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Als Ravensburger E-Book erschienen 2018
Die Print-Ausgabe erscheint in der Ravensburger Verlag GmbH

© 2018 der deutschsprachigen Ausgabe
Ravensburger Verlag GmbH

Text copyright © 2017 by E. Lockhart
Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Genuine Fraud« bei Delacorte Press, New York. All rights reserved.
This translation was published by arrangement with Random House Children’s Books, a division of Penguin Random House LLC

Übersetzung: Franziska Jaekel
Lektorat: Carla Felgentreff
Covergestaltung: Bettina Arlt, Favoritbüro, unter Verwendung eines Fotos von © Aleshyn_Andrei/Shutterstock

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.


ISBN 978-3-473-47904-7

www.ravensburger.de

FÜR ALLE, DENEN BEIGEBRACHT WURDE,
DASS
LIEB KLEIN UND STILL BEDEUTET:

HIER IST MEIN HERZ
MIT ALL SEINEN HÄSSLICHEN WIRREN
UND SEINEM HERRLICHEN ZORN.

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10747.jpg DRITTE JUNIWOCHE 2017
10756.jpg CABO SAN LUCAS, MEXIKO

Es war ein verdammt tolles Hotel.

Die Minibar in Jules Zimmer war mit Kartoffelchips und vier verschiedenen Schokoladentafeln gefüllt. Das Bad hatte eine Whirlpoolwanne. Es gab endlosen Nachschub an weichen Handtüchern und Flüssigseife mit Gardenienduft. In der Lobby spielte ein älterer Herr jeden Nachmittag um sechzehn Uhr Gershwin auf einem Konzertflügel. Man konnte Hautbehandlungen mit heißer Tonerde buchen, wenn man nichts dagegen hatte, sich von Fremden anfassen zu lassen. Jules Haut roch jeden Tag nach Chlor.

Das Playa Grande Resort Hotel in Baja hatte weiße Vorhänge, weiße Fliesen, weiße Teppiche und quoll förmlich über vor üppigen weißen Blüten. Die Belegschaft wirkte in ihrer weißen Baumwollkleidung wie Pflegepersonal. Jule war nun schon seit fast vier Wochen allein in dem Hotel. Sie war achtzehn Jahre alt.

An diesem Morgen joggte sie im Fitnessbereich des Playa Grande. Sie trug maßgefertigte meergrüne Laufschuhe mit marineblauen Schnürsenkeln. Sie lief ohne Musik. Sie machte schon seit fast einer Stunde Intervalltraining, als eine Frau auf das Laufband neben ihrem trat.

Diese Frau war jünger als dreißig. Ihre schwarzen Haare waren zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden und mit Haarspray fixiert. Sie hatte lange Arme und einen straffen Oberkörper, hellbraune Haut und einen Hauch von Rouge auf den Wangen. Ihre Schuhe waren an den Fersen abgelaufen und voller alter Schlammspritzer.

Niemand sonst war im Fitnessbereich.

Jule verlangsamte ihren Schritt und bereitete sich darauf vor, von hier zu verschwinden. Sie war lieber ungestört und sowieso ziemlich fertig.

»Trainierst du?«, fragte die Frau. Sie deutete auf Jules Digitalanzeige. »Vielleicht für einen Marathon oder so?« Sie hatte einen mexikanisch-amerikanischen Akzent. Wahrscheinlich war sie New Yorkerin und in einer spanischsprachigen Gegend aufgewachsen.

»Ich habe in der Mittelschule Leichtathletik gemacht. Das ist alles.« Jule sprach gestelzt, was die Briten BBC-Englisch nannten.

Die Frau warf ihr einen durchdringenden Blick zu. »Ich mag deinen Akzent«, sagte sie. »Woher kommst du?«

»London. St. John’s Wood.«

»New York.« Die Frau zeigte auf sich.

Jule trat vom Laufband, um ihre Oberschenkelmuskeln zu dehnen.

»Ich bin allein hier«, vertraute die Frau ihr kurz darauf an. »Bin gestern Abend angekommen. Ich habe das Hotel Last Minute gebucht. Bist du schon lange hier?«

»Es ist nie lange genug«, sagte Jule, »an einem Ort wie diesem.«

»Und was kannst du empfehlen? Im Playa Grande?«

Jule sprach nicht oft mit anderen Hotelgästen, aber sie sah kein Problem darin, zu antworten. »Sie sollten die Schnorchel-Tour machen«, erwiderte sie. »Ich habe eine echt riesige Muräne gesehen.«

»Im Ernst? Eine Muräne?«

»Der Tourleiter hat sie mit Fischinnereien angelockt, die er in einer Plastikmilchflasche dabeihatte. Die Muräne ist zwischen den Felsen hervorgeschwommen. Sie war über zwei Meter lang. Und hellgrün.«

Die Frau schauderte. »Ich mag keine Muränen.«

»Sie können das auch weglassen. Wenn Sie leicht zu erschrecken sind.«

Die Frau lachte. »Wie ist das Essen? Ich hab hier noch nichts probiert.«

»Dann lassen Sie sich den Schokokuchen nicht entgehen.«

»Zum Frühstück?«

»O ja. Sie servieren ihn auf besonderen Wunsch, wenn man danach fragt.«

»Gut zu wissen. Reist du allein?«

»Hören Sie, ich muss jetzt los«, sagte Jule. Das Gespräch wurde ihr zu persönlich. »Tschüss!« Sie ging zur Tür.

»Mein Vater ist ziemlich krank«, rief die Frau Jule hinterher. »Ich habe mich lange um ihn gekümmert.«

Ein Anflug von Mitgefühl. Jule blieb stehen und drehte sich um.

