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Toni Lucas

GEFÄHRLICHE SEHNSUCHT

Roman

Originalausgabe:
© 2012
ePUB-Edition:
© 2013

édition el!es

www.elles.de
info@elles.de

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-941598-93-5

Coverillustration:
© fuxart – Fotolia.com

Rumpelnd rollte der Lkw über einen offenbar holprigen Teil der Straße. Die Luft lag stickig und heiß wie eine schwere Decke über uns. Kaum ein Laut war zu hören. Nur das knirschende Geräusch sich aneinander reibenden Metalls sowie unterdrücktes Seufzen unterbrachen hin und wieder die Stille.

Wie lange fuhren wir nun schon so? Drei, vier Stunden? Den ganzen Vormittag? Ich wusste es nicht. In dieser beklemmenden Dunkelheit hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren.

Unversehens bremste der Wagen so stark, dass ich heftig gegen die Gitter meines Käfigs geschleudert wurde. Ein Klagelaut entfuhr mir und ich leckte mir automatisch die schmerzende Stelle am Vorderlauf. Auch um mich herum wurde es nun lebhafter. Klägliches Miauen und ängstliches Schnurren wohin ich auch lauschte. Doch mir blieb keine Zeit, um darüber nachzudenken.

Der Wagen hatte angehalten, und das leise Summen des Motors war verstummt. Stimmengemurmel drang ins Innere des LKW. Schwere Schritte näherten sich aus Richtung der Fahrerkabine.

Ich lauschte angestrengt und konnte drei Menschen ausmachen. Männer in schweren Straßenschuhen. Ich war ihnen schon begegnet. Sie waren mir nett und liebevoll erschienen, so vorsichtig wie sie beim Einladen mit uns umgegangen waren. Offensichtlich wirkliche Tierliebhaber, die wussten, was sie taten. So etwas findet man nicht oft.

Ehe ich jedoch länger darüber nachdenken konnte, peinigte gleißendes Sonnenlicht meine Augen. Zwei der Männer hatten unversehens die Plane zurückgeschlagen und waren nun damit beschäftigt, die schwere Ladewand herunterzuklappen. Nur mühsam gewöhnten sich meine Augen an das Licht und ich begann meine Umgebung wahrzunehmen.

Auf der Ladefläche befanden sich neun Käfige, drei davon, darunter meiner, in der ersten Reihe. Jeder Käfig einen Meter breit, einen Meter fünfzig hoch, einen Meter fünfzig tief. In jedem dieser Gefängnisse befand sich lethargisch zusammengerollt oder nunmehr ängstlich fauchend eine Katze. Alle frisch ausgebildet. Ein Jahr lang gut trainiert, bestmöglich vorbereitet auf ihr neues Leben als Haustier.

Links neben mir döste ein schlankes Angorakätzchen mit flauschig weißem Fell scheinbar unberührt von dem Geschehen. Rechts von mir befand sich ein kräftiger, graugetigerter Kater, der mir fauchend die Eckzähne zeigte und der, seit es hell geworden war, fortwährend versuchte, seine Pfote zu mir durch das Gitter zu stecken.

Ich fauchte wütend und verpasste ihm einen kräftigen Hieb mit den Krallen, doch das schien ihn nicht wesentlich zu beeindrucken.

Nervös reckte ich meine steifgewordenen Läufe, um mich in die von ihm abgelegendste Käfigecke zurückzuziehen. Ich erschrak. Hatte ich wirklich Läufe gedacht? So weit war es schon gekommen. So stark hatte ich mich bereits mit meiner neuen Rolle identifiziert.

Ich spürte, dass ich ein wenig zitterte. Zur Beruhigung begann ich, die Grundregeln zu wiederholen:

Regel Nummer 1: Du bist eine Katze.

Regel Nummer 2: Was immer auch passiert. Verhalte dich wie Katze.

Regel Nummer 3: Eine Katze ist ein charakterstarkes, eigenwilliges Haustier.

Regel Nummer 4: Du bist vollständiges Eigentum deines Besitzers.

Regel Nummer 5 . . .

Weiter kam ich jedoch nicht. Der Gedanke an Regel Nummer 4 ließ mich wie immer frösteln. Noch nie hatte ich mich so ausgeliefert gefühlt.

Noch einmal schaute ich mich um, und für einen Moment sah ich hinter die Gitterstäbe, hinter all das Fell. Ich sah die Wahrheit.

In diesen überdimensionierten Käfigen hockten ängstliche, verzagte Menschen. Sie alle stammten aus ärmlichsten Verhältnissen. Jeder von ihnen musste mehr als verzweifelt sein. Was sonst hätte ihn dazu getrieben, ein Jahr lang hart zu trainieren, um sich dann für drei Jahre in einen Catsuit stecken zu lassen und den privilegierten Bewohnern der Alphastädte sklavisch als Katze zu dienen?

Als Katze! Und dabei hatte keiner von ihnen je ein solches Tier gesehen. Wie auch, waren sie doch seit sehr langer Zeit schon ausgestorben, auf ihre Haltung stand sogar die Todesstrafe.

Alles, was von ihnen geblieben war, war die Erinnerung an weiche, anschmiegsame Wesen, die einsame Menschen trösteten.

Was also lag näher, als sich Ersatz zu suchen. Menschlichen Ersatz. Für Geld konnte man schließlich alles kaufen.

Ich fröstelte. Wie war ich nur hierher geraten? Wie hatte ich diesen Job nur annehmen können? Ängstlich und aufgeregt warf ich mich gegen das Gitter, dass es nur so schepperte.

»Schhh Mieze. Ganz ruhig. Es passiert dir doch nichts. Schhh.«

Die dunkle Stimme des Mannes, der nun direkt vor meinem Käfig stand, ließ mich innehalten. Aus verengten Pupillen blickte ich ihn zweifelnd an.

Lächelnd fügte er hinzu: »Nun schau mich nicht so an, du hast dir das selbst ausgesucht.«

Ja, das hatte ich getan. Ich hatte einfach ein besseres menschliches Leben für mich gewollt. Nun aber hatte ich Angst vor meiner eigenen Courage. Wie gern wäre ich jetzt aus diesem Käfig gesprungen, hätte mir den Catsuit vom Leib gerissen und hätte ihm Auge in Auge gegenüber gestanden, um ihm zu sagen: »Welche Wahl hatte ich denn? Ich bin eine Omega! Ich bin ein Nichts in dieser Gesellschaft!«

Statt dessen maunzte ich kläglich, doch er hatte sich bereits seinem Kollegen zugedreht und rief ihm zu: »Tom, welche ist es denn? Die schwarze oder die weiße?«

Der so angesprochene wühlte in den Unterlagen, die er in der Hand hielt.

»Die schwarze. Ich komm gleich mit dem Stapler. Muss nur erst schau’n, ob auch jemand zu Hause ist.«

Jetzt erst bemerkte ich, dass wir in der breiten Einfahrt einer leuchtend weißen Villa gehalten hatten. Diese wurde alleenartig von großen Orangen- und Zitronenbäumen gesäumt. Auch ein paar Zypressen und Olivenbäume konnte ich auf dem weiten Grün des Rasens ausmachen. Eine riesige Buchsbaumhecke umzäunte das Anwesen.

