaja, aber das ist ja jetzt nicht so wichtig. Was ist damals passiert? Was hast du all die Jahre getrieben? Du musst mir unbedingt erzählen …«

»Musst, Babbel? Ich muss? Das Einzige, das wir eines Tages müssen, ist sterben. Dank dem Herrn nicht gestern, wahrscheinlich nicht mehr heute, aber sicher morgen oder übermorgen.«

Van Haags Stimme durchschnitt den Raum zwischen ihnen so scharf, dass Kamrath erschreckt und beschwichtigend die Hand hob. »Ich wollte dich nicht …«

»Schon gut, Knabbeltje. Ich bin drüber weg. Die meiste Zeit jedenfalls. Aber ich weiß gar nicht, wie viel ich dir erzählen kann. Erst mal schauen, wer du heute bist.« Jetzt erschien wieder sein Grinsen im Gesicht. »Prost!«

Der Wirt hatte die Gläser bis zum Berg gefüllt, die beiden mussten sich tief über die Theke neigen, um nichts zu verschütten. Van Haag schaute ihm in die Augen, graueisiger Blick.

Dies und der Brandstifter in seinem Rachen schürten endlich seinen Widerstandsgeist, trennten ineinander verbissene Gefühle. Aufsteigender Zorn. »Du hättest mich ja auch suchen können, Sander. Später. Ich war nicht untergetaucht, ich war leicht zu finden in Deutschland.«

»Einen Imstichlasser? Warum?«

»Um die Dinge zu klären! Um mich nicht dreißig Jahre lang mit dieser Schuld leben zu lassen! Verantwortlich für den Tod der Freunde, weil ich damals nicht mitgegangen bin.«

»Wahnsinn, Knabbeltje, du bist noch deutscher als damals. Wie immer sollen euch eure Opfer die Schuld abnehmen. Weil ihr ja nie von etwas gewusst habt.«

Seine Hand schoss zu einer Ohrfeige nach oben, aber van Haag, ohne den Blick von seinen Augen zu nehmen, umschraubte mit einem Griff bereits sein Handgelenk, schmerzhaft die Haut verdrehend, zog es an seinen Brustkorb, während sich van Haags anderer Arm zugleich um seine Schultern legte, ebenfalls zog, bis seine Gegenwehr verebbte. Ihre Köpfe dicht beieinander, ihr Atem lauter als alles andere um sie herum.

»Du hättest es nicht verhindern können, Knabbeltje. Das mit mir nicht, und das mit ihr auch nicht. Wir hatten damals keine Chance. Einfach keine Chance.« Nur noch ein heiseres Flüstern. »Du willst wissen, warum ich dich nie gesucht habe? Weil ich selbst mich so geschämt habe. All die Jahre über.«

Der Griff lockerte sich langsam, die Köpfe lösten sich voneinander, nur ein Stück weit, zwei Augenpaare, darin ein feuchtes Schimmern.

»Noch zwei Brandstifter, Benni!« Er brüllte es beinahe.

»Und lass die Flasche stehen, mein Freund!«, rief van Haag hinterher.

4

Amsterdam, 11. Oktober 1982

Und plötzlich ist es doch richtig ernst. Bis zu diesem Augenblick war »spielerisch« das Zauberwort während der vergangenen Wochen gewesen, in denen er den Intensivkurs »Hausbesetzung & Aktivismus unter besonderer Berücksichtigung anarchistischer Verhaltensweisen« absolviert hatte. Mit allen dazugehörenden großen Worten, vor allem während der energischen und langwierigen Debatte über den Einsatz von Gewalt. »Nur im Notfall«, lautete schließlich die Entscheidung der Wohngemeinschaft, in der er sich als Gast eingerichtet hatte.

Und nun befindet er sich ohne jeden Zweifel in höchster Not. Umzingelt von feindlichen Truppen und auf dem Boden liegend – was für eine Demütigung! –, muss er schauen, wie er sich noch retten kann.