»Jeden Morgen und jeden Abend nach der Arbeit war ich bei ihm«, fuhr die Frau fort. »Jetzt ist er endlich in einem stabilen Zustand und ich wollte unbedingt mal raus, hab überhaupt nicht über den Preis nachgedacht. Ich verpulvere hier eine Menge Geld, das ich nicht verpulvern sollte.«

»Was hat Ihr Vater denn?«

»MS«, antwortete die Frau. »Multiple Sklerose. Und Demenz. Er war immer das Familienoberhaupt. Ein echter Macho. Stark in all seinen Ansichten. Jetzt ist er nur noch ein verrenkter Körper in einem Bett. Oft weiß er nicht mal, wer er ist. Er fragt mich manchmal sogar, ob ich die Kellnerin bin.«

»O Mann.«

»Ich habe Angst, ihn zu verlieren, ertrage es gleichzeitig aber auch nicht, bei ihm zu sein. Und wenn er tot ist und ich eine Waise, wird es mir leidtun, dass ich diese Reise gemacht und ihn allein gelassen habe.« Die Frau hörte auf zu joggen und stellte die Füße rechts und links neben das Laufband. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Entschuldige, das war zu privat.«

»Ist schon okay.«

»Geh nur. Duschen oder was auch immer. Vielleicht sehen wir uns später.«

Die Frau schob die Ärmel ihres Langarmshirts hoch und wandte sich der Digitalanzeige an ihrem Laufband zu. Eine Narbe lief an ihrem Unterarm entlang, unregelmäßig, wie von einem Messer verursacht und nicht durch eine Operation. Dahinter steckte irgendeine Geschichte.

»Hören Sie, spielen Sie gern Trivia?«, fragte Jule wider besseres Wissen.

Ein Lächeln. Weiße, aber schiefe Zähne. »Ich bin sogar sehr gut in Trivia.«

»Es wird jeden zweiten Abend unten in der Lounge gespielt«, sagte Jule. »Ist ziemlicher Blödsinn. Möchten Sie mal mitmachen?«

»Was für ein Blödsinn?«

»Schöner Blödsinn. Albern und laut.«

»Okay, ja, warum nicht.«

»Gut«, sagte Jule. »Das wird super. Sie werden froh sein, dass Sie sich den Urlaub gegönnt haben. Ich kenne mich gut aus mit Superhelden, Agentenfilmen, YouTube, Fitness, Geld, Make-up und viktorianischen Schriftstellern. Was ist mit Ihnen?«

»Viktorianische Schriftsteller? Wie Dickens?«

»Ja, wer auch immer.« Jule spürte, dass sie rot wurde. Plötzlich schien es eine merkwürdige Reihe von Dingen zu sein, für die man sich interessieren konnte.

»Ich liebe Dickens.«

»Ach, kommen Sie!«

»Doch!« Die Frau lächelte wieder. »Ich bin gut in Sachen Dickens, Kochen, Zeitgeschehen, Politik und … was noch … oh, und Katzen.«

»Na dann«, sagte Jule. »Um zwanzig Uhr geht’s los. In der Lounge neben der Hauptlobby. Die Bar mit den Sofas.«

»Zwanzig Uhr. Alles klar.« Die Frau kam herüber und reichte ihr die Hand. »Wie war noch mal dein Name? Ich bin Noa.«

Jule schüttelte ihr die Hand. »Ich habe Ihnen meinen Namen noch nicht genannt«, sagte sie. »Aber ich bin Imogen.«

Jule West Williams sah gut genug aus. Sie konnte weder als hässlich bezeichnet werden noch im allgemeinen Sinn als heiß. Sie war klein, nur einen Meter fünfundfünfzig und hielt das Kinn immer erhoben. Ihre Frisur wirkte jungenhaft, mit blonden Strähnen vom Friseur, bei denen mittlerweile der dunkle Ansatz zu sehen war. Grüne Augen, blasse Haut, helle Sommersprossen. In den meisten ihrer Klamotten fiel ihr durchtrainierter Körper nicht auf. Jule hatte Muskeln, die sich in kräftigen Wölbungen an ihren Knochen auftürmten – als wäre sie von einem Comic-Zeichner entworfen worden –, besonders an den Beinen. Feste Bauchmuskeln lagen in ihrer Körpermitte unter einer Fettschicht versteckt. Sie aß gern Fleisch und Salz und Schokolade und Fett.

Jule glaubte, je mehr man beim Training schwitzte, desto weniger blutete man im Kampf.

Sie glaubte, dass man sein Herz am besten davor schützte, gebrochen zu werden, wenn man so tat, als hätte man keins.

Sie glaubte, dass die Art, wie man redete, oft wichtiger war, als das, was man zu sagen hatte.

Sie glaubte auch an Actionfilme, Krafttraining, die Wirkung von Make-up, Auswendiglernen, Gleichberechtigung und dass man durch YouTube-Videos Millionen Dinge lernen konnte, die man im College nie beigebracht bekam.

Wenn sie jemandem vertraute, erzählte sie, dass sie ein Leichtathletik-Stipendium gehabt hatte und ein Jahr in Stanford gewesen war. »Ich wurde angeworben«, erklärte sie den Leuten, die sie mochte. »Stanford ist erste Liga. Ich habe Schulgeld, Bücher und all das bezahlt bekommen.«

Was ist passiert?

