cover

Undercover in europäischen Moscheen – wie Muslime radikalisiert werden

 

 

 

 

 

Orell Füssli Verlag, www.ofv.ch

© 2018 Orell Füssli Sicherheitsdruck AG, Zürich

Alle Rechte vorbehalten

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Dadurch begründete Rechte, insbesondere der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf andern Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Vervielfältigungen des Werkes oder von Teilen des Werkes sind auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie sind grundsätzlich vergütungspflichtig.

 

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

unter Verwendung eines Fotos von © Marco Vacca / Getty Images

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

 

ISBN 978-3-280-05682-0 (Druckversion)

ISBN 978-3-280-09031-2 (ePub)

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

»Nicht vielen gelingt es, hinter die Mauern von Moscheen zu blicken. Shams Ul-Haq hat es gewagt.«

Dr. Christoph Hein, Asienexperte und Autor, Deutschland

»Was passiert eigentlich in den Moscheen? Merkwürdigerweise wissen wir darüber nicht besonders viel. Aus falscher Rücksichtnahme ist das Thema viel zu lange unrecherchiert geblieben. Doch mit diesem erstaunlichen Buch ändert sich das, es schlieβt eine groβe Informationslücke.«

Andreas Kunz, Redaktionsleiter, Sonntagszeitung, Schweiz

»Furchtlos berichtet Shams Ul-Haq aus den Hinterzimmern der Radikalislamisten im Herzen Europas. Erschreckend und eindrücklich zugleich.«

Ingo Hasewend, Politischer Senior-Editor, Kleine Zeitung, Österreich

Vorwort

Nach zwei Jahren intensiver Undercover-Recherche war mein Buch über die Situation in den Flüchtlingsheimen Europas im Juni 2016 gerade erst erschienen. Doch ohne mir eine Atempause zu gönnen, widmete ich mich bereits wieder einem durchaus verwandten Thema. Auslöser waren mehrere Artikel in Schweizer, österreichischen und deutschen Printmedien, die darüber berichteten, dass in vielen Moscheen gezielt radikal-islamische Lehren verbreitet werden. Wer könnte besser dazu recherchieren als ein ehemaliger pakistanischer Flüchtling und gläubiger Muslim, der vor rund 30 Jahren selbst mit einem Schlepper illegal nach Deutschland gekommen war? Im Gegensatz zu mir bekommen westliche Journalisten normalerweise kaum die Chance, Kontakte zu den Verantwortlichen oder den Imamen der Moscheen aufzubauen, da diese offiziell keine Interviews geben. Und ohne diese Kontakte ist es fast unmöglich, über die Vorkommnisse in den muslimischen Gebetshäusern aus erster Hand zu berichten. Hier steht ganz einfach eine Mauer des Schweigens.

Also veränderte ich wieder ein wenig mein Äußeres. Ich ließ mir einen ansehnlichen Bart wachsen und gab mich unter anderem als Geschäftsmann aus Pakistan aus, der in der Schweiz (und in späterer Folge auch in Österreich und in Deutschland) einige Immobilien erwerben möchte. Mit dieser falschen Identität und in etwas eleganterer Garderobe als in den Flüchtlingsheimen besuchte ich über zwei Jahre verschiedene Gebetshäuser in der gesamten Schweiz, Österreich und in Deutschland. Ich betete, hielt mich in den dortigen Cafés auf, ließ mir beim ansässigen Friseur die Haare schneiden und den Bart stutzen – und betete erneut. Ich war freundlich zu jedermann, suchte den Kontakt, lud Personen auf Getränke und zum Essen ein, und ich akzeptierte Einladungen in Privathäuser. Immer darauf bedacht, meine wahre Identität als Journalist durch nichts zu verraten. Außerdem spendete ich Geld, sehr viel Geld: mehr als 100 bis 300 Euro in jeder einzelnen Moschee. Nur so ließ sich das Interesse der Imame und Vorstandsmitglieder erwecken, die bald einen besonders gläubigen Muslim in mir sahen. Letztendlich verliefen meine Recherchen über weitere zwei Jahre und kosteten mehrere Tausend Euro.

In diesem Buch beschreibe ich die Zusammenhänge, die zur Radikalisierung von Gläubigen führen können. Ich zeige Mechanismen auf, die in allen westlichen Ländern auf ähnliche Weise ablaufen. Dabei sprach ich mit Hintermännern und anderen Kontaktpersonen, um an jene Details zu gelangen, über die normalerweise nicht gesprochen wird. Um Verknüpfungen aufzudecken, über die man in den Medien meist nichts liest.