Hier also wohnte meine neue Besitzerin. Ich war angemessen beeindruckt. Willkommen im Paradies. Zufrieden leckte ich mir die rechte Vorderpfote.

»Na Mieze, nicht schlecht, was?«

Der Mann im karierten Arbeitshemd und den blauen Latzhosen zwinkerte mir schelmisch zu.

»So gut müsste es mir auch mal gehen.«

In diesem Moment kam Tom mit dem Stapler angefahren. Vorsichtig hob er meinen Käfig an, drehte elegant in der Einfahrt, rollte beinahe geräuschlos über den sauber geharkten roten Kies und setzte mich dann mit sanftem Schwung direkt vor der Haustür ab.

Noch immer ein wenig geblendet, betrachtete ich blinzelnd die Frau unbestimmbaren Alters, die nun vor meinem Käfig stand: mittelgroß, aschblondes, halblanges Haar, leicht untersetzt. Ihr Kopf ruckte hin und her wie bei einem Huhn auf Körnersuche. Sie rang nervös ihre rauen, roten Hände und wischte sie immer wieder an ihrem dünnen Kittelkleid ab.

Ich war enttäuscht. Das sollte meine Besitzerin sein? Ich konnte es kaum glauben. Da vernahm ich die angenehme Stimme des Latzhosenmannes, die begütigend auf die Frau im Türrahmen einredete.

»Derya, es tut mir wirklich leid. Ich darf sie dir nicht übergeben. Mrs Sumati Divari muss dies schon selbst tun. So sind die Vorschriften.«

Ich spitzte angestrengt meine Ohren. Er hatte sie mit dem Vornamen angesprochen. Erleichtert atmete ich auf. Sie war also eine Angestellte. Nur sie durfte man so zwanglos anreden.

Deryas Nervosität steigerte sich sichtlich.

»Aber sie will nicht herunterkommen. Sie hat mir ausdrücklich verboten, sie zu stören. Könnt ihr nicht später wiederkommen?«

Nun mischte sich auch Tom in das Gespräch ein: »Derya, wir müssen noch acht weitere Tiere in drei Townships ausliefern. Was glaubst du, was passiert, wenn wir das heute nicht schaffen? Was, wenn einem der kostbaren Vierbeiner bei der Hitze etwas geschieht? Die neuen Besitzer würden uns vermutlich vierteilen. Hast du eine Vorstellung, wie lange man auf eine Katze warten muss und was so ein Tier kostet? Dein Jahresgehalt geht da locker drauf. Mrs Divari sollte sich eigentlich freuen!«

Genau das war der Punkt, der auch mich beunruhigte. Weshalb nahm mich meine Besitzerin nicht freudestrahlend in Empfang? Es gab endlose Wartelisten für Haustiere und es wurden Unsummen an Bestechungsgeldern gezahlt, um nach oben zu rücken. Nur jemand der vermögend genug war und Tiere liebte, kam überhaupt als Besitzer in Betracht.

Ich verharrte reglos in meinem Käfig, jeden Muskel meines Körpers angespannt und lauschte weiter angestrengt.

Offensichtlich hatte sich Derya von Tom und dem Latzhosenmann überreden lassen, Mrs Divari nun doch zu holen, denn sie verschwand, wenn auch zögernd, im Dunkel des Eingangs.

Die Minuten vergingen. Die Sonne sengte auf meinen Käfig. Mir war heiß, ich hatte Durst. Auch gegen etwas Futter hätte ich nichts einzuwenden gehabt. Ich maunzte kläglich.

Hallo, ihr zwei! Geht das nicht schneller? Mir ist heiß! Und Durst hab ich auch!

Wieder war es der Latzhosenmann, der mich zu verstehen schien. Er hockte sich vor meinen Käfig und steckte die Finger durchs Gitter. Ich schlich vorsichtig heran, schnupperte und leckte ihm die Hand. Leider war nichts drin. Freundlich lächelnd kraulte er mich und meinte: »Du bist enttäuscht, was? Aber ich darf dir nichts geben. Du weißt schon – die Vorschriften. Halt noch ein bisschen durch. Sie kommt bestimmt gleich. Drinnen ist es schön kühl. Du wirst sehen.«

Da spitzte ich die Ohren und sprang auf alle Viere. Auch er stand auf, denn aus der Halle ertönte der feste Schritt hölzerner Absätze. Offenbar war es Derya gelungen, Mrs Divari zum Herunterkommen zu bewegen. Noch ehe ich sie sah, hörte ich ihre kühle, klare Stimme, die gereizt fragte: »Und, ist alles bereit für das Tier?«, worauf Deryas leises »Ja, Ma’am.« erklang.

»Na gut, dann sehen wir uns das Geschöpf mal an.«

Sie klang spröde-distanziert, von Vorfreude keine Spur.

Nun endlich erschien sie vor mir im Türrahmen. Bei ihrem Anblick durchrieselte es mich wohlig und mir begannen, die Glieder schwach zu werden, so dass ich mich erst einmal flach auf den Bauch legte. Wenigstens diesen Vorteil hatte das Katzendasein.

Mrs Divari sah buchstäblich umwerfend aus. Sie war großgewachsen und schlank. Ihre Haut schimmerte in einem leichten Bronzeton. Das Auffallendste an ihr erschien mir jedoch ihr Haar. Es war halblang und so lackschwarz, dass es in der Sonne glänzte. Auf verblüffende Weise ähnelte es meinem dichten dunklen Fell, nur mit dem Unterschied, dass dieses, wenn es länger wurde, sich zu sanften Locken wellte. Es war, als hätte man mich extra für sie ausgesucht. Konnte das möglich sein?

Ich spürte, wie mich diese Frau aus ihren großen, dunkelbraunen Augen kritisch musterte. Trotz der Sommerhitze wirkte ihr Gesicht mit den scharfgeschnittenen Zügen merkwürdig fahl. Ihr weißes Gewand mit dem blutroten Saum machte deutlich, dass sie um jemanden trauerte. Zudem verlieh es ihr eine seltsam geheimnisvolle Aura. Dazu kam diese fast greifbare Erotik, die mich nur noch mehr verwirrte.

Wäre ich ihr früher auf einer Party begegnet, sie hätte mich magisch angezogen und ich hätte zweifelsohne versucht, mit ihr zu flirten. Doch was hätte eine Frau wie sie auf einer der seltenen Partys in Omega-City zu suchen gehabt? Und überhaupt - was wollte diese Frau mit einer Katze?

Ich erschauerte nur noch mehr und hätte mich am liebsten in einem Mauseloch verkrochen, wenn es so etwas noch gegeben hätte.

Doch ich riss mich zusammen. Wie ich es gelernt hatte, begann ich, Augenkontakt zu meiner neuen Besitzerin aufzunehmen und maunzte sie freundlich an. Es war wichtig, von Anfang an zu zeigen, dass man sich zugehörig fühlte, sich freute, aufgenommen zu werden. So jedenfalls hatte ich es immer und immer wieder eingetrichtert bekommen.

