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Bobbie Peers

William Wenton und der Orbulator-Agent

Big Ben schlägt nicht mehr! Die weltbekannte Glocke aus Londons berühmtestem Uhrenturm steht still! William ist sich sicher, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht. Steckt etwa der Orbulator-Agent dahinter, der William eine geheimnisvolle kleine Pyramide zugeschickt hat, deren Code unlösbar zu sein scheint? William versucht alles, um ihn zu knacken, bevor sich der Orbulator-Agent für die nächsten hundert Jahre aus dem Staub macht.

Wohin soll es gehen?

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Big Ben, London

Der weltberühmte Glockenturm ragte über gewaltigen Gebäuden auf. Graues Mondlicht wurde von dem Zifferblatt reflektiert. Die gigantischen Zeiger standen auf halb vier. Die in der Nähe vorbeifließende Themse rauschte leise. Nie war London so verschlafen wie jetzt.

Es war so still, dass man von der Straße her das Uhrwerk hoch oben im Turm hören konnte. Aber bald musste das Ticken in der nächtlichen Dunkelheit etwas anderem weichen.

Schritten.

Im trüben Licht einer Straßenlaterne konnte man im Rhythmus dieser Schritte den Schatten eines Menschen wachsen sehen. Eine hohe Gestalt tauchte auf und hielt vor dem Zaun um Big Ben an.

Der Mann trug einen breitkrempigen Hut und einen langen Mantel. Er schaute zur Uhr hoch. Einen Augenblick stand er ganz still, wie eine unbewegliche Statue in der dunklen Straße. Dann sprang er mit einer raschen Bewegung über den Zaun und lief auf den Turm zu. Er wühlte in seinen Taschen und fand endlich das Gesuchte: eine kleine Metalltür, nicht viel größer als eine Streichholzschachtel. Er strich mit einer bleichen Hand über die raue Mauer und befestigte die kleine Metalltür daran, als ob die Mauer magnetisch aufgeladen wäre. Eine Reihe von Klickgeräuschen war zu hören und die Metalltür begann zu wachsen. Sie wurde größer und größer. Bis sie schließlich so groß wie eine normale Tür war.

Der Mann schaute sich aufmerksam um, dann öffnete er die Tür, ging hindurch und zog sie hinter sich zu.

Kurz darauf öffnete sich die Tür wieder und der Mann trat heraus. Jetzt hielt er etwas in der Hand. Es sah schwer aus und war in ein schmutziges Tuch gewickelt.

Wieder zog er die Tür hinter sich zu. Sie schrumpfte und der Mann nahm sie von der Mauer ab. Er steckte sie in die Tasche und schaute sich noch einmal um, ehe er über den Zaun sprang und in der Dunkelheit verschwand.

Das Geräusch seiner Schritte verhallte, und es wurde ganz still. Noch stiller als vorher.

Big Ben schlug nicht mehr.

In einem geheimen Kontrollraum im Institut für Posthumane Forschung in England blinkte plötzlich eine rote Alarmlampe. Unter der Lampe stand BIG BEN, LONDON. Ein erschrockener Techniker schaute auf. Er verschluckte sich an seinem Kaffee und erlitt einen heftigen Hustenanfall. Die ganze Zeit starrte er dabei die blinkende Lampe an.

»Goffman anrufen«, sagte er mit zitternder Stimme. »Sofort.«

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»William …«, sagte eine Stimme.

William drehte sich um und zog sich das Kissen über den Kopf.

»William …«, sagte die Stimme noch einmal. »Du musst aufstehen.«

»Noch einen Moment«, grunzte William. »Nur noch einen Moment.«

»JETZT! WILLIAM

Er setzte sich auf und blickte sich um. Seine Haare standen nach allen Seiten ab und seine Augenlider fühlten sich bleischwer an. Er schaute zum Laptop auf dem Nachttisch hinüber. Vom Bildschirm her lächelte ihn das Gesicht seines Großvaters an.

»Ich kriege Ärger mit deiner Mutter, wenn ich dich nicht rechtzeitig hochjage«, sagte der Großvater. »Also steh endlich auf, egal, wie müde du bist.«

»Schon klar …«, sagte William und schwang die Füße über die Bettkante. Der Boden war kalt und er hätte sich gern wieder unter der Decke verkrochen. In diesem Moment beneidete er den Großvater, der war schließlich ein Computerprogramm. Der brauchte morgens nicht aufzustehen.

»Du hast neunzehn Minuten, dann musst du aus dem Haus sein«, sagte der Großvater.

