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Kaspar Wolfensberger

Der Seelenwexler

Roman

Prolog: Zanggers Fieber

Côte d’Ivoire, im Jahr 1977.

Plötzlich wurde es ihm am Steuer speiübel. Er konnte seinen VW-Camper noch an den Pistenrand manövrieren, die Wagentür aufstossen und sich aus dem Fahrersitz beugen. Auf der roten Erde bildete sich eine Lache, die rasch versickerte. Da sass er nun, von Fieber geschüttelt, das Hemd bekleckert, mitten im Nirgendwo. Mutterseelenallein, sterbenskrank. Seine rechte Seite schmerzte. Er nahm einen Schluck aus seiner Feldflasche, spülte den Mund und spuckte das Wasser aus. Den zweiten Mundvoll versuchte er zu schlucken – und musste sich gleich wieder übergeben. Erschöpft beugte er sich über das Lenkrad. Er hob den Kopf und blickte in den Rückspiegel. Das Weiss seiner Augen leuchtete kanariengelb. Jetzt wusste er, was es geschlagen hatte: Gelbsucht. Akute Hepatitis.

An Weiterfahrt war nicht zu denken. Er setzte sich am Pistenrand neben seinen Camper und wartete auf Rettung. Vor zwei Tagen war er in Man aufgebrochen und, mit fiebrigem Kopf, an diesem Tag bereits fünf oder sechs Stunden gefahren. Er war keinem einzigen Fahrzeug begegnet. Es konnte Stunden, vielleicht ein, zwei Tage dauern, bis jemand auf dieser Piste vorbeifuhr. Er wusste nicht genau, wo er sich befand. Vielleicht hundert, zweihundert Kilometer von Abidjan entfernt? Die Küste hatte er noch nicht erreicht, aber weit konnte es nicht mehr sein bis zur Lagune von Grand-Lahou. Dort hatte er eine Woche zuvor für ein paar Tage Halt gemacht. Schon damals hatte er sich fiebrig und krank gefühlt. Malariakrank, hatte er gedacht, fern der Heimat, wie Doktor Livingstone vor hundert Jahren. In seinem fiebrigen Zustand hatte er eigenartigen Gefallen am Vergleich mit dem legendären Arzt und Afrikaforscher gefunden.

Die Hitze war kaum auszuhalten. Er netzte einen Waschlappen und legte ihn auf seine Stirn. Er nippte an der Feldflasche und befeuchtete sich die Lippen. Sobald er einen grösseren Schluck nahm, kam ihm buchstäblich die Galle hoch. Auf der Fahrt durch den Urwald hatte er zwei-, dreimal anhalten und sich in die Büsche schlagen müssen. Jetzt wird’s brenzlig, dachte er, wenn es so weitergeht, droht Dehydrierung. Er fürchtete, bald ins Delirium zu fallen. David Livingstone starb in den Sümpfen Sambias am Fieber, im Alter von sechzig Jahren. Musste er, Lukas Zangger, Tropenarzt in spe und nicht einmal dreissigjährig, jetzt am Rand einer Urwaldpiste elendiglich zugrunde gehen? Würde es ihr leidtun, die Nachricht von seinem einsamen Tod in Westafrika zu hören?

Es gab ringsum massenhaft grosse Bäume, aber sie waren zu weit von der Piste entfernt. Die Pistenbauer hatten rücksichtslos eine breite Schneise in den Urwald geschlagen. Er wagte es nicht, sich in den Schatten eines Baumes zu legen. Er durfte nicht riskieren, dass ein Vorbeifahrender zwar seinen Camper, nicht aber ihn selber sehen würde. Um der sengenden Sonne zu entrinnen, kroch er, seiner geistigen Kräfte schon halb beraubt, mit der Feldflasche in der Hand unter das Fahrzeug. Er wollte um jeden Preis wach bleiben.

Kaum lag er unter dem Camper, dämmerte er weg …

«Qu’est-ce qu’il y a? Une panne?»

Die Stimme kam von weit her. Auf dem Rücken liegend, öffnete Lukas die Augen und drehte den Kopf. Er glaubte zu halluzinieren: Er sah bloss ein Paar Schuhe. Turnschuhe. Seine Turnschuhe!

«Tu dors?»

Jetzt erkannte er neben den Schuhen ein schwarzes Gesicht. Verkehrt herum, ein hängendes Gesicht, Augen unten, Mund oben. Lukas wollte etwas sagen. Er konnte nicht, die Zunge klebte an seinem Gaumen.

«T’es malade?»

Lukas blickte benommen in das schwarze, irgendwie bekannte Gesicht.

«T’es malade, n’est-ce pas?», wiederholte die Stimme. Eine Hand streckte sich ihm entgegen. Er fasste sie und liess sich unter dem Camper hervorziehen.

«Mais oui», stellte Félix fest, als Lukas auf den Beinen stand, «t’es vraiment malade.»

Er nahm ihm die Feldflasche aus der Hand und reichte sie ihm, damit er trinke. Lukas schüttelte den Kopf.

«Gravement malade», konstatierte Félix. «Il faut voir un guérisseur. Tout de suite. Viens!», sagte er und nahm ihn bei der Hand.

Verwirrt schloss Lukas den Camper ab und schaute um sich. Mit einer Geste machte Félix ihm klar, dass das Fahrzeug sicher sei. Dann zog er ihn von der Piste weg. Halb in Trance – stets die Turnschuhe fixierend, die er dem Jungen eine Woche zuvor geschenkt hatte –, trottete Lukas auf einem Trampelpfad hinter Félix durch den Urwald. Wie lange, wusste er nicht, er hatte kein Zeitgefühl mehr. Der Frage, wie Félix ihn gefunden hatte, konnte er nicht mit klarem Kopf nachgehen, schon gar nicht, indem er ihn fragte. Er war nicht mehr in der Lage, ein Gespräch zu führen. Aber er wusste, dass ein Kommen und Gehen in Afrika nie unbemerkt blieb, ganz gleich ob in der Wüste, in der Steppe oder im Urwald. Bäume, Sträucher und Büsche hatten Augen, Felsen und Hütten hatten Ohren. Und Nachrichten verbreiteten sich in Afrika in Windeseile. Irgendjemand musste seinen auffälligen hellgrünen Camper gesehen oder gehört haben. Und im Umkreis von Grand-Lahou wusste jeder, dass Félix der Führer des weissen Mannes gewesen war, der am Steuer dieses Fahrzeugs sass. Es konnte nur eine Frage der Zeit gewesen sein, bis ihm die Nachricht zugetragen wurde. Und er sich auf den Weg machte, um zu sehen, was los war. Vielleicht war Félix ein paar Stunden gelaufen, vielleicht war Lukas aber auch kurz vor Grand-Lahou gestrandet, nur einen Sprung von Félix’ Hütte entfernt, er wusste es nicht.