Als ich jedoch meine Lider hob, entschlüpfte ihr ein klagender Laut, sie schien zu schwanken, bei Derya nach Halt zu suchen. Sie rief: »Um Gottes Willen, sie hat ihre Augen!« und wandte sich entsetzt ab.

Ihre Augen? Meine Augen waren blau, azurblau wie das Meer an wolkenfreien Sommertagen. So stand es jedenfalls im Katalog. Ich selbst hatte das Meer noch nie gesehen. Zusammen mit dem schwarzen Fell meines Catsuits bildeten meine Augen eine echte Rarität. Ich wusste, dass man deshalb für mich einen gehörigen Preisaufschlag verlangt hatte. Verwirrt und erschreckt zog ich mich in eine Käfigecke zurück.

Da mischte sich Tom in das Geschehen ein.

»Mrs Divari, Sie werden verzeihen, doch wir müssen weiter. Könnten Sie sich bitte ausweisen und im Anschluss diese Papiere unterschreiben, damit wir die restlichen Tiere ausliefern können?«

Mrs Divari, die sich inzwischen gefangen hatte und nun noch einen Hauch blasser aussah, hielt Tom wortlos ihren linken Oberarm hin. Dieser fuhr mit einem kleinen Scanner darüber und las halblaut vor, was auf dessen Display erschienen war, damit es der Latzhosenmann mit den elektronischen Unterlagen in seinem Lesegerät vergleichen konnte.

»Mrs Sumati Divari, geboren am 14. Juli 2217.«

Sumati Divari – ein exotischer Name, indisch, soweit ich wusste. Er glitt mir wie Nektar die Kehle hinab, so dass ich unwillkürlich schlucken musste.

Sie jedoch stand noch immer bleich und ein wenig verloren vor mir. Wie gern hätte ich sie getröstet, ihren schön geschwungenen Hals mit meinen Lippen berührt, sie zart mit meiner Zunge liebkost, bis kleine wonnige Schauer sie überrieselt hätten.

Ich schüttelte mich. Was hegte ich bloß für Gedanken?! Die stammten eindeutig aus meinem anderen Leben und waren hier mehr als fehl am Platz.

Während ich mir noch überlegte, wie ich mich weiter verhalten sollte, wehte mir der Sommerwind eine flüchtige Brise ihres frischen Parfums in die Nüstern. Schnuppernd hob ich den Kopf.

Hmmm, lecker.

Leichte Gänsehaut überschauerte mich erneut und ich schnurrte fast ein wenig. Herrje, wenn das so weiter ging, wusste ich nicht, wie ich die nächsten drei Jahre überstehen sollte. Dabei sollten sie doch meine Eintrittskarte in ein würdiges menschliches Leben sein.

Der Mann im karierten Hemd deutete lächelnd auf mich.

»Schauen Sie, Mrs Divari, sie kann sie gut riechen.«

Doch sie schaute mich nicht an und murmelte lediglich abweisend: »Na immerhin etwas.«

Und jetzt? Erwartungsvoll blickte ich von einem zum anderen. Da übergab Tom ihr ein Päckchen, öffnete die Käfigtür und deutete auffordernd auf mich: »Hier ist das Halsband. Über die Funktion wissen Sie Bescheid?«

Als Mrs Divari ein zustimmendes Nicken andeutete, fuhr Tom fort: »Sie müssen nur noch unterschreiben. Dann gehört Sie Ihnen. Sie haben doch alles vorbereitet?«

Meine neue Besitzerin nickte wieder nur stumm, während sie auf dem Lesegerät unterschrieb.

Erneut standen alle etwas zögernd herum. Da sprang der Latzhosenmann helfend ein: »Wir müssen den Käfig wieder mitnehmen. Wenn Sie Ihre Katze jetzt vielleicht zu sich bringen könnten?«

Mit großer Überwindung und sich sichtlich zusammennehmend kam Mrs Divari nun auf mich zu und verlangte: »Na komm Katze, komm raus!«, während sie auffordernd auf den Käfig klopfte.

Die Stimme klang gebieterisch. Das, verbunden mit dem scheppernden Geräusch des Gitters, ließ mich zusammenfahren.

»Mau!«

Erschrocken stellte ich die Schnurrhaare auf und wich in die äußerste Käfigecke zurück. Ich zitterte leicht. Schon wollte diese Frau schnellen Schrittes um den Käfig herum eilen, um mich aus meiner Zufluchtsecke zu vertreiben, da stellte sich ihr Tom in den Weg und fragte sie mit seltsam eindringlicher Stimme: »Haben Sie schon jemals eine Katze besessen?«

Dabei blickte er ihr für einen einfachen Arbeiter der Delta-Klasse fast schon ungehörig fest in die Augen, so dass sie es offensichtlich nicht wagte, ihm auszuweichen. Das an sich war schon ungewöhnlich, hielt es doch normalerweise kein Alpha für nötig, Bewohner der unteren Klassen wirklich wahrzunehmen oder gar anzuschauen. Jeder, der nicht ihrer Klasse entstammte, schien für sie nicht zu existieren.

Sumati Divari schlug die Augen nieder und biss sich auf die sorgfältig geschminkte Unterlippe.

»Nein.« Es klang zögernd, ja ein wenig ängstlich.

»Haben Sie die Gebrauchsanweisung gelesen?«

Noch immer hielt sein Blick sie seltsam hypnotisch fest.

Fast schien es, als wollte sie aufbegehren, so heftig erhob sie die Stimme.

»Selbstverständlich, das ist ja wohl das mindeste.«

Er brauchte jedoch nur beschwichtigend die Hand zu heben, da wurde sie schon ruhiger. Sie lächelte unsicher.

»Tut mir leid. Ich hatte heute einen schweren Tag, weißt Du. Und jetzt auch noch eine Katze. Vielleicht könntest Du . . .?«

Plötzlich sahen ihre Züge ganz weich aus, gar nicht mehr streng und diktatorisch. Der Mann nickte nur und hockte sich auch schon vor meine Käfigtür.

»Miez, Miez!«

Seine lockend gutturale Stimme umschmeichelte mich wohlig, als könnte ich darin baden. Die Laute glitten sanft über meinen Körper, der sich spürbar entspannte. Vorsichtig streckte ich erst den einen und dann den anderen Vorderlauf weit nach vorn, um mich zu recken.

Noch immer lockte mich die Stimme.

»Komm Mieze, komm. Du wirst es gut bei ihr haben, glaub mir. Sie ist noch ein bisschen unerfahren, aber gib ihr etwas Zeit.«

Ein freundlich-warmes Lächeln lag über seinem stoppligen Gesicht, während er auf mich einredete und mir die Hand entgegenreckte.

