Fast 20 Jahre habe ich ab 1945 in der DDR gelebt.

Das waren 20 harte Jahre.

Besonders für uns Kinder war es sehr entbehrungsreich und prägend.

Auf vieles mussten wir verzichten, dafür aber schon hart mitarbeiten.

Unser größter Wünsche war es , einmal mehr von der Welt zu sehen.

Doch das war uns lange verwehrt.

GLIEDERUNG:

  1. Vorspann
  2. Berlin
  3. Meine erste Bude
  4. Erste Arbeitsstelle
  5. Anglerhütte
  6. Erste Wohnung
  7. Neue Arbeitsstelle
  8. Nachbarschaft
  9. Monika
  10. Einbruch bei Rita
  11. Eigene Baustelle
  12. Unsere kleine WG
  13. Monikas Studium
  14. Seltsame Begegnung
  15. Camping mit Hoffmanns
  16. Lilos Wohnung
  17. Urlaubsvorbereitung
  18. Ungarn-Urlaub
  19. Camping-Nachbarn
  20. Gefährliche Entwicklung
  21. Maria
  22. Abschied
  23. Nach Prag
  24. Nach Budapest
  25. Nach Belgrad
  26. Endlich Westen
  27. Mauerfall
  28. Neubrandenburg
  29. Bautzen
  30. Nach der Wende
  31. Das neue Anglerheim
  32. Berlin ade
  33. Australien
  34. Adeline und Julius
  35. William
  36. Olivia
  37. Unser Einstieg
  38. Wiedersehen
  39. Schluss

1. VORSPANN

Es war Corona-Zeit.

Die ganze Welt hielt den Atem an!

Alles stand still!

Die Menschen waren angehalten zu Hause zu bleiben, Abstand zu halten, Masken zu tragen und besonders auf die Hygiene zu achten.

Alle Geschäfte zu, alle Betriebe zu, niemand auf den Straßen!

Mache hörten jetzt sogar ihr eigenes Herz schlagen, so still war es geworden.

Wer hinaus musste trug eine Maske über

Nase und Mund. Und zueinander musste ein

Mindestabstand von 1,50 Meter eingehalten werden. Kein Küsschen mehr zur Begrüßung, wie es unter Bekannten üblich gewesen war.

Erst sehr langsam kehrte wieder etwas Leben ein, nachdem in Deutschland die Fallzahlen leicht zurück gingen.

Am schlechtesten hatten es die Menschen, die alleine, sehr beengt und ohne Garten lebten. Denen fiel schier die Decke auf den Kopf!

Wir hatten es gut, wir konnten uns im großen Haus aus dem Wege gehen und es gab in unserem Garten viel zu tun.

Als es dann aber auf den Winter zu ging, stiegen die Fallzahlen wieder und draußen gab es auch nichts mehr zu tun. Jetzt fiel es sogar mir schwer, das auszuhalten.

Eines morgens wachte ich auf und mir war, als wenn mir im Schlaf meine Großmutter wieder mal begegnet sei.

Ja, sie besuchte mich öfter im Schlaf. Und was sie mir da so flüsterte, war immer von Bedeutung.

Letzte Nacht hatte sie zu mir gesagt, Junge hänge nicht rum und beweg dich! Sonst bekommst du auch einen Koller.

Dir geht gerade so viel durch den Kopf.

Setzte dich hin und schreibe es auf.

Denn fast jede Nacht träumte ich irgend welche Geschichten aus der DDR-Zeit, natürlich meistens bedingt durch Filme die gerade wieder die Wende-Zeit behandelten.

Sie hätte ja Verständnis, meinte die Oma, dass ich die Geschichten aus und über die DDR nicht aus dem Kopf bekäme, ich hatte manches zu hautnah erlebt. Aber wenn ich sie aufschreiben würde wäre es einfacher, sie zu vergessen.

Also setzte ich mich an den PC und fing an zu tippen, ohne zu wissen wo das enden würde.

Geschichten aus der DDR oder wie sie gewesen sein könnten. Mancher ehemalige

DDR-Bürger wird die eine oder andere Geschichte aber wieder erkennen.

Westler dagegen werden ungläubig staunen, dass es so etwas gegeben haben soll.

Es ist jedem überlassen, wie er diese Geschichten einordnet und was er davon glaubt.

Mir jedenfalls tat es gut, die Erinnerungen von der Leber schreiben zu können.

2. BERLIN

Nun war es klar, dass wir, mein

Studienkollege Martin und ich, nach Berlin umziehen würden – nein umziehen mussten.

Denn unsere neue Arbeit sollte in einer

Abteilung Forschung und Entwicklung fort geführt werden. Hatten wir uns so gut bisher bewährt?

Nein, es war wohl schlicht und einfach Personalmangel im Baubetrieb in Berlin gewesen.

Aber so einfach in Berlin Fuß zu fassen ist gar nicht so einfach.

Grundsätzlich ist der Berliner sehr selbstbewusst und das erwartet er auch von den Zugezogenen. Sprüche zählen nicht, sondern nur Taten.

Jeder Nicht-Berliner wird als Rucksack-Berliner bezeichnet und behandelt.