Sie trafen bei einem Kraal ein. Félix liess Lukas stehen und rief nach dem Medizinmann. Erst als er dazu aufgefordert wurde, betrat er den Kraal und erwies dem Guérisseur seine Reverenz. Félix sagte ein paar Sätze auf Dioula und überliess Lukas dann dem Heiler. Lukas hörte die beschwörenden Worte, die der Medizinmann sagte, verstand sie aber nicht. Er roch den Dung und den Rauch in der Hütte und nahm, nur halb bei Bewusstsein, wahr, wie der Heiler zu murmeln und über einem Kessel, der auf einem eisernen Dreifuss über dem Feuer stand, zu hantieren und zu rühren begann. Irgendwann senkte der Heiler eine blecherne Henkeltasse in den Kessel, schöpfte von der Flüssigkeit und reichte Lukas den Trunk. Er roch abstossend, und doch empfand Lukas den unbändigen Wunsch, davon zu trinken. Er nippte an der Tasse. Der Trunk schmeckte wie bittere Medizin, widerlich und wohltuend zugleich. Zu seiner Überraschung spürte er keinen Brechreiz. Er nahm einen ganzen Schluck. Nichts geschah. Dann leerte er, begleitet von einer auffordernden Gebärde des Medizinmanns, die Henkeltasse. Der Medizinmann, der bisher eine ernste Miene gezeigt hatte, nickte zufrieden. Er hiess ihn zwei weitere Tassen trinken, dann hängte er ihm ein Amulett um. Er zeigte auf eine Decke, die ausgebreitet auf dem Fussboden der Hütte lag, und bedeutete Lukas, sich hinzulegen. Lukas legte sich hin und fiel in einen tiefen Schlaf. Einige Male wachte er halbwegs auf, jemand wischte den Schweiss von seiner fiebrigen Stirn, und er bekam jedes Mal eine Tasse des Heiltrunks vorgesetzt, die er, im Dämmerschlaf, leerte. Am nächsten Tag erhielt er etwas zu essen, was nach gekochten Bananen schmeckte. Am dritten Tag fühlte er sich mit einem Mal wieder gesund. Er stand auf, Félix erwartete ihn schon draussen vor dem Kraal. Als Entgelt für die wundersame Heilung überliess Lukas dem Guérisseur sein Schweizer Armeesackmesser mit acht Klingen und das nicht eben saubere, khakifarbene Hemd mit Brusttaschen, das er über seinem T-Shirt trug. Dem Heiler schien das ein angemessener Lohn zu sein, jedenfalls strahlte er übers ganze Gesicht, entblösste die lückenhaften Zahnreihen und deutete eine Verbeugung an, die Lukas seinerseits mit einer Verbeugung, einer tieferen, erwiderte. Der Heiler nahm das Amulett von Lukas’ Hals, füllte den eingekochten Rest des Heiltrunks in ein grünes, gläsernes Flakon, schraubte einen Deckel drauf und steckte ihm das Flakon zu. Félix erklärte ihm, die Worte des Guérisseurs übersetzend, dass er das Konzentrat mit Wasser aufkochen und zu sich nehmen müsse, sollte unterwegs das Fieber wieder auftreten.

Der Marsch zurück durch den Urwald dauerte zwei Stunden. Der Camper, Lukas traute seinen Augen kaum, stand unversehrt dort, wo er ihn drei Tage zuvor hatte stehen lassen. Er setzte sich ans Steuer, nahm Félix an Bord und fuhr los. Bei der Fähre nach Grand-Lahou, die sie nach drei, vier Kilometer Fahrt erreichten, liess er ihn aussteigen. Aus dem kleinen Lederbeutel, den er Tag und Nacht unter seiner Kleidung auf dem Leib trug, klaubte er die Münze, die er als Notbatzen bei sich gehabt hatte, ein Goldvreneli. Er gab Félix das Goldstück und schüttelte ihm lange die Hand. Wie ein älterer Bruder dem jüngeren, klopfte er ihm zum Abschied auf die Schulter. Der zurückhaltende Junge wagte die Geste nicht zu erwidern. Sie sagten sich Adieu und Lukas fuhr weiter.

Félix winkte ihm lange nach.

Lukas Zangger streckte den Arm weit durch das offene Fenster und winkte zurück, bis er den Jungen, der ihn gerettet hatte, im Rückspiegel nicht mehr sah.

1.

Fast alles an ihm war fake. Das Weiss seiner Zähne war zwar echt, der sportliche Bronzeteint auch, aber die Farbe seines trendig geschnittenen Haarschopfs war nicht ganz naturbelassen: dunkles, goldenes Blond mit frechen, silbergrau melierten Strähnen. Er trug eine gefälschte Rolex am Handgelenk, die ArmaniJeans hatte er sich ausgeliehen. Seine Füsse steckten in Timberlands, die ebenso wenig ihm gehörten. Nur wenn es sein musste, nannte er seinen richtigen Namen. Doch der, der in seinem Pass stand, stimmte im Grunde genommen auch nicht.

«Jeu sun buc tiu bab, ti bastard!», hatte der alte Caduff dem Jungen ins Gesicht geschrien, Schnapsschwaden in seinem Atem. Damals, unter der Stalltür, in jenem verfluchten Bergkaff. Es waren seine letzten Worte gewesen. Ihr letzter fürchterlicher Streit: Gion-Gieri draussen vor dem Stall, den Zappun in der Hand. Der Alte, im Zorn die Mistgabel erhoben, wie schon viele Male. Doch dieses Mal hatte sich der Junge nicht verdreschen lassen. Die Erinnerung daran, wie der Streit geendet hatte, war in seinem Kopf gelöscht. Einfach weg. Oder gar nie vorhanden gewesen. Er wusste bloss noch, dass der Amtsarzt aus Ilanz gekommen war. Dieser hatte den Alten, der tot in seiner blutdurchtränkten Stallhose neben dem Misthaufen lag, untersucht. Lange hatte er den Jungen angesehen. Dann hatte er den Schluss gezogen, der Alte, ein notorischer Grobian, sei von seinem Muni, der losgebunden im Stall stand, auf die Hörner genommen worden und an seiner Leistenverletzung verblutet. Gion-Gieri hatte nichts dazu zu sagen gewusst. Traurig war er nicht gewesen – keiner in der ganzen Talschaft war traurig gewesen –, aber er hatte wieder zu stottern begonnen. Das hatte ihn genervt, denn er hatte geglaubt, das Übel überwunden zu haben, das ihn als Kind geplagt hatte. Das Geständnis, das der Alte herausgeschrien hatte wie einen Fluch, hatte er für sich behalten. Doch seither wusste er, dass er in Wahrheit gar kein Caduff war. Sein doppelter Taufname passte ihm auch nicht mehr, im Unterland nannte er sich Gion, wenn er nicht als Phil auftrat. Und meistens war ihm nach Phil zumute. Immerhin, die Augenfarbe in seinem Pass stimmte – wenigstens zur Hälfte: braun stand da, sein linkes Auge aber war grün –, die Körpergrösse ebenfalls: einseinundneunzig. Auch das Geburtsdatum, aber jenes auf der Legi der Klosterschule, die er immer noch auf sich trug, war getürkt. Er hatte eine fremde American Express Card dabei und fast alles, was er sagte, war gelogen.