Konnte er mich nicht mit sich nehmen? Bei ihm würde ich es bestimmt gut haben. Sicher, er war ein Mann, aber seine Körpersprache verriet mir, dass er aufrichtig war. Zögernd setzte ich eine Pfote vor die andere, bis mein Gesicht seine Hand erreicht hatte. Wie schon zuvor, begann ich, diese zu beschnuppern. Sie roch warm und gut, ein bisschen nach Katze und ein bisschen nach ihm. Stupsend rieb ich meine Nase daran, bis er mich schließlich im Nacken zu kraulen anfing. Das konnte er so gut, dass mir zu meiner eigenen Überraschung ein dunkles, wohliges Schnurren aus der Kehle emporstieg. Strahlend blickte er meine neue Besitzerin an.

»Sehen Sie, sie ist ganz zutraulich. Man muss nur wissen, wie man mit Katzen umgeht. Sie sind eigenwillige Tiere, aber hat man einmal ihr Vertrauen gewonnen, dann sind sie unersetzbar.«

Mich noch immer kraulend, flüsterte er mir dann raunend ins Ohr: »Nun geh schon. Viel Glück!«

Ein freundlicher Klaps vervollständigte die Aufforderung. Derart moralisch gestärkt, fasste ich endlich Mut. Mit einem eleganten Satz verließ ich meinen Käfig und lief erhobenen Hauptes und Schweifes leichtfüßig an meiner neuen Besitzerin vorbei, hinein in mein neues Zuhause. Dabei konnte ich nicht umhin zu bemerken, dass diese erschrocken einen Schritt zurücktrat, als ich den Saum ihres kostbaren synthetischen Gewandes wie unabsichtlich mit meinen langen Schnurrhaaren streifte.

~*~*~*~

Sobald ich das Haus betreten hatte, umfloss mich angenehme Kühle. Vor mir lag eine weite, von einem Glasdach überwölbte Eingangshalle mit großen Pflanzenkübeln und einer Vielzahl abgehender Türen. Kaum war ich in der Mitte angekommen, verließ mich wieder jeglicher Mut. Wo sollte ich hin? Alle Türen waren geschlossen und die breite Treppe, die auf der linken Seite in sanftem Bogen in die zweite Etage führte, wurde durch ein großes Gitter versperrt. Man wollte offensichtlich vermeiden, dass ich nach oben gelangte.

Na prima. Ich saß in der Falle.

Eilig verkroch ich mich unter einer der großen Fächerpalmen und wartete nervös schnurrend ab.

Von draußen drang neben dem Gemurmel der Menschen, die anscheinend die letzten bürokratischen Hürden meines Besitzerwechsels nahmen, ein schmaler Sonnenstrahl durch den Spalt der nur angelehnten Haustür. Staubpartikel trieben schwerelos darin herum. Es würde Spaß machen, ihnen nachzujagen, um dann ganz fürchterlich zu niesen, wenn sie mir in die Nase fuhren. Doch die Situation schien nicht dazu angetan, meinem Spieltrieb Folge zu leisten.

Plopp! Mit einem dumpfen Ton fiel die Tür ins Schloss, der Sonnenstrahl verschwand. Ich machte mich für menschliche Verhältnisse ganz klein und wartete gespannt, was nun folgen würde.

»Katze?«

Blinzelnd bemühte sich die Neue, ihre lichtgeblendeten Augen an das Dämmerlicht der Eingangshalle zu gewöhnen. Als sie mich endlich ausmachen konnte, seufzte sie resigniert.

»Natürlich, unter einer Palme. Das hätte ich mir ja denken können.«

Dann machte sie drei große Schritte auf mich zu und sah von oben auf mich herab. Ich krümmte meinen Rücken, zog eine wenig die Mundwinkel hoch, damit meine Eckzähne besser zur Geltung kamen und fauchte leise warnend. Sie sollte mir bloß nicht zu nahe kommen. Wusste sie denn gar nichts über Katzen?

Offensichtlich angemessen beeindruckt, wich sie einen Schritt zurück und seufzte wieder leise, diesmal fast traurig. Plötzlich schien ihr etwas durch den Kopf zu fahren.

Regel Nummer 1 für Katzenbesitzer: Wenn Sie eine neue Katze erworben haben, versuchen Sie, ihr Vertrauen zu gewinnen. Denken Sie daran, Sie sind viel größer als das Tier. Das kann angsteinflößend auf das Tier wirken. Begeben Sie sich auf gleiche Höhe mit ihm.

Die Frau ging nun vor mir in die Knie. Nun saßen wir einander Auge in Auge gegenüber. Eigentlich hätte ich kichern mögen, aber das ist einem als Katze leider verboten.

Regel Nummer 5 für Katzen: Unterlasse jede Regung, die deinem menschlichen Teil entspringt.

Zudem hätten die in meinen Reißzähnen eingebauten Modulatoren das Kichern ohnehin in merkwürdige Katzenlaute umgewandelt. Also verhielt ich mich ruhig und sah Mrs Divari gespannt an. Was jetzt? Sie schien es selbst nicht so recht zu wissen. Nach einigen zögernden Sekunden schien sie die Hand nach mir ausstrecken zu wollen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne und erhob sich wieder. Kühl von oben herab und mit befehlsgewohnter Stimme ließ sie verlauten: »Hör zu, Katze. Es war nicht meine Idee, dich ins Haus zu holen. Deshalb komm mir nicht in die Quere und vor allem, sieh mich nicht an. Das Haus ist groß genug, wir müssen uns also nicht begegnen. Derya wird sich um dich kümmern.«

Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand festen Schrittes hinter einer der Türen. Von Ferne konnte ich sie noch nach Derya rufen hören.

Ich blieb verstört unter meiner Palme zurück. War das der liebevolle und begeisterte Empfang, den man jedem einzelnen von uns prophezeit hatte? Behandelte man so neue Familienmitglieder?

Ehe ich mir jedoch darüber tiefschürfendere Gedanken machen konnte, öffnete sich erneut eine der Türen und Derya kam beinahe unhörbaren Schrittes auf mich zu. Ohne jegliche Scheu hockte sie sich vor mich hin und fing an, mich vorsichtig zu streicheln.

»Arme Miez. Das hast du dir sicher auch anders vorgestellt. Aber keine Bange, ich kümmere mich schon um dich. Magst du nicht mit mir in die Küche kommen? Du hast doch sicher Durst nach all der Aufregung.«

Auffordernd zog sie mich an meinem Halsband.

Jetzt, da Mrs Divari nicht in der Nähe war, schien Derya viel selbstsicherer zu sein. Das Lächeln, das nun auf ihrem Gesicht lag, verschönte ihr bis dahin unscheinbares Gesicht auf angenehme Weise. Ich rieb meinen Kopf leise schnurrend an ihrer Hand und schlich ihr unsicher nach.

Die Küche selbst erschien mir riesig. Sie war mit jeglicher nur denkbaren technischen Raffinesse ausgestattet. Überall blitzte Chrom und Stahl, während die Schränke selbst in einem matten Hellgelb gehalten waren. Ich liebte diese Küche sofort. Trotz ihrer Größe wirkte sie warm und gemütlich und vor allem roch es ausnehmend verführerisch. Ehe ich mich jedoch genauer umsehen konnte, lockte mich Derya in eine Ecke. Dort fanden sich ein großer, gemütlicher Korb mit Kissen und Decke sowie ein Silbergestell mit mehreren auf Hochglanz polierten Schüsseln.