Jule würde mit den Schultern zucken. »Ich wollte Viktorianische Literatur studieren und Soziologie, aber der Cheftrainer war ein Perverser«, würde sie sagen. »Hat alle Mädchen begrapscht. Als er sich an mich ranmachen wollte, habe ich ihn da hingetreten, wo es richtig wehtut, und es jedem erzählt, der es hören wollte. Professoren, Studenten, der Stanford Daily. Ich habe es bis zur Spitze des dämlichen Elfenbeinturms hinaufgebrüllt, aber ihr wisst ja, was mit Athleten passiert, die Märchen über ihre Trainer erzählen.«

Sie würde ihre Finger verschränken und den Blick senken. »Die anderen Mädchen im Team haben es abgestritten«, würde sie sagen. »Sie behaupteten, es wäre gelogen und dass der Perverse nie eine angefasst hätte. Sie wollten nicht, dass ihre Eltern davon erfuhren, und sie hatten Angst, ihre Stipendien zu verlieren. Das ist das Ende der Geschichte. Der Trainer hat seinen Job behalten. Ich habe das Team verlassen. Was bedeutete, dass ich keine finanzielle Unterstützung mehr bekam. So macht man aus einer glatten Einserkandidatin eine Studienabbrecherin.«

Nachdem sie den Fitnessbereich verlassen hatte, schwamm Jule eine Meile im Playa Grande Pool und verbrachte den restlichen Vormittag wie so oft in der Businesslounge lümmelnd, wo sie sich Spanisch-Lernvideos ansah. Sie hatte immer noch ihren Badeanzug an, trug dazu aber ihre meergrünen Laufschuhe. Sie hatte knallpinken Lippenstift aufgelegt und etwas silbernen Eyeliner. Der Badeanzug war ein metallisch glänzender Einteiler mit einem goldenen Reifen unter der Brust und einem tiefen Ausschnitt. Ein echter Marvel-Universe-Look.

Die Lounge war klimatisiert. Sonst kam niemand hierher. Jule legte die Füße hoch, trug Kopfhörer und trank Cola light.

Nach zwei Stunden Spanisch aß sie ein Snickers zu Mittag und sah sich Musikvideos an. Sie tanzte in ihrem Koffeinrausch umher und sang vor einer Reihe Drehstühle in der menschenleeren Lounge. Das Leben war einfach herrlich heute. Sie mochte diese traurige Frau, die vor ihrem kranken Vater weggelaufen war, die Frau mit der interessanten Narbe und dem überraschenden Buchgeschmack.

Sie würden die Trivia-Runde rocken.

Jule trank noch eine Cola light. Sie kontrollierte ihr Make-up und boxte ihrem Spiegelbild im reflektierenden Glas der Loungescheibe zu. Dann lachte sie laut auf, denn sie sah gleichzeitig dämlich und fantastisch aus. Und die ganze Zeit dröhnte der Beat in ihren Ohren.

Der Barkeeper am Pool, Donovan, war ein Einheimischer. Er war kräftig gebaut, aber ein sanfter Kerl. Zumindest konnte man das vermuten, so wie er den Gästen immer zuzwinkerte. Er sprach Englisch mit einem Akzent, der für Baja ungewöhnlich war, und er kannte Jules Lieblingsgetränk: Cola light mit einem Schuss Vanillesirup.

An manchen Nachmittagen fragte er Jule nach ihrer Kindheit in London. Jule übte ihr Spanisch. Während sie sich unterhielten, schauten sie sich Videos auf dem Bildschirm über der Bar an.

Heute, gegen drei am Nachmittag, setzte Jule sich auf den äußersten Barhocker, immer noch im Badeanzug. Donovan trug einen weißen Playa-Grande-Blazer und ein T-Shirt. In seinem Nacken wuchsen Stoppeln.

»Was ist das für ein Film?«, fragte sie ihn und blickte zum Fernseher auf.

»Hulk

»Welcher Hulk?«

»Keine Ahnung.«

»Du hast die DVD eingelegt. Wie kannst du es da nicht wissen?«

»Ich wusste nicht mal, dass es zwei Hulks gibt.«

»Es gibt sogar drei. Warte, das nehme ich zurück. Es gibt noch viel mehr Hulks. Wenn man Fernsehsendungen, Comics und so dazuzählt.«

»Ich weiß nicht, welcher Hulk es ist, Ms Williams.«

Der Film lief eine Weile weiter. Donovan spülte Gläser und wischte den Tresen ab. Er machte einen Scotch mit Soda für eine Frau, die das Glas mit zum anderen Ende des Poolbereichs nahm.

»Es ist der zweitbeste Hulk«, sagte Jule, als sie Donovans Aufmerksamkeit zurückhatte. »Was heißt Scotch auf Spanisch?«

»Escocés.«

»Escocés. Und was ist eine gute Sorte?«

»Würdest du nie trinken.«

»Und wenn doch?«

»Macallan«, sagte Donovan mit einem Schulterzucken. »Soll ich dir eine Kostprobe einschenken?«

Er füllte fünf Schnapsgläser mit verschiedenen Marken erstklassigem Scotch. Er hielt ihr einen Vortrag über Scotch und Whiskey und warum man den einen bestellen sollte und den anderen nicht. Jule kostete von jedem Glas, trank aber nicht viel.

»Der hier riecht nach Achselhöhle«, erklärte sie ihm.

»Du bist verrückt.«

»Und der riecht nach Feuerzeugbenzin.«

Er beugte sich über das Glas und roch daran. »Kann sein.«

Sie deutete auf den dritten. »Hundepisse, aber von einem echt bösen Hund.«

Donovan lachte. »Wonach riechen die anderen?«, fragte er.