Phil stieg aus der S-Bahn, fuhr mit der Rolltreppe in die Bahnhofhalle hoch und steuerte den Kiosk in der Mitte der Halle an. Die Kioskfrau bediente gerade einen Kunden, Phil griff sich einen Tages-Anzeiger vom Stapel, faltete ihn zusammen und klemmte ihn unter seinen Arm. Als die Frau hinter der Theke zu ihm herübersah, nahm er ein Motorsportmagazin von der Ablage und hielt es ihr entgegen.

«Neun achtzig», sagte die Frau.

Phil wendete das Magazin hin und her, legte, als die Frau mit einem gleichgültigen Blick die Hand ausstreckte, das Heft, als sei es ihm zu teuer, zurück und ging mit dem Tages-Anzeiger unter dem Arm weg. Gemächlich schlenderte er durch die Bahnhofstrasse seewärts. Er hatte Lust auf ein währschaftes Frühstück. Der Termin bei Zangger war erst um elf, er hatte also noch genügend Zeit. Der Florhof und das Claridge waren in der Nähe von Zanggers Praxis. Aber mit ihren bloss etwa zehn oder zwanzig Zimmern kamen sie nicht in Frage. Wenn er zu Fuss ging, lagen das Savoy Baur en Ville, das Baur au Lac und das Eden au Lac an seinem Weg. Phil blickte zum Himmel hinauf. Es sah nach Regen aus, er würde also besser gleich jetzt frühstücken und dann das Tram nehmen. Um zwei Ecken ging er zum Bahnhof zurück. Im Schweizerhof war er noch nie gewesen. Er vermied es, den Türsteher anzusehen und durchquerte zügig die Eingangshalle. Den Lift liess er links liegen und stieg die Treppe hoch. Die Frühstücksräume befanden sich in Stadthotels gewöhnlich im ersten Stock. Er betrachtete das Buffet. Da war alles, was es für ein anständiges Frühstück brauchte. Er suchte sich einen Tisch beim Fenster und setzte sich. Als die Serviererin näher kam, zückte er sein Handy, klappte es auf und hielt es ans Ohr.

«Kaffee oder Tee?», fragte sie leise.

«Latte Macchiato», sagte er, mit amerikanischem Akzent, neben dem Handy vorbei.

«Ihre Zimmernummer, bitte?», fragte sie.

«Pardon me?»

«Your room number, please.»

«Two-two-four», nuschelte Phil und nahm das vorgegaukelte Telefongespräch wieder auf.

Mit Fremdsprachen hatte er keine Probleme. Im Gegenteil, da war er in seinem Element. Schon in der Klosterschule hatte er alle mit seinen Imitationskünsten unterhalten: Englisch wie ein Franzose oder wie der Kondukteur der Rhätischen Bahn. Französisch wie ein Deutscher und Deutsch wie der Prorektor. Schweizerdeutsch wie ein Jugo. Deutsch wie ein Deutscher oder Italienisch wie ein Italiener, das war für ihn sowieso ein Kinderspiel. Er war mehrsprachig aufgewachsen: Holländisch mit der Mutter, jedenfalls die paar wenigen Jahre. Rätoromanisch, genauer gesagt Surselvisch, mit dem alten Caduff und mit der Tante, im Kindergarten und im Schulzimmer. Bündner Dialekt auf dem Pausenplatz der Sekundarschule und in Ilanz. Und Deutsch in den höheren Schulklassen. Er war einmal darauf gekommen, dass er sich eine neue Sprache am besten aneignete, indem er einen Fremdsprachigen spielte. Er hatte nicht nur das Ohr, er hatte auch das Auge für fremde Sprachen. Er schaute den Fremden buchstäblich aufs Maul. Und auf Arme, Hände, Finger. Er imitierte Mimik, Gesten und Manieren. Er richtete sich auf, hielt die Oberlippe steif und sog die Luft ein wie ein Engländer, gestikulierte wie ein Italiener, sprach mit halbvollem Mund und gurgelte mit Lauten wie ein Franzose, kaute amerikanischen Slang wie Chewing-Gum. Er ahmte ganz einfach nach, wie er Hotelgäste, Skifahrerinnen und Wanderer, Kellner, Pizzaioli und Zimmermädchen hatte reden hören. Da war er ein Naturtalent. Wenn es sein musste, konnte er sogar seinen Bündner Akzent vollständig ablegen. Und er hatte die überraschende Feststellung gemacht, dass er kein bisschen stotterte, sobald er dieses Sprachenspiel spielte.

«Sorry», flüsterte die junge Frau und zog sich zurück.

Phil hob beschwichtigend eine Hand. No problem, formte er lautlos mit seinen Lippen.

Nach einer Weile klappte er das Handy zu, holte sich Brötchen, Butter, Käse und Konfitüre und kehrte an seinen Tisch zurück. Die Serviererin brachte den Macchiato. Als sie weg war, schlug er den Tages-Anzeiger auf und begann die Kleinannoncen zu studieren. Da waren zwei, drei Angebote, die ihn interessierten. Er markierte sich die Inserate mit einem Kugelschreiber. Schliesslich ging er noch einmal am Buffet vorbei, packte zwei Muffins in eine Papierserviette und steckte sie in die Tasche seiner Regenjacke. Er schlenderte um ein paar Tische herum, um sich die Serviererin noch einmal aus der Nähe anzusehen. Sie sah niedlich aus, Rehaugen, Pagenschnitt und Grübchen in den Wangen. Nicole, Praktikantin, stand auf ihrem Namensschild.

«Have a nice day», hauchte sie.

Ostschweizer Akzent, stellte er fest. Er lächelte ihr zu und verliess das gastliche Haus.

Der hintere Wagen des Elfers war nur halb voll, er machte es sich auf einem freien Sitz bequem. Am Stadelhofen stieg er aus, obschon er eigentlich noch weiter wollte. Aber er hatte keine Lust auf eine Begegnung mit den zwei Typen in Jeans und Jacke, die er in der wartenden Menschentraube erspähte. Er kannte die Tarnung der Billetkontrolleure. Draussen kam ein junger Punk mit einem Hund auf ihn zu.

«Häsch mer en Stutz?»

Er steckte in verlauster Kleidung und hatte ein pfiffiges Gesicht. Phil griff in die Tasche und gab ihm ein paar Münzen. Der Punk schaute in seine offene Hand und blickte verwundert auf.

