Druck und Verlag

Books on Demand GmbH Norderstedt

© A. Gfeller Biel 2021

ISBN 9783753412672

24.05.2001 (Fortsetzung)

Ich habe versucht, Ordnung in meine Papiere zu bringen, habe alles durchforstet. So viel ist es gar nicht. Aber von Ordnung keine Spur. Ich habe keine Lust, mich heute weiter mit dem Kram zu beschäftigen. Gleichzeitig viel alten Steuerkram einfach weggeworfen. Dies erinnert mich an die Anekdote über B.L., der, verzweifelt ob seiner eigenen Steuererklärung, den ganzen Kram einfach in den Ofen gesteckt und erklärt hat, er werde sich nie wieder damit beschäftigen.

M. arbeitet im Garten, T. bastelt am Modell, A. liest. Ein ruhiger Morgen. Ich denke, mein Entschluss, mich von allem, was nicht mehr zählt, endgültig fortzubewegen, richtig ist. Ich will versuchen, meinen Kopf nicht mehr mit Dingen zu belasten, die vorbei sind. Wenn man bedenkt, dass es eigentlich nur einen einzigen eingeschriebenen Brief gebraucht hat, um von der ganzen Scheiße definitiv loszukommen, ist es erstaunlich einfach, das Ganze. Im Überblick. Sehr einfach, scheint mir jetzt sogar. Warum sollten also all die Überlegungen, die dazu gehören, nicht auch einfach sein? Ich will mich jetzt nicht in eine billige Banalität hineinreden, die gar nicht vorhanden ist, aber ich glaube, ich kann viele Dinge, die mich nichts mehr angehen, endlich loslassen und abschließend vergessen. Möglich, dass die Leute in der Schule, insbesondere die Kollegen, die mich schon immer nicht besonders gemocht haben, sauer auf mich sind. Sie denken: Der Sauhund hat sich einen flotten Abgang geleistet! Muss nie mehr arbeiten, muss sich nie mehr über die Schule ärgern, der glückliche Kerl!

Das ist korrekt. Ich denke an den überaus bösen Blick, den mir der überaus vorbildliche Werklehrer T.S. zugeworfen hat; dieser Blick drückte nämlich genau diesen Gedankengang aus. Was kümmert’s mich? Ich habe die Schule und ihr ganzes Umfeld nie gemocht, wollte nie dazugehören, wollte nie dabei sein, wollte nie ein Teil davon sein. Jetzt bin ich endgültig weg davon. Was für eine Erleichterung! Was für ein Aufatmen! Ich habe allen Grund, zufrieden zu sein, denn dies ist unbestreitbar die bestmögliche Lösung und somit das Beste überhaupt gewesen, was mir jemals hat zustoßen können. Und noch etwas fällt mir auf: Diese kleinliche Welt der blöden Spießer und der bescheuerten Besserwisser, der Rappenspalter und der Erbsenzähler, diese geistlose Welt der opportunistischen Kriechtiere, in der ich Jahrzehnte lang unfreiwillig gesteckt habe, ist endgültig Geschichte! Mit einem Mal ist sie wie weggeblasen! Diese ganze Welt der mühsamen Pedanten, der unerträglichen Tüpflischeißer, der ermüdenden Bünzlis und der halsstarrigen Kleinkarierten, diese abweisende Welt der ewigen Nörgler, der aufsässigen Neider und der unheilvollen Denunzianten, kurz, die Welt der Lehrer ist weg! Weg! Einfach weg! Zum Teufel damit! Bereits ist es so, als hätte es sie nie gegeben! Ich schaue mich überrascht um: Wirklich! Es ist, als hätte es diesen Horror gar nie gegeben!

Noch einmal zur Verbitterung: Ich möchte nun wirklich nicht in Verbitterung enden, mir zuliebe nicht und auch meiner Familie zuliebe nicht. Ich betrachte all meine kläglichen Versuche der Rechtfertigung, die ich jetzt lange Zeit in Form dieser peinlichen Abschiedbriefe vorbereitet habe, als beendet, aber nicht als gescheitert, denn dadurch, dass ich mich definitiv davon löse, entferne ich mich ebenso von der denkbaren Verbitterung. Würde ich das Gemetzel weiterziehen, dann würde auch die Verbitterung weitergehen. Diese vermurksten Briefe waren tatsächlich Zeichen meiner Verbitterung, und indem ich diese Briefe aus meinem Leben und aus meinem Denken entferne, entferne ich gleichzeitig die Verbitterung. Keine Verbitterung, also, keine Verbitterung mehr, nie mehr! Ich verhindere meine Verbitterung zugunsten einer neuen Möglichkeit, mich sinnvoll zu beschäftigen. Die einzige sinnvolle Beschäftigung, die ich kenne, ist die Beschäftigung mit der Kunst. Das Schreiben und das Malen stehen dabei zuvorderst, auf Grund meiner Erfahrung immer schön abwechslungsweise, weil ich mich nicht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren kann. Doch die Vorstellung, mich wieder in eine Lohnabhängigkeit begeben zu müssen, ist derart erschreckend, dass ich instinktiv zurückweiche, und ich wäre ein echtes Kalb, wenn ich mich noch jemals auf sowas wieder einließe. Was mich eigentlich noch einzig irritiert und mich vorderhand daran hindert, das neue Lebensgefühl der immerwährenden Freiheit zu genießen, ist die Tatsache, dass ich auch für die Invalidenversicherung arbeitsunfähig sein und bleiben muss. Es bleibt mir vorderhand also nichts anderes übrig, als weiterhin zu warten. Aber warten kann ich; ich weiß gar nicht, wie lange ich schon warte. Denn als nächstes wird die Invalidenversicherung mit ihren eigenen Investigationen auftreten. Sie muss entscheiden, ob ich noch arbeiten kann, ob ich noch arbeitsfähig bin – oder nicht. Natürlich muss sie sich zu meinen Gunsten entscheiden. Die IV kennt mich natürlich nicht persönlich; für sie bin ich noch mehr eine Nummer als für die Lehrerversicherungskasse. Mir kommt indessen das Stereotype meines Falles entgegen: ausgebrannter, älterer Lehrer. Unbrauchbar. Da bin ich gleich von Anfang an in der richtigen Schublade. So gesehen, brauche ich mir auch hierfür nicht sonderlich den Kopf zu zerbrechen.