Am schwierigsten haben es die Sachsen, die werden in Berlin als die 2. Besatzungsmacht angesehen, weil sie inzwischen viele hohe Posten besetzt haben.

Übrigens hat er es auch nicht schwer, Fremde zu erkennen, denn die aus der Provinz sind in der Regel altmodisch gekleidet und haben ihr Haar auch nicht so modern gesteilt.

In Berlin gibt man sich modisch gekleidet, das ist nicht erst seit den 20-er Jahren so, sondern war schon immer so.

Schaust Du einem Berliner zu sehr auf die Finger, lässt er sich schnell zu einem kessen Spruch hinreißen, wie etwa „watt kiekste mit de Neese, haste keene Ochen“?

Und blöde Fragen kann er nun schon gar nicht hören.

Das zeigt schon der Spruch “watt heißt hier fragen, lieba valoof ick mir“.

Und da platzten wir aus der Provinz hinein, ohne aber die Verhältnisse genau zu kennen.

Da zahlt man in der Regel viel Lehrgeld.

Wir hatten im Prinzip richtig Glück.

Wir hatten uns nicht aufgedrängt, sondern waren geholt worden. Das machte schon mal einen gravierenden Unterschied.

Würden uns jetzt die anderen Studienkollegen sehen, sie müssten vor Neid erblassen. Ich weiß noch wie im Rennen um Stellen in Berlin, Dresden oder Leipzig gekämpft worden war. Doch nur Wenige kamen zum Zug.

Unser Glück, dass wir auf den ersten Urlaub verzichtet hatten und dem Wunsch des Studiendirektors gefolgt waren, um die Lücke in Leipzig zu schließen.

Doch hier in Berlin heimisch zu werden, war gar nicht so einfach, obwohl uns der Betrieb bei der ersten Hürde unter die Arme griff.

3. MEINE ERSTE BUDE

Das erste Problem in Berlin war nämlich die Wohnungssuche. Der Betrieb hatte für uns zwar zwei Unterkünfte gebucht, aber das waren recht erbärmliche Behausungen. Die eine war ein Zimmer in einer WG – würde man heute sagen – nahe des Betriebes und die andere war eine kleine Wohnung j.w.d. jans weit draußen im Vorort Karlshorst. Da Martin beabsichtigte seine Verlobte nach zu holen, verzichtete ich freiwillig auf die Wohnung und nahm die Bude in Betriebsnähe. Bei genauer Betrachtung stellte sich aber heraus, dass dort alles ganz passable Leute wohnten. Die Wirtin, etwa 120 kg schwer, bewohnte das größte Zimmer. Nur das passte zu ihr, denn die anderen Türen wären alle zu schmal gewesen. Daneben lebte ein junges Ehepaar, das sich aber sehr bedeckt hielt.

Auf der Gegenseite eine alleinstehende junge Frau und daneben war mein Zimmer.

Natürlich hatten wir auch eine gemeinsamen

Küche und ein gemeinsames Bad.

Auf dem Flur stand das Telefon, über das wir alle verfügen durften. Ein Ortsgespräch kostete 10 Pfennige, die man in die daneben stehende Kasse legen musste. Regelmäßig fehlte Geld, weil die Wirtin immer wieder vergaß ihren Obolus einzuwerfen.

4. ERSTE ARBEITSSTELLE IN BERLIN

Unsere Arbeit war sehr interessant und machte uns Spaß. Wir waren die jüngsten Mitarbeiter in der Abteilung und brachten offensichtlich neuen Schwung in die Bude.

Jedenfalls wurden wir von Anfang an voll akzeptiert und auch integriert.

Die Abteilung war noch recht klein. Sie bestand nur aus 5 Mitarbeiter, als wir dort ankamen.

Einen kannten wir schon, er hatte uns in

Halle mehrfach besucht. Allerdings konnte ihn keiner so richtig einordnen. Er war erst vor kurzer Zeit aus Westberlin gekommen und man hatte ihm sofort ein komplett eingerichtetes Haus eines Republik-Flüchtling kostenlos zur Verfügung gestellt.

Warum, konnte uns keiner erklären.

Dann war da noch ein älterer Mitarbeiter, sehr ruhig, aber mit viel praktischer

Erfahrung. Er fuhr ständig mit seinem

Moped durch Berlin, was ihm eines Tages zum Verhängnis wurde. Er geriet mit dem Vorderrad in die Gleise der Straßenbahn und stürzte. Das wäre gar nicht so schlimm gewesen, denn er hatte offensichtlich gar keine Verletzungen. Eigentlich sollte er zur Beobachtung eine Nacht in der Klinik bleiben. Aber er bestand darauf, entlassen zu werden. Wenn er sich an die Anweisungen des Krankenhauses gehalten hätte.

Nach ein paar Tagen ist er leider an Gehirnblutung verstorben.

Wir kamen gerade noch richtig zu seiner Beerdigung.

Das war gerade für uns sehr bitter, denn mit ihm gingen sehr viele Informationen verloren, die wir uns erst wieder ganz mühsam erarbeiten mussten.

Dann war da noch ein junger williger Lehrling, den man zu allem gebrauchen konnte.

Im Büro saß eine etwas ältere Sekretärin. Sie war zu uns sehr freundlich und gab uns viele gute Tipps. Ich glaube sie war froh, wieder junge Leute um sich zu haben.