»Nach getrocknetem Blut«, sagte Jule. »Und nach dem Zeug, mit dem man Badezimmer sauber macht. Scheuerpulver.«

»Welcher schmeckt dir am besten?«

»Das getrocknete Blut«, erwiderte sie, tauchte den Finger in das Glas und kostete noch einmal. »Verrätst du mir, wie der heißt?«

»Das ist Macallan.« Donovan leerte die Gläser. »Oh, das hatte ich ganz vergessen: Eine Frau hat vorhin nach dir gefragt. Oder vielleicht auch nicht nach dir. Vielleicht hat sie was verwechselt.«

»Was für eine Frau?«

»Eine mexikanische Lady. Hat Spanisch gesprochen. Sie hat nach einem weißen amerikanischen Mädchen mit kurzen blonden Haaren gefragt, das allein unterwegs ist«, sagte Donovan. »Sie sprach von Sommersprossen.« Er fasste sich ins Gesicht. »Auf der Nase.«

»Was hast du ihr gesagt?«

»Ich sagte, es ist eine große Anlage. Eine Menge Amerikaner. Keine Ahnung, wer allein hier ist und wer nicht.«

»Ich bin keine Amerikanerin«, sagte Jule.

»Ich weiß. Also habe ich ihr gesagt, dass ich so jemanden nicht gesehen habe.«

»Das hast du gesagt?«

»Ja.«

»Aber du hast trotzdem an mich gedacht.«

Er musterte Jule eine endlose Minute lang. »Ich habe an dich gedacht«, sagte er schließlich. »Ich bin nicht dumm, Ms Williams.«

Noa wusste, dass Jule Amerikanerin war.

Das bedeutete, Noa war ein Cop. Oder etwas in der Art. Es konnte nicht anders sein.

Sie hatte Jule mit all dem Gerede nur eine Falle gestellt. Der dahinsiechende Vater, Dickens, eine Waise zu werden. Noa hatte genau gewusst, was sie sagen musste. Sie hatte diesen Köder ausgelegt – »mein Vater ist ziemlich krank« – und Jule hatte sofort angebissen.

Jules Wangen fühlten sich heiß an. Sie war einsam und schwach und verdammt dumm gewesen, auf Noas Worte hereinzufallen. Es war alles ein abgekartetes Spiel, damit sie Noa als Vertraute sah, nicht als Gegnerin.

Jule ging zurück auf ihr Zimmer und tat dabei so gelassen wie möglich.

Sowie sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, schnappte sie sich ihre Wertsachen aus dem Safe. Sie zog eine Jeans und ein T-Shirt über und stopfte so viele Klamotten wie möglich in ihren kleinsten Koffer. Den Rest ließ sie zurück. Sie legte einhundert Dollar als Trinkgeld für Gloria aufs Bett, das Zimmermädchen, mit dem sie sich manchmal unterhalten hatte. Dann rollte sie den Koffer den Flur hinunter und klemmte ihn neben den Eisautomaten.

Zurück an der Poolbar, erzählte sie Donovan, wo sie den Koffer versteckt hatte. Sie schob zwanzig US-Dollar über den Tresen.

Bat um einen Gefallen.

Sie schob einen zweiten Zwanziger hinterher und gab ihm genaue Anweisungen.

Jule sah sich auf dem Mitarbeiterparkplatz um und fand das kleine blaue Auto des Barkeepers, unverschlossen. Sie stieg ein und legte sich hinter den Vordersitzen auf den Boden. Der Fußraum war übersät mit Plastiktüten und Kaffeebechern.

Sie musste eine Stunde warten, bevor Donovans Schicht an der Bar zu Ende war. Wenn sie Glück hatte, würde Noa nicht merken, dass etwas nicht stimmte, bis Jule für den Trivia-Abend viel zu spät dran war, vielleicht so bis halb neun. Dann würde sie wahrscheinlich zuerst Nachforschungen beim Flughafen-Shuttle und dem Taxiunternehmen anstellen, bevor sie an den Mitarbeiterparkplatz dachte.

Es war stickig und heiß im Wagen. Jule lauschte auf Schritte.

Ihre Schulter verkrampfte sich. Sie hatte Durst.

Donovan würde ihr doch helfen, oder?

Das würde er. Er hatte bereits für sie gelogen. Er hatte Noa erzählt, er kenne niemanden, der zu ihrer Beschreibung passte. Er hatte Jule gewarnt und ihr versprochen, ihren Koffer zu holen und sie in seinem Auto mitzunehmen. Sie hatte ihn sogar bezahlt.

Abgesehen davon waren Donovan und Jule Freunde.

Jule streckte die Beine aus, eins nach dem anderen, dann kauerte sie sich wieder hinter den Sitzen zusammen.

Sie überlegte, was sie anhatte, nahm ihre Ohrringe und ihren Jade-Ring ab und steckte sie in ihre Hosentasche. Sie zwang sich, ruhig zu atmen.

Schließlich hörte sie einen Koffer heranrollen. Der Kofferraum wurde zugeschlagen. Donovan schob sich hinter das Lenkrad, startete den Wagen und parkte aus. Jule blieb am Boden liegen, während er fuhr. Es gab nur wenige Straßenlaternen am Fahrbahnrand. Mexikanische Popmusik kam aus dem Radio.

»Wohin willst du?«, fragte Donovan schließlich.

»Irgendwo in die Stadt.«

»Dann fahr ich nach Hause.« Seine Stimme klang plötzlich raubtierhaft.

Mist. War es ein Fehler gewesen, in den Wagen zu steigen? War Donovan so ein Kerl, der glaubte, wenn ein Mädchen ihn um einen Gefallen bat, müsse es als Dank mit ihm rummachen?

»Vorher lässt du mich raus«, sagte sie scharf. »Ich komme schon zurecht.«

»Das musst du nicht in diesem Ton sagen«, erwiderte er. »Ich riskiere gerade meinen Kopf für dich.«

Stell dir Folgendes vor: ein hübsches Haus am Rand einer Stadt in Alabama. Eines Nachts wacht die achtjährige Jule in der Dunkelheit auf. Hat sie ein Geräusch gehört?

Sie ist sich nicht sicher. Es ist still im Haus. In ihrem dünnen rosafarbenen Nachthemd geht sie die Treppe hinunter.