Mit dem Töff nach Laupen gefahren, und dann über dem Frienisberg in ein heftiges Gewitter mit Hagel geraten. Passiert halt manchmal. Fühle mich gelassen, gutes Gefühl. Ich glaube, ich habe einen echten Fortschritt in der Entwicklung gemacht; ich weiß gar nicht, warum. Hatte auf der Heimfahrt die teuflische Idee, den Abschiedsbrief nur der Schulleitung zu schicken. Ist natürlich Quatsch, aber als Idee nicht schlecht. Das würde für einmal den richtigen Leuten die Sommerferien vermiesen.

In Laupen habe ich die Wirtschaft von M.M. gesehen; es ist die mit Abstand schönste und stolzeste Beiz im ganzen Kaff, die Linde. Ich war ziemlich überrascht. Eine klassische, ehrwürdige Land-Wirtschaft, picobello renoviert. Natürlich weiß ich nicht, ob sie läuft und rentiert. Wohl eher nicht, wenn ich mir all die Geizhälse und Korinthenkacker in dieser Region vorstelle.

Was ich von Anfang an wollte, und was ich jetzt bekräftige: Ein Leben, das mir gestattet, in Ruhe zu schreiben. Genau das werde ich erreichen. Und zudem werde ich mich kaum noch um etwas anderes kümmern, was sich außerhalb meiner Familie abspielt. Leben in und mit der Familie und Schreiben und Malen; auf diese drei Dinge wird sich mein Leben konzentrieren und beschränken, und ich weiß genau, dass mir diese freiwillige Einschränkung gefallen wird. Ich werde genau da angekommen sein, wo ich schon immer hinwollte, und ich werde endlich das Maß an Konzentration zur Verfügung haben, das ich benötige, um die Dinge schreiben und die Bilder malen zu können, die Dinge, die ich schreiben will, und die Bilder, die ich malen will, und zwar in der Qualität, die ich von mir verlange und erwarte. Ich habe den erheiterten J.H. und L.H. vorausgesagt: europäisches Niveau. Das wird mein Maßstab sein, nur habe ich mir das bis zum letzten Herbst nicht vorzustellen gewagt. Jetzt aber kann ich es mir sehr wohl ausmalen. Und wenn J.H. zögert, wenn ich von den Dingen rede, die mich beleidigt und entwürdigt haben, dann meint er dazu: „Diese Dinge sind nicht wirklich wichtig. Sie beziehen sich bloß auf die Kalamitäten, die dich in letzter Zeit zu sehr belastet und beschäftigt haben.“ Das mag richtig sein. Ich werde sie also bestimmt nicht wichtiger machen, als sie sind, und ich werde ihnen genau den Platz zuweisen, den sie verdienen: Den Müllhaufen. Den Misthaufen. Den Abort. Die Kloake. Den Hades. Den Tartaros. Nur brauchte ich dummerweise ziemlich lange, um dies überhaupt herauszufinden, endlich zu verarbeiten und zügig abzuwickeln, wahrscheinlich auch auf Grund meiner eigenen Naivität und Gutgläubigkeit, denn ich habe lange gebraucht um herauszufinden, dass die Welt nicht anständig ist.

25.05.2001

Brief von der Erziehungsdirektion betr. Weiterbildung, resp. „Tandem“. Interessiert mich nun wirklich nicht mehr. Hat mich nie interessiert, aber jetzt gerade wirklich nicht. „Tandem“ ist nichts als der Versuch, die älteren Lehrkräfte noch etwas bei Laune zu halten und die Jüngeren auf Vorrat zu disziplinieren. Viele Dinge, worum ich mich früher gezwungenermaßen kümmern musste, kann ich jetzt getrost wegwerfen: Ein schönes Gefühl ergibt sich daraus. Ich freue mich, wenn ich nie mehr Post von der Erziehungsdirektion erhalten werde. Nie mehr Post von der Erziehungsdirektion, nie mehr Post von der Schule, nie mehr Post vom Schulinspektorat. Nur: Jetzt kann ich dies wirklich lauteren Herzens sagen. Die Bernische Erziehungsdirektion ist so, wie sie klingt: Unbrauchbar, unzumutbar und unerträglich.

