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Das Buch

Ein abgeschottetes Land, ein brutaler Diktator, Atombombentests und massive Drohungen: Thomas Reichart, ZDF-Studioleiter Ostasien, war mit seinem Team in den letzten drei Jahren mehrmals in Nordkorea. Er konnte dort Gespräche führen, die tiefen Einblick geben in die Machtstrukturen und das Innenleben dieses Landes. Er reiste nach Pjöngjang, an die streng bewachten Grenzen Nordkoreas, in die Machtzentren der Nachbarn und Gegner und zu den Militärstützpunkten der USA in der Region. In Seoul sprach er exklusiv mit dem höchstrangigen Überläufer, er traf chinesische Schmuggler, die illegalen Handel mit Nordkorea betreiben, und recherchierte in Macao die Hintergründe zum Brudermord. Außerdem wertete er Geheimdienstberichte, Statistiken und Studien zu Nordkorea und der asiatischen Region aus. Die spannenden Ergebnisse seiner investigativen Recherchen machen deutlich, wie groß die Bedrohung durch eine nukleare Katastrophe ist.

Der Autor

Thomas Reichart, 1971 geboren, leitet seit 2014 das ZDF-Studio Ostasien in Peking, das verantwortlich ist für die Berichterstattung aus China, Nord- und Südkorea, Japan und den Philippinen. Er war zuvor Hauptstadtkorrespondent des ZDF mit den Schwerpunkten »Innere Sicherheit« und »Geheimdienste« sowie Reporter bei Frontal 21.

THOMAS REICHART

DER WAHNSINN
UND DIE BOMBE

WIE NORDKOREA UND DIE
GROßMÄCHTE UNSERE
SICHERHEIT VERSPIELEN

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ECON

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ISBN 978-3-8437-1776-2


© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018

Covergestaltung: FHCM GRAPHICS, Berlin

Umschlagabbildung: Toby Marshall

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

VORWORT

Nordkoreas Diktator Kim Jong-un lässt Interkontinentalraketen und Atombomben testen. US-Präsident Donald Trump droht in einer Rede vor den Vereinten Nationen im Sommer 2017, die USA würden Nordkorea »völlig zerstören«, wenn Pjöngjang im Atomstreit nicht nachgebe, während Kim Jong-­un ankündigt, er werde Trump »mit Feuer zähmen«. Unaufhaltsam verschärft sich der Konflikt, und die Welt sieht sich mit einem Mal nur wenige Schritte entfernt vom Abgrund einer nuklearen Katastrophe. Ein Schreckensszenario, das wir mit dem Ende des Kalten Kriegs eigentlich für überwunden hielten. Doch die reale Gefahr macht Nordkorea zum derzeit gefährlichsten Krisenherd der Welt. Schon jetzt sind wir mittendrin in einem neuen kalten Krieg, der die internationale Ordnung und das Verhältnis der Großmächte, besonders das Verhältnis der USA und Chinas, auf Jahre prägen wird.

Umso brisanter ist es, wie wenig wir über diesen Konflikt wissen, wie sehr Politik, Medien und die Öffentlichkeit ihn unterschätzt und vernachlässigt haben. Nordkorea war für uns ein weit entferntes Land mit verrückten Diktatoren und einer Bevölkerung, die sich offenbar nur im Stechschritt fortbewegt. In Deutschland haben wir Schreckensnachrichten gehört über Hungerkatastrophen, einen Brudermord, brutale Gefangenenlager und nukleare Allmachtsphantasien. Aber das kam uns oft so bizarr vor, so jenseits von dieser Welt. Letztlich war es leicht zu glauben, dass Nordkorea uns nicht betrifft.

Erst jetzt, da Kims Raketen Kontinente überwinden und New York, Frankfurt und Berlin erreichen können, schwant uns, dass das ein gefährlicher Fehler war. Und dass wir früher ein paar naheliegende Fragen hätten stellen müssen: Was passiert, wenn das Land in spätestens einem oder zwei Jahren so weit ist, Langstreckenraketen mit Atomsprengköpfen abzu­feuern, wie Experten fürchten? Bedroht Nordkoreas Atomprogramm auch uns in Deutschland und Europa? Warum konnte niemand Kim bislang Einhalt gebieten? Gibt es etwas, das man jetzt noch tun kann, um die Lage zu entspannen?