Für unsere Abteilung war es manchmal gar nicht leicht, in Berlin ausführende Firmen zu finden. Deshalb mussten wir Jungen neue Wege gehen.

Das gefiel unserer Abteilungsleiterin und wir fanden bei ihr die volle Unterstützung.

Sie war von großer kräftiger Gestalt. Wenn sie sich über den Tisch beugte verdeckte sie mit ihren Brüsten komplett unsere

Zeichnungen. Aber das kannten wir ja schon.

Sie wollte aber nichts von uns, denn sie war anderweitig beschäftigt.

Ohne Probleme genehmigte sie uns

Dienstreisen in die DDR, um Betriebe zu finden, die unsere „Erfindungen“ in die Tat umsetzen sollten.

Am Telefon hieß es regelmäßig :“Unser Plan ist für dieses Jahr schon voll, wir haben keine Kapazität mehr“.

Anders sah es dann aber aus, wenn wir direkt im Betrieb aufkreuzten. Im Gespräch konnten wir dann doch etwas erreichen.

Vor allem, wenn wir mit einer Prämie wedelten. Dann fand sich meistens ganz schnell doch noch eine Lösung unsere Arbeit sofort einzuschieben.

Damit konnten wir punkten, sowohl bei unseren Kollegen, wie auch bei unserer Chefin. Und was bei der gut ankam, landete auch beim Betriebsleiter, denn sie hatte mit dem ein Verhältnis. Das war manchmal ganz deutlich an ihren Knutschflecken am Hals zu erkennen, die wir aber natürlich ohne Kommentar aber heimlich schmunzelnd übersahen.

Bei unserer Sekretärin Elfriede hatte ich offensichtlich einen besonderen Stein im Brett. Sie lud mich sogar ein zu einer Gesprächsrunde in ihrem Bekanntenkreis.

Ich sagte zu, denn mich interessierte schon, was da wohl so diskutiert wurde.

Da war ein buntes Völkchen beieinander. Es wurde diskutiert, getrunken und sogar getanzt.

Am nächsten Montag fragte mich Elfriede, wie es mir gefallen hätte und sie schmunzelte dabei ein wenig.

Ich überlegte nur kurz, dann gab ich zurück, dass es alles nette Leute gewesen seien.

Ja, ob mir denn am Gastgeber nichts aufgefallen sei?

Nein, - ja, er hat mich durch seine Wohnung geführt und die war etwas eigenartig eingerichtet. Sehr viel Rosa, war mir aufgefallen.

Da sagte sie zu mir, der ist schwul und wohnt mit dem kleinen Boda zusammen in der Wohnung.

Nun hatte ich zum ersten Mal in meinem

Leben ein paar Schwule kennen gelernt und sie sogar nicht als unangenehm empfunden.

Aber das Ergebnis des Treffens war für mich etwas mager. Vielleicht hatte es auch daran gelegen, weil ich als Neuer dort plötzlich aufgetaucht war. Es ergab sich daraus aber etwas ganz Neues.

Natürlich brachte ich Elfriede anschließend nach Hause, wie es sich gehörte. Aber nicht eingeplant war, dass sie mich anschließend einladen würde in ihre Wohnung zu einem „Absacker“.

Aber bei dem blieb es nicht!

Leider war unsere gemeinsame Zeit nur kurz, denn bald darauf zog sie nach Dresden, weil sie da eine viel bessere Arbeitsstelle gefunden hatte.

Sie hat dort auch bald geheiratet, es war auch höchste Zeit für sie.

5. ANGLERHÜTTE

Nun war ich an Wochenenden wieder alleine.

Von Bekannten hatte ich erfahren, dass es rund um Berlin viele kleine Seen gäbe, an denen man auch wild campen könne. Auf einer alten Berlin-Karte suchte ich mir ein paar kleine Seen aus, nahm mein kleines Zelt und fuhr einfach raus.

Schon der erste See gefiel mir. Aber es war kein Mensch hier.

Ich ging ans Wasser, zog mich aus und sprang hinein.

Das Wetter war sehr schön, man musste aufpassen, sich keinen Sonnenbrand zu holen.

Komisch, dass diese Idylle noch niemand entdeckt hatte, dachte ich.

Ich badete, legte mich hin, las und sonnte mich.

Dann machte ich eine Runde um den See und stellte dabei fest, dass ich wohl auf der

Rückseite des Sees gelandet war. Denn auf der anderen Seite waren Leute , da gab es sogar eine kleine Hütte, an der stand mit dickem Pinsel ANGLERHÜTTE.

Auch ein paar kleine Zelte standen hier ganz schamhaft versteckt hinter Büschen. Ich fragte, ob hier Zelten erlaubt sei und bekam schmunzelnd die Antwort „Na dat seen se doch“.

Spontan holte ich mein Zelt aus dem Auto und baute es auch auf.

Das hatte richtig durstig gemacht und ich sah mich um.

Als ich bemerkte, dass da immer wieder Leute mit Getränke aus der Anglerhütte kamen, ging ich auch hinein.

Sie war sehr spartanisch eingerichtet. Aber es hatte sogar einen uralten Ausschank, wenn auch recht primitiv. Es gab nicht nur Limo, sondern scheinbar auch Bier vom Fass, was ganz selten war.