Heute den drittletzten Monatslohn meines Lebens erhalten. Nur noch Juni und Juli. Mein bescheidenes Ziel: Ein Monatslohn als stille Reserve. Das sollte möglich sein. Wenigstens das. Und immer noch habe ich folgende Sache im Auge: Falls bis zum 1. August von der Lehrerversicherungskasse her nichts läuft, gehe ich aufs Arbeitsamt und beantrage die Arbeitslosenunterstützung. No fear.

Heute regnet es gleich zu Beginn des Tages. Mit Ach und Krach bin ich mit dem Velo unten durchgekommen. Eine Abkühlung. Die Pfingst-Ausflügler sitzen alle im Regen.

Langsam bestärkt sich die Lust aufs Schreiben wieder. Aber ich weiß, dass ich erst dann damit beginnen werde, wenn alles paletti ist. Es hat keinen Sinn, schon jetzt damit zu beginnen, weil ich

a) noch nicht im neuen Rhythmus bin und

b) noch nicht zwäg genug bin dafür.

Das Ziel: der 16. Oktober 2001. Das sind der erste Jahrestag und gleichzeitig die Marke für mich selber. Die Datumsgrenze. Die neue Zeitrechnung. Ein Jahr danach werde ich voraussichtlich bereit fürs Schreiben sein; ich setze mir erst mal klammheimlich diese interne Marke. Sie wird zukünftig mein Angelpunkt sein: Jedes Jahr am 16. Oktober werde ich fortan mit einem neuen Buch beginnen, und das zehn Jahre lang. Das ist mein persönlicher Plan, und das wird gleichzeitig auch mein Konzept für die nächsten zehn Jahre sein. Das ist doch von einem gewissen literarischen Anspruch?

Heute scheint ein Tag zu sein, wo die Leute wie die Wahnsinnigen einkaufen gehen. Die Straßen sind mit älteren japanischen Kombis voller Kinder vollgestopft, und die Parkplätze der Einkaufszentren sind völlig überfüllt.

Ich bin um den Murtensee gefahren, habe in Le Landeron und in Aarberg Kaffee getrunken und überlegt: Wenn ich und alle andern nur noch die Fahrten unternähmen, die wirklich nötig sind, wären die Straßen völlig leer. Oder anders gesagt: Wenn ich zukünftig nur noch die wirklich nötigen Fahrten unternähme, würden

a) die Motorräder nur noch herumstehen und

b) das Auto wäre wochenlang in der Garage stillgelegt.

Vielleicht ist dies gar keine schlechte Prognose, wenn man die gegenwärtigen und die zukünftigen Benzinpreise berücksichtigt.

Ich kann mehrere Male am Tag mit dem Velo die Dufourstraße hinauf- und hinunterfahren, und ich merke jeweils während des gemächlichen Fahrens, wieviel Zeit ich eigentlich für mich allein habe. Ein gutes Zeitgefühl. Mir ist zudem heute ein weiteres wichtiges Argument gegen den abgesagten Abschiedsbrief eingefallen: Würden die Schulleitung, die Schulkommission und die Schulinspektorin diesen Abschiedbrief in die Hände bekommen, hätten sie wiederum einen Vorwand, um sich selber aufzubauschen. Wichtigtuerei und Hysterie wären angesagt. Hektik. Geschäftigkeit. Betriebsamkeit. Gerichtsprozesse, usw. Für die beiden Schulleiterinnen wäre das wieder einmal ein gefundenes Fressen: Sie könnten sich endlos aufspielen damit. Sie hätten den ultimativen Vorwand, um sich gewaltig in Szene zu setzen. Es wäre für sie eine perfekte Rechtfertigung. Der Beweis. So aber, wenn ich kein Wort verlauten lasse, lasse ich sie hängen. Sie werden nie mehr etwas von mir hören. Ich glaube, das macht sie am meisten sauer. Erstens der Umstand, dass ich mich ihnen und somit ihrer Fertigmach-Strategie einfach entzogen habe, zweitens, dass ich nichts mehr von mir verlauten lasse. Würde ich sie nur ein bisschen beschimpfen, hätten sie schon den ersehnten Anlass, um sich endlich wieder aufzuregen über mich. Diese billige Genugtuung will ich ihnen aber nicht bieten.

26.05.2001

Heute gehe ich mit T. ins „Mongole“. Auf seinen Wunsch. Am Nachmittag eventuell nach Solothurn ans Literatentreffen. Ich weiß allerdings noch nicht, ob ich genügend Lust dazu haben werde. Ich glaube nicht, dass diese peinliche Bücherchilbi noch etwas für mich ist. Sehr bünzlig, sehr handgestrickt das Ganze, sehr proper, sehr gymnasiallehrermäßig, politisch absolut bedeutungslos und künstlerisch völlig unergiebig, das heißt, politisch absolut korrekt, genau wie die Literatur, die dorten präsentiert wird. Oberlangweilig also.1 Etwas herumstehen, etwas herumgucken, etwas herumplaudern, mehr liegt dort nicht mehr drin.