Sie schreien auf ihn ein. Er solle das Tuch vom Gesicht ziehen. Aber als sich seine Hände gehorsam zum Tuch bewegen, prasselt ein Trommelfeuer von Schlägen auf ihn ein. Er hebt die Arme schützend über den Kopf, krümmt sich zusammen. Unaufhörlich treffen die Schlagstöcke klatschend auf seiner Lederjacke auf, bis er endlich eine Lücke zwischen den Springerstiefeln zu sehen meint. Halb sich vom Boden abstemmend, halb zur Seite abrollend, versucht er, den erbarmungslosen Hieben zu entkommen, aber das Spalier der Hünen wandert mit ihm, scheint ihn mit Schlägen weiterzutreiben, als spielten sie Polo mit ihm als Ball. Bis er am Bordstein hängen bleibt und nichts tun kann, als sich wieder zusammenzurollen, so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.

»Ich bin Tourist! Nur ein Tourist!«, brüllt er.

»Scheißtourist!«, schreit einer der Bullen zurück, dreht den Stock um und schlägt mit dem Handgriff zu. Der Knauf treibt einen tiefen Riss in seinen Helm, verhakt sich unter der Einfassung des Plexiglasschirms, und mit einem Ruck zieht ihn der Bulle weg wie ein abgestochenes Schwein im Schlachthaus.

Dann wird der Stock vom Helm weggerissen, ein stechender Schmerz im Nacken.

»Kommt, den Adolf holen wir uns später noch!«, hört er, und die Gewalt stoppt so unvermittelt, wie sie begonnen hat.

Ein paar Sekunden bleibt er still liegen, ehe er vorsichtig sein Gesicht abtastet. Seine Hände sind wund und stark angeschwollen. Stöhnend richtet er sich auf. Sieht, wie die Bullen sich eilig zurückziehen, mit erhobenen Schutzschilden, geduckt und eng aneinandergedrängt wie eine römische Kohorte. Dachpfannen fliegen durch die Luft und zerplatzen auf dem Boden vor ihren Stiefeln. Gerettet!

Er kommt langsam wieder auf die Beine, hinter ihm ein Wirrwarr hin und her rennender Leute. Schemenhaft tauchen sie in den Rauchschwaden des Tränengases auf, werfen Steine und ziehen sich wieder zurück.

»Marcel!« Das ist Sanders Stimme. Er entdeckt eine Silhouette vor lodernden Flammen, die ihm winkt. Soll er wirklich dorthin, zu diesem immer höher züngelnden Feuer? Eine brennende Straßenbahn, erkennt er jetzt. Ihm ist schwindelig, er zögert. Sander läuft ein Stück weiter nach vorn, winkt heftiger.

»Hierher!«

Er muss jetzt nur ein paar Meter laufen, um wieder in Sicherheit zu sein. Bei seinen neuen Freunden. Und dann, auf halbem Weg, steht Kiki vor ihm, wie aus dem Nichts dem Meer aus Rauch entstiegen. Sie umarmt ihn, fasst sein Gesicht mit beiden Händen, mustert besorgt seine Wunden, Tränen auf ihren Wangen. »Alles gut?«

Sie streichelt über seinen Mopedhelm, hinter ihr knistert das Feuer, die aufsteigenden Rauchwolken verdunkeln die Sonne.

»Los, weg hier!«, ruft Sander.

Sie ziehen ihn mit sich fort, rennen in eine Seitenstraße, bleiben keuchend stehen, drehen sich um, blicken auf das Schlachtfeld mit der brennenden Straßenbahn. Sander zieht ein Transistorradio aus der Tasche und schaltet es ein.

»Wie ist das passiert?«, fragt er.

»Der Idiot von Fahrer hat die Bahn voll in die Barrikade geritten«, sagt Kiki. »Mit einem leckenden Öltank. Der Typ, der ein Streichholz dranhielt, war ein Zivilbulle. Ich habs genau gesehen.«

Aus dem Haus gegenüber kommen Leute gelaufen. Als sie die Szenerie entdecken, stoppen sie entgeistert ab.

»Die spinnen, die räumen gerade das Stedelijk!«, ruft Sander ungläubig, das Miniradio fest an sein Ohr gedrückt.