Im Erdgeschoss packt sie die eiskalte Angst. Das Wohnzimmer ist verwüstet, überall liegen Bücher und Papiere verstreut. Im Arbeitszimmer sieht es noch schlimmer aus. Aktenschränke wurden umgekippt. Die Computer sind weg.

»Mama? Papa?« Klein Jule rennt wieder nach oben, um im Schlafzimmer ihrer Eltern nachzusehen.

Das Bett ist leer.

Jetzt fürchtet sie sich richtig. Sie reißt die Badezimmertür auf. Da sind sie auch nicht. Sie rennt nach draußen.

Der Garten ist von lauernden Bäumen umringt. Klein Jule hat den halben Weg zurückgelegt, als ihr bewusst wird, was sie dort sieht, im Lichtkreis einer Straßenlaterne.

Mama und Papa liegen mit dem Gesicht nach unten im Gras. Ihre Körper sind zusammengesackt und schlaff. Schwarze Blutlachen haben sich unter ihnen gebildet. Mama wurde in den Kopf geschossen. Sie muss sofort tot gewesen sein. Papa ist eindeutig auch tot, aber die einzigen Verletzungen, die Jule erkennen kann, sind an seinen Armen. Er muss verblutet sein. Er hält Mama umklammert, als hätte er in seinen letzten Momenten nur an sie gedacht.

Jule rennt zurück ins Haus, um die Polizei zu rufen. Die Leitung ist unterbrochen.

Sie kehrt in den Garten zurück, möchte ein Gebet sprechen, wenigstens irgendwie Abschied nehmen – aber die Leichen ihrer Eltern sind verschwunden. Ihr Mörder hat sie weggeschafft.

Jule erlaubt sich nicht, zu weinen. Sie sitzt den Rest der Nacht in diesem Lichtkreis der Straßenlaterne, während sich ihr Nachthemd mit langsam trocknendem Blut vollsaugt.

In den nächsten zwei Wochen ist Klein Jule allein in dem durchwühlten Haus. Sie bleibt stark. Sie kocht für sich und geht die Papiere durch, die zurückgelassen wurden, sucht nach Hinweisen. Während sie die Dokumente liest, setzt sie ein Leben aus Heldentum, Macht und geheimen Identitäten zusammen.

Eines Nachmittags, als sie auf dem Dachboden nach alten Fotos sucht, taucht eine Frau ganz in Schwarz auf.

Die Frau tritt vor, aber Klein Jule reagiert sofort. Sie wirft einen Brieföffner, schnell und mit voller Wucht. Die Frau fängt ihn mit der linken Hand. Klein Jule klettert auf einen Stapel Kisten, greift nach einem Dachbalken und zieht sich hoch. Sie läuft über den Balken und quetscht sich durch ein hohes Dachfester nach draußen. Panik hämmert dumpf in ihrer Brust.

Die Frau folgt ihr. Jule springt vom Dach in die Äste eines benachbarten Baums und bricht einen spitzen Zweig ab, um ihn als Waffe zu benutzen. Sie hält ihn zwischen den Zähnen, während sie nach unten klettert. Sie sprintet ins Unterholz, als die Frau ihr in den Knöchel schießt.

Der Schmerz ist unerträglich. Klein Jule ist sich sicher, dass der Mörder ihrer Eltern zurückgekommen ist, um sie ebenfalls zu erledigen – doch die Frau in Schwarz hilft ihr auf und kümmert sich um die Verletzung. Sie holt die Kugel heraus und behandelt die Wunde mit einem Antiseptikum.

Während die Frau den Knöchel verbindet, erklärt sie Jule, dass sie Leute rekrutiert. Sie hat Jule in den letzten zwei Wochen beobachtet. Jule ist nicht nur das Kind von zwei Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, sie verfügt auch selbst über einen bemerkenswerten Verstand gepaart mit einem erbitterten Überlebensinstinkt. Die Frau möchte Jule trainieren und ihr helfen, Rache zu nehmen. Denn sie ist so etwas wie eine verloren geglaubte Tante. Sie kennt die Geheimnisse, die Jules Eltern vor ihrer geliebten und einzigen Tochter verborgen haben.

Nun beginnt eine höchst ungewöhnliche Ausbildung. Jule geht auf eine Spezial-Akademie, die in einer renovierten Villa in einer gewöhnlichen Straße in New York untergebracht ist. Sie lernt Überlebenstechniken, macht Rückwärtssaltos und schafft es, sich aus Handschellen und Zwangsjacken zu befreien. Sie trägt Hosen aus Leder und hat die Taschen voller technischer Spielereien. Unterrichtet werden Fremdsprachen, gesellschaftliche Konventionen, Literatur, Kampfsportarten, der Umgang mit Schusswaffen, wie man sich verkleidet, verschiedene Akzente, Methoden der Fälschung und die Feinheiten des Gesetzes. Die Ausbildung dauert zehn Jahre. Am Ende ist Jule zu einer Frau geworden, die man auf keinen Fall unterschätzen sollte, denn das wäre ein großer Fehler.

Das ist die Herkunftsgeschichte von Jule West Williams. Zu der Zeit, als sie im Playa Grande wohnte, mochte sie diese Geschichte lieber als alle anderen, die sie noch über sich erzählen konnte.

Donovan hielt an und öffnete die Fahrertür. Das Licht im Inneren des Wagens ging an.

»Wo sind wir?«, fragte Jule. Es war dunkel draußen.

»San José del Cabo.«

»Da, wo du wohnst?«

»Nicht ganz.«

Jule war erleichtert, aber die Gegend schien ziemlich abgelegen zu sein. Sollte es nicht wenigstens ein paar Straßenlaternen und Geschäfte geben, die für Touristen beleuchtet waren?