«Hueresiech», sagte er. «Merci vielmal.»

Das tat Phil gut. Es tat ihm immer gut, wenn einer ihm dankte. Zufrieden ging er weiter. Es begann leicht zu regnen. Er zog die Kapuze hoch, schlenderte durchs Seefeld und blieb vor dem Schaufenster eines Herrenausstatters stehen. Die Sommerjacketts, die an den kopflosen Puppen hingen, gefielen ihm gut. Der Italo, der allein im Laden stand, begrüsste ihn wie einen alten Freund. Nachdem Phil zwei, drei Sachen anprobiert hatte, servierte er ihm einen Espresso. Phil suchte sich ein schwarzes, aber leichtes Leinenjackett und ein luftiges, weisses Leinenhemd aus, stellte sich noch einmal vor den Spiegel und drehte sich hin und her. Der Verkäufer war begeistert. Die Sachen sassen wirklich wie angegossen. In den Jeans von Max und den zwei neuen Kleidungsstücken sah er schick, aber nicht overdressed aus. In Jeans, Jackett und Krawatte konnte er sich um eine Stelle bewerben oder auf einer Party zeigen, mit Hemd und Jeans allein war er sauber, aber lässig gekleidet und wäre an einem Studententreff nicht aus dem Rahmen gefallen. Phil blieb vor dem Spiegel stehen. Er musterte sich mit Wohlgefallen. Er hatte ein offenes Gesicht und eine sportliche Figur. Vor einer Woche hatten ihn zwei Teenies auf der Strasse angesprochen. Sie hatten ihn für Mister Schweiz gehalten. Er war nicht geistesgegenwärtig genug gewesen, daraus nachhaltigen Profit zu schlagen. Immerhin hatte er sie in ihrem Glauben gelassen und ihnen ein Autogramm gegeben. Der Name jenes Mister Schweiz, der auch aus dem Lugnez stammte, war ihm zum Glück sofort eingefallen.

Man sah Phil den Bergler nicht mehr auf den ersten Blick an. Den Skilehrer, den er markiert hatte, als er vor fünf Jahren in die Stadt kam, hatte er inzwischen abgelegt. Er hatte beschlossen, lieber ein urbanes als ein rustikales Image zu pflegen. Phil hatte eine Bubennase – kürzer als die der meisten Bergbauern –, dichte Augenbrauen, markante Wangenknochen und einen ziemlich breiten Mund. Das verlieh ihm einen fast exotischen Charme, aber mit seinen goldblonden Haaren hätte man ihn genauso gut für einen sportlich braungebrannten Schweden halten können. Das Ledrige des Bündners war er noch nicht ganz losgeworden. Die künstlich graumelierten Strähnen in seinem Haar machten es schwer, sein Alter zu schätzen. Dass man eher einen noch jugendlich wirkenden Mittdreissiger als einen schon etwas verbrauchten Endzwanziger in ihm sah, war bis anhin kein Nachteil gewesen. Phil wartete gespannt, ob die American Express Card schon gesperrt war, aber der Vorgang verlief reibungslos. Er hatte sich vorgenommen, die Karte sparsam zu verwenden. So konnte er sie vielleicht bis zum Ablaufdatum benützen.

«Danke sehr, Herr Zulauf», sagte der Verkäufer.

Daran hatte er sich gewöhnen müssen. Den Reflex, Pardon, Caduff ist mein Name zu sagen, hatte er zu unterdrücken gelernt.

«Kommen Sie doch auf einen Sprung vorbei, wenn Sie in der Nähe sind, auch wenn Sie sich nur umsehen möchten. Oder einfach auf einen Espresso. Ciao», sagte der Italo unter der Tür und drückte ihm die Hand.

Phil hatte sich die neuen Sachen einpacken lassen und seine alten wieder angezogen. Er hätte die schicken Klamotten liebend gern anbehalten, aber das ging natürlich nicht. Er wäre am Abend sofort damit aufgefallen. Er beschloss, nach dem Arztbesuch gleich wieder zu Max zu gehen und die neuen Kleider bei ihm zu deponieren. Schlag zwölf verliess er Doktor Zanggers Praxis wieder. Das Gespräch war für ihn Routine gewesen, in solchen Dingen hatte er einige Erfahrung. Er hatte darauf verzichtet, Zangger gleich beim ersten Mal zu sagen, dass er nicht ganz freiwillig kam. Man hatte es ihm freigestellt, einen Psychotherapeuten seiner Wahl zu suchen.

Zur Bushaltestelle waren es nur ein paar Schritte. MacMax lag im Multikultiquartier bei der Nordbrücke. Einen Lohn konnte Max nicht zahlen, aber er hatte ihm aus der Patsche geholfen und ihm pro forma einen Arbeitsvertrag gegeben. Es war in seiner gegenwärtigen Lage zwingend, dass er einer geregelten Arbeit nachging. Sehr geregelt war die, die er verrichtete, zwar nicht gerade, aber er trudelte täglich um etwa halb zehn bei MacMax ein und nahm Aufträge entgegen, wenn es welche zu erledigen gab. Die meiste Zeit werkelte er aber an seinen eigenen Projekten. Max hatte nichts dagegen, wenn er während der Arbeitszeit ein paar Strassen weiter ins Fitnessstudio ging. Dass er an diesem Morgen einen Arzttermin hatte und gleich wieder losgezogen war, hatte ihn nicht gestört.

Phil holte sich Kaffee, verdrückte die Muffins, hängte seine neuen Kleider in einen Schrank und machte sich an die Arbeit. Das heisst, er schlug den Tages-Anzeiger auf und nahm sich die Kleininserate vor, die er angekreuzt hatte.

«Gesucht per sofort Chauffeur/Begleiter für älteren, leicht gehbehinderten Herrn. Guter Lohn»; «Findiger PC-Tüftler gesucht»; «Rasch viel Geld verdienen, wann du willst, so viel du willst.»

Phil hatte die Telefonnummern bereits in seinem Handy gespeichert. Die letzte Annonce klang nach Erotikstudio und war wohl an junge Frauen gerichtet. Er rief die Nummer trotzdem an. Es konnte sich ja um einen gepflegten Escortservice handeln, und die suchten gelegentlich auch Männer. Oder Boys. Manchmal auch tagsüber. Wieso auch nicht?, dachte er. Er kannte keine Berührungsängste. Es ging aber nicht um einen Sexjob, sondern um ein lukratives Geschäft, das nach dem Schneeballprinzip funktionierte. Er wurde eingeladen, an einem Einführungskurs teilzunehmen. Das Schneeballprinzip hätte ihn zwar gereizt, aber der Kurs fand samstags statt, und da konnte er natürlich nicht. Der zweite Job wäre bestimmt etwas für ihn gewesen, aber die Nummer war dauerbesetzt. Als er auf die erste Annonce anrief, wurde er von einer Frau eingeladen, sich am selben Abend vorzustellen, um den älteren Herrn kennen zu lernen. Phil musste sich herausreden, abendliche Vorstellungsgespräche lagen nun mal nicht drin. Mit diesem Handicap musste er noch ein paar Wochen leben. Bis dann war die Stelle natürlich längst besetzt. Dieser Job hätte ihn interessiert. Er roch zwar nach langen Präsenzzeiten, bot aber bestimmt die Gelegenheit, nützliche Kontakte zu knüpfen. Einen ähnlichen Temporärjob hatte er schon einmal ausgeübt, und dies zur vollen Zufriedenheit des alten Herrn Zulauf.