William stand auf und suchte seine Kleider zusammen.

Da Williams Eltern jetzt beide arbeiteten, musste der Großvater dafür sorgen, dass William pünktlich zur Schule kam. Seit Williams Vater vom Institut das Exoskelett bekommen hatte, konnte er sich ohne Rollstuhl bewegen. Jetzt hatte er eine Stelle im Wissenschaftshistorischen Museum in Oslo. Dem Museum, in dem William etwas über ein Jahr zuvor den schwierigsten Code der Welt gelöst hatte. Den Code, durch den sein Leben auf den Kopf gestellt worden war.

»Wie viele Tage sind es jetzt noch?«, fragte William und zog sich den Pullover über den Kopf.

Er kannte die Antwort, hörte sie aber zu gern von seinem Großvater. Es war zu einem Ritual geworden, das die beiden jeden Morgen wiederholten. William konnte die Rückkehr ins Institut kaum abwarten.

»Elf Tage«, sagte der Großvater und lächelte. »Und du hast noch fünfzehn Minuten, bis der Bus fährt. Du musst mich ausschalten.«

William ging zum Laptop hinüber.

»Schönen Tag noch«, sagte der Großvater augenzwinkernd. »Und fang dir ja keinen Ärger ein.«

»Du auch nicht«, sagte William und winkte. Er schaltete den Laptop aus und zog den Speicherstick heraus.

Dann ging er zu dem großen Schreibtisch, den er von seinem Großvater bekommen hatte. Er legte den Speicherstick vorsichtig in eine Schublade und schloss die Schublade ab.

Zehn Minuten darauf lief William die Auffahrt vor dem Haus hinunter. Er hatte sich in letzter Sekunde noch ein Butterbrot geschmiert und biss gerade energisch hinein, als er den Bürgersteig erreichte. Und fuhr zurück. Vor ihm stand ein Mann. Er trug eine rote Uniform und hatte sich einen Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass es nicht zu erkennen war. In den Händen hielt der Mann ein graues Päckchen.

»William?«, fragte er.

William zögerte.

»William Wenton?«, wiederholte der Mann und trat einen Schritt näher. Es klickte, wenn er sich bewegte. William schaute zu den Schuhen des Mannes hinunter. Die waren weiß und schwarz. Der Mann trug doch wohl keine Steppschuhe?

William schaute sich um. Es war ganz still in der Straße. Hinter dem Mann stand ein rotes Postauto. Es sah alt aus. Zerkratzt und ausgebeult.

»Ich habe eine superwichtige Expresssendung für William Wenton«, sagte der Mann. »Bist du das?«

William zwang den dicken Bissen von seinem Butterbrot seinen Hals hinunter. »Ja«, antwortete er endlich.

»Hast du einen Ausweis?«, fragte der Postbote.

»Äh.« William schob die Hand in die Tasche und zog seine Busfahrkarte hervor.

»Nichts mit Bild?«

»Da steht mein Name«, sagte William und zeigte darauf.

Der Postbote murmelte vor sich hin und stellte das Paket vorsichtig auf den Boden. Er musterte die Busfahrkarte.

»Okay«, sagte er nach einer Weile und trat einen Schritt zurück. »Ich glaube dir. Es ist mir eine Ehre, dich endlich kennenzulernen, junger Herr Wenton.« Er machte eine Verbeugung und danach ein paar Steppschritte auf dem Asphalt. Dann gab er William die Busfahrkarte zurück und hob das Paket hoch. »Hier.«

William nahm es entgegen und staunte darüber, wie schwer es war.

»Was ist das?«, fragte er und schüttelte das Paket ein wenig.

»Vorsicht«, sagte der Postbote. »Das muss behutsam behandelt werden. Und du musst allein sein, wenn du es auspackst.«

»Allein?«

William versuchte, den Blick des Postboten aufzufangen, aber noch immer war dessen Gesicht von der Hutkrempe verdeckt.

»Ganz mutterseelenallein. Das ist kein Tanz für zwei.«

Plötzlich hörte William den Bus näher kommen.

»Ich muss los«, sagte er und rannte zur Bushaltestelle weiter.

»Vorsicht«, hörte er den Mann hinter sich herrufen.

William erreichte die Bushaltestelle in dem Moment, als sich die Bustüren öffneten. Im Einsteigen drehte er sich um und schaute zur Auffahrt zurück. Der Postbote stand noch immer da und starrte ihn an. Aber als William einen Sitz gefunden hatte und der Bus an seinem Haus vorbeifuhr, war der geheimnisvolle Postbote verschwunden.