Bevor ich jedoch im Folgenden in meine umfassenden Recherchen einsteige und beschreibe, was tatsächlich in radikalen Moscheen passiert und wie ganz normale Menschen zu verbissenen Islamisten werden, möchte ich Ihnen ein paar Dinge über die Bedeutung von Moscheen für den gläubigen Muslim erzählen. Eine Frage, die ich nämlich häufig gestellt bekomme, lautet: »Warum werden Moscheen so intensiv besucht, selbst wenn es sich um ganz einfache, manchmal sogar stark renovierungsbedürftige Gebetsstätten handelt?«

Ich denke, um in dieses Buch einzutauchen, um das Prinzip der Radikalisierung überhaupt erst zu verstehen, muss man wissen, welche Rolle die Moschee für uns Muslime überhaupt einnimmt.

Die Funktion und die Rolle einer Moschee

Eine Moschee (»Ort der Niederwerfung«) ist im Islam ein ritueller Ort des gemeinschaftlichen islamischen Gebets und darüber hinaus der friedlichen, rechtlichen und lebenspraktischen Wertevermittlung im Sinne des Islam sowie ein sozialer Treffpunkt. Die erste Moschee im Islam ließ der Prophet Mohammed während seiner Umsiedlung von Mekka nach Madina (Alternativschreibweise von Medina) errichten. Die Moschee Quba nennt sich in der islamischen Historie die »Moschee der Gottesfurcht«. In derselben Zeit wurde auch eine weitere, zweite Moschee errichtet. Bauherr dieser zweiten Moschee waren die sogenannten »Heuchler« (unter diesem Begriff werden im Islam Gläubige verstanden, die den Gesetzen des Islam nur wenig Beachtung schenken oder sie in Frage stellen). Diese Heuchler wollten dem Islam Schaden zufügen und verbreiteten bereits damals falsche Glaubenssätze und eigene Propaganda unter Bezug auf den Islam. Diese Moschee nennt man in der islamischen Geschichte: die »Moschee des Schadens«, weil mit ihr versucht wurde, die Einheit der Muslime zu spalten. Auch die damaligen Muslime haben also die Erfahrung gemacht, wie manche »Luxus-Moscheen«, die von verhassten Machthabern zur Legitimierung ihrer »Islam-Treue« mit gigantischen Geldsummen gebaut wurden, das ganze Jahr leer stehen. In manchen Stellen des Korans steht auch, dass der Prophet die »Moschee des Schadens« (Masgid Darir) später demontieren ließ.

Der Missbrauch von Moscheen ist also ein sehr altes Phänomen, das der Koran selbst bereits thematisiert. In der heutigen Zeit werden zahlreiche Moscheen von Islamfeinden wie Islamisten, ISIS, al-Qaida und anderen für Hassbotschaften und falsche, islamfeindliche Propaganda benutzt. Ich, der ich selbst Moslem bin, habe einige für mich sehr überzeugende Koranzitate gefunden, die sehr gut die Frage beantworten, welche Motive mich, einen muslimischen Journalisten, dazu bewegt haben, als Undercover-Journalist in Moscheen zu recherchieren. Es gibt in Sure 9, Vers 106 – 107 einige konkrete Hinweise dafür. Natürlich sind die meisten muslimischen Gebetshäuser als gemäßigt anzusehen, dort wird ein friedlicher Islam gepredigt, keine Frage. Doch es gibt einen geringen Prozentsatz unter ihnen, in denen eine radikale Sichtweise vermittelt wird. Dort predigen die Imame islamistische Inhalte, die die Gläubigen aufstacheln und verblenden. Erst durch sie entstehen diese furchtbaren Auswüchse, dass junge Menschen – von der Idee des Heiligen Krieges (»Dschihad«) verblendet – freiwillig und voller Begeisterung in die Kriegsgebiete Syriens, Iraks und an viele andere Orte ziehen, um sich dort Terrororganisationen anzuschließen und andere Menschen umzubringen. Sie denken, sie folgen damit den Anweisungen des Korans, doch tatsächlich sind sie lediglich den Worten eines Heuchlers auf den Leim gegangen. Genau diese Missstände will ich in diesem Buch aufzeigen und anprangern, indem ich versuche, die subtilen Techniken der Hassprediger (»Heuchler«) offenzulegen.

Was ich mit diesem Buch erreichen möchte

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich als Journalist meinen Beitrag zur Aufklärung leisten will. Hierzu versuche ich, Missstände aufzuzeigen und auf Entwicklungen hinzuweisen, die schlecht für unsere Gesellschaft und für unsere staatliche Ordnung sind. Ich bin in Pakistan geboren, habe meine familiären Wurzeln in Indien und bin ein gläubiger Muslim. Gleichzeitig bin ich aber auch ein deutscher Staatsbürger, der diesem Land wahnsinnig viel zu verdanken hat. Aus diesem Grund fühle ich mich verpflichtet, genau die Dinge aufzudecken, die unser Land und den Frieden hier und anderswo gefährden, selbst wenn ich durch diese Enthüllungen mein Leben in Gefahr bringe. Dieses Risiko besteht durchaus, dessen bin ich mir bewusst, andererseits betrachte ich diesen Weg – meinen Kampf gegen die Heuchler – als meinen Dschihad.