Im Denner von Fett drüben, wo ich heute ausnahmsweise das Mineralwasser geholt habe, werde ich von allen Seiten verstohlen gemustert, als hätte ich ein Verbrechen vor. Einen Ladendiebstahl. Einen Überfall auf die Ladenkasse. Etwa so. Ich habe also durchaus recht, wenn ich mich von diesem beschissenen Quartier mit all seinen Leuten möglichst fernhalte. Wie lange werde ich wohl noch ein Quartierthema sein? Nimmt mich nur wunder, was für Märchen dort über mich kursieren, so wie jenes vom notorischen Aufschneider H.S., dass mich die Klasse auf einer Schulreise mal in einen Bergbach geworfen hätte. Lauter solche Sachen, solche Räuberpistolen. Sie zirkulieren en masse. Das ganze Quartier hat schadenfroh darüber gelacht, dass die Klasse auf der Schulreise den Lehrer in den Bach geworfen habe, nur: Ich bin zum Glück noch nie in einen Bach geworfen worden, schon gar nicht von diesen beschissenen Schülern.

Am 23. September soll gemäß C. ein großes Geburtstagsfest zum 80sten meiner Mutter steigen. Ein richtiger Familienschlauch, auf Anregung von C. Dummerweise hatte sie die verheerende Idee gehabt, die Durchführung der Planung meinem Vater zu überlassen, was jetzt unausweichlich zu Folge hat, dass er ein furchtbares Durcheinander veranstaltet. Er will das Fest in Biasca machen, damit er nicht nach Bern zurückfahren muss. Das wird ein rechter Murks werden, dieses Geburtstagsfest, das ist bereits jetzt abzusehen.

Ich habe es mir nicht verklemmen können: Ich war mit dem Töff schnell in Solothurn an den Literaturtagen. Das Klima und die Szene sind dort verkrampft und verklemmt wie immer, verschlossen und verbohrt wie eh und je. Ich weiß nicht, woran das liegt. Komische Leute schleichen dort geduckt und gebückt herum und beäugen sich gegenseitig misstrauisch, dazu jede Menge Literaturtouristen, dazwischen irren ein paar gelangweilte Journis und ratlose Fotografen herum, das ist alles. Und das soll ein kultureller Höhepunkt des Landes sein! So ein ausgemachter Schwachsinn! Das Land ist kulturell viel zu armselig, und zudem ist es politisch gegenwärtig völlig verbiestert in einer unheilvollen Sackgasse gelandet. Man sieht deutlich, dass es sich überhaupt nicht gewohnt ist, Kultur zu veranstalten, ganz einfach deshalb nicht, weil es gar keine hat. Niemand weiß, wozu das gut sein soll; man ist sich zwar zu fein und zu vornehm, um nur ein paar Bratwurststände aufzustellen, aber Festlaune wird nicht einmal am angekündigten Tanzabend aufkommen: Wer will schon mit diesen ältlichen, dürren Tanten tanzen, oder mit diesen ungeschickten Literaten, die zwei linke Füße zu haben scheinen? Während ich vor dem „Kreuz“ an einem Tischchen saß und mich ausführlich langweilte, setzte sich eine elegante Frau hinzu, Typ aufgeschlossene Gymnasiallehrerin, die sich bald als Mitglied der Geschäftsleitung der Solothurner Literaturtage entpuppte. Sie seufzte tief auf und meinte, mehr zu sich selber gewandt, als zu mir: “Wir können leider nicht die Schriftsteller haben, die wir uns wünschen; wir müssen uns damit abfinden, auf diejenigen Schriftsteller zurückzugreifen, die zur Verfügung stehen.“ Da haben wir’s. Diese blödsinnige Zurschaustellung drittklassiger Autoren, die absolut nichts zu sagen haben, aber der NZZ gefallen, ist wahrhaft langweilig; ich kann mir kaum etwas Peinlicheres vorstellen als das. Die ausländischen Gäste werden sich ihren Teil denken und sich besorgt fragen, woher wohl diese generelle Langweile herkommen mag, und sie werden sich zudem verwundert fragen, wo denn die guten, die interessanten und die kurzweiligen Schriftsteller dieses Landes geblieben sind. Nun, sie kennen halt die politische Einfallslosigkeit Opportuniens und seiner Meinungsträger nicht, und sie kennen auch die politische Intoleranz nicht, die vorherrscht, und von der politischen Kleinlichkeit, die in diesem Land Gang und Gäbe ist, können sie sich auch keine Vorstellung machen. Noch bestimmen die Freisinnigen, was in diesem Land Literatur ist, und nur deshalb macht sich diese erschreckende Ödnis breit, diese geistige Wüste, dieser kulturelle Kahlschlag. Nie mehr werde ich hingehen, und auch einladen lasse ich mich nie mehr nach Solothurn! Das ist beschlossene Sache.

27.05.2001

Sehr heißer Tag, gegen 30 Grad, wie im Hochsommer.