Derya schien ganz in ihrem Element zu sein. Sie lief geschäftig hin und her und füllte mir aus einer Glaskaraffe, die sie dem Kühlschrank entnommen hatte, eine blassgelbe Flüssigkeit in eine meiner Schalen.

»Hier, das schmeckt dir bestimmt. Das ist Limonade. Die habe ich selbst gemacht. Wir haben so viele Orangen und Zitronen im Garten, da weiß man gar nicht, was man damit anfangen soll. Na koste schon, sie ist nicht sehr süß.«

Aufmerksam beobachtete sie, wie ich mich behutsam der Schale näherte und vorsichtig an der Limonade schnupperte. Diese roch köstlich. Jetzt spürte ich wirklich, wie ausgedörrt meine Kehle war. Erst die lange Fahrt im Lieferwagen, dann die sengende Sonne in der Einfahrt. Bedächtig tauchte ich meine Zunge ein, um einen ersten kleinen Schluck zu nehmen. Erfrischende Kühle rann mir die Kehle hinab. Der leicht säuerliche Geschmack zog meine Papillen auf so angenehme Art zusammen, dass ich im Handumdrehen die Schale gierig leer trank.

Derya schaute befriedigt zu. Sie schien froh zu sein, endlich jemanden im Hause zu haben, der in der Hierarchie noch tiefer stand als sie. Als ich fertig war, schenkte sie mir ein zweites Mal nach und setzte sich dann mit untergeschlagenen Beinen neben mich auf den Fußboden.

»Sumati ist eigentlich gar nicht so schlecht, weißt du. Du bist einfach nur zur falschen Zeit gekommen.«

Ich hatte noch zwei Schluck der köstlichen Limonade genommen, doch jetzt spitzte ich gespannt die Ohren. Zum falschen Zeitpunkt? Ich legte fragend den Kopf zur Seite und schaute sie mit großen Augen an. Wieder streckte sie die Hand nach mir aus.

»Komm her, ich erzähl’s dir.«

Warum nicht. Es konnte nie schaden, sich mit den Bediensteten des Hauses gut zu stellen. Schließlich war man von ihnen abhängig. Also kuschelte ich mich zwischen Deryas Beine und legte meinen Kopf in ihren Schoß.

»Sumati hat heute Morgen ihre Freundin begraben. Mina Larson. Mina war eine tolle Frau.«

Derya hielt darin inne, mich zu streicheln und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Sie schluckte schwer, ehe sie weitererzählte.

»Du musst sie dir als das genaue Gegenstück zu Sumati vorstellen. Mittelgroß, blond. Und sie hatte wunderschöne blaue Augen. So wie du.«

Ganz in Erinnerungen versunken nahm Derya meinen Kopf in ihre Hände und blickte mir tränenverschleiert in die Augen. So, wie sie mich ansah, musste sie heimlich in Mina verliebt gewesen sein. Mitleidig begann ich zu schnurren und leckte ihr die Hände. Da fuhr sie fort zu erzählen: »Mina war so lebendig, so voller verrückter Ideen. Tagsüber hat sie hier in ihrem Büro gearbeitet. Oben, wo du nicht hin darfst.« Derya deutet mit dem Kinn Richtung Decke. »Sie war Bibliothekarin, hat den ganzen Tag gearbeitet. Nötig hätte sie das nicht gehabt, denn Sumati arbeitet ja in der Firma. Da ist mehr als genug Geld vorhanden. Aber Mina war eigenwillig. Sie wollte ihr Leben selbst finanzieren. Auf die Dauer aber langweilte sie sich so allein zu Hause in ihrem Büro mit dem Computer und Sumati den ganzen Tag und oft auch abends unterwegs. Da kam sie auf die Idee mit der Katze. Sie wollte unbedingt eine haben. Koste es, was es wolle.

Außerdem wollte sie unbedingt eine schwarze mit blauen Augen. Mina meinte, dann hätte sie wenigstens ein Stückchen von Sumati um sich herum und wenn Sumati die Katze ansehen würde, wäre es, als würde diese einen Teil von Mina sehen. Sumati hat nur gelacht über diese verrückte Idee und gemeint, das würde sowieso nicht klappen. Schließlich seien Katzen nur schwer zu bekommen.

Eines Tages aber stand ein Vertreter vom Cat Supply Center vor der Tür. Er hatte ein Bild von dir aus dem Catcamp-Katalog dabei. Mina war völlig aus dem Häuschen vor Glück. Gemeinsam haben sie sich dann die Wohnung angesehen und die notwendige Einrichtung geplant.«

Derya lächelte traurig und zauselte mich unbewusst am Ohr.

»Das war vor einem Vierteljahr. Mina konnte von nichts anderem mehr reden als von dir. Sumati hat nur gelächelt. Für Mina hätte sie alles getan. Die beiden haben sich so geliebt.« Wieder schniefte Derya und musste sich nun doch die Nase putzen. »Vor drei Wochen dann gab es drüben im westlichen Township das jährliche Benefizrennen zugunsten von Waisenkindern. Sumati hat immer einen anständigen Betrag gespendet und Mina hat es sich nie nehmen lassen, selbst in einen der Rennwagen zu steigen. Sie liebte die Schnelligkeit – Autos, Motorräder, Speedboote. Es gab nichts, was sie nicht ausprobiert hätte.

Bisher war immer alles gut gegangen. Auch diesmal schien alles wie immer. Die Rennstrecke war nicht schwieriger als sonst, der Wagen gut gewartet. Mina lag sogar ein paar Runden in Führung. Plötzlich aber verlor sie die Kontrolle über den Wagen und wurde aus der Kurve getragen. Der Wagen überschlug sich mehrfach und ging in Flammen auf.

Zwar konnten die Streckenposten sie noch aus der Kabine ziehen, doch sie ist dann auf der Fahrt ins Krankenhaus gestorben. Sumati war bis zuletzt bei ihr. Sie hat sich seitdem sehr verändert. Kein Lächeln, kein nettes Wort mehr. Auch für mich nicht. Sie hat noch nicht einmal geweint. Seit dem Unfall kein einziges Mal. Nicht einmal heute Morgen bei der Beisetzung. Dabei waren so viele Leute gekommen. Doch nichts. Sie stand völlig regungslos am Grab, ohne eine einzige Träne. Es ist, als wären all ihre Gefühle erfroren.«

Derya schob mich sanft von ihrem Schoß und stand auf. Freundlich schaute sie auf mich herunter

»Gib ihr ein bisschen Zeit. Vielleicht schaffst du es ja irgendwann, sie ein wenig aufzumuntern. Dazu bist du schließlich da, oder?«

Tja, dazu war ich schließlich da. Ich hatte kuschelig und anschmiegsam zu sein, zuzuhören und meinem Besitzer das Gefühl zu geben, nicht einsam zu sein. Es schien in diesem Land so viel einfach zu sein, sich Zuneigung zu kaufen, als wahre menschliche Kontakte zu haben. Einer sogenannten Katze war man keine Rechenschaft schuldig und musste sich auch nicht um Liebenswürdigkeit bemühen, wenn man nicht wollte.