»Irgendwer in der Nähe?«, fragte sie.

»Ich habe in einer Seitengasse geparkt, damit niemand sieht, wie du aus meinem Auto steigst.«

Jule kletterte aus dem Wagen. Ihre Muskeln waren steif und ihr Gesicht fühlte sich ganz schmierig an. Die Gasse war von Mülltonnen gesäumt. Das einzige Licht kam aus ein paar Fenstern in der zweiten Etage.

»Danke fürs Mitnehmen. Machst du mir den Kofferraum auf?«

»Du hast gesagt, hundert amerikanische Dollar, wenn ich dich in die Stadt bringe.«

»Natürlich.« Jule zog ihre Geldbörse aus der Gesäßtasche und bezahlte.

»Aber jetzt ist es mehr«, fügte Donovan hinzu.

»Was?«

»Dreihundert mehr.«

»Ich dachte, wir wären Freunde.«

Er trat einen Schritt auf sie zu. »Ich habe dir Drinks gemacht, weil das mein Job ist. Ich habe so getan, als würde ich mich gern mit dir unterhalten, weil das mein Job ist. Denkst du, ich sehe nicht, wie du auf mich herabblickst? Der zweitbeste Hulk. Welcher Scotch. Wir sind keine Freunde, Ms Williams. Du hast mich die Hälfte der Zeit angelogen und ich habe dich die ganze Zeit angelogen.«

Sie roch den Alkohol, der auf sein T-Shirt gespritzt sein musste. Sein Atem traf sie heiß im Gesicht.

Jule hatte wirklich gedacht, dass er sie mochte. Sie hatten zusammen gelacht und sie hatte Kartoffelchips gratis von ihm bekommen.

»Wow«, sagte sie leise.

»Noch mal dreihundert«, wiederholte er.

War er ein kleiner Abzocker, der ein Mädchen mit einer Menge US-Dollar ausnehmen wollte? Oder war er ein mieser Schleimer, der glaubte, sie würde sich lieber an ihn schmiegen, als ihm die Dreihundert extra zu geben? Könnte Noa ihn bestochen haben?

Jule steckte die Geldbörse zurück in ihre Hosentasche. Sie zog am Riemen ihrer Tasche, bis sie vor ihrer Brust hing.

»Donovan?« Sie trat an ihn heran, ganz nah, und sah ihn mit großen Augen an.

Dann ließ sie ihren rechten Unterarm abrupt nach oben schnellen, kickte seinen Kopf nach hinten und trat ihm in die Weichteile. Er krümmte sich nach vorn. Sie griff nach seinen fettigen Haaren und riss seinen Kopf hoch, wirbelte ihn herum und brachte ihn aus dem Gleichgewicht.

Er stieß mit einem Ellbogen zu und rammte ihn Jule in die Brust. Es tat weh, aber der zweite Hieb verfehlte sie, denn sie trat zur Seite, packte den Ellbogen und drehte ihn auf Donovans Rücken. Sein Arm war widerlich weich. Sie hielt ihn fest umklammert. Mit der freien Hand schnappte sie sich ihr Geld aus seinen raffgierigen Fingern.

Sie schob die Scheine in ihre Hosentasche und zerrte heftig an seinem Ellbogen, während sie auf der Suche nach seinem Handy seine Seitentaschen abtastete.

Nicht da. Dann in der Gesäßtasche.

Sie fand das Handy und schob es aus Mangel an Alternativen in ihren BH. Jetzt konnte er Noa nicht mehr anrufen und ihren Aufenthaltsort durchgeben, aber er hatte immer noch den Autoschlüssel in der linken Hand.

Donovan trat nach hinten aus und traf sie am Schienbein. Jule boxte ihn in die Halsbeuge und er taumelte nach vorn. Ein fester Stoß und Donovan stürzte zu Boden. Er wollte sich wieder aufrichten, aber Jule schnappte sich einen Metalldeckel von einer der Mülltonnen und ließ ihn zweimal auf seinen Kopf krachen, bis er auf einem Stapel Müllbeutel zusammenbrach. Er blutete an der Stirn und an einem Auge.

Jule zog sich aus seiner Reichweite zurück. Sie hielt immer noch den Deckel in der Hand.

»Lass den Schlüssel fallen.«

Stöhnend hob Donovan die linke Hand und warf den Schlüssel vor sich auf den Boden.

Jule schnappte sich den Schlüssel. Sie öffnete den Kofferraum, holte ihren Rollkoffer heraus und rannte die Straße hinunter, bevor Donovan sich aufrappeln konnte.

Sowie sie auf der Hauptstraße von San José del Cabo angekommen war, verlangsamte sie ihre Schritte und kontrollierte ihr T-Shirt. Es sah noch ganz sauber aus. Sie wischte sich gelassen über das Gesicht, falls dort etwas war – Dreck, Spucke, Blut. Sie zog eine Puderdose aus ihrer Tasche und prüfte ihr Äußeres, während sie weiterlief und den Spiegel gleichzeitig dazu benutzte, einen Blick über die Schulter zu werfen.

Niemand war hinter ihr.

Sie legte pinken Lippenstift auf, klappte die Puderdose wieder zu und wurde noch langsamer.

Es durfte nicht so aussehen, als würde sie vor irgendetwas weglaufen.

Die Luft war warm, Musik dröhnte aus den Bars. Vor den meisten Läden schlenderten Touristen umher – Weiße, Schwarze, Mexikaner, alle betrunken und laut. Billigurlauber.

Jule warf Donovans Schlüssel und Handy in eine Mülltonne. Sie hielt nach einem Taxi oder einem Supercabos-Bus Ausschau, entdeckte jedoch keins von beiden.

Na gut.