Ich bestellte ein Bier und setzte mich an den einzigen Tisch.

Der Wirt brachte mir das Bier persönlich und setzte sich auch gleich zu mir.

Man merkte, dass er nicht viel zu tun hatte, denn seine Getränke waren für heute bereits alle, erzählte er mir.

Er fragte mich aus und wir kamen auf alle möglichen Dinge zu sprechen.

Als er hörte, dass ich Architekt sei wurde er nachdenklich.

Ich fragte, was er hätte und er meinte, dass er mich nun unbedingt etwas fragen müsse. Es beziehe sich auf dieses Gebäude.

Und er holte ganz weit aus.

Ursprünglich hatte hier wirklich nur eine Anglerhütte gestanden. Sie diente den Anglern als Unterstand, wenn es regnete.

Dann kamen Nackt - Bader. Der erste Pächter begann damit, Getränke an Badende zu verkaufen, denn inzwischen hatte sich die Idylle herum gesprochen.

In den 40-er Jahren hatte dann wieder der Staat die Geschicke des Platzes in die Hand genommen. Die Anglerhütte wurde abgebrochen und es entstand ein ganz neues Gebäude.

Sein Vater, der nicht weit weg wohnte, hatte beobachtet, wie große Mengen Erde und

Steine abtransportiert worden waren. Man munkelte sogar, dass nicht nur ein Keller, sondern sogar ein Stollensystem entstanden sei.

Man erzählte auch, dass dort Zwangsarbeiter gearbeitet hätten. Deshalb gab es keinen

Menschen in der Umgebung, der etwas hätte berichten können.

Als das Gebäude dann fertig war, hatte sich dort erst die SA und später die Gestapo eingenistet.

Damit erfuhr die Öffentlichkeit auch nicht mehr viel, was da eigentlich passierte.

Jedenfalls war es komplett eingerichtet mit einem kleinen Saal und sogar mit einer großen Küche.

1945 stand es erst leer und dann übernahmen es die Russen. Es war so abgelegen geradezu ideal für ein „Wochenendhaus“, in dem man ungestört laut und lange Feste und Orgien feiern konnte.

Auch Frauen sollen dem Geschrei nach dabei gewesen sein. Aber das waren offensichtlich alles nur Russinnen. Absolut keine Deutschen waren dabei.

Das hatte sicher auch seinen Grund, denn auch jetzt wollte man nicht, dass nach außen dringt, was da eigentlich passiert.

Sogar einen Zaun hatte sie um das ganze Gelände gezogen, angeblich wegen der Wildschweine, die hier ihr Unwesen trieben. In Wirklichkeit wollte man aber hier ungestört sein.

Ein paar kräftige Männer taten so als würden sie Garten-Arbeiteten verrichten. In Wirklichkeit waren es nur Aufpasser, die jeden abwiesen oder sogar einsperrten der sich auch nur dem Gelände näherte.

Das sprach sich herum und jeder ging dem Gelände im weiten Bogen aus dem Wege.

Obwohl sich hier früher gerne Freizeitsportler, Angler und FKK-Bader tummelten. Deshalb hatte er das Gelände immer noch im Auge behalten, ohne es aber zu betreten. Eines Tages bemerkte er, dass dort große Aufbruchstimmung herrschte.

Da tat sich also etwas.

Es war aber nicht absehbar, was. Dann, als der letzte LKW mit Akten und Utensilien abgefahren war, herrschte dort absolute Ruhe.

Das Tor war aber nach wie vor mit mehreren Schlössern gesichert. Und auf dem Gelände standen mehrere Schilder mit der Aufschrift: „VORSICHT SPRENGKÖRPER in deutscher und russischer Sprache!

Aber kein Mensch war mehr da.

Viele hatten immer noch Angst, das Gelände zu betreten.

Mit der Zeit bildete sich nur ein Pfad von einem Loch seitlich im Zaun bis zum See, den die Nackt - Bader benutzten.

Aber es passierte weiterhin nichts.

Waren die Schilder etwa nur Bluff? Es schien fast so.

Nach und nach ließ die Angst nach und das Gebäude wurde regelrecht ausgeplündert.

Das ging so lange bis die ganze Einrichtung des Gebäudes verschwunden war.

In letzter Zeit nun schien dem Staat das Wasser bis zum Hals zu stehen. Sie versuchen jetzt alles zu verkaufen, was ging, um an Geld zu kommen. Viele Waren, besonders aus hochwertiger Produktion, gingen gegen harte Devisen sogar in den Westen. Im Internet Shop konnte man jetzt direkt im Quelle - und Neckermann-Katalog bestellen. Zu zahlen war aber in Westmark.

Das zielte auf die Kunden, die reiche Freunde ober Verwandte im Westen hatten. Man bestellte und ein Westdeutscher bezahlte.

So kamen Devisen rein, die die DDR scheinbar dringend brauchte. Jetzt konnte ich auch meine 20 Westmark aus dem Versteck holen, ohne bestraft zu werden, die mir meine alte Tante Hermine vor ein paar Jahren geschenkt hatte.