Regel Nummer 6 für Katzen: Es ist die Aufgabe einer Katze, ihren Besitzer zu erfreuen und aufzumuntern.

Das schien hier leichter gesagt als getan. Wie sollte ich das anstellen, wenn sie mich ausdrücklich nicht sehen wollte? Ich maunzte kläglich und rieb mir nachdenklich das Ohr mit der Pfote.

Doch Derya ließ mir keine Zeit zum Grübeln.

»Komm, ich zeig dir jetzt dein neues Zuhause.«

Mit diesen Worten ging sie zielstrebig auf eine der vier von der Küche abgehenden Türen zu. In diese Tür war eine große Klappe eingebaut, durch die ich bequem hätte hindurchschlüpfen können. Das war es offensichtlich auch, was Derya von mir erwartete, denn sie klopfte aufmunternd daran.

»Na los doch, das ist der Eingang in dein ganz persönliches Reich. Nun sieh es dir schon an. Mina hat sich solche Mühe gegeben, es einzurichten.«

Wie gern wäre ich hineingeschlüpft, schon wegen der Aussicht, dort vermutlich meine Toilette vorzufinden. Doch die Klappe ging nicht auf. Derya schien mehr als verwundert. Auch die Türklinke ließ sich nicht bedienen, es war augenscheinlich abgeschlossen.

Mir war das sonnenklar. Schließlich trug ich noch immer das Behelfshalsband vom Catcamp. Dessen Programmierung ermöglichte mir zwar mein felidisches Dasein als solches, die Technik des Hauses ließ sich damit jedoch nicht beeindrucken. Ich musste das neue Halsband haben, welches der Latzhosenmann an Sumati übergeben hatte.

Derya stand nach wie vor ratlos vor mir und hob die Hände.

»Und was nun? Was mach ich denn jetzt mit dir?«

Indessen schlich ich mit hochgerecktem Schwanz suchend durch die Küche. Vielleicht hatte Sumati das Halsband ja hier irgendwo abgelegt. War sie nicht mit den gesamten Unterlagen hier herein gegangen?

Interessiert schaute Derya mir zu, ohne so recht zu verstehen, was ich da tat. Erst als ich mit einem eleganten Satz auf einen der Barhocker setzte, die die schmale Bar vor dem Küchenherd umsäumten, um einen besseren Überblick zu erhalten, griff sie ein.

»Was soll das denn werden, wenn es fertig ist? Dort hast du nichts zu suchen. Verstanden? So weit kommt es noch, dass du mir hier herumschleichst.«

Resolut gab sie mir einen unmissverständlichen Schubs, so dass ich etwas unsanft wieder auf dem Boden landete. Ich maunzte sie vorwurfsvoll an. Begriff sie denn gar nichts? Ich begann mich heftig am Halsband zu kratzen und schüttelte mich so, als wollte ich es unbedingt loswerden.

Auch das sah sie sich eine Weile mit an, bis es ihr zu bunt wurde.

»Nun hör aber auf, dich so zu kratzen. Du wirst doch wohl kein Ungeziefer hier einschleppen. Und das Halsband bleibt auch, wo es ist!«

Sie packte mich mit erstaunlicher Kraft am Genick und schüttelte mich kräftig durch, ehe sie mich wieder losließ.

Großer Gott, wo hatte sie denn diesen Umgang mit Katzen her? Das konnte ja heiter werden. Sie sollte bloß nicht glauben, dass ich mir das so einfach würde bieten lassen.

Regel Nummer 1 für Katzenbesitzer: Eine Katze ist ein charakterstarkes, eigenwilliges Haustier.

Ich wich hastig drei Schritte zurück und fauchte sie wütend an, während ich die Ohren anlegte. Wenn sie das nicht verstand . . .

Doch Derya schien mit ihren Gedanken bereits ganz wo anders zu sein.

»Natürlich!« Sie schlug sich heftig gegen die Stirn. »Das Halsband! Ich bin aber auch . . .! Aber eigentlich ist das ja Sumatis Aufgabe.« Sie wandte sich wieder mir zu. »Tut mir leid, Miez, war nicht so gemeint. Ich weiß jetzt, was du willst.«

Glaubte sie etwa, so leicht bei mir gut Wetter zu machen? Zwar richtete ich die Ohren wieder auf und stellte das Fauchen ein, aber ich würdigte sie keines Blickes. Stumm drehte ich ihr den Rücken zu und zog mich eiligst unter einen großen Esstisch in der hinteren Ecke des Raumes zurück, von wo aus ich sie aus halb geschlossenen Augen beobachtete.

Wie erwartet, kam sie mir nach.

»Nun hab dich doch nicht so, Katze! Verflixt, wie heißt du denn eigentlich? Ich kann schließlich nicht immer Katze zu dir sagen!«

Welch weise Erkenntnis. Laut Papieren war ich Alpha/175/2248/CC 23. Also das Tier 175 aus der Alphaklasse des Jahres 2248 im Catcamp 23. So konnte man mich nun wirklich nicht rufen. Vielleicht machte sich hier irgendjemand mal die Mühe und gab mir einen vernünftigen Namen?

Ich rührte mich nicht unter meinem Tisch, auch wenn es ein wenig unbequem war und schlug nur leise mit dem Schwanz. Derya indessen schien zu einem Entschluss gekommen zu sein.

»Ich hole jetzt Mrs Divari. Sei lieb und mach keinen Unsinn. Ich bin gleich wieder da.«

Schon verschwand sie eiligst aus der Küche. Keine fünf Minuten später, ich hatte gerade mal Zeit gehabt, herauszufinden, dass eine der Türen hinaus auf die Terrasse führte und ebenfalls mit einer Klappe versehen war, hörte ich Mrs Divaris klappernde Schritte auf dem Gang. Flugs ging ich wieder auf alle Viere und entfernte mich von der Fensterbank, von wo aus ich gerade einen Blick in den Garten hatte werfen wollen und verschwand unter dem Tisch.

Da stand sie auch schon in der Tür.

»Und, wo ist jetzt das Tier?« In ihrer Hand baumelte ein elektronisches Lesegerät mit den Unterlagen, einschließlich der Tüte in der sich vermutlich das Halsband befand.

Schüchtern tauchte Derya hinter ihrem Rücken auf.

»Also vorhin war sie noch unter dem Tisch. Soll ich mal nachsehen?«

»Ich bitte darum!«

Sumati Divari blickte streng auf ihre Haushälterin herab, während diese sich beeilte, unter dem Tisch nach mir Ausschau zu halten.