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Herr Humburger marschierte vor der Tafel hin und her.

»Und wenn ihr den Feueralarm hört …« Er blieb stehen und schaute die Klasse mit strengem Blick an. »Dann stehen alle ganz ruhig auf und gehen hintereinander aus der Tür.«

William saß auf seinem Platz und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was Herr Humburger sagte. Aber das war schwer, weil seine Gedanken die ganze Zeit zu dem seltsamen Paket in seiner Schultasche wanderten.

»Danach versammeln wir uns klassenweise draußen auf dem Schulhof und warten brav auf die Feuerwehr«, sagte nun Herr Humburger.

Eine Brandübung stand bevor. Die meisten freuten sich darauf, denn das bedeutete eine Unterbrechung im Unterricht. Und an diesem Tag war es besonders spannend, weil sogar die Feuerwehr anrücken würde.

Herr Humburger schaute zur Uhr an der Wand hoch.

Als der Sekundenzeiger die 12 erreichte, heulte draußen auf dem Gang der Alarm los. Stühle scharrten, als die ganze Klasse im selben Moment aufsprang.

»Keine Panik«, rief Herr Humburger, während er mit beiden Armen die Bewegungen der Klasse dirigierte.

William wusste, dass die Lehrer darüber wetteiferten, wer als Erster seine Klasse nach draußen führen könnte. Herr Humburger lief zur Tür und winkte seinen Schülern. »Alle in einer Reihe. Die Schultaschen lasst ihr liegen. Wir kommen ja wieder zurück.«

William bückte sich, zog vorsichtig das Päckchen aus seiner Schultasche und versteckte es unter seinem Pullover. Die Brandübung kam ihm wie gerufen. Niemand würde es bemerken, wenn er sich davonschlich. Er musste doch wissen, was das Päckchen enthielt.

»Die ganze Klasse im Gleichschritt marsch«, rief Herr Humburger. Er hob eine Trillerpfeife an den Mund und blies energisch den Takt, während er den Auszug aus dem Klassenzimmer anführte.

Die ganze Klasse folgte ihm, und zusammen marschierten sie über den Gang wie eine kleine Parade am Nationalfeiertag. Inzwischen strömten auch andere Klassen aus ihren Zimmern, und Herr Humburger hatte es jetzt sehr eilig. Er blies immer häufiger in seine Trillerpfeife, und die marschierenden Schüler versuchten Schritt zu halten.

William schaute sich auf dem Gang um. Jetzt war die Gelegenheit günstig, sich zu verstecken. Die Tür zum Lehrerzimmer stand offen und der Raum war verlassen. Er schlüpfte aus der Reihe und schlich ins Lehrerzimmer. Dann schloss er die Tür, blieb stehen und horchte auf die Schritte draußen. Herr Humburgers Pfeife verklang in der Ferne.

William wartete, bis es auf dem Gang ganz still war. Dann lief er ans Fenster und schaute hinaus. Gerade fuhren drei Löschzüge auf den Schulhof. Herr Humburger versuchte, die Wagen zu dirigieren, aber die Fahrer achteten nicht auf ihn und hielten an einer anderen Stelle.

William zog das Päckchen unter seinem Pullover hervor und setzte sich auf ein Sofa. Er legte das Päckchen vor sich auf den Tisch und starrte es einige Sekunden lang an.

Was konnte das sein?

William band die Schnur auf und wickelte vorsichtig das Packpapier auseinander. Er dachte daran, was der Postbote gesagt hatte: Das Paket musste behutsam behandelt werden.

Sein Herz schlug schneller. Es gab mehrere Schichten Papier. Langsam, aber sicher kam etwas zum Vorschein.

Eine Pyramide aus Metall.

Sie war überzogen von seltsamen geometrischen Figuren, die in weißem Licht pulsierten.

Sofort setzte das vertraute Vibrieren ein. Es fing im Bauch an und wanderte dann sein Rückgrat hoch. Vor Williams innerem Auge begannen die Symbole auf der Pyramide, sich von der Metalloberfläche zu entfernen und vor ihm in der Luft zu schweben.

Ein Code.

Die Pyramide war ein Code!

William ließ sich auf das Sofa zurücksinken, und die schwebenden Symbole legten sich wieder an Ort und Stelle. Er hätte den Code gern sofort gelöst, hatte aber Angst. Bei seinem letzten Versuch, einen unbekannten Code zu knacken, hatte er das Kryptalportal im Himalaya aktiviert. William wollte diesen Fehler kein zweites Mal begehen. Er musste mit seinem Großvater sprechen, ehe er irgendetwas unternahm. Er wollte die Pyramide gerade wieder in das Packpapier wickeln, als die Tür aufgerissen wurde und Herr Humburger hereinstürzte.