Jetzt war es genau umgekehrt, wie noch vor ein paar Jahren, wo Westgeld zu besitzen hart bestraft wurde. Allerdings war für 20 Mark nicht viel zu bekommen. Doch für jede Menge Perlonstrümpfe in bester DDR-Qualität, oder ein paar Kilo Bohnenkaffee, oder für einen Haarföhn und eine elektrische Kaffeemühle hätte es schon gereicht. Gut, dass wir da nicht reingegangen sind, unsere Wunschliste wäre schier unendlich geworden! Man animierte die Bevölkerung sogar dort einzukaufen, natürlich mit Westgeld, versteht sich. Damit wollte man gleichzeitig wild kursierendes Westgeld abschöpfen.

Dann hieß es eines Tages, das Gelände und die alte Hütte seien zu verkaufen, weil der Keller einsturzgefährdet sei. Sofort meldete Fritz sich an. Da es keine weiteren Bewerber gab, bekam er den Zuschlag, ohne genau zu wissen, was ihn da erwartet. Eigentlich wollte er und seine Kumpels nur wieder auf das Gelände zum Baden.

Bei genauer Betrachtung sah es aber sehr traurig aus.

Trotzdem kaufte er das Gelände und das

Haus, denn es war nicht sehr teuer. Aber die Gruppe zerfiel schnell, weil viele weg zogen und so stand Fritz eines Tages nur noch ganz alleine da.

Er machte die Kneipe wieder auf und verkaufte an die wenigen Besucher ein paar Getränke. Aber Eigeninitiative war zu der Zeit in der DDR ein reines Fremdwort, deshalb hatte er es auch ganz schön schwer, etwas zu organisieren. Außerdem gab es kaum Material, jedenfalls offiziell! Nun fragte mich Fritz, ob ich Lust hätte mit ihm morgen mal durchs Gebäude zu gehen und alles ansehen.

Am nächsten Morgen stand er schon früh da und holte mich zum Frühstück, seine Familie saß schon am gedeckten Tisch.

Das war mir richtig peinlich, hier einfach so herein zu platzen, aber Fritz meinte, dass es schon gut sei, ich hätte sicher doch kein Frühstück dabei.

Damit hatte recht.

Zuerst gingen wir durch das ganze Haus und dann auch in den Keller. Der war sein Sorgenkind!

Hier sah es am wildesten aus. Alles lag noch voller alter Kessel und anderen verrosteten Kücheneinrichtungen, die nie mehr gebraucht werden würden. An der hinteren Wand stand noch in russischer

Schrift, aber ganz deutlich zu lesen:

„VORSICHT EINSTURZGEFAHR!“: Ich schaute mir zuerst das Gewölbe an. Es sah nicht sehr sicher aus, aber da war vielleicht noch was zu retten, denn es war wenigstens noch heil, hatte nur ein paar Dellen.

Man müsse viel Zeit und Geld aufbringen um es wieder sicher zu machen.

Ich sagte ihm aber gleich, dass ich kein Statiker sei. Sicher bräuchten wir einen Fachmann, um alles genau zu begutachten.

Da die Sache für mich sehr interessant zu werden schien und ich auch Zeit hatte, erklärte ich mich bereit, ihm zu helfen. Deshalb war ich an den folgenden Wochenende immer da draußen und arbeitet mit.

Ich schlug vor, zuerst alle losen Fugen aus dem Gewölbe zu kratzen. Dann holte ich einen Statiker. Der meinte , wenn wir alle offenen Fugen voll mit Zement verfüllen würden, müsste das Gewölbe wieder seine volle Tragfähigkeit bekommen.

Mit der Hand über Kopf, war das aber schier unmöglich.

Ich sagte zu Fritz, dass ich mir was überlegen würde und fuhr nach Hause.

Am nächsten Tag stand ich schon ganz früh auf der Matte.

Die hintere Wand machte mir Sorgen.

Was war denn wirklich mit der?

Lauerte da wirklich eine Gefahr oder......?

Ich holte mir aus der Werkstatt von Fritz einen Presslufthammer und bohrte in die Wand einfach ein Loch.

Der Bohrer war so lang, dass ich eine 30-er Wand hätte gut durchbohren können.

Nach 20 cm hatte ich die Wand aber schon durch, der Bohrer gab deutlich nach.

Doch als ich weiter bohren wollte, merkte ich, dass da Stahl sein müsste!

Danach bohrte ich 50 cm tiefer noch ein Loch, mit dem gleichen Ergebnis, wieder stieß ich auf Stahl.

Dann probierte ich es zwei Meter weiter links.

Nach 20 cm wieder der Hohlraum und danach aber jetzt Stein.

Jetzt wurde mir Einiges klar!

Ich hörte jetzt auf, konnte mir in etwa einen Reim machen, auch wenn das nur Vermutungen sein konnten.

Mir schien, als ob hinter der Wand eine Stahltüre zu sein schien. Um sie zu kaschieren hatten wohl die Russen da einfach diese Wand davor mauern lassen. Meine Vermutung basierte darauf, dass Fritz mir von früheren Tunnelbauten erzählt hatte.

In dem Moment kam Fritz in den Keller. Ihm war nicht entgangen, dass ich mit dem Presslufthammer zu Gange war, denn der ganze Bau hatte sich geschüttelt!