Ich erinnere mich noch lebhaft, wie mir schauderte, als ich in Pjöngjang auf dem Kim-Il-sung-Platz stand und bei einer Militärparade plötzlich der Boden unter mir zu vibrieren anfing. Unter dem Jubel Zehntausender ließ Nordkorea im Herbst 2015 auf schweren Lastwagen seine Raketen auffahren. Keine drei Meter entfernt rollten sie an mir vorbei. Das war der Moment, in dem mir dämmerte, dass die Vorstellung falsch war, Nordkorea sei ein Operettenstaat und seine Raketen seien bloße Attrappen. Natürlich war ich kein Raketen­experte, wusste damals noch wenig über die Reichweite einer Hwasong-12 oder darüber, wie weit Nordkorea beim Bau einer Interkontinentalrakete schon war. Aber die Erschütterungen, die die Raketenlaster auf dem Kim-Il-sung-Platz auslösten, erschienen mir mit einem Mal wie eine böse Vorahnung auf das Zerstörungspotential, das von diesen Raketen bald schon ausgehen würde.

Es gibt in Deutschland immer noch den einen oder anderen Experten, der bezweifelt, dass Nordkorea tatsächlich eine so große Gefahr darstellt. Das Land, so lautet eines der Argumente, sei so verarmt und rückständig, dass es überhaupt nicht über die Mittel verfüge, ein aufwendiges Raketen- und Atomprogramm zu finanzieren. Entwicklung, Erprobung und Unterhalt eines ganzen Arsenals von Kurzstrecken- bis hin zu Interkontinentalraketen würden Nordkorea auch technologisch schlicht überfordern.

Die Skepsis gegenüber den Bedrohungsszenarien, die insbesondere aus Washington von US-Präsident Donald Trump und seiner Administration kommen, ist nachvollziehbar und berechtigt. Vielen ist noch in Erinnerung, wie George W. Bush nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 angebliche Beweise anführen ließ, die ein Atomprogramm des Irak belegen sollten. Dass Saddam Hussein kurz davorstünde in den Besitz von Atomwaffen zu kommen, war für die USA damals die wesentliche Begründung dafür, in einen desaströsen Krieg zu ziehen.

Mit meinen Kollegen Jörg Brase und Johannes Hano bin ich damals für das ZDF-Magazin Frontal 21 der Spur dieser angeblichen Beweise nachgegangen. Es ging dabei insbesondere um den Vorwurf, der Irak habe versucht, im afrikanischen Niger sogenannten Yellowcake zu kaufen. Aus Yellowcake kann in einem komplizierten Verfahren mit Gaszentrifugen waffenfähiges Uran gewonnen werden. Wir reisten in den Niger, führten die ersten TV-Interviews mit zentralen Zeugen und trafen an einem regnerischen Herbsttag 2003 den damaligen Präsidenten Nigers, der gerade auf Deutschlandbesuch war. In der Suite seines Berliner Hotels zeigte ich ihm das zentrale Beweisstück, das den Uran-Deal belegen sollte und angeblich seine Unterschrift trug. Aber es war nicht die Unterschrift des Präsidenten, und auch die anderen angeblichen Belege für das Atomwaffenprogramm des Irak erwiesen sich als plumpe Fälschungen.

In Washington hatten viele Experten in den Geheimdiensten und im Außenministerium das auch schon früh erkannt, fanden aber bei den Kriegstreibern um Präsident Bush kein Gehör. Tatsächlich entdeckten weder die UN-Waffeninspektoren vor Kriegsbeginn noch amerikanische Suchtrupps nach der Invasion Belege dafür, dass der Irak kurz davorstand, eine Atombombe zu entwickeln. Saddam Hussein war ein grausamer und skrupelloser Diktator, aber von seinem Land ging keine nukleare Bedrohung aus.

Bei Nordkorea indes haben die Belege dafür, dass das Land kurz davorsteht, die gefährlichsten Waffen der Welt in Händen zu halten, eine völlig andere Qualität. Die Erschütterungen nordkoreanischer Atomtests werden auf der ganzen Welt gemessen, die Flugbahnen seiner Raketen genauestens ausgewertet. Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Organisation und andere Nuklearexperten konnten immer wieder Nordkoreas Atomanlagen in Yongbyon in Augenschein nehmen. Wir kommen deshalb nicht darum herum, Nordkorea und seinen Diktator Kim Jong-un endlich ernst zu nehmen. Dieses Regime ist die größte Bedrohung für den Weltfrieden seit Jahrzehnten.