»Da bist du!«, schrie er. »Deinetwegen haben wir das Wettaufstellen verloren!«

Herr Humburger richtete seinen fetten Zeigefinger auf William.

»Was treibst du hier eigentlich?«

Er entdeckte die Pyramide, die William in den Händen hielt. »Und was ist das da?«

Ehe William antworten konnte, hatte Herr Humburger ihm die Pyramide schon entrissen.

»Nein, vorsichtig …«, protestierte William.

Die Pyramide knisterte heftig und Herr Humburger schrie auf.

»Was ist denn damit los?«, rief er verdutzt und taumelte rückwärts. »Mach, dass sie aufhört!«

Er knallte gegen die Wand und blieb dort stehen.

Die Pyramide sprühte jetzt Funken und bewegte sich vibrierend über den Tisch. William streckte die Hand nach ihr aus, doch die Pyramide fiel bereits auf der anderen Seite des Tisches auf den Boden und wanderte weiter auf Herrn Humburger zu.

»Ich glaube, sie sucht jemanden«, sagte William.

Die Pyramide hörte auf zu vibrieren.

Sie blieb vor Herrn Humburgers Füßen liegen. Dem lief der Schweiß über das rot angelaufene Gesicht. Er schnappte nach Luft wie ein Goldfisch.

»Nicht bewegen«, sagte William und schlich sich vorsichtig näher.

»Das wirst du mir büßen, William«, fauchte Herr Humburger. »Ist sie fertig?« Er streckte den Fuß aus und versetzte der Pyramide einen Tritt.

»Nein, warten Sie«, rief William.

Die Pyramide stimmte ein ohrenbetäubendes Geheul an und ließ einen wilden Funkenregen aufstieben.

Jetzt geriet Herr Humburger endgültig in Panik. Er sprang über die Pyramide, rannte ans Fenster und riss es auf. Er streckte den Kopf hinaus und brüllte aus voller Kehle: »ALARM, ALARM

Alle, die unten auf dem Schulhof standen, schauten hoch.

»ES BRENNTHIER OBEN BRENNT ES RICHTIG

Ein Feuerwehrmann, der einen Schlauch in der Hand hielt, drehte sich um und richtete den Schlauch auf das Fenster.

Herr Humburger rang um Atem und versuchte, noch mehr zu rufen, aber das Treppauf- und Treppabrennen und die Panik hatten ihm alle Luft genommen. Das glich er jedoch aus, indem er wie wild mit den Armen fuchtelte.

Ein kräftiger Wasserstrahl schoss aus dem Schlauch und traf Herrn Humburger voll auf der Brust. Er wurde nach hinten geschleudert und landete ein Stück entfernt auf dem Rücken. William rannte hinüber und versuchte, ihm beim Aufstehen zu helfen. Aber Herr Humburger stieß ihn weg und kam mühsam allein wieder auf die Beine.

»Ich muss machen, dass ich wegkomme«, rief Herr Humburger und streifte sein triefnasses T-Shirt ab. »Aufs Dach.«

»Nein, das ist gefährlich«, rief William, aber Herr Humburger achtete nicht auf ihn. »Ich muss Zeit gewinnen. Das habe ich geübt«, sagte er, presste sich das T-Shirt aufs Gesicht und stürzte hinaus auf den Gang.

William blieb stehen. Er drehte sich um und schaute die Pyramide an, die jetzt ganz still auf dem Boden stand.

Als William auf den Schulhof kam, starrten alle zu dem Gebäude hoch, das er soeben verlassen hatte. Er hatte die Pyramide unter seinem Pullover versteckt und legte beschützend die Hände darüber, um die kantige Ausbeulung zu verbergen. Dann schaute auch er zum Dach hoch und entdeckte Herrn Humburger, der dort oben stand und mit den Armen fuchtelte. Sein bleicher, feuchter Oberkörper glänzte in der Sonne.

Die Feuerwehrleute hoben etwas hoch, das aussah wie ein riesiges Trampolin. Sie rannten auf das Schulgebäude zu und blieben direkt unterhalb von Herrn Humburger stehen.

»ES GEHT NUR NOCH ABWÄRTS!«, rief Herr Humburger.