Phil setzte sich an seinen Mac, erledigte den Auftrag, den er von Max bekommen hatte, und wandte sich dann seiner Liebhaberei zu. Als Mac-Anwender war er ein Experte, und Max, dieses Schlitzohr, hatte ihm mittlerweile beigebracht, wie man sich in einen fremden Computer hackt. Er ging auf Doktor Zanggers Website. Er musste schliesslich wissen, auf wen er sich da einliess. Die Website war gar nicht übel designt. Ohne jeden Hackangriff, bloss indem er ein paar Links anklickte und auf Google und Facebook ein bisschen nachforschte, fand er einige Dinge über seinen neuen Psychiater heraus. Zum Beispiel, dass er verheiratet war und erwachsene Kinder hatte. Dass er früher ein begeisterter Globetrotter und heute ein Afrikafreak war. Und dass er zwei Oldtimer besass: einen uralten Chevy und einen VW-Camper aus den 70er-Jahren. Wahrscheinlich einen California. Der Garagist von Disentis hatte ein solches Vehikel in seiner Garage stehen gehabt, deshalb war Phil das Modell ein Begriff. Er klickte Zanggers Mailadresse an und schickte ihm ein harmlos aussehendes Mail mit einem Trojaner. Als Absender wählte er eine Fantasieadresse, die nach pharmazeutischer Firma aussah. Wenn Zangger unvorsichtig genug war, das Attachment zu öffnen, lud er damit ein kleines Programm herunter, das Phil vielleicht einmal dienlich sein konnte, wenn er Zanggers Computer hacken wollte. Kurz nach fünf sicherte er seine Daten und schaltete den Mac ab. Wenn er sich eines nicht leisten konnte, dann war es, zu spät nach Hause zu kommen. Nach Hause war zwar nicht ganz der treffende Ausdruck. Er hatte sein Studio letztes Jahr räumen müssen und seine Habseligkeiten eingestellt. Zurzeit musste er immer noch in Winterthur übernachten. Er nahm American Express Card und Legi aus seinem Portemonnaie, zog eine der Schubladen seines Arbeitstischs ganz heraus und steckte die Karten in eine Fuge an deren Hinterseite. Dann schob er die Schublade wieder an ihren Platz. Er winkte Max zu und machte sich auf den Weg zum Bahnhof Wipkingen.

«So, Herr Caduff, wie war der Tag?», fragte Toggweiler, als er sein Logis betrat.

«Okay», erwiderte Phil und gab sein Handy und die andern Sachen ab, wie jeden Abend.

«Viel Arbeit?»

«Schon, ziemlich.»

«Und der Arztbesuch? Alles in Ordnung?»

«Weiss nicht. Muss nächste Woche nochmals hin.»

«Wird schon nichts Schlimmes sein, in Ihrem Alter.»

Phil spürte irgendwie, dass Toggweiler ihn mochte.

«Gute Nacht», sagte Toggweiler. Dann schloss er die Zellentür hinter ihm zu.

2.

«Der Typ brachte mich fast zur Weissglut», sagte Zangger und nahm einen Schluck. Der Grüne Veltliner, den Seidenbast eingeschenkt hatte, schmeckte frisch und pfeffrig.

«Du bist ferienreif, Lukas», meinte Seidenbast. «Oder muss ich sagen: ausgebrannt?» Er schaute seinen Freund besorgt an.

Zangger winkte ärgerlich ab.

«Deshalb nervt er dich so», fuhr Seidenbast fort. Er klopfte die Asche von seiner Zigarette. Aus Rücksicht auf Zangger, der dem Rauchen vor ein paar Jahren abgeschworen hatte, blies er den Rauch zur Seite statt geradeaus.

Seidenbast wohnte nur ein paar Schritte von Zanggers Praxis und Seminar entfernt im Zürcher Götterquartier. In jenem Geviert entlang der Neptun- und Minerva-, zwischen Merkur- und Jupiterstrasse im Stadtteil Hottingen, in dem Psychiater zuhauf praktizierten. Einen Jour fixe hatten sie nicht, Zangger klopfte einfach hie und da nach seiner letzten Konsultation bei Seidenbast an. Wenn dieser zuhause war, bekam er ein Glas Weisswein vorgesetzt, das Seidenbast neu in sein Sortiment aufgenommen hatte, und leerte seinen Kropf. Für Zangger hatten diese Gespräche beinahe den Wert einer Supervision, obschon sein alter Freund kein Profi war. Seidenbast führte im Seefeld ein Buchantiquariat, dem eine Weinboutique angegliedert war. Buch&Wein hiess der Laden. In Zanggers Augen besass sein Freund eine unglaubliche Intuition. Mit der Zeit hatte er gelernt, den mal unangenehmen, mal wohltuenden Wahrheiten, die Seidenbast ihm auftischte, etwas abzugewinnen.

«Er ist aber auch wirklich ein Ekel», fuhr Seidenbast fort.

«Nicht wahr?», sagte Zangger. Er war darauf gefasst gewesen, dass Seidenbast ihm einen Vorwurf machte. Dafür, dass er sich über einen aufregte, der wegen Problemen zu ihm kam. «Das finde ich auch.»

«Dann sags ihm.»

Und jetzt die kalte Dusche, dachte Zangger, ich hätte es wissen müssen. «Das liegt nicht drin», sagte er.

«Du traust dich nicht, heisst das.»

«Kann sein», gab Zangger zu.

«Vielleicht wäre es aber heilsam», gab Seidenbast zu bedenken. Er vertrat wie gewohnt die Ansicht, dass Wahrhaftigkeit die richtige Medizin sei. Dem Kunden reinen Wein einschenken, so lautete seine Devise, und die galt seiner Überzeugung nach auch für einen Psychiater.