Natürlich wollte er sofort wissen, was ich da treibe.

Ich unterbreitete ihm nun mein Ergebnis und meine Vermutung. Er stimmte mir zu, obwohl er auch nur vermuten konnte.

Doch wie nun weiter mit der Wand umgehen?

Die Frage blieb vorerst offen.

Denn wir hatten jetzt viel Wichtigeres zu tun, nämlich die Kellerdecke zu sichern. Doch dazu musste ich uns erst eine Vorrichtung bauen.

Ich wühlte zwischen dem Alteisen aus dem Keller, das hinter dem Haus noch herum lag.

Zuerst zog ich einen alten verrosteten

Arbeitstisch aus dem Schrotthaufen.

Dann fand ich einen riesigen Fleischwolf.

Der war natürlich auch schon angerostet, aber er war noch vollständig erhalten und funktionsfähig, das war wichtig.

Nun musste ich ein etwa einen Meter langes Metallrohr finden, das genau den

Durchmesser des Fleischwolfes hatte. Auch das fand ich in dem Gerümpel. Das musste vorne verschlossen werden mit einem Anschluss für einen dünnen Feuerwehrschlauch, den ich im Keller entdeckt hatte.

Von einem alten Wasserkessel Schnitt ich das Auslaufventil ab, das sollte in der Mitte des dicken Rohres angeschweißt werden. Nun brauchte ich Fritz, denn ich hatte kein Schweißgerät und hatte auch nie gelernt damit zu arbeiten.

Im Nu hatte er eines besorgt und wir brutzelten alles zusammen.

Das machte ich alles auf dem Arbeitstisch fest. Dazu stellte ich den Kompressor, den Fritz in seiner kleinen Werkstatt stehen hatte, auf den unteren Boden.

Inzwischen waren auch zwei Helfer eingetrudelt, die Fritz mobilisiert hatte. Hans war gelernter Maurer und Klaus war Zimmermann, beide aber geschickte Handwerker, wie ich bald sehen sollte.

Nun war es Zeit mit Wasser einen Probelauf zu machen.

Alle waren gespannt, was ich da wohl zusammen gebaut hatte. Am meisten gespannt aber war ich, ob meine Konstruktion halten würde, was ich von ihr erwartete.

Ginge alles gut oder würde es eine riesige Blamage werden?

Aber das war mir jetzt ganz egal. Schließlich

sollte es ja nur ein Versuch sein. Ich goss Wasser in den Fleischwolf, das sofort das Rohr füllte. Nun betätigte ich das Ventil für die Luftzufuhr. Sofort schoss das Wasser zurück aus dem Fleischwolf. Aha, ich hatte vergessen zugleich vorne am Feuerwehrschlauch das Ventil zu öffnen.

Also das Gleiche noch einmal, jetzt aber mit geöffnetem Ventil.

Jetzt kam tatsächlich vorn ein kleiner Wasserstrahl heraus.

Das Experiment war also geglückt! Doch fraglich, ob es auch mit Zementbrühe funktionieren würde? Allerdings mussten wir eine Weile experimentieren, bis wir die richtige Mischung heraus hatten.

Aber auch das bekamen wir in den Griff. Sofort machte ich mich daran, die ersten Fugen zu füllen.

Dazu brauchte ich tatsächlich alle als Helfer. Fritz beschickte kontinuierlich den Fleischwolf mit Zementbrühe, Hans drehte ständig die Kurbel.

Und Klaus hatte ich ans Zuluft - Ventil gestellt.

Ich selbst war vorne an der Spritze.

Dann gab ich das Kommando zum Start.

Fritz füllte Zementbrühe ein, Hans drehte den Fleischwolf und Klaus öffnete langsam das Luftventil Und ich wartete bis die erste Zementbrühe vorne an kam. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich unser Team aufeinander eingespielt hatte.

Nach einer Weile klappte es reibungslos und es füllte sich Fuge um Fuge! Es sah nicht schlecht aus. Nach etwa 3 Quadratmetern machte ich Halt.

Doch als ich mich besah, merkte ich, dass auch ich total zu betoniert war.

Ganz wichtig war es jetzt, unsere Augen zu schützen, denn Zement entzündet die Augen.

Dazu besorgte Fritz uns ein paar alte Schutzbrillen von einem Schlosser.

So, sagte ich, nun hole ich zuerst wieder den Statiker. Der soll unseren Versuch beurteilen.

Danach sehen wir weiter.

Der Statiker fand unsere Arbeit ausgezeichnet. Die Stabilität des Gewölbes war so nun wieder voll hergestellt.

Wenn ihr das ganze Gewölbe so stabilisiert, ist alles in Ordnung und der Keller kann wieder voll genutzt werden.

Ich fügte hinzu, dass ich beabsichtigte die ganze Gewölbe-Oberfläche mit Zementschlamm zu überziehen, damit von den alten Steinen nichts mehr abbröckeln könnte. Das fand er natürlich auch sehr gut, denn dadurch würde die ganze Decke noch besser stabilisiert.

So, sagte ich nun zu Fritz, Hans und Klaus, nun könnt ihr den Rest machen. Ich muss mich wieder meiner Baustelle widmen, habe sie in letzter Zeit etwas vernachlässigt.