»Nein, warten Sie«, rief ein Feuerwehrmann, während ein anderer aus dem Haupteingang kam und den Kopf schüttelte. »Es brennt überhaupt nicht. Das war falscher Alarm.«

Aber Herr Humburger schien das nicht gehört zu haben. Er trat an die Dachkante und hob wie ein Wettkampfschwimmer beide Arme hoch über den Kopf.

Und mit einer eleganten Bewegung stieß er sich zu einem perfekten Schwalbensprung ab. Die Menschenmenge, die unten stand und zusah, keuchte auf. Herrn Humburgers Schmerbauch wogte im Wind wie ein halb voller Wasserballon.

Mit einem feuchten Klatschen landete Herr Humburger mit dem Bauch zuerst.

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Der Rektor schloss die Tür zu seinem Büro. Dann stellte er sich neben den großen Sessel hinter dem Schreibtisch.

»Bitte, setzen Sie sich«, sagte er und zeigte auf ein Sofa an der Wand.

Die Eltern, die William zwischen sich genommen hatten, blieben stehen. Sie schienen allesamt keine Lust zum Sitzen zu haben.

»Können wir das ein bisschen schneller hinter uns bringen?«, fragte der Vater und warf einen Blick auf sein Handgelenk, wo das Batteriedisplay seines Exoskelettes befestigt war. »Mein Akku ist bald leer.«

»Wir müssen auf die anderen warten«, sagte der Rektor nervös und umklammerte mit schweißnassen Händen die Sessellehne. »Wir können nicht ohne sie anfangen.«

»Sie?«, fragte Mama. »Sind es denn mehrere?«

»Es sind Herr Humburger … und sein Anwalt«, stammelte der Rektor.

Williams Mutter schaute zu seinem Vater hoch. William konnte sehen, dass sie jetzt reichlich verärgert war. Dann blickte sie wieder den Rektor an.

»Worum geht es hier eigentlich? Am Telefon haben Sie etwas von einer Brandübung erzählt … und von Herrn Humburger. Warum um alles in der Welt bringt er einen Anwalt mit?«

Der Rektor wollte etwas sagen, aber da wurde energisch an die Tür geklopft. Ehe jemand reagieren konnte, wurde die Tür auch schon aufgerissen. Auf der Türschwelle stand Herr Humburger. Seine Frisur wirkte frisch geföhnt, und er trug einen blauen Schlafrock und Seidenpantoffeln. Er kam ins Zimmer getrampelt. Gleich hinter ihm trippelte ein kleiner Mann in einem zerknitterten Anzug. Fettige Locken hingen ihm über die Ohren, aber oben auf dem Kopf hatte er keine Haare mehr.

Herr Humburger blieb stehen, als er William und dessen Eltern entdeckte. Sein Gesicht verzog sich verächtlich. Er packte den kleinen Anzugträger und stieß ihn vor sich her, während er auf William zeigte.

»Da ist er«, sagte er mit Abscheu in der Stimme, »das ist William Wenton.«

Der kleine Mann riss sich los. »Ich bin erwachsen und kann allein gehen«, bellte er.

»Jetzt, wo alle hier sind«, sagte Williams Mutter ungeduldig, »kann uns vielleicht jemand erklären, worum es eigentlich geht?« Ihre Augen zielten auf den Rektor wie zwei selbstlenkende Raketen.

»Es ist vielleicht besser, wenn der Geschädigte seinen Fall selbst vorträgt«, sagte der Rektor und packte die Sessellehne, dass das Leder nur so knirschte.

Herr Humburger knuffte den Anwalt in den Rücken und flüsterte: »Sag du es ihnen, Vincent.«

Der Anwalt machte zwei Schritte nach vorn und räusperte sich.

»Verehrte Anwesende …«, sagte er dann mit feierlicher Stimme, als richte er sich an einen voll besetzten Gerichtssaal, »lieber Herr Rektor und dann natürlich die Eltern des … Problemkindes.«

»Problemkind?«, wiederholte Williams Mutter.

»Ja«, sagte der Anwalt und zeigte mit dem kleinen Finger auf William. »Problemkind.«

»Worüber redet er hier eigentlich?«, fragte Williams Vater und sah fragend den Rektor an, dessen Gesicht jetzt totenbleich war.

»Lassen Sie ihn ausreden«, sagte Herr Humburger und schnippte seinem Anwalt mit dem Finger gegen das Ohr.

