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Foto: © Beck Sampson

DIe AUTORIN

Beck Nicholas wollte schon immer Schriftstellerin werden. Sie hat Naturwissenschaften studiert, als Laborassistentin, Pizzalieferantin und Highschool-Lehrerin gearbeitet, doch schon immer hat sie ihren Traum verfolgt, Geschichten zu erschaffen. Sie lebt inzwischen in der Nähe von Adelaide/Australien, auf halbem Weg zwischen der Stadt und dem Meer. Und sie hat das Glück, ihre Tage (und Nächte) mit dem Schreiben von Jugendbüchern zu verbringen.

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Beck Nicho­las

Aus dem Eng­li­schen
von Eva Rie­kert

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1. Auf­la­ge 2018

Deutsche Erstausgabe Mai 2018

© 2017 by Beck Nicholas

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Music of Us« bei Harlequin Australia.

© 2018 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Eva Riekert

Umschlaggestaltung: Kathrin Schüler, Berlin

Umschlagmotive © Shutterstock (BkBook, Tarr Pichet)

MI · Herstellung: eR

Satz: Buch-Werkstatt, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-23535-2
V001

www.cbj-verlag.de

I think I was eight and a half,
Running barefoot in the summer sun,

Caught between a moment and forever.

Hold My Hand – Glass Ewoks

Teil eins

Noch dreißig Sekunden, dann ist das Abschlussexamen vorbei. Ich lege meinen Stift auf den Tisch, schließe das Heft und atme erleichtert aus. Alles, was ich weiß, steht da drin, und zum ersten Mal seit Wochen kann ich durchatmen.

Das war’s mit der Highschool.

Der Timer vorne im Raum ertönt, und die Aufsichtsperson fordert die Schüler, die noch schreiben, auf Schluss zu machen. In meiner Brust breitet sich Euphorie aus wie ein Ballon. Doch ehe sich dieses Hochgefühl, dass ich es hinter mir habe – endlich –, weiter ausdehnen kann, ist es auch schon wieder verflogen. Nachdem ich mich jetzt nicht mehr auf die Prüfung konzentrieren muss, überrollt mich alles, was ich von mir geschoben habe. Auch wenn ich dieses Examen jetzt geschafft habe, ändert das nichts an der Tatsache, dass ich durch meine Teilnahme auch eine Chance verpasst habe.

Seufzend erhebe ich mich und verlasse den Raum, ohne auf das fröhliche Plaudern der anderen Mädchen zu achten. Als ich bei Mas Auto ankomme, dem alten Kombi, den ich ausleihen durfte, weil sie den ganzen Nachmittag Flötenunterricht gibt, recke ich die Arme in die Luft, um meine schmerzenden Schultern zu lockern – eine Nebenwirkung des Lernmarathons. Ich krame das Handy aus meinem Rucksack. Alle sechs ungelesenen Nachrichten sind von meiner Mutter. Ich lese nur die letzte:

Mai, wir hoffen, dass du uns heute bei der Prüfung stolz gemacht hast.

Was soll ich denn bloß auf diesen emotionalen Druck antworten? Ich versuch’s gar nicht erst.

Im krassen Gegensatz dazu totales Schweigen meiner Freunde, und auch nichts in den sozialen Netzwerken. Der Stich, den mir das versetzt, während ich alle Apps nach Lebenszeichen durchsuche, wird nicht dadurch gemildert, dass ich eigentlich nichts anderes erwartet habe.

Ich habe es nicht anders gewollt.

Es war meine Entscheidung, an meinem Abschlussexamen teilzunehmen statt an einer Audition für den Support Act bei der aktuellen Tournee von Gray, dem angesagtesten Singer-Songwriter des Landes. Ich habe das Pflichtgefühl gegenüber meiner Familie über meine Band – und meine Freunde – gestellt.

Was meine Bandmitglieder nicht zu verstehen scheinen, ist, dass es mir nicht so vorkommt, als hätte ich überhaupt die Wahl gehabt.