Zangger hatte seinem Freund von den Knüttls erzählt, die zur Ehetherapie kamen und heute ihre vierte Sitzung gehabt hatten. Er hatte Seidenbast den Versicherungsagenten Knüttl beschrieben, der seine Frau auf eine perfide Art vor ihm demütigte. Herr Knüttl mimte den fürsorglichen Ehemann, der für die Schwierigkeiten seiner Frau Verständnis hatte und ihr ihre Schwächen nachsah. In Tat und Wahrheit schulmeisterte er sie ständig auf herablassende Weise. «Bitte sei ehrlich, Liebling», säuselte er, sobald sie etwas sagte, das ihm nicht passte. «C’est le ton qui fait la musique, weisst du», war sein Kommentar, als sie sich darüber beklagte, dass, was immer sie sage, seinen Ärger auslöse. «Es braucht immer zwei», belehrte er sie von oben herab, als sie ihm vorwarf, er breche bei jeder Gelegenheit einen Streit vom Zaun. Zangger war bemüht, eine einigermassen erträgliche Atmosphäre herzustellen. Er zog sämtliche Register. Umsonst. Zeigte er Verständnis für den ehelichen Konflikt, so verbat sich Herr Knüttl jede Gefühlsduselei. Blieb er sachlich und korrekt, so vermisste Herr Knüttl die Empathie in seinen Worten. Versuchte er es mit Humor, so verlangte Herr Knüttl ernst genommen zu werden. Machte er psychologische Überlegungen, so erklärte Herr Knüttl, damit könne er nichts anfangen. Nahm Zangger aber die Frau in Schutz, dann weiteten sich Frau Knüttls Augen vor Schreck: Ihm wurde klar, dass sie befürchtete, für seine Stellungnahme büssen zu müssen. Zangger vermutete, dass der Mann in den eigenen vier Wänden ein Tyrann war, dass er seine Frau vielleicht sogar schlug. Dass sie es aber niemandem zu sagen wagte.

«Trinkt er?», fragte Seidenbast.

«Nein, aber er raucht.»

«Na und?»

«Ich meine», sagte Zangger, mit einem raschen Blick auf Seidenbasts Zigarette, «er riecht penetrant. Nicht nur Tabakrauch, er verströmt auch sonst einen strengen Geruch. Vielleicht bin ich zu empfindlich, aber mich ekelt er fast.»

«Sagte ich doch: Er ist ein Ekel. Und das muss ihm irgendwann einer sagen», doppelte Seidenbast nach. «Und zwar du, Lukas, wenn es sonst keiner tut. Weisst du, was ich glaube?», fragte er und fuhr gleich selber fort: «Er hat längst eine andere. Die Ehetherapie ist bloss ein Alibi. Er will mit reiner Weste dastehen. Als derjenige, der nichts unversucht liess. Er will seine Frau bei dir deponieren.»

«Deponieren?»

«Jawohl. Er sorgt dafür, dass sie schon in Obhut eines Therapeuten ist, wenn er sie sitzen lässt. Das erspart ihm Scherereien, wenn es so weit ist.» Damit war Seidenbasts Analyse dieses Paarproblems fürs Erste beendet. «Hattest du heute nur unangenehme Klientel?», wollte er wissen.

«Nein. Vor der Mittagspause hatte ich einen Neuen. Mit dem gabs keine Probleme. Im Gegenteil, der gefiel mir irgendwie.»

Seidenbast hob eine Braue. «Er gefiel dir? Was hat er denn?»

«Weiss ich noch nicht.»

«Krank?»

«Das war nicht mein Eindruck. Früher stotterte er, aber das hört man kaum noch.»

«Wieso braucht er dann einen Psychiater?», fragte Seidenbast maliziös. «Hatte er etwa eine schwere Kindheit?» Er kannte Zanggers Aversion gegen diese Formel.

«Genau das hat er gesagt», bestätigte Zangger verblüfft, aber mehr sagte er nicht.

Als Erstes hatte Caduff erzählt, er wolle bald heiraten. Es gebe in seiner Vergangenheit jedoch einige dunkle Stellen, die er vorher ausleuchten wolle. Wissen Sie», hatte er weiter gesagt, und dabei zu Boden geblickt, «ich hatte eine schwere Kindheit.»

Schwere Kindheit?, wunderte sich Zangger, diese Floskel passt ganz und gar nicht zu ihm. Er wurde dem jungen Mann gegenüber innerlich eine Spur reservierter. Caduff hatte sich zu Beginn der Stunde offenherzig und unverkrampft gezeigt. Wenn einer sich selbst eine schwere Kindheit attestierte, suchte er, das war Zanggers Erfahrung, in aller Regel Mitleid. Oder Absolution. Für eigenes Ungenügen oder Fehlverhalten nämlich. Oft klang es in Zanggers Ohren so, als ob einer sich mit seiner schweren Kindheit schmücken wollte. Wie mit einem Kriegsorden. Wer «schwere Kindheit» sagte, der signalisierte, dass er an seinem Elend festhalten wollte. Dass er keine Veränderung, keine Entwicklung suchte. Sondern Nachsicht. Oder Schonung.

«Erzählen Sie», sagte Zangger. Er hoffte, Caduff würde den Eindruck, den er eben gemacht hatte, korrigieren. Das tat er denn auch: Als er erzählte, wie er seine Mutter habe sterben sehen. Es sei ein Unfall gewesen, sagte er. Und er habe ihn verursacht. Als Kind.

Er sei, erzählte Caduff, auf dem Traktor gesessen, rechts neben dem Fahrersitz, ein Knirps von acht Jahren. Zwischen zwei Handgriffen, die auf dem Schutzblech über dem grossen Rad montiert waren. Extra für ihn.

Mutter sitze am Steuer. – Er mache Kapriolen, statt sich an den Griffen festzuhalten.

Mutter heisse ihn aufhören. – Er höre nicht auf.

Mutter löse die rechte Hand vom Steuer und packe ihn am Kragen. – Er schlage um sich.

Mutter lasse das Lenkrad los und versuche, ihn richtig zwischen die Haltegriffe zu setzen.

Der Traktor gerate über den Wegrand hinaus. Das Gelände sei steil an dieser Stelle.

Er falle vom Traktor, erschrecke gewaltig. Stehe schreiend wieder auf. Mit einem Loch im Kopf, aber das merke er erst später.

Er höre die Mutter kreischen. Er sehe, wie sich der Traktor überschlage und die Mutter unter sich begrabe. Es poltere und krache.

Er renne zu ihr, den Abhang hinunter. Sie röchle.

Mamma!, schreie er, Mamma, wach auf! Sie röchle nur.

Er kraxle wieder hoch, in Panik.

Er renne nach Hause, rufe den Vater.

Der sehe seinen blutenden Kopf und wolle zuallererst wissen, was er angestellt habe.

Die H-h-handgriffe l-losgelassen, wimmere er.

Tgutg!, schimpfe der Vater und verpasse ihm eine Ohrfeige. Und wo die Mutter sei, frage er dann.

U-unter dem Traktor, sie sei ganz w-w-weiss im Gesicht. Sie habe N-nasenbluten, schluchze er, und aus dem O-o-ohr blute sie auch.

Atemlos kämen sie beim Traktor an. Der Motor laufe noch, die Räder drehen sich in der Luft.