Sie musste untertauchen und sich umziehen, für den Fall, dass Donovan nach ihr suchte. Er würde sie verfolgen, falls er für Noa arbeitete. Oder falls er auf Rache aus war.

Stell dir vor, du wärst eine Filmfigur. Schatten huschen über deine glatte Haut, während du weitergehst. Blutergüsse bilden sich unter deiner Kleidung, aber deine Haare sitzen perfekt. Du bist mit technischen Spielereien bewaffnet, flache Metallteile, die unfassbare technologische und rabiate Kunststücke vollbringen können. Du hast Gifte und Gegengifte bei dir.

Du stehst im Mittelpunkt der Geschichte. Du und niemand sonst. Du hast diese interessante Herkunftsgeschichte, diese ungewöhnliche Ausbildung. Jetzt bist du skrupellos, du bist brillant, unerschrocken. Eine Zahl von Toten liegt hinter dir, denn du tust alles, was nötig ist, um zu überleben – aber das ist dein Alltag, sonst nichts.

Im Licht der mexikanischen Bars siehst du umwerfend aus. Nach einem Kampf sind deine Wagen gerötet. Und oh, deine Klamotten schmeicheln dir sehr.

Ja, es stimmt, dass du auf eine kriminelle Art gewalttätig bist. Sogar brutal. Aber das ist dein Job, und du besitzt so einzigartige Fähigkeiten, dass es sexy ist.

Jule hatte tonnenweise Filme gesehen. Sie wusste, dass Frauen kaum im Mittelpunkt solcher Geschichten standen. Stattdessen waren sie schmückendes Beiwerk, Begleiterin, Opfer oder Angebetete. Meistens existierten sie nur, um dem großartigen weißen hetero Helden auf seiner verfickten epischen Abenteuerreise zu helfen. Wenn es doch mal eine Heldin gab, wog sie sehr wenig, trug sehr wenig und hatte tolle Zähne.

Jule wusste, dass sie nicht wie diese Frauen aussah. Sie würde nie wie diese Frauen aussehen. Aber sie verkörperte alles, was diese Heldinnen ausmachte, in mancherlei Hinsicht sogar mehr.

Das wusste sie auch.

Sie kam an der dritten Cabo Bar vorbei und schlüpfte hinein. Drinnen standen Picknicktische, ausgestopfte Fische hingen an der Wand. Die Gäste waren hauptsächlich Amerikaner, die sich nach einem langen Angeltag die Kante gaben. Jule verdrückte sich rasch nach hinten, warf einen kurzen Blick über die Schulter und verschwand auf dem Herrenklo.

Es war leer. Sie versteckte sich in einer Kabine. Hier würde Donovan nie nach ihr suchen.

Der Toilettensitz war nass und gelblich verfärbt. Jule kramte in ihrem Koffer, bis sie eine schwarze Perücke gefunden hatte – eine glatte Bobfrisur mit Pony. Sie setzte die Perücke auf, wischte den Lippenstift ab, legte dunkles Lipgloss auf und puderte sich die Nase. Über ihr T-Shirt zog sie eine schwarze Strickjacke.

Ein Kerl kam herein und benutzte das Urinal. Jule stand ganz still und war froh, dass sie Jeans und schwere schwarze Stiefel trug. Nur ihre Füße und der untere Rand ihres Koffers waren durch den Spalt unten an der Kabinentür zu sehen.

Ein zweiter Kerl kam herein und betrat die Kabine neben ihr. Sie warf einen Blick auf seine Schuhe.

Es war Donovan.

Das waren seine schmutzigen weißen Crocs. Seine Playa-Grande-Hose. Jules Herz pochte in ihren Ohren.

Leise hob sie den Koffer vom Boden auf und hielt ihn hoch, damit er ihn nicht entdeckte. Sie blieb reglos stehen.

Donovan spülte und Jule hörte, wie er zum Waschbecken schlurfte. Er machte den Wasserhahn an.

Noch ein Kerl kam herein.

»Kann ich mir mal dein Handy borgen?«, fragte Donovan auf Englisch. »Ist nur ein kurzer Anruf.«

»Mann, hat dich jemand zusammengeschlagen?« Der andere Typ hatte einen amerikanischen Akzent. Kalifornien. »Du siehst aus, als hättest du ganz schön was abgekriegt.«

»Mir geht’s gut«, sagte Donovan. »Ich brauche nur mal ein Handy.«

»Ich hab hier keine Freischaltung für Anrufe, nur Textnachrichten«, erwiderte der Typ. »Ich muss zu meinen Jungs zurück.«

»Ich will es nicht klauen«, sagte Donovan. »Ich muss nur –«

»Ich sagte Nein, okay? Aber ich wünsch dir was, Kumpel.« Der Typ ging, ohne das Klo benutzt zu haben.

Wollte Donovan telefonieren, weil er keinen Autoschlüssel mehr hatte und eine Mitfahrgelegenheit brauchte? Oder wollte er Noa anrufen?

Er atmete schwer, als hätte er Schmerzen. Er drehte nicht noch einmal den Wasserhahn auf.

Schließlich ging er.

Jule stellte den Koffer ab. Sie schüttelte die Hände aus, damit das Blut wieder zirkulierte, und streckte die Arme nach hinten. Noch in der Kabine zählte sie ihr Geld, sowohl Pesos als auch Dollar. Sie prüfte in ihrem Puderdosenspiegel, ob die Perücke richtig saß.

Als sie das sichere Gefühl hatte, dass Donovan wirklich weg war, verließ Jule das Herrenklo – selbstbewusst, das war keine große Sache – und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Draußen drängte sie sich durch die Partymeute bis an eine Straßenecke und hatte Glück. Gerade fuhr ein Taxi vor. Sie sprang hinein und fragte nach dem Grand Solmar, einer Hotelanlage neben dem Playa Grande.