Ich steige ins Auto, werfe meine Sachen auf den Beifahrersitz, lasse den Motor aber noch nicht an. Ich muss schließlich nirgendwo hin. Mein übliches Ziel wäre Lexies Garage und eine Probe mit irgendjemand von der Band, der vielleicht gerade da ist. Seit neun Tagen bin ich nicht mehr dort gewesen. Meine letzte Hoffnung, den Termin für die Audition zu verschieben, scheiterte, und ich habe ihnen klargemacht, dass sie mich nicht zur Aufgabe meines Examens überreden können.

Ich weiß nicht mal, ob sie beschlossen haben, heute ohne mich vorzuspielen. Ich würde gerne glauben, dass ich nicht zu ersetzen bin – aber ich weiß ja nicht.

Um mich herum parken Autos aus, am Steuer lächelnde Gesichter, alle so zuversichtlich, was ihre Zukunft und ihren Erfolg angeht. Der Schulparkplatz hier ist kein x-beliebiger. Als ich vor zwei Jahren ein Stipendium für diese Schule verliehen bekam, vergoss Ma Tränen des Glücks. Ich selbst war weniger begeistert, mich von meinen Freunden trennen zu müssen, aber die einmalige Gelegenheit war mir schon bewusst. Und ich habe mein Bestes getan, um sie zu ergreifen.

Wenn es nicht so schrecklich wäre, wäre es geradezu komisch, dass ich nun die Gelegenheit verpasse, von der ich mir damals nie hätte träumen lassen. Eine Gelegenheit, die unsere Band vielleicht nie mehr bekommt.

Nicht, dass die Glass Ewoks nicht gut sind. Ich bin stolz wie verrückt auf unseren Sound, aber wir haben erst eine Handvoll Gigs gehabt. Wenn der neue Freund von unserem Gitarristen Rupert nicht so gute Beziehungen hätte, wären wir nie auf die Shortlist für heute gekommen. Und dann hätte ich auch nicht die Entscheidung treffen müssen, wegen der alle so sauer auf mich sind.

Wenn besagter Freund, Karl, nicht so nett wäre, würde ich ihn jetzt hassen.

Was angenehm wäre. Das Leben wäre viel einfacher, wenn ich jemand anderem die Verantwortung zuschieben könnte, statt mir selbst.

Ich nehme mein Handy und versuche Lexie anzurufen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich versuche, Kontakt aufzunehmen, seit ich mich nach meiner Verkündigung aus unserer Probe geschlichen habe. Wie jedes Mal erreiche ich nur den Anrufbeantworter.

Selbst beim Sprechen klingt ihre Stimme rauchig und voll, ganz die Sängerin. »Ich nehme keine Anrufe an, das wisst ihr.«

Ich warte auf den Piepston. »Hey«, sage ich. »Ich bin’s. Wie gesagt, tut mir echt leid. Ich hoffe, wenn ihr ohne mich beim Vorspielen wart, dass es gut gelaufen ist. Äh … ruf zurück. Bitte.«

Ich weiß, dass sie gesehen haben muss, dass ich dran bin. Sie klebt quasi an ihrem Handy. Sie wird nicht auf den Anruf reagieren, wie bei all den anderen.

Finster starre ich das leere Display an. »In meiner Familie drückt man sich nicht vor Examen.«

Tränen brennen mir in den Augen. Ich beuge mich vor und lege die Stirn aufs Lenkrad. Mein Handy surrt. Es ist wegen der Prüfung noch auf stumm gestellt, aber hartnäckig vibriert es auf dem Sitz. Ich drehe mich nicht um. Das ist sicher Ma. Sie wird wissen wollen, wie die Prüfung gelaufen ist. Nett, dass sie so an mich denkt, aber im Moment kann ich nicht gute Tochter spielen. Ich ruf später zurück.

Nach einem Moment vibriert das Handy erneut.

Ich nehme es und antworte, ohne auf das Display zu blicken. »Es ist gut gelaufen. Ich hab alles gegeben. Bin bald zu Hause.«

Aber statt Mas Stimme höre ich ein belustigtes Kichern am anderen Ende. Es ist Lex.