Die Mutter röchle nicht mehr.

Tgutg!, brülle der Vater und verprügle ihn ein weiteres Mal.

Zangger war es bei der Geschichte kalt den Rücken hinuntergelaufen. Das ist keine Schwere-Kindheit-Macke, das ist ein echtes Trauma, hatte er gedacht. Nicht die Prügel, aber die Mutter sterben sehen. Was muss der Knabe für Schuldgefühle gehabt haben! Die können einen lebenslang begleiten. Mich erstaunt bloss, dass aus ihm ein Sonnyboy geworden ist.

«Wie alt ist er?», wollte Seidenbast wissen.

«Ende zwanzig, Anfang dreissig. Ein Charmeur und ganz dein Typ», schmunzelte Zangger. Hin und wieder musste er auf das Einsiedlerleben seines Freundes anspielen.

«Wie kommst du denn darauf?», fragte Seidenbast. «Er ist ja nicht einmal halb so alt wie ich.»

«Eben. Dir gefallen doch junge, gut aussehende Kerle.»

«Ja, ja», meinte Seidenbast, als ob ihn das Thema langweile. «Aber nur intelligente, mit dummen kann ich nichts anfangen.»

«Das weiss ich. Ein junger, gut aussehender, intelligenter Typ. So einer ist er.»

«Gebildet?»

«Gut möglich.»

«Du machst mich neugierig. Ein bisschen neurotisch darf er übrigens schon sein. Das macht mir nichts aus.»

Ich weiss, dachte Zangger, und liess Seidenbasts Verflossene in der Erinnerung Revue passieren. Seidenbasts Freunde waren mindestens zehn, später eher zwanzig oder mehr Jahre jünger gewesen als er selbst. Er hatte stets charmante, extravertierte und etwas verrückte Freunde gehabt. Alle hatten Seidenbast für seinen scharfen Verstand und seine Bildung bewundert, aber keiner hatte sich davon einschüchtern lassen. Seidenbast hatte sich immer über beide Ohren in den gerade aktuellen Adonis verliebt. Und umgekehrt waren die Kerle auch regelrecht in ihn verknallt gewesen, wenigstens für eine gewisse Zeit. Für Zangger war es bis anhin ein Rätsel geblieben, was Seidenbast für junge Männer so anziehend machte. Immer wieder machten ihm blendend aussehende junge und nicht mehr ganz junge Typen den Hof. Kellner in einem Gourmetlokal, Buchhändler oder junge Künstler, die ihn auf einer Vernissage umschwärmten. Gewiss, Seidenbast sah nicht schlecht aus: Er hatte silbergraues, kurz geschnittenes Haar, einen diskret gebräunten Teint, und hinter den randlosen Brillengläsern funkelten wache schwarze Augen. Er war immer tadellos gekleidet, auch wenn er nur Hose und Hemd trug. Seine Sachen waren aus den feinsten Stoffen perfekt geschnitten. Manche fanden, er sehe aus wie ein älterer Filmstar, eine Mischung aus Gary Cooper und Clint Eastwood: männlich, etwas unnahbar und geheimnisvoll.

Sich selber, da machte Zangger sich nichts vor, hätte er höchstens mit Fernandel vergleichen können. Mit Don Camillo, gross gewachsen, eher unförmig und etwas ungelenk. Mit Pferdegebiss. Und mit Bauch, obschon er sich mit Waldläufen abrackerte. Dazu eine Stirnglatze, die sich schon ziemlich ausdehnte.

Mit seinem letzten Freund, seinem einzigen wirklichen Lebenspartner, Sven, hatte Seidenbast fast zehn Jahre zusammengelebt. Die beiden hatten sich auf dem Standesamt registrieren lassen, als dies in Zürich möglich geworden war. Sven war bald darauf an Immunschwäche gestorben. Und seither war Seidenbast keine Liaison mehr eingegangen. Zangger konnte sich vorstellen, dass er hin und wieder eine Affäre hatte, aber Seidenbast hatte nie etwas dergleichen gesagt. Und aus irgendeinem Grund hatte Zangger ihn bisher nicht danach gefragt.

«Kannst du mich mit ihm bekannt machen?», fragte Seidenbast sachlich.

Zangger war sich nicht sicher, ob sein Freund es ernst meinte. Er gab keine Antwort.

«Dann eben nicht», sagte Seidenbast. «Aber Spass beiseite. Etwas ist faul an der Geschichte.»

«Was?»

«Er will dich um den Finger wickeln.»

«Kann schon sein», meinte Zangger. «Das versuchen schliesslich viele. Es gehört zu meinem Beruf, unbewusste Manipulationen zu erkennen und aufzudecken.»

«Ich meine bewusst, nicht unbewusst. Er führt dich ganz bewusst an der Nase herum, das spüre ich irgendwie.»

«Was du nicht sagst», lachte Zangger.

«Wie heisst er?»

«Also bitte, ich nenne doch keine Namen.»

«Jetzt tu nicht so. Bloss den Vornamen, den willst du ja auch wissen, wenn dir ein Supervisand einen Patienten vorstellt.»

«Na gut, Gion heisst er.»

«John? Ein Ami?», forschte Seidenbast weiter.

«Wieso?», fragte Zangger zurück. Dann begriff er, aber er fühlte sich nicht verpflichtet, den Irrtum aufzuklären. «Nein. Und jetzt sage ich kein Wort mehr.»

«Doch, sag mir eins», lachte sein Freund. «Wann geht es los? Wann fliegt ihr nach Afrika?»

«Überhaupt nicht», erwiderte Zangger. «Wir fahren nach Schottland.»

«Nach Schottland? Wie kommt denn das?»

«Tina will einfach nicht nach Afrika. Ein für allemal nicht, sagt sie.»

«Wieso eigentlich nicht?»

«Ich weiss nicht. Ein Vorurteil. Oder vielleicht hat sie Angst. Wie auch immer, schliesslich überzeugte sie mich von Schottland. In sechs Wochen geht es los.»

«Für wie lange?»

«Den ganzen Juni. Oder ein, zwei Wochen länger.»

«Das ist die beste Zeit für Schottland. Ich beneide dich.»

«Ich habe die Pause auch dringend nötig.»

«Sage ich ja. Ausgebrannt, wie du bist. Kommen die beiden Jungs mit?»

«Nein, die Zeiten sind vorbei.»

«Dann also Honeymoon mit Tina?»

Schön wärs, dachte Zangger. «Ich hoffe es», sagte er und kniff ein Auge zu.

«Wer schaut zu deiner Schule? Und wer zur Praxis?»

Ein Seminar werde er noch halten, sagte er, für das folgende habe er einen Gastdozenten eingeladen, danach beginne die Sommerpause. Seinen Patienten werde er für den Notfall die Adressen zweier Kollegen angeben. Dann kehrte er den Spiess um: «Und du, Marius? Wie gehts eigentlich dir?»