»Mein Name ist Vincent Gugg. Gestatten Sie mir, Ihnen die Umstände des Falles vorzutragen«, sagte nun der Anwalt. »In Bezug auf Punkt 7, Paragraf 14 des Arbeitsschutzgeset-zes heißt es, dass jeder Arbeitnehmer einen Anspruch auf Schadensersatz in Form von bezahlten Urlaubstagen und anderen ausgleichenden Maßnahmen hat, wenn der Verdacht auf unerträgliche oder erniedrigende Arbeitsverhältnisse vorliegt.«

»Erniedrigende Arbeitsverhältnisse?«, fragte Williams Mutter. »Was hat das denn mit William zu tun?«

»Das hat ALLES mit William zu tun«, rief Herr Humburger und drohte William mit der Faust.

»Wieso denn?«, fragte Williams Vater.

»Insofern zum Beispiel, als dass mein Mandant über alle Maßen erschöpft ist, nachdem er diesem Problemkind mehrere Jahre lang ausgesetzt war«, sagte der Anwalt.

Herr Humburger ließ sich mit dramatischer Geste auf einen der freien Stühle sinken.

»Was für ein Unfug«, rief Williams Mutter. »Und er heißt nicht Problemkind … er heißt William.« Sie schaute den Rektor an, der sich hinter der Sessellehne zusammenkrümmte. »Haben Sie gar nichts zu sagen, Sie Trottel?«

Der Rektor schüttelte den Kopf. »Das ist das Arbeitsschutzgesetz«, sagte er mit zitternder Stimme. »Gegen das Arbeitsschutzgesetz bin ich machtlos. Das sticht alles.«

»Schämen Sie sich, Sie Wicht!« Williams Mutter baute sich über dem Anwalt auf und schrie so laut, dass dessen Locken flatterten.

»Und Sie sollten sich auch schämen«, sagte sie dann und zeigte auf Herrn Humburger.

Vincent Gugg verschränkte die Arme vor der Brust und spitzte verärgert den Mund.

»Wir haben das Gesetz auf unserer Seite«, sagte er atemlos.

Williams Mutter richtete sich noch höher auf und holte tief Atem. Sie schloss die Augen, als ob sie nur so eine Explosion verhindern könnte.

»Na gut … nehmen wir an, Sie hätten das Gesetz auf Ihrer Seite«, sagte sie dann. Noch immer mit geschlossenen Augen. »Was wollen Sie eigentlich erreichen?«

Sie öffnete die Augen wieder und sah Herrn Humburger an.

»Wir wollen, dass er von der Schule verwiesen wird«, sagte Herr Humburger. »Entweder geht William, oder wir verklagen die ganze Lehranstalt.«

Der Rektor wurde hinter seinem großen Sessel noch kleiner. Jetzt waren nur noch die Spitzen seiner struppigen Haare über der Rückenlehne zu sehen.

»Einen solchen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört«, sagte Williams Vater. »Sie können doch nicht verlangen, dass William die Schule verlässt, nur weil er einen unfähigen Lehrer hat.«

»Unfähig?«, rief Herr Humburger. »Heute hat er mich dazu verleitet, vom Dach des Schulgebäudes zu springen. In Unterhose … vor der ganzen Schule …« Herrn Humburgers Unterlippe bebte. »Wenn ich nicht der Seniorenmannschaft im Wettschwimmen angehörte, dann hätte es richtig böse enden können.«

»Sie sind in der Unterhose vom Dach gesprungen?«, fragte Williams Mutter. »Warum um alles in der Welt haben Sie das denn getan?«

»Weil der da …«, rief Herr Humburger und zeigte auf William, »… das Lehrerzimmer in Brand gesteckt hat.«

Seine Mutter sah William an.

»Stimmt das, William?«, fragte sie mit beherrschter Stimme. »Hast du das Lehrerzimmer in Brand gesteckt?«

»Nein«, sagte William und schüttelte den Kopf.

»Herr Humburger steht kurz vor dem Burn-out«, sagte sein Anwalt. »Und das Arbeitsschutzgesetz ist sehr bemüht darum, Burn-outs zu verhindern.« Aber niemand schien ihm noch zuzuhören.

»Sagen Sie doch mal was«, sagte Williams Vater.

Er trampelte zum Rektor hinüber und stieß den Ledersessel zur Seite.

Der Rektor sah aus wie ein ängstlicher kleiner Einsiedlerkrebs, der aus seiner Muschel gezogen worden war. Er richtete sich langsam auf und schluckte. Dann starrte er einfach zwei Sekunden lang in die Runde, während sein Adamsapfel auf und ab hüpfte.