Blechern brechen sich jetzt unverhohlen wütende Megafon-Befehle an den Häuserwänden. An der brennenden Tram vorbei stürmt eine Gruppe von Einsatzkräften in Richtung des Museums, vor dem sich verstörte Besucher mit Demonstranten mischen. Mit erhobenen Schlagstöcken jagen sie hinein, treiben die in Panik geratende Menge in alle Richtungen davon.

Kiki schlägt die Hand vor den Mund, will Sander und ihn fortzerren, aber Sander wehrt ab, hört angestrengt, was die rauschende Stimme im Radio sagt.

»Mein Gott, sie haben den Notstand ausgerufen!« Entsetzt hält er ihnen das Radio entgegen, damit sie das Unfassbare selbst hören können.

»Die Notverordnung tritt um dreizehn Uhr in Kraft. Es ist verboten, sich auf öffentlichen Plätzen und Wegen auf eine Weise zu verhalten, dass davon ausgegangen werden muss, dass die öffentliche Ordnung gestört oder bedroht wird. Ebenfalls ist es verboten, Gegenstände oder Stoffe bei sich zu führen, mit denen die öffentliche Ordnung gestört werden könnte. Die Polizei ist angehalten, die Einhaltung dieser Verordnung unbedingt durchzusetzen.

Aus dem Büro des Bürgermeisters wird zudem mitgeteilt, man sei erschüttert, dass die Gewalttätigkeit der Krakerszene nunmehr solche Ausmaße angenommen habe, dass erstmals seit Kriegsende der Notstand ausgerufen werden musste. Man sei sich der besonderen Bedeutung und Verantwortung unbedingt bewusst. Sobald die öffentliche Ordnung wiederhergestellt sei, werde die Notverordnung sofort wieder außer Kraft gesetzt.«

Sander lässt das Radio sinken.

»Jetzt kann jeder einfach so festgenommen werden! In der ganzen Stadt!« Kikis Stimme zittert.

»Und was ist mit dem Lucky Luijk?« Keine Zeit für eine bessere Aussprache, keine Zeit für ein Lachen über sein verballhornendes Nederlands.

»Nichts zu machen. Inzwischen haben sie auch das ›Paula Pot‹ und den ›Binnenspiegel‹ aufs Korn genommen«, sagt Sander.

Immer weiter rücken die Einsatzkräfte mit neuen Linien vor, jetzt auch in ihre Richtung. Sander drückt ihm das Radio in die Hand, zieht drei, vier schwarze Rundstäbe aus der Jackentasche hervor, zündet vorsichtig ihre Lunten an und wirft sie den Polizisten entgegen. Es sind Kanonenschläge, so laut, wie er sie noch nie zuvor gehört hat. Und tatsächlich gerät der Aufmarsch kurzzeitig ins Stocken.

»Stilles!« Kiki zeigt auf drei Männer mit Turnschuhen und in Jeans, die hinter den Einsatzkräften heransprinten.

Stilles? Sollte er jetzt still stehen bleiben? Er schaut fragend zu Sander, aber der ist schon wieder unterwegs, verschwindet um die Hausecke, Kiki ein paar Meter dahinter.

»Hey!«, ruft er ihnen hinterher.

Sie dreht sich um. »Brauchst du eine Extraeinladung?«

»Du hattest doch ›still‹ gesagt«, sagt er, während sie seine Hand packt und ihn mit sich zieht.

»Mensch, ›Stilles‹! Bullen in Zivil, Turnschuhbrigaden!«, ruft sie hastig, während sie in eine Seitenstraße einbiegen, wo Sander sie schon erwartet.

Eine schnelle Kopfbewegung von ihm und es geht los. Rechts, links, um eine weitere Ecke, und plötzlich stößt Sander ihn grob durch eine Gartentür. Was Kiki vorne nicht mitbekommt, nachdem sie offenbar die bei den Besetzern bekannte Tür verpasst hat.

Ausgepumpt lassen sie sich auf die Erde zwischen ein paar Rhododendren fallen, wagen es kaum, zu atmen, während sie das Keuchen und kurze Absprachen ihrer Verfolger an sich vorüberziehen hören.

»Je bent aangehouden!«, brüllt plötzlich eine der Stimmen. »Du bist festgenommen!«, gefolgt von einem erstickten Aufschrei Kikis.