Ihr wisst ja, wie es geht.

Wenn ihr mich braucht, ruft mich an. Damit verabschiedete ich mich für heute.

Als ich am nächsten Wochenende wieder raus kam, war alles bereits fertig. Nicht nur die Fugen waren aus gespritzt, sondern auch die Wandflächen waren schon bespritzt. Jetzt sah der Keller aus wie ein moderner Party-Keller.

Nur die Rückwand war noch in altem Zustand und mit der russischen Beschriftung.

Ich sagte zu Fritz, lassen wir die Wand doch einfach, wie sie ist, das ist das Beste. Soll jeder denken, was er will. Vielleicht fällt uns im Laufe der Zeit auch noch eine Story ein, die wir dazu erzählen können, wenn wir gefragt werden.

Nun fehlte nur noch die entsprechende Einrichtung. Aber ich war sicher, das würde Fritz auch noch besorgen.

Als Belohnung bekam ich von Fritz eine handgeschriebene Urkunde, auf der stand: „Freies Essen und Getränk auf Lebenszeit“! Auch die Fassade wurde noch gerichtet und ein Schild über die Tür gehängt mit der Aufschrift: ANGLERHEIM AM SEE“

6. ERSTE WOHNUNG

Krampfhaft suchte ich nach einer eigenen Wohnung. Aber weder unter Kollegen noch offiziell war etwas zu machen. Ich war ja bescheiden, suchte nur eine Altbauwohnung, an Neubau war gar nicht zu denken, obwohl wir ständig Neubauwohnungen erstellten.

Auf dem Wohnungsamt hieß es ganz lapidar: Wenn sie nicht in Stadtmitte wohnen, können wir Ihnen auch keine Altbauwohnung zuweisen“.

Also musste ein Trick her. Ich sprach mit einem meiner ehemaligen Studienkollegen.

Hannes wohnte in Stadtmitte und zwar in der Invalidenstraße. Diese Adresse wäre gut. Ich fragte ihn, ob ich mich einfach bei ihm als Untermieter anmelden dürfte. Er willigte ein und so stand ab nun in meinem Ausweis: „Wohnhaft in Stadtmitte, Invalidenstraße!“ Damit zog ich dann wieder Richtung Wohnungsamt. Wohl darauf bedacht, nicht wieder bei der Frau zu landen. Die mich schon abgelehnt hatte.

Es klappte. Mir wurde eine Altbauwohnung zugeteilt in der Marienstraße, nahe dem S-Bahnhof Friedrichstraße.

O weh, was mich da erwartete. So herunter gewirtschaftet hatte ich mir eine Wohnung in meinen schwärzesten Träumen nicht vorgestellt.

Insgesamt 3 Räume. Ein Raum könnte die Küche werden. Hier gab es ein Ausgussbecken, einen Kohleherd und unter dem Fenster einen kleinen Einbauschrank.

Ein großes Wohnzimmer mit 4,50 m lichter Höhe. Die Tapeten uralt, verdreckt und verschlissen. Der Holz-Fußboden total ausgelatscht. In der Ecke ein riiiiiiiesiger Kachelofen mit 4,20 Meter Höhe.

Kein Bad, nur eine eigene Toilette mit Wasserspülung. Wenigstens musste ich nicht auf das Treppenpodest aufs Trockenklo, wie es in manchen Häusern noch üblich war. Ein dritter Raum lag auf der anderen Seite des Hausflures.

Aber ich nahm die Wohnung trotzdem.

Eigentlich wäre alles kein Problem gewesen, wenn man alle Materialien hätte kaufen können. Aber es gab praktisch nichts zu der Zeit in der DDR. Weder Farbe, noch Tapete, noch Möbel.

Aber ich hatte sofort einen Plan. Im Betrieb gab es beim Bau von Kabinen für Bad und Dusche eine Menge Spanplatten-Abfall. Die orderte ich sofort. Das dritte Zimmer gegenüber im Flur machte ich zu meiner Werkstatt und fing sofort an mir eine Kücheneinrichtung zu bauen. Die sah natürlich etwas spartanisch aus, denn weder gab es eine richtige Tischplatte, noch waren die Oberflächen behandelt. Also alles unbehandelte Spanplatte. Aber auch da würde mir etwas einfallen, dachte ich.

Dann tapezierte ich das Wohnzimmer und strich den Bußboden neu an. Da ich nur eine hellblaue Farbe bekommen hatte, wurde der eben hellblau! Für die Fenster bekam ich-Gott sei dank- eine Architekten-Tüll-Gardine. Damit könnte ich nicht nur die drei Fenster, sondern die ganze Fensterfront kaschieren. Nun brauchte ich Möbel fürs Wohnzimmer. Eine Matratze bekam ich von Bekannten, die stellte ich auf vier große Ziegelsteine, überzog sie mit einer Decke und fertig war die Schlafcouch. Das Bettzeug rollte ich am Tage zusammen und legte es als Rückenpolster hinten ab.

Nun brauchte ich aber noch wenigstens einen Schreibtisch, einen Tisch und zwei Sessel.

Den Schreibtisch bastelte ich mir auch aus Spanplatten, weil es in den Möbelläden keinen gab. Der sah sogar richtig urig aus.