»Die Schule kann sich keinen Skandal leisten. Ich fürchte, ich muss die Klage zur Kenntnis nehmen und mit dem Kollegium diskutieren.« Der Rektor zeigte auf William, als ob er die Aufmerksamkeit von sich ablenken wollte. »Du bist ein intelligenter Junge, William«, sagte er. »Aber ab und zu musst du auch mal auf andere hören. Du hättest heute mit auf den Schulhof gehen müssen.«

William schaute zu Boden. Er wusste, es war nicht richtig gewesen, dass er sich davongeschlichen hatte. Aber es war trotzdem nicht seine Schuld, dass Herr Humburger nur in der Unterhose einen Schwalbensprung vom Dach gemacht hatte.

»Ich hab gesagt, er soll da nicht hochgehen«, protestierte William.

»Unfug«, schnaubte Herr Humburger. »Ich habe die Regeln so verinnerlicht, dass ich im Krisenfalle instinktiv handele. Und du hast das Lehrerzimmer in Brand gesteckt. Ich musste mich aufs Dach retten. Es war der einzige Ausweg.«

»Aber wenn es gebrannt hat, warum haben Sie dann William nicht geholfen? Als Lehrer sind Sie doch für die Sicherheit der Schüler verantwortlich. Und wieso haben Sie sich ausgezogen?«, fragte Williams Mutter.

»Es war eine Krisensituation, das habe ich doch schon gesagt. Und da ist sich jeder selbst der Nächste«, sagte Herr Humburger. »Mit meinem T-Shirt habe ich mich vor dem Rauch geschützt. Und aus der Hose habe ich mir einen provisorischen Helm gewickelt, um beim Sprung meinen Kopf zu schützen. Das sind einfache Überlebenstechniken. In einer Krisensituation nimmt man, was man gerade zur Hand hat. Haben Sie nicht Rambo gesehen?«

»Das waren bloß ein paar Funken«, sagte William. »Nichts Schlimmes.«

»Alles ist deine Schuld«, bellte Herr Humburger.

»Das ist doch die pure Idiotie«, sagte Williams Mutter und legte den Arm um William. »Kommt, wir gehen.«

Sie zog ihn mit sich zur Tür.

»Aber die Besprechung ist noch nicht beendet«, protestierte Herr Humburger. Er schüttelte Vincent Gugg, bis dessen Locken flatterten. »Mach was. Nimm sie fest, ehe sie entkommen.«

»Fass mich nicht an, du Blödmann«, fauchte Vincent Gugg zurück. Er riss sich los und lief zusammen mit William und dessen Eltern aus der Tür. Mitten im Gang drehte er sich auf dem Absatz um und erklärte: »Ich lege hiermit mein Mandat nieder. Aufgrund von unerträglichen und erniedrigenden Arbeitsbedingungen.«

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William saß auf der Rückbank und sah Häuserreihen an sich vorübergleiten. Es regnete. Die Autofenster waren beschlagen und ließen die Welt draußen weit weg und belanglos wirken.

»Kannst du die Unverschämtheit dieses Lehrers begreifen?«, knurrte seine Mutter und packte das Lenkrad so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.

»Du musst einen höheren Gang einlegen«, sagte Williams Vater und zeigte auf die Gangschaltung.

»Und erst der Rektor«, fauchte seine Mutter weiter. »Dieser feige Vollidiot!«

»Wir müssen uns beeilen«, sagte sein Vater und schaute auf das Display, das anzeigte, wie viel Strom er noch für sein Exoskelett hatte. »Ich habe nur noch acht Prozent. Und du musst jetzt schalten.«

»Wieso soll William daran schuld sein, dass dieser blöde Dickwanst nur in Unterhose vom Dach gesprungen ist?«, fragte Williams Mutter und schaltete noch immer nicht.

William sah seine Schultasche an, die neben ihm auf dem Sitz lag. Darin steckte das Päckchen. Er konnte es kaum erwarten, es seinem Großvater zu zeigen. Wenn jemand wissen könnte, was das für eine Pyramide war, dann er.

»Sie müssten ihm einfach kündigen«, sagte seine Mutter und riss das Steuerrad zur Seite. Der Wagen schlingerte in ihre Auffahrt und blieb vor dem Haus stehen.

Seine Mutter löste den Sicherheitsgurt und wollte schon aussteigen, aber etwas hielt sie zurück. Sie blieb sitzen und starrte zum Haus hinüber.

»Du hast das Haus als Letzter verlassen, William?«, fragte sie endlich.

»Ja«, sagte William und schaute auf. »Warum?«

»Die Tür steht offen.«

William beugte sich vor.