Nordkorea ist ein abgeschottetes Land, das sich Beobachtern immer seltener öffnet. Mein Team und ich waren in den letzten drei Jahren drei Mal in Nordkorea. Ich konnte dabei Gespräche und Interviews führen, die tiefe Einblicke in die Machtstrukturen und das Innenleben dieses Landes geben. Dieser Konflikt aber reicht weit über Nordkorea hinaus und begegnet mir in Ostasien an vielen Orten, an die ich komme: in einer Hotelsuite in Seoul, in der ich Pjöngjangs höchstrangigen Überläufer traf, an der strengbewachten Grenze zu Südkorea, auf einem US-Militärstützpunkt auf der japanischen Insel Okinawa, auf dem sich Marines auf einen sogenannten Enthauptungsschlag vorbereiten, und an der Grenze zwischen China und Nordkorea, Pjöngjangs Lebensader, über die der ­allergrößte Teil von Nordkoreas Außenhandel abgewickelt wird.

An den Frontlinien dieses neuen kalten Kriegs wird deutlich, warum Nordkorea letztlich auch ein globaler Konflikt ist. In keiner anderen Region dieser Welt stehen sich auf so engem Raum so viele gefährliche Waffen, so viele miteinander konkurrierende Großmächte gegenüber. Für die geht es in diesem Konflikt natürlich um die Atommacht Nordkorea, aber eben auch um die Vorherrschaft in einem der wichtigsten Wirt­schaftsräume der Welt.

Im Moment mag es so scheinen, als seien die Spannungen kaum noch zu steigern. Oder wird dem Krieg der Worte zwischen Donald Trump und Kim Jong-un bald ein Krieg der Taten folgen? Wir sind inzwischen an einem Punkt, an dem man auch das nicht ausschließen kann. Wahrscheinlicher aber ist, dass die eigentliche Bewährungsprobe erst noch kommt. Dann nämlich, wenn Kim Jong-un über nukleare Interkontinentalraketen verfügt, mit denen er die USA, aber auch Europa erpressen kann.

Dieses Buch soll dringend nötige Erklärungen liefern: über Nordkorea, über seinen Diktator und darüber, was er eigentlich erreichen will, über seine Waffen und das Ringen der Großmächte um Einfluss in der Region. Es soll greifbar machen, wo sich dieser Konflikt entfaltet, wer darin welche Rolle spielt und worauf wir uns gefasst machen müssen, wenn Kim Jong-un zu Verhandlungen bereit sein wird.

Dabei soll auch deutlich werden, dass die Gefahr für un­sere Sicherheit nicht allein von Nordkorea ausgeht. Es gab Anfang der Neunziger- und Anfang der Zweitausenderjahre schon einmal sogenannte Nordkoreakrisen. Dass keine von ihnen so brisant und gefährlich war wie diese, liegt auch an Donald Trump. Die Art, wie er mit dem Konflikt umgeht, seine Provokationen und Drohungen sowie der Verzicht auf jede Art von Gesprächsangeboten haben die Krise in einem bislang noch nicht gekannten Maße verschärft. China wirkt im Gegensatz dazu fast wie ein verlässlicher Ruhepol, der sich für Entspannung und eine friedliche Lösung einsetzt. Tatsächlich aber hat Peking Nordkorea über Jahrzehnte mit aufgerüstet. Chinas Machthaber haben auch zugelassen, dass Kims Regime Sanktionen umgehen und sich die dringend benötigten Ressourcen und Devisen für sein Atom- und Raketenprogramm im Ausland besorgen konnte. Beide Großmächte sind damit mitverantwortlich, dass ein Atomkrieg zu einer realen Gefahr geworden ist.

Der Wahnsinn und die Bombe beruht auf langjährigen Reisen und Recherchen an den Frontlinien des Nordkoreakonflikts, auf Dutzenden Interviews und Gesprächen mit Überläufern, Politikern, Diplomaten, Militärs, ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern, Wissenschaftlern und Menschen, deren Leben durch diese Auseinandersetzung geprägt und gelenkt ist. Außerdem werte ich Geheimdienstberichte, Statistiken und Studien zu Nordkorea und der asiatischen Region aus. Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich auf detaillierte Fußnoten verzichtet. Die Veröffentlichungen von Nordkorea-Experten, auf die sich das vorliegende Buch stützt, habe ich im Anhang aufgelistet.