»Miez, Miez, komm schon vor. Wir haben auch dein Halsband gefunden.«

Ihre Stimme klang bittend, fast flehend.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass jetzt nicht der passende Moment war, mit Derya Spielchen zu spielen. Sie hatte es sicherlich auch ohne mich schon schwer genug. Gesenkten Blickes, damit meine neue Besitzerin nicht sofort wieder in Panik geriet, kroch ich unter dem Tisch hervor und setze mich erwartungsvoll zwischen die beiden. Dabei konnte ich hören, wie Derya hinter mir erleichtert aufseufzte.

Ich saß ganz gerade, die Vorderpfötchen akkurat nebeneinander gestellt, den Schwanz um mich herumgeschlagen, die Ohren gespitzt. Meine Trainer im Catcamp wären stolz auf mich gewesen. Jeder, der ein bisschen etwas von Katzen verstand, hätte bemerkt, dass ich ein Tier der Alphagruppe war. Nur die Lider hielt ich nach wie vor gesenkt.

Aber auch ohne den Blick zu heben, konnte ich fühlen, wie Mrs Divari mich kritisch musterte. Ihr Blick glitt tastend über meinen Kopf, den gebogenen Rücken hinunter, den glatten Schwanz entlang bis hin zu meinen Pfötchen. Das geschah mit solch einer Intensität, dass ich beinahe das Gefühl hatte, sie würde durch meinen Catsuit hindurch sehen und meinen wahren Körper intensiv betrachten. Diese Vorstellung verursachte mir Gänsehaut, wobei ich nicht wusste, ob es Lust oder Furcht war, die diese auslöste.

Als sie sich dann nach beendeter Inspektion an Derya wandte, klang ihre Stimme nicht mehr ganz so kühl beherrscht, eher müde.

»Derya, würdest du ihr bitte das neue Halsband umlegen und ihr erst danach das alte abnehmen? Hier ist der Chip. Ich glaube, ich . . .«

Sie schien noch etwas erklären zu wollen, brach aber ab. Mein psychologisch geschultes Gespür sagte mir, dass sie Angst hatte, zu viel von sich preis zu geben, noch dazu vor einer Angestellten.

Auch Derya schien ein wenig überrascht, hatte sich aber schnell wieder im Griff. Eilig griff sie nach dem Halsband, das Mrs Divari ihr reichte. Es war zirka fünf Zentimeter breit und einen Zentimeter dick. Obwohl es aus Platin bestand, besaß es eine gewisse Flexibilität. Ein Juwelier hatte es mit feinsten Ziselierarbeiten versehen sowie einige blutrote Rubine eingearbeitet. Kurz, es sah aus, wie ein kostbares Schmuckstück, barg jedoch in seinem Inneren komplizierte Technik.

Als Derya es mir anlegte, schmiegte es sich kühl und geschmeidig um meinen Hals. Es passte perfekt. Das kühle Klicken des Verschlusses ließ mich allerdings leicht zusammenzucken. War ich nun königliche Sklavin oder versklavte Königin? Oder vielleicht beides? Doch Derya redete bereits beruhigend auf mich ein. Mit flinken Griffen löste sie das Behelfshalsband, indem sie den winzigen Chip am dafür vorgesehen Schlitz einführte. Im Nu war ich es los.

Kaum dass ich das Halsband gewechselt hatte, warf Mrs Divari noch einen letzten Blick auf mich und auf Derya.

»Ist alles in Ordnung?«

»Ja, Ma’am.«

»Gut, dann kann ich ja wieder nach oben gehen. Und Derya – ich möchte nachher nur etwas Obst essen, nichts Warmes.«

Schon drehte sie sich um und wollte gehen, da schien ihr noch etwas einzufallen: »Und vergiss nicht, die Katze zu füttern!«

»Ja, Ma’am. Ach, Mrs Divari?«

»Was noch!« Wieder klang sie ungehalten.

Doch Derya ließ sich ausnahmsweise nicht einschüchtern.

»Wir können sie doch nicht immer Katze nennen. Sollten Sie ihr nicht einen Namen geben?«

Ich war so gespannt auf Sumati Divaris Reaktion, dass ich völlig vergaß, meine Augen niederzuschlagen, als sie mich prüfend anblickte. Einen Augenblick lang versanken unsere Blicke ineinander und wieder wurde mir ganz flau dabei. Auch Sumati schien nicht ganz unberührt, sah ich doch ein irritiertes Flackern in ihren Augen. Leichte Röte überzog ihr Gesicht. Schnell nahm ich den Blick weg. Da hörte ich auch schon ihre Stimme, so abgrundtief müde und resigniert, dass ich sie erneut anblicken musste: »Nennen wir sie doch Tuva. So hieß Mina mit zweitem Vornamen. Sie hat ihn nie gemocht. Und ich mag es nicht, dass diese Katze hier ist. Ich denke, das ist nur fair.«

Im Hinausgehen ließ sie Derya noch wissen, dass sie keinesfalls mehr gestört werden wolle und damit verschwand sie für diesen Tag aus meinem Gesichtsfeld.

Kaum war sie weg, schien Deryas munteres Alter Ego wieder von ihr Besitz zu ergreifen.

»So, Katzenklappe die zweite. Komm Tuva, versuch dein Glück noch mal.«

Ohne viel Federlesens kam ich ihrer Aufforderung nach und schlüpfte dank meines neuen Halsbandes nunmehr ohne Probleme durch meine Tür. Mit meinem Eintreten schaltete sich sofort das Licht an, so dass der etwa zehn Quadratmeter große, fensterlose Raum sichtbar vor mir lag. Er sah aus, wie aus einem der Hochglanzprospekte des Cat Supply Centers.

Rechts vom Eingang befand sich die Toilette, an die sich ein Waschbecken anschloss. Links gab es die Dusche sowie unter einem großen Spiegel ein Regal, auf dem sich verschiedene Pflegeutensilien befanden: Duschgel, Zahncreme, Zahnseide, Rasierer und dazugehöriger Schaum, ein spezielles Katzendeo sowie eine Lotion, die es mir leichter machte, in meinen Catsuit hineinzuschlüpfen. An der hinteren Wand stand zudem noch ein Gestell, an dem feinsäuberlich aufgereiht mehrere Catsuits hingen. Auch befand sich dort das dazugehörige Gerät zur Reinigung dieser kleinen technischen Meisterwerke.

Ich war erleichtert, als die Klappe hinter mir zuschlug. Endlich Ruhe. Umgehend richtete ich mich auf und reckte und dehnte mich. Solange ich hier drinnen war, würde es niemand wagen, mich zu stören.

Regel Nummer 7: Die Katze hat das Recht, in ihrem Raum ungestört zu sein.

Eilig begab ich mich zur Toilette. Die Fahrt, die Aufregung und nicht zuletzt die Limonade forderten ihren Tribut. Glücklicherweise musste ich dazu nicht den Catsuit ablegen. Auch wenn er ansonsten meinen gesamten Körper bedeckte, sparte er doch die entscheidende Gegend aus. Dies schien von außen kaum sichtbar, deckte sich doch seine Farbe mit der meines natürlichen Haarwuchses und ansonsten verhüllte mein Schweif wie bei allen Katzen, das, was nicht jeder sehen sollte. Anfangs war das ein sehr merkwürdiges Gefühl so bedeckt und doch gleichzeitig so bloßgestellt zu sein, aber mit der Zeit hatte ich mich daran gewöhnt.