28.05.2001

Die Zahnarzthelferin bei meinem Zahnarzt ist offenbar die Mutter einer ehemaligen Schülerin. Sie spricht mich darauf an, aber ich kann mich nicht mehr an diese ehemalige Schülerin erinnern, das ist mir peinlich. Ich kann mich überhaupt nicht mehr an Schüler erinnern, auch nicht an angenehme. Das sage ich ihr natürlich nicht; ich tue aus reiner Verlegenheit so, als ob ich mich an ihre Tochter sehr gut erinnern könne, ich lache und nicke, als ob mir der Name ihrer Tochter sehr geläufig sei und als ob ich Tag und Nacht an sie denke.

29.05.2001

Heute ein ruhigerer Tag. Steuern bezahlt. Mit der Steuerrechnung wurden umfangreiche Erklärungen mitgeliefert, aber die sind für mich ziemlich unverständlich, genau so unverständlich wie die hohen Steuerbeträge. Das Einzige, was der gewöhnliche Bürger versteht: Bezahlen muss er, so oder so, und zwar alles. Unverschämt, dass man sich dem zahlenden Bürger gegenüber einer derart unverständlichen Amtssprache befleißigt. Ich nehme an, dass dies mit Absicht geschieht. Niemand soll die Steuerrechnung verstehen können; niemand soll etwas vom Steuerrecht verstehen dürfen. Der Bürger soll mit Nachdruck den Eindruck haben, dass er eigentlich viel zu blöd für solcherlei sei. Er soll blechen, und nichts anderes, widerspruchslos bezahlen und gefälligst schweigen. Schliesslich will man den Steuerzahler so richtig übers Ohr hauen, und sonst nichts. Dies ist das innerste Wesen der bernischen Steuerpolitik.

Eine Fahrt nach Ste.Ursanne durch die Gorges du Pichoux und zurück über Soubay. Strahlend heißes Wetter, hier unten in Furz ist es schon fast unerträglich heiß (31°C). Jedenfalls sehr ungewöhnlich für einen Mai.

Warum habe ich an den Handinnenflächen oft diese Schwellungen? Manchmal muss ich mühsam den Ehering abstreifen, weil er mich schmerzt. Dann dieses Jucken ständig, seitlich an den Fingern. Diese winzigen, juckenden Bläschen, eine Allergie? Ich glaube zudem, ich habe im Schwimmbad Worben einen Fußpilz aufgelesen. Rötungen am Handgelenk. Hautpilz an der Brust. Angeblich Hefepilz, wenn ich das richtig verstanden habe. Alles ärgerlicher Kleinkram. Und diese unreine Haut überall, und all die Warzen! Bald einmal werde ich überall am ganzen Körper Warzen haben; ich habe sogar eine auf der Nase. Es ist wie ein schlechter Witz.

Manchmal habe ich Rückfälle, wie eben auf dem Töff. Dachte an die Schule zurück, an all die Leute, die mir das Leben schwer gemacht haben. Dachte an Rache. Alles Kacke. Alles Unsinn. Ich bin gar kein Lehrer. Ich bin Maler. Ich bin Schriftsteller. Wenn ich gefragt werde, was ich bin, werde ich

a) grundsätzlich nichts sagen. Ich gebe keine Auskünfte mehr über mich.

b) werde ich sagen, ich sei ein pensionierter Lehrer. Das sage ich den Behörden. Und allenfalls

c) werde ich, falls ich Lust dazu habe, sagen: Ich bin Landschaftsmaler und Schriftsteller. Aber nur in Ausnahmefällen.

Ich werde auf die Frage: Wie geht’s? zukünftig gar nicht mehr antworten. Ich empfinde gerade diese banale Frage als zu indiskret und zu plump. Denn schlimmer als jetzt kann es eigentlich gar nicht mehr werden, finde ich wieder einmal. Und auf die Frage „Schribsch?“ werde ich überhaupt nie mehr antworten.

30.05.2001

Ich weiß nicht, warum ich von der Lehrerversicherungskasse neuerdings ständig Beitragsabrechnungen erhalte. Heute schon wieder, und wieder ist es das gleiche. Es ist, als wolle man mir vorsorglich einhämmern, was ich habe und was mir zustehe, ohne dass ich diese Zahlen und diese Zusammenstellungen durchschaue und begreife. Ich weiß nicht einmal, was sie bedeuten. Erklärungen gibt es keine dazu. Und wenn es denn welche gäbe, ich würde sie bestimmt nicht lesen und verstehen wollen.

Was habe ich gelesen? Die Groupe mutuel erhöht ihre Prämien um 10%, mit der Begründung, die Welschen seien halt teurer im Unterhalt als die Deutschschweizer. Ich kann mich bereits fragen, ob ich die Krankenkasse einfach belassen soll. Im Endeffekt kommt’s eh aufs Gleiche heraus. Das kenne ich doch? Das muss ich mir im Herbst noch einmal genau ansehen. Wechselt man von einer teuren zu einer billigen, wird die billige bald teurer sein als die teure gewesen ist, usw. Ein öffentlicher Beschiss, eine gigantische, offene Abzocke einer ganzen Bevölkerung.