Am Grand Solmar bekam sie leicht das nächste Taxi. Sie bat den neuen Fahrer, sie zu einem billigen, einheimischen Hotel in der Stadt zu bringen. Er fuhr sie zum Cabo Inn.

Es war eine heruntergekommene Absteige. Dünne Wände, schmutzige Farbe, Plastikmöbel, Plastikblumen auf dem Empfangstresen. Jule checkte unter falschem Namen ein und bezahlte in Pesos. Der Hotelangestellte fragte nicht nach ihrem Ausweis.

Oben im Zimmer kochte sie mit der kleinen Kaffeemaschine einen koffeinfreien Kaffee. Sie gab drei Stück Zucker dazu. Sie setzte sich auf die Bettkante.

Sollte sie wegrennen?

Nein.

Ja.

Nein.

Niemand wusste, wo sie war. Niemand auf der Welt. Diese Tatsache sollte sie glücklich machen. Schließlich war das ihr Ziel gewesen. Sie hatte verschwinden wollen.

Aber sie hatte Angst.

Sie sehnte sich nach Paolo. Sehnte sich nach Imogen.

Wünschte, sie könnte alles ungeschehen machen, was passiert war.

Könnte sie doch in der Zeit zurückreisen, dann würde sie ein besserer Mensch sein. Oder ein anderer Mensch. Sie würde mehr sie selbst sein. Oder vielleicht weniger sie selbst. Sie hatte keine Ahnung, denn sie wusste nicht mehr, welche Form ihr eigenes Ich hatte oder ob es eigentlich gar keine Jule gab, sondern nur eine Reihe Persönlichkeiten, für die sie sich in verschiedenen Situationen ausgab.

Waren alle Menschen so, ohne wahres Ich?

Oder ging es nur Jule so?

Sie wusste nicht, ob sie ihr eigenes verstümmeltes, fremdes Herz lieben konnte. Sie wünschte sich jemanden, der es für sie tat, der es unter ihren Rippen pochen sah und zu ihr sagte: Ich kann dein wahres Ich sehen. Es ist da, und es ist außergewöhnlich und wertvoll. Ich liebe dich.

Wie finster und dumm es war, sich verstümmelt und fremd zu fühlen, keine bestimmte Form zu haben, kein Ich zu haben, wenn das Leben noch vor einem lag. Jule hatte viele seltene Talente. Sie arbeitete hart und hatte wirklich verdammt viel zu bieten. Sie wusste das alles.

Also warum fühlte sie sich gleichzeitig so wertlos?

Sie wollte Imogen anrufen. Sie wünschte, sie könnte Immies tiefes Lachen hören und ihre nicht enden wollenden Sätze, die Geheimnisse ausschütteten. Sie wünschte, sie könnte zu Imogen sagen: Ich habe Angst. Und Immie würde sagen: Aber du bist tapfer, Jule. Du bist der tapferste Mensch, den ich kenne.

Sie wünschte, Paolo würde vorbeikommen, die Arme um sie legen und ihr sagen – wie er es einmal getan hatte –, was für ein großartiger Mensch sie sei.

Sie wünschte sich jemanden, der sie bedingungslos liebte, der ihr alles vergeben konnte. Oder noch besser jemanden, der alles schon wusste und sie dafür liebte.

Weder Paolo noch Immie waren dazu in der Lage.

Trotzdem erinnerte Jule sich an das Gefühl von Paolos Lippen auf ihren und an den Duft von Immies Jasmin-Parfüm.

Mit der schwarzen Perücke auf dem Kopf ging Jule nach unten ins Geschäftsbüro des Cabo Inn. Sie hatte sich eine Strategie überlegt. Das Büro war um diese Nachtzeit geschlossen, aber sie steckte dem Portier etwas Trinkgeld zu und er öffnete es für sie. Am Computer buchte sie einen Flug von San José del Cabo nach Los Angeles am nächsten Morgen. Sie benutzte ihren eigenen Namen und bezahlte mit ihrer normalen Kreditkarte, derselben, die sie im Playa Grande benutzt hatte.

Dann fragte sie den Portier, wo sie sich gegen Cash ein Auto besorgen könnte. Er sagte, es gäbe einen Händler, der auf einem Hinterhof arbeite und ihr am nächsten Morgen bestimmt etwas für US-Dollar verkaufen könne. Er schrieb ihr eine Adresse auf, Ortiz y Ejido, sagte er.

Noa hatte bestimmt ihre Kreditkartenzahlungen verfolgt. Sonst hätte sie Jule nie aufgespürt. Jetzt würde sie die Rechnung sehen und nach L.A. fliegen. Jule würde sich jedoch ein Auto kaufen und nach Cancún fahren. Von dort aus könnte sie sich vielleicht auf die Insel Culebra in Puerto Rico absetzen, wo es massenhaft Amerikaner gab, die nie irgendjemandem ihre Pässe zeigten.

Sie dankte dem Portier für die Information über den Autohändler.

»Sie werden sich nicht an unser Gespräch erinnern, richtig?«, sagte sie und schob ihm noch einen Zwanziger über den Tresen.

»Vielleicht«, sagte er.

»Nein, werden Sie nicht.« Sie legte einen Fünfziger dazu.

»Ich habe Sie nie gesehen«, sagte er.

Jule schlief schlecht. Sogar noch schlechter als sonst. Sie träumte vom Ertrinken in türkisfarbenem Wasser, träumte von streunenden Katzen, die über ihren Körper liefen, während sie schlief, träumte, von einer Schlange erwürgt zu werden. Jule wachte schreiend auf.

Sie trank Wasser. Nahm eine kalte Dusche.

Schlief weiter und wachte wieder schreiend auf.