Seine Mutter hatte recht. Die Tür war bloß angelehnt.

»Ich weiß noch ganz genau, dass ich abgeschlossen habe«, sagte William.

»Und was ist das da?«, fragte seine Mutter und zeigte auf das Küchenfenster.

William beugte sich noch weiter vor und starrte aus zusammengekniffenen Augen aus dem beschlagenen Autofenster.

An der Innenseite des Küchenfensters klebte eine hellbraune Masse.

»Da auch«, sagte sie und zeigte auf die Fenster im ersten Stock. »Das ist bei allen Fenstern so. Was ist da bloß passiert?«

»Das werden wir gleich sehen …« Sein Vater öffnete die Autotür und stieg aus. »Wartet hier«, sagte er und ging auf das Haus zu. Das schwere Exoskelett ließ den Asphalt dröhnen.

William blieb auf der Rückbank sitzen und schaute seinem Vater hinterher, als der sich auf die Haustür zubewegte. Wollte Papa wirklich hineingehen? Allein?

»Alfred …«, sagte Williams Mutter und stieg nun ebenfalls aus. »Lass uns lieber die Polizei rufen.«

Aber Williams Vater schien sie nicht gehört zu haben. Er öffnete die Tür ganz und ging hinein.

William folgte seiner Mutter zur Tür. Sie blieben davor stehen und hörten erst noch die schweren Schritte vom Exoskelett. Dann wurde es still.

»Ich seh mal nach«, sagte William. »Vielleicht ist sein Akku leer und er kann sich nicht mehr bewegen.«

»Wir gehen zusammen«, sagte seine Mutter und sie traten durch die Tür.

Nach wenigen Schritten blieben sie auf dem Gang stehen und glotzten.

Williams Vater stand bewegungslos vor der Wohnzimmertür. Und auch William und seine Mutter erstarrten bei dem Anblick, der sich ihnen dort bot. Die hellbraune Masse, die sie hinter den Fenstern gesehen hatten, bedeckte den gesamten Boden und reichte seinem Vater bis zu den Knien. Es war Sägemehl. Das ganze Haus war mit Sägemehl gefüllt.

»Papa?«, flüsterte William.

Aber sein Vater gab keine Antwort.

Das Sägemehl schien alle Geräusche aufzusaugen. William war sich nicht sicher, ob seine Stimme überhaupt zu hören war.

Er stapfte weiter durch den Gang. Watete durch Sägemehl.

Sein Vater stand ganz still da und starrte ins Wohnzimmer.

William blieb zwei Meter hinter ihm stehen.

»Papa?«, fragte er vorsichtig.

»So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen …«, flüsterte sein Vater.

William trat neben ihn und blickte nun auch ins Wohnzimmer.

Alle Möbel waren verschwunden. Das Sägemehl hatte sich vor den Fenstern aufgetürmt wie Schneewehen nach einem Sturm.

»Was ist denn hier passiert?«, flüsterte William.

»Weiß nicht«, sagte sein Vater. Er bückte sich, hob eine Handvoll Sägemehl auf und ließ es durch seine Finger rinnen.

»Sieht so aus, als ob alle Möbel makuliert worden wären«, sagte er nachdenklich.

»Makuliert?«, fragte William. »Was bedeutet das?«

»Eingestampft«, flüsterte sein Vater. »Das bedeutet, dass alles hier zerstört worden ist …«

Plötzlich kam William ein entsetzlicher Gedanke.

»Nein …«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, dann machte er kehrt und rannte die Treppe in den ersten Stock hoch.

»Warte!«, hörte er seinen Vater rufen.

Aber William lief weiter die Treppe hoch und nahm immer drei Stufen auf einmal.

Er stürzte in sein Zimmer und fuhr zurück.

Hier sah es genauso aus wie überall sonst im Haus. Der Boden war von einer dicken Schicht Sägemehl bedeckt. Bett, Stuhl, Bücherregal und der große Schreibtisch, den William von seinem Großvater geerbt hatte, waren verschwunden. Alles war nur noch Sägemehl.

»Nein … nein … nein …«, rief William immer wieder und watete zu der Stelle, wo der Schreibtisch am Morgen noch gestanden hatte.

Er fiel auf die Knie und fing an, im Sägemehl zu graben. Aber umsonst. Ihm wurde das Herz schwer.

Der Schreibtisch war verschwunden …

Und mit ihm auch der Speicherstick mit seinem Großvater.

William hörte Papas Stimme hinter sich.

»Wir müssen weg hier. Sofort.«