Wie befinde ich mich? Ich denke wenig an mich selber. Zuweilen fallen mir die Schule und all die Leute dort unangenehm ein, und manchmal erinnere ich mich an meine Situation, die im Hintergrund langsam, still und leise abläuft. Letzten Herbst hätte ich mir überhaupt nicht vorstellen können, wie ich mich Ende Mai befinden werde. Die Gelassenheit hat deutlich zugenommen, was mich betrifft. Es ist mir ziemlich gleich, was meinetwegen passiert und was noch alles passieren wird. So ruhig ich mich fühle, so ruhig bin ich auch. Das ist gut zu fühlen, und das hätte ich nie gedacht. Gedacht habe ich, dass die Nervosität zunehmen wird, aber das ist überhaupt nicht der Fall. Möglich, dass ich allmählich Distanz gewinne, und wenn das so ist, dann ist es gut. Ich bin etwas beunruhigt über meinen Gesundheitszustand. Ich meine nicht den psychischen, da habe ich immer weniger Bedenken, sondern den physischen. Wieder einmal meldet sich zum Beispiel die linke Hodenseite. Leichte Schmerzen. Ich habe jeweils gewartet, bis sie vorbei sind, und nach einiger Zeit waren sie jeweils vorbei. Diese Scheißhoden. Ich brauche sie ja gar nicht mehr.

Ich denke viel und gerne ans Schreiben, und das ziemlich oft und intensiv. Und ich frage mich, warum mein Sexualtrieb praktisch ausgelöscht ist. Nicht weniger denke ich an die Unannehmlichkeiten eines kleineren Budgets. Mit Fünftausend kommt keiner weit. Die Annahme ist aber, dass man auch damit leben kann und leben muss, und ich gehe davon aus, dass ich durch den Umstand, nie mehr zur Schule gehen zu müssen, in Sachen Lebensqualität einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht habe. Immerhin habe ich mehr, als wenn ich mein Arbeitspensum auf 50% reduziert hätte, was wahrscheinlich spätestens ab 60 unumgänglich geworden wäre, um überhaupt weiterleben zu können und was mir M. immer wieder vorgeschlagen hat. So aber lebe ich jetzt weiter, ohne dass ich jemals wieder in Kontakt mit der Schule geraten werde, und das ist außerordentlich erfreulich. Insgesamt gesehen fühle ich mich jedoch recht gut. Ich glaube, das ist ein normaler Zustand in meinem Fall. Was deutlich wegfällt, ist die Ratlosigkeit, in der ich letzten Herbst gesteckt habe. Dadurch, dass ich in etwa weiß, was noch alles geschehen wird, nehme ich die Dinge gelassener. Gelassenheit bis hin zur Gleichgültigkeit prägt momentan mein Wesen. Das ist für mich absolut ungewöhnlich und recht eigentlich neu. Selbst ein Brief von der Lehrerversicherungskasse bringt mich nicht mehr aus dem Häuschen. Briefe von der Schule habe ich ja keine mehr erhalten, und wenn, dann gingen die ungeöffnet in den Schul-Ordner. Dort werden sie auf Jahre hinaus konserviert werden, bis sie mumifiziert sind. Tatsächlich bin ich immer beschäftigt, so dass gar nie Langeweile aufkommt. Nur die Lektüre ist mir ausgegangen, und ich habe keine Lust, auf zweitklassige Bücher zurückzugreifen. Ich denke, ich lerne allmählich, den Dingen ihren Lauf zu lassen und mir nicht unnötig den Kopf über Sachen zu zerbrechen, die ich ja doch nicht ändern kann. Das Einzige, was ich wirklich gerne vermeiden möchte, ist die Begegnung mit Leuten aus der Schule. Mir graut, wenn ich daran denke. Nun ist es aber so, dass ich auch bis anhin kaum jemanden angetroffen habe, und so wird es im Großen und Ganzen bleiben, nehme ich mal an. Glücklicherweise verteilen sich auch in dieser kleinen Stadt die Leute so überraschend weithin und weitläufig, dass man sie kaum jemals zufällig zu Gesicht bekommt, wenn man nichts mehr mit ihnen zu tun hat, oder anders gesagt: Die Stadt scheint groß genug zu sein, dass das Leben recht anonym ablaufen kann. Welche Wohltat für mich!