Seidenbast sagte, er wolle nicht klagen. Mit dem Alleinsein sei er noch immer nicht glücklich, aber das Geschäft laufe besser als je. Zangger packte die Gelegenheit beim Schopf, und noch ehe Seidenbast übers Geschäft reden konnte, fragte er:

«Lachst du dir denn nie einen Lover an?»

Seidenbast sah ihn nachdenklich an. Zangger hatte eine witzige Antwort erwartet.

«Das geht nicht mehr wie früher», sagte er schliesslich.

Ach, komm, wollte Zangger schon sagen, ich sehe doch, wie dich die jungen Kerle anhimmeln. Aber er liess es bleiben. Eine oberflächliche Aufmunterung war jetzt nicht das Richtige.

«Natürlich könnte ich in der Szene einen aufgabeln», fuhr Seidenbast fort. «Für eine Nacht. Aber ich bin kein grosser Szenegänger. Nie gewesen, das weisst du. Und überhaupt ist mir nicht nach Affären zumute.» Er blickte zum Fenster hinaus und sagte lange nichts. Dann sah er Zangger an und fragte: «Weisst du eigentlich, was du an Tina hast?»

Wieso fragt er das?, dachte Zangger.

«Ich sehne mich nach Liebe, weisst du», sprach Seidenbast weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. «Nach Zweisamkeit. Nach einer Beziehung. Wie mit Sven. Aber so etwas gibt es kein zweites Mal», sagte er und schwieg.

Es dünkte Zangger, Seidenbast sei den Tränen nah. Ist er depressiv?, dachte er. Habe ich es bloss nicht gemerkt?

«Wie gesagt», fuhr sein Freund fort und gab sich einen Ruck. Zangger war klar, dass er nicht weiter über das Thema reden wollte. «Ich beklage mich nicht, und das Geschäft läuft wirklich wie geschmiert.»

Vor vielen Jahren war Seidenbast, weil er mit dem Buchantiquariat in die roten Zahlen geraten war, von der Kirchgasse ins Seefeld gezogen. Das Quartier war damals noch nicht sehr in gewesen. Seit er die Weinboutique eröffnet hatte, florierte der Laden. Aber die Arbeit beginne ihm über den Kopf zu wachsen, erklärte er, und wenn es so weitergehe, werde er bald Angestellte brauchen.

«Du und Angestellte?», witzelte Zangger, «Marius Seidenbast als Chef? Als CEO von Buch&Wein?»

Seit Jahr und Tag hatte Seidenbast ein «Mädchen für alles»: eine energische siebzigjährige Frau, eine Perle, die ihm den Laden schmiss. Frau Preisig schloss morgens das Geschäft auf und leerte an der Höschgasse das Postfach. Sie packte Bücher ein und öffnete Weinkisten. Sie füllte Regale mit Büchern und Flaschen, wedelte den Staub von den Buchrücken und spülte die Degustationsgläser. Sie sorgte für Ordnung und Sauberkeit und hatte den Blick für das Ganze. Seidenbast selber war für das Geistige zuständig, den Inhalt von Flaschen und Büchern. Seidenbast und Frau Preisig waren ein seltsames Gespann. Sie sah immer, was zu tun war, und nie hörte man Seidenbast ihr eine Anweisung geben. Die Perle war im Laden fast unsichtbar, und die allermeisten Kunden hätten geschworen, Seidenbast mache alles selber. Die Vorstellung, in Buch&Wein von jemand anderem als von Seidenbast persönlich beraten oder bedient zu werden, wäre für viele gewöhnungsbedürftig gewesen. Seidenbast als Chef, als Vorgesetzter, der andern sagte, was sie zu tun hatten, das konnte sich Zangger einfach nicht vorstellen.

«Wenn das nur gut geht», seufzte er.

«Du bist bloss neidisch», lachte Seidenbast, «weil du nur einen Einmannbetrieb führst.»

Als Psychiater brauchte Zangger tatsächlich keine Praxishilfe. Er nahm die Patienten selber in Empfang, und was es an Schreibarbeiten zu erledigen gab, hätte eine Sekretärin nie und nimmer ausgelastet. Die Schule für Psychotherapie, die er in den Räumen seines Praxishauses führte, war klein, aber fein und nicht zu vergleichen mit den grossen Instituten Freudscher, Jungscher oder anderer Richtung. Er hatte sie vor bald zwanzig Jahren vom alten Professor Glanzmann übernommen. In Zanggers Seminar, wie die Ausbildungsstätte unter Insidern jetzt hiess, wurden Ärzte und Psychologen zu Psychotherapeuten ausgebildet. Mit den Jahren hatte Zangger ein Team von Lehrtherapeuten zusammengestellt, die im Auftragsverhältnis für ihn unterrichteten. Die Hälfte der Seminare bestritt er selber, die übrigen hielten seine Gastdozenten. Die administrative Arbeit, die damit verbunden war, beschränkte er auf ein Minimum und konnte sie deshalb gut allein erledigen.

«Ja, ja», lachte Zangger. «Ich bin bloss neidisch.»

Nach dem Schwatz bei Seidenbast setzte er sich in seinen alten Chevy, den er in einer Seitenstrasse geparkt hatte. Er drehte das Seitenfenster mit der Handkurbel herunter und gondelte gemächlich durch das Götterquartier, dann fuhr er stadtauswärts. Tina und er würden aller Voraussicht nach allein zu Abend essen. Tom traf sich mit seiner Freundin und blieb vermutlich über Nacht weg. Mona hatte angekündigt, sie werde nicht da sein. Vor einem halben Jahr hatte Zangger sie aus der Mansardenwohnung im Dachgeschoss seiner Praxis schmeissen müssen. Sie hatte dort mit zwei dubiosen Figuren eine WG betrieben. Die drei hatten im Dachgeschoss wie Vandalen gewütet. Die Mansarden mussten dringend renoviert werden. Tina und er hatten nicht verhindern können, dass Mona wieder ins Elternhaus einzog, statt sich selbständig zu machen. Kürzlich hatte sie versichert, sie habe ein Studio gefunden und werde Ende des Monats ausziehen. Tina und er hatten es mit Erleichterung gehört. Sie konnten bloss nicht sicher sein, ob Mona die Ankündigung auch wahr machte. Claudia wohnte seit ein paar Jahren mit ihrem Freund in Dübendorf. Und Fabian, Toms Zwillingsbruder – einen Kopf kleiner als dieser, aber, was Schule und Studium anging, ihm immer mindestens ein Jahr voraus –, stand kurz davor, für ein Auslandsemester nach Montpellier zu reisen.

Hinter der Forch nahm Zangger die gewohnte Ausfahrt und bog nach zwei, drei Kilometern in die kleine Strasse ein, die bei dem alten, vor Jahren umgebauten Bauernhaus am Waldrand endete.