Die Toilette selbst zeichnete sich durch den üblichen Hightech-Standard aus – warmes Wasser und ebensolche Luft, die aus zielgerichteten Düsen strömten, hatten den Gebrauch von Papier, das es ohnehin nicht mehr gab, schon vor Jahrzehnten überflüssig gemacht.

Endlich für ein paar Minuten allein! Die in der Katzenklappe installierten Sensoren hatten mein Halsband deaktiviert. Dies wiederum war die Voraussetzung dafür, den Catsuit zu öffnen und abzustreifen. Nach diesem Tag benötigte ich dringend einen frischen.

Ich hängte den gebrauchten Anzug sorgfältig auf einen Bügel und in das Reinigungsgerät. Mittels eines speziellen Gemischs aus Wasser und verschiedenen Waschmitteln, das durch hunderte feinster Düsen verstäubt und anschließend durch die Zufuhr geringer Wärme wieder entzogen wurde, würde ich in zwei Stunden einen gereinigten Anzug haben, ohne dass dessen komplizierte Elektronik Schaden genommen hätte.

Ich selbst duschte genussvoll und ausgiebig. Wärmedüsen in der Dusche sorgten für ein schnelles Trocknen, ohne dass ich ein Handtuch oder gar einen Fön benötigt hätte. Zudem war mein Haar auf zehn Millimeter getrimmt, da gab es nicht viel zu trocknen. Erfrischt und belebt holte ich mir nun einen frischen Catsuit, wobei ich es vermied, mein nacktes menschliches Ich im Spiegel zu betrachten. Erst nachdem ich mich eingecremt hatte und in den Catsuit geschlüpft war, betrachtete ich mein Spiegelbild kritisch.

Mit einer Größe von einmeterzweiundsechzig lag ich drei Zentimeter unter der maximalen Größe für Katzen. Ich war schlank und sichtlich durchtrainiert. Meine Muskelstränge traten deutlich unter dem schwarzen Fell hervor. Der Catsuit lag an wie eine zweite Haut. Neben der Aussparung zwischen meinen Beinen gab es noch eine rund um den Haaransatz am Kopf herum. Auf diese Weise war es jedem Besitzer möglich, sich die Illusion der Echtheit seiner Katze zu bewahren, wenn er sie am Kopf streichelte.

Ich legte mir nun auch das Halsband wieder an. Vorsichtig streckte ich die Pfote vor und versuchte, die Krallen auszufahren und zu bewegen. Es funktionierte tadellos. Durch die im Stirnteil des Catsuits angebrachten Elektroden war es mir möglich, sowohl die Krallen als auch meine Schnurrhaare, die Stellung meiner Ohren sowie die Bewegungen des Schwanzes mittels meiner Hirnströme zu kontrollieren.

Was sich so simpel anhörte, war es keineswegs. Es hatte endlose Stunden des Übens bedurft, bis ich dazu in der Lage gewesen war. Nicht wenige der Auszubildenden im Catcamp waren genau daran gescheitert und nach einigen Monaten aussortiert worden. Sie fielen ins existentielle Nichts. Natürlich wurden ihnen die Reißzähne, die auf Implantatstiften steckten, wieder entfernt und durch normale Eckzähne ersetzt. Eine Entschädigung jedoch erhielten sie nicht.

Zufrieden mit mir schlug ich noch einmal elegant mit dem Schweif. Ich war wirklich ein perfektes Alphatier. Dann stolzierte ich hinaus in die Küche, wo Derya bereits auf mich wartete.

»Na wenn das mal nicht eine saubere Katze ist.«

Sie lächelte freundlich und strubbelte auf meinem Kopf herum.

»Komm, ich hab dir inzwischen auch etwas zu essen gemacht.«

Oh ja! Ich sprang ihr aufgeregt um die Füße herum. Endlich etwas zu essen. Das wurde aber auch höchste Zeit. Schließlich zeigte die große Digitaluhr über der Tür, dass es bereits nach dreizehn Uhr war. Das letzte Mal hatte man mich morgens gegen fünf gefüttert, bevor wir in den LKW verladen worden waren. Mein Magen fühlte sich schon ganz ausgehöhlt an. Elegant wie der Maître de Cuisine eines Nobelrestaurants und mit sichtbarem Stolz deckte Derya eine meiner Schalen auf, aus der es ausnehmend lecker duftete.

»Hühnchen, dreierlei Algen in Sesamöl und Reis.« Verschwörerisch lächelnd deutete sie dann auf ein kleineres Schälchen. »Und ein bisschen Mousse au chocolat. Muss Sumati ja nicht wissen.«

Dankbar strich ich mit erhobenem Schwanz um ihre Beine, um mich dann hungrig über die Köstlichkeiten herzumachen.

Hühnchen war das also. Die wurden erst seit zirka zehn Jahren wieder gezüchtet. In Omega-City hatte ich es höchstens dreimal zu essen bekommen. Das hier erschien mir allerdings wesentlich schmackhafter. Gegen Deryas Kochkünste ließ sich definitiv nichts einwenden. Außerdem hatte sie alles in katzenfreundliche Bissen geschnitten, so dass ich ohne Probleme fressen konnte.

Nach dem leckeren, wenn auch nicht übermäßig üppigen Mahl rollte ich mich in meinem Korb zusammen und schlief, geschafft von den Ereignissen des langen Vormittags, unter Deryas leisem Küchengeklapper und dem Gedudel des Radios ein.

Ich wachte davon auf, dass Derya vor meinem Korb kniete und mich streichelte. Ich blinzelte ihr verschlafen entgegen. Sie trug einen leichten Sommermantel über ihrem Kittelkleid und hatte sich ein lustiges kleines Hütchen ins Haar gedrückt.

»Tuva-Schätzchen, es ist fünf Uhr, ich gehe jetzt. Dein Abendbrot ist in der Schale. Mach mir keinen Unsinn und erwarte nicht, dass sich Sumati um dich kümmert. Ich bin morgen früh um sieben wieder hier.«

Schon schlug die Küchentür hinter ihr zu und ich war allein. Ein seltsames Gefühl. Angespannt lauschte ich dem gleichmäßigen, simulierten Ticken der Küchenuhr, das die Zeit in kleine Teilchen zerhackte. Eigentlich konnte ich mich überhaupt nicht daran erinnern, jemals wirklich allein gewesen zu sein. Was tat man, wenn man allein mit sich und seinen Gedanken war?

So sehr ich mich auch anstrengte, das mir allgegenwärtige Regelbuch für Katzen lieferte mir diesmal keinen Aufschluss. Also entschied ich, mich auf Entdeckungsreise zu gehen, wobei ich mir nicht die Mühe machte, auf allen Vieren zu gehen. Wer sollte mich schon sehen.