31.05.2001

Ich glaube, 5’000 Franken im Monat bedeuten, dass ich mir den Töff endgültig abschminken kann. Ich werde ihn im Herbst stilllegen. Den Roller werde ich auf jeden Fall verkaufen. Dies wird sich wohl dann einstellen, wenn ich die Steuerraten nicht mehr bezahlen kann. Eigentlich sollte ich auch das Auto stilllegen, aber das brauchen wir doch noch ab und zu. All diese Maßnahmen sind geeignet, die Umstellung zu bewältigen. Diese Umstellung wird einschneidender sein, als ich mir jetzt vorstellen kann. Tut aber nichts zur Sache, denn es ist ja so, dass viele meiner Gewohnheiten, die sich im Laufe der Jahre herausgebildet haben, so oder so überflüssig werden, weil sie oft den Charakter einer Flucht hatten: Flucht vor der Schule, wovor denn sonst? Dazu kann ich auch den Töff zählen, denn vielfach war es so, dass ich nach der Schule wie in Panik auf den Töff gestiegen und weggefahren bin, nur um Distanz zum Horror der Schule zu bekommen. Die Schule hat derart auf mir gelastet, dass ich sprichwörtlich erdrückt worden wäre, wenn ich mich nicht im letzten Moment herausgerissen und davongemacht hätte. So gesehen ist es verständlich, dass ich mich jetzt in der Lage sehe, endlich diesen unmenschlichen Druck losgeworden zu sein; somit ergibt sich eine neue, durchaus ungewohnte Ausgangslage: Der Terror der täglichen Erwerbsarbeit fällt weg. Die Folge davon ist, dass sich mein ganzer Tagesablauf und somit auch gleich mein ganzes Leben neu konzipieren lässt, und ich betrachte dies als eine unwiederbringliche Chance. Allein wenn ich zusammenzähle, was ich täglich für Zigaretten, Zeitungen, Zeitschriften, Kaffee und Getränke ausgebe, ergeben sich locker 30 bis 40 Franken, die einen Betrag ausmachen, der einfach so wegfließt, und zwar während sieben Tagen in der Woche. Ich will damit aufhören, denn so lassen sich auf einfache Weise monatlich an die tausend Franken (oder eher mehr) einsparen. Das ist doch überraschend?

Ein starkes Gewitter hat sich heute Morgen über Furz entladen. Auch jetzt noch ist es ziemlich finster. Ich wollte eigentlich mit dem Velo die Brötchen einkaufen gehen, aber es sieht nicht so aus, als ob der Regen nachlassen würde. Endlich wieder mal Regen, nach so vielen Tagen heißesten Wetters. Ich habe die Zahnarztrechnung bereits erhalten, zwei Tage nach der Behandlung. Das geht unerwartet schnell. Vielleicht hat der Zahnarzt bereits Schiss, ich könnte seine Rechung nicht mehr begleichen. 200 Franken für eine Plombe. Zum Glück musste er auf dem ruinösen Backenzahn noch nicht eine Krone montieren.

Der Müllmann P., den ich schon lange kenne, Vater eines ehemaligen Schülers, ein freundlicher, besonnener Mann, der mich schon mehrere Male auf die Schulreise begleitet hat, hat mich vom Kehrrichtwagen herunter wie immer in seiner derben Art geneckt: „So, Ferien?“ Darauf habe ich ihm mittels einer Handbewegung zu verstehen gegeben, dass „Schule fertig“ sei. Er hat erschocken gefragt: „Schon, äh, ...? Doch nicht etwa ...? Oder doch nicht schon etwa?“ „Wir werden sehen“, habe ich ihm geantwortet. „Wie lange warst du jetzt bei uns?“ fragte er, sichtlich erschrocken. („bei uns“, hat er gesagt!) „30 Jahre“, habe ich geantwortet.

Und in der Coop hat mich der ehemalige Schüler D. gegrüßt und mir die Hand gereicht. Er wollte zudem wissen, wie es mir gehe. „Gut“, habe ich gesagt. D. war ein Schüler, der nie gelacht hat. Er hatte nichts zu lachen. Vielleicht ist es so, dass ich mich mit den einfachen Leuten besser verstehe als mit anderen. Am schlimmsten ist erfahrungsgemäß der Mittelstand in seiner umfassenden Verlogenheit, Verdorbenheit, Hinterhältigkeit, Niedertracht und vorauseilenden Angepasstheit. Gerade dort häufen sich aus mir nicht ganz verständlichen Gründen sämtliche Vorurteile, jegliche Arroganz, alle Besserwisserei und ständige Kleinkrämerei, aber auch die besonders weit verbreitete Geheimniskrämerei, verbunden mit einer schreienden Mediokrität und gefährlichen Arglist (Prozesswut!) ganz besonders deutlich. Die Mittelklasse, wie sie leibt und lebt, richtig Scheiße, und zwar vom Anfang bis zum Ende. Wohl mit Abstand die widerwärtigste Sorte Leute überhaupt. Ich jedenfalls kenne nichts Widerlicheres, denn wenn die Unterschicht spinnt, kann man entschuldigend sagen, dass sie es nicht besser wisse. Doch wenn die Mittelschicht spinnt, dass tut sie dies eindeutig nur aus böser Absicht. Die Oberschicht spinnt sowieso, da kann man nichts machen. Die ist abgrundtief krank in Opportunien. Geistig längst tot. Hirntot. Zum Glück nur eine sehr kleine Minderheit. Wenn man aber weiß, dass die ganze Mittelschicht ganz grundsätzlich bösartig ist, dann kann man notdürftig mit ihr leben; man muss sich nur in Acht nehmen vor ihr. Doch der eigentliche gesellschaftliche Horror spielt sich heute indessen am oberen Rand und in der Mitte der Unterschicht ab, bei den Bünzlis, bei den Kleinbürgern, bei den Hinterwäldlern und den Füdlibürgern. Dort sitzt der Wurm tief drin. Dort sollte man besser nicht intervenieren, denn dort sitzt der braune Mob in der braunen Sauce. In der Hüsliwelt. Auf dem Lande. In den Dörfern. In der Postkartenidylle. Im typischen Vorzeigeopportunien, dort, wo Gott hockt und hickt und hackt.