Dabei hoffe ich, dass dieses Buch zum einen hilft, ein differenziertes Bild vom Islam zu entwickeln. Denn nicht die Religion selbst ist schlecht, sondern das, was einige wenige Verrückte und Verbrecher daraus machen. Zum anderen besteht eine große Gefahr, dass gerade unsere junge Generation von radikalen Islamisten gewissermaßen »übernommen« wird. Viele islamistische Gruppierungen fokussieren sich insbesondere auf junge Deutsche, Österreicher und Schweizer beiderlei Geschlechts. Und sie sind dabei – leider – ziemlich erfolgreich. Das muss sich ändern und dabei soll dieses Buch einen Beitrag leisten, indem es Aufklärung betreibt.

Und schließlich muss auch auf grundsätzlicher, auf politischer Ebene etwas passieren, wenn wir verhindern wollen, dass Anschläge wie in Berlin, München oder in Ansbach künftig häufiger vorkommen. Auch wenn der islamische Staat allem Anschein nach besiegt wurde, existiert diese Terrororganisation weiterhin, rekrutiert nach wie vor neue Glaubenskrieger. Und ist es nicht der IS, dann sind es andere Terrorgruppen – auch neue, bislang unbekannte –, die radikalisierte Muslime zu Gotteskriegern ausbilden und in den Dschihad schicken.

Man darf auch nicht vergessen, mit Moscheen können – über Spendengelder etc. – durchaus hohe Summen erwirtschaftet werden. Da so gut wie alle diese Gebetsstätten als Vereine geführt werden, lassen sie sich wirtschaftlich gut führen. Das ist auch schon der nächste Punkt, der im Fokus meiner Recherchen stand: Die Gründung eines Vereins lässt sich viel zu einfach durchführen. Die Satzungen und der Vereinszweck vieler Moscheen, die ich besuchte, stimmten nicht mit dem überein, was tatsächlich in diesen Moscheen gelebt wurde. Hier muss es künftig schärfere Kontrollen geben, und zwar bei der Neugründung wie auch bei der Umsetzung. Das bedeutet, es muss für radikale Islamisten schwerer werden, einen neuen Verein zu gründen – und damit eine neue Moschee zu eröffnen –, nachdem der bisherige Verein von den Behörden geschlossen wurde. Zudem sollte es Kontrollen geben, ob dieser Verein auch den ursprünglich angegebenen Zweck umsetzt oder nicht.

Dann ist mir auch die Ausbildung der Kinder ein wichtiges Anliegen, das ich in diesem Buch immer wieder thematisiere. Ich habe viele Beispiele erlebt, in denen Kindern ein radikaler Islam vermittelt wird. Ich sehe diese Entwicklung als ein großes Problem und ich beobachtete es viel zu häufig. Es müssen aus meiner Sicht auch dafür Lösungen geschaffen werden, dass diese Kinder geschützt werden und nicht bereits in einem Alter ab zwei Jahren derart fundamentalistischen Thesen ausgesetzt werden. Dass es sich hier nicht lediglich um Einzelfälle handelt, konnte ich im Laufe meiner Recherchen beweisen und diese Beispiele stelle ich ebenfalls vor.

Ich beginne in diesem Buch mit einer Beschreibung der Vorgänge in Österreich, genauer gesagt: in den Grazer Moscheen. Warum gerade in Graz? Natürlich existieren auch in Wien oder in anderen österreichischen Städten Moscheen mit radikalen Predigern und islamistischen Mitgliedern. Doch nirgendwo sonst stieß ich auf eine derartige Konzentration von radikal-islamischen Moscheen wie in Graz.

Da ich in diesem Buch nicht den Anspruch erhebe, ein Lexikon der radikalen Moscheen zu erstellen, sondern die Mechanismen der Radikalisierung anhand einiger Beispiele aufdecken will, konzentriere ich mich auf einige Gebetsstätten, die ich jedoch intensiv besuchte. Das betrifft auch die Schweiz und Deutschland. In diesen Ländern habe ich mich vor allem auf Winterthur, Berlin, Hamburg und Essen fokussiert.

Ich kenne die Namen der meisten Personen und Imame, doch diese Menschen vertrauten mir und gaben mir aus diesem Grund viele vertrauliche Informationen preis. Dieses Vertrauen werde ich nicht missbrauchen, daher verwende ich in diesem Buch ausschließlich frei erfundene Namen. Ich bin schließlich selbst gläubiger Muslim und möchte mit diesem Vertrauen keinen Missbrauch betreiben, indem ich diese Identitäten preisgebe. Falls die eine oder andere Person juristisch verfolgt werden sollte, ist es die Aufgabe der Polizei, die Strafverfolgung durchzuführen. Als Journalist sehe ich meine Aufgabe darin, Missstände aufzuzeigen und nicht, Personen zu verraten.

Weitere Bilder und Informationen finden Sie auf meiner Webseite http://s-haq.com