Er starrt Sander an. Was sollen wir nur tun, fragt sein Blick flehend, aber Sander drückt nur den Zeigefinger gegen seine Lippen.

Sie warten, bis sich das Fußgetrappel, die Flüche und das hilflose Schimpfen Kikis etwas entfernt haben. Sander öffnet die Tür vorsichtig einen Spalt weit, und sie müssen zusehen, wie die Zivilbullen versuchen, Kiki abzuführen. Sie reißen sie an den Haaren vorwärts, bis sie strauchelt, treten sie sie unerbittlich weiter voran. Kiki wird von den zwei anderen Zivilbullen aufgefangen, die rechts und links ihre Jacke fassen und sie nach vorne ziehen. Und wieder stürzt sie, diesmal mit so viel Schwung, dass sie alle drei Männer mit sich zu Boden nimmt. Aber die springen schnell wieder hoch.

»Gottverdammt, steh auf jetzt!«

Sie zerren an ihr und treten sie, um sie wieder nach oben zu treiben. Noch stehen sie auf freier Fläche, zu weit entfernt von den Polizeilinien, um mit ihrer Beute sicher vor Angriffen zu sein.

Sander weist auf ein abgebrochenes Verkehrsschild. Keine Frage, was jetzt zu tun ist. Sie schleichen auf die Straße, er nimmt das Verkehrsschild auf, das noch an einem knappen Meter Pfahl hängt, während Sander eine ganze Handvoll Böller aus seiner Jackentasche zieht. Dann rennen sie los, erst so leise, dann so schnell wie möglich, hinein in den Rücken der ahnungslosen Festnahmeeinheit.

Er rammt dem hintersten Mann das Verkehrsschild in die Kniekehlen. Hört er Bänder reißen, Knochen splittern? Das Geräusch ist jedenfalls so laut, dass die beiden anderen Zivilen sich erschreckt umdrehen, während ihr Kollege Kikis Arme losgelassen hat und mit einem Schrei gefällt zu Boden geht.

Perplex starren sie abwechselnd auf den sich wimmernd und fluchend Umherwälzenden und ihn, den jungen schmächtigen Burschen mit dem Verkehrsschild, der sie nicht minder fassungslos anstarrt. Bis einer der beiden Kikis Arm loslässt und mit erhobenen Fäusten auf ihn zugeht, immer das Schild im Blick, dessen Spitze jetzt auf dem Boden an seiner Seite ruht, als wäre es ein Wanderstab und keine Waffe.

Kiki nutzt die Ablenkung durch den drohenden Zweikampf. Sie tritt ihrem verbliebenen Peiniger in den Rücken und läuft davon, während Sander mit einem Böller direkt auf den Kopf des Boxers zielt. In einem schnellen Reflex kann der den auf ihn zufliegenden Stab ablenken, aber gleich hinter seinem Nacken explodiert das Ding, und er krümmt sich im aufbrandenden Schmerz und reißt die Hände zu den Ohren empor, als könnte er den taub machenden Schall noch nachträglich abhalten.

Sander läuft los, er läuft los, das Verkehrsschild immer noch in der Hand, und weil sich der inzwischen auf die Knie gegangene Polizist mit immer noch zugehaltenen Ohren in seine Richtung wendet, holt er noch einmal mit dem Schild aus, trifft den Polizisten am Arm und fegt ihn zur Seite. Erst dann lässt er das Schild fallen und spurtet, so schnell er kann, über den Platz. Ob das nicht ein feiger Anschlag auf einen Hilflosen war, wird er sich erst viel später fragen.

Sie finden Kiki nach einiger Zeit beim Reichsmuseum, wo sie in einer großen Gruppe von Demonstranten Deckung gesucht hat. Die Nerven blank, ihre Hände zittern, sie muss die ganze Zeit über kichern, kann einfach nicht aufhören. Die Leute halten Abstand. Sander und er wollen sie im selben Moment in die Arme nehmen, sie schauen einander an, jeder nimmt eine ihrer Schultern, streichelt sie, bis sie sich beruhigt.

»Verdammt, sie hatten euch beide am Haken. Aber wir habens geschafft. Wir alle drei zusammen«, sagt Sander.