Aber woher bekomme ich Tisch und Sessel? In der Stalin-Allee gab es, ganz in der nähe der Arbeitsstelle, ein Möbelhaus. Doch jedes Mal wenn ich dort nach Möbel fragte waren sie entweder „längst ausverkauft“ oder „sind noch nich da“.

Irgendwann riss mir der Geduldsfaden und ich probierte es mit einer List. Im Hinausgehen steckte ich dem Verkäufer einen zusammengefalteten 10-Markschein oben in seine Kitteltasche mit der Bemerkung,er solle mich nicht vergessen. In dem Moment meinte er, ich solle doch einen Moment warten, er ginge noch einmal im Lager nachschauen. Als er zurück kam meinte er: “Da hamse aber Jlück jehabt, et is jerade noch ene Garnitur da“. Ich konnte sie auch gleich mitnehmen. Damit war auch das Problem gelöst.

So, dachte ich, jetzt könnte ich langsam anfangen „zu wohnen!“Aber es kommt eben manchmal anders, als man denkt.

7. NEUE AREITSSTELLE

Gut, dass ich mit der Wohnung fertig war, denn mir passierte ein recht schwerer Unfall. Auf dem Weg zu unserer Versuchshalle in einer holprigen Nebenstraße fuhr mich ein Pkw über den Haufen. Ich kam gemütlich mit meinem Roller gefahren, als plötzlich genau vor mir ein PKW aus einer Parklücke nach links ausscherte um zu wenden. Ich machte einen Satz über die Motorhaube und kam auf der anderen Seite zu liegen. Ich hatte mich zwar geschickt abgefangen, war aber wohl mit der rechten Schulter an der A-Säule des Autos zuerst angestoßen. Ich stand auf und ging zum Fahrer und meinte , dass wir wohl Polizei holen sollten. Darauf meinte er, das er Polizist sei und er würde alles Weitere einleiten. Aber ich bräuchte keine Angst haben, er würde die volle Schuld auf sich nehmen.

Das beruhigte mich wenigstens. Jetzt erst begann die Schulter zu schmerzen, bisher war ich wie betäubt. Dann war auch schon ein Streifenwagen da und fuhr mich ins nächste Krankenhaus. Dort wurde ich geröntgt und man diagnostizierte einen Bruch in der Schulter.

Die Folge war, dass ich sofort ein Gestell verpasst bekam. Damit sah ich aus wie ein Stuka (Flugzeug). So brachte mich danach ein Rettungswagen nach Hause.

Erst jetzt hatte ich richtig Zeit, um meine neue Situation zu erfassen. Ganz alleine in einer Wohnung, wie sollte das gehen? Die Nacht schlief ich durch, hatte wohl im Krankenhaus eine Schmerztablette bekommen.

Am nächsten Morgen schleppte ich mich zum nächsten Öffentlichen Telefon an der nächsten Straßenecke, und rief den Betrieb an.

Großes Bedauern von meinen Kollegen und das Versprechen, mich oft zu besuchen, was sie auch hielten.

Dann ging ich wieder nach Hause und legte mich hin. Der Arzt hatte nämlich absolute Ruhe verordnet. Ich schlief den ganzen Tag bis zum Abend. Dann ging es mir schon etwas besser.

Die Tage vergingen und ich konnte nach der Nachkontrolle bereits wieder aufstehen und mich leicht betätigen. Natürlich nur mit der linken Hand.

Zuerst versuchte ich zu üben, mit der linken Hand zu schreiben. Das ging zwar, aber ich konnte meine Schmiere selbst nicht lesen.

War also ein Flop! Ich musste einfach warten, bis die Rechte wieder einsatzfähig war. Regelmäßig kamen tatsächlich meine Kollegen, um nach mir zu sehen. Sie besorgten auch meinen Einkauf, ich brauchte nur meine Wunschliste zu schreiben.

Einmal hatte ich Bananen und Feigen aufgeschrieben. Das gab vielleicht ein Gelächter.

Dabei hatten die meisten eine Feige noch nie gesehen, ehrlich gesagt ich auch nicht. Jeder Besuch endete mit einem richtigen Besäufnis. Als meine Vorräte alle waren, war ich wieder so weit hergestellt, dass ich arbeiten gehen konnte, obwohl ich noch krank geschrieben war.

Die Zeit der Krankheit hatte bei mir aber ihre Spuren hinterlassen. Ich war nämlich zu dem Ergebnis gekommen, dass ich die Arbeit wechseln sollte. Die Forschung war zwar interessant, aber mir fehlte der Bezug zur Praxis.

Beim nächsten Besuch im Fertigteilwerk würde ich der Nachbarschaft einen Besuch abstatten. Die machten nämlich Industriebau.

Und da ich mein Diplom in Industriebau gemacht hatte, wollte ich eigentlich in den Industriebau wechseln.

Ich ging rüber und fragte nach dem Chef. Sie haben Glück, der ist gerade heute hier. Ist was Besonderes oder darf ich ihn mal stören.

Der ist unkompliziert, den können sie einfach ansprechen.

Welcher ist es denn?

Der mit dem Hut- die Gruppe ging gerade an unserem Fenster vorbei.