Ich glaube, dass mein Fahrplan gar nicht schlecht ist: Er sieht vor, dass ich im Herbst fürs Schreiben bereit sein werde. Ich weiß zwar noch nicht genau, was ich mir davon verspreche, denn allen Ernstes können mich doch wirtschaftliche Gründe nicht wirklich antreiben, obschon gerade die angebracht wären, nicht in Bezug auf die Literatur zwar, aber ich hätte allen Grund, mir etwas Lukratives, etwas Einträgliches auszudenken. Dazu neige ich allerdings nicht sonderlich. Wenn ich mir vorstelle, mich wieder in die Abhängigkeit eines Arbeitnehmers begeben zu müssen, graut mir rundweg, grundsätzlich und grenzenlos, sei dieser Arbeitgeber nun privat oder staatlich. Ich glaube überhaupt nicht, dass ich das noch je einmal schaffen würde, und ich verstehe jetzt die Leute, die wirklich alles unternehmen, um sich ihre kostbare Freiheit und teure Unabhängigkeit zu bewahren, so gut es eben geht, denn sie wissen, dass auch ein Arbeitnehmer nicht frei ist; das ist er übrigens nie gewesen, denn ein Arbeitnehmer lebt seit jeher in doppelter Knechtschaft: Als Arbeitnehmer und als Mieter. Er kann nicht einmal selber bestimmen, wann er sich morgens aus den Laken wühlt. Und er darf sich politisch nicht betätigen, denn sonst ist er schnell mal erledigt. So, wie die Dinge liegen, werde ich es wohl vorziehen, ein Leben in Bescheidenheit und dafür in Unabhängigkeit zu leben, als all den Stress, die Hektik und die krank machenden Entwürdigungen noch einmal auf mich zu nehmen. Ich glaube, die Zeit dafür ist bei mir endgültig abgelaufen. Dann lieber aufs Motorradfahren verzichten, würde ich mal leichthin sagen.

Was mir aufgefallen ist: Ich blättere die Zeitungen, die ich kaufe, rasend schnell durch, ohne mir überhaupt noch die Mühe zu nehmen, die einzelnen Artikel zumindest zu überfliegen. Er reicht gerade noch knapp für die Überschriften und die Leads. Das hat wirklich keinen Sinn mehr. Zudem stelle ich ernüchtert fest, dass es mich kaum noch interessiert, was in den Zeitungen steht, nachdem ich mich Jahrzehnte lang mittels Zeitungslektüre informiert habe. Das Thema scheint irgendwie abgeschlossen zu sein. Opportunistische Themen öden mich geradezu an. Die früheren Zeiten, da mich zumindest kulturelle Themen noch einigermaßen zu fesseln vermochten, sind endgültig vorbei, zumal die Kultur bei allen Sparübungen als Erstes zum Opfer gefallen ist. Was also das diesbezüglich heute erschreckend magere, mickerige, schwindsüchtige kulturelle Angebot betrifft: Mangels interessanter Auseinandersetzungen und wegen des beschränkten Angebots ist es für mich völlig uninteressant geworden, was in den Tageszeitungen steht – oder nicht steht. Die kulturellen Leistungen, die ich suche, muss ich mir eben selber und anderswo suchen. Was hier in Opportunien allenfalls in der Öffentlichkeit kulturell noch abgeht, ist garantiert tödlich langweilig, wenn auch stets politisch korrekt, und was die schöne Literatur betrifft: Ich glaube nicht, dass ich mich noch zur Opportunistenliteratur zählen möchte. Dieselbe befindet sich heute in dem lamentablen Zustand der Unterwerfung, der Korruption und der voreiligen Anpassung, den sie übrigens durchaus verdient. Sie verbichselt, habe ich irgendwo gelesen. Sie versteinert, wollen wir noch boshaft hinzufügen.

Ich will mich literarisch auf europäischem Niveau bewegen, darunter mache ich es nicht. Und zudem: Ich produziere ganz bewusst deutschsprachige Literatur, daran werde ich vermehrt festhalten. Ich verstehe jetzt Gottfried Keller besser: Er hat sich immer als einen deutschen Schriftsteller gehalten. Ich glaube, dass heute diese einschränkenden, nationalistischen Etiketten wieder vorbei sind, ganz besonders im kulturellen Bereich, ebenso die lokale Identifikation, wie sie damals, als ich noch ein Kind war, Grass gefordert hatte, eine Identifikation übrigens, die längst austauschbar geworden ist und die heute nur noch die eiserne Voraussetzung für jeden billigen TV-Krimi ist. Was ich will: Deutschsprachige Literatur auf europäischem Niveau herstellen. Der Nationalismus ist nichts als ein bleischweres Denk-Modell des 19. Jahrhunderts, und die Schriftsteller auf ihrer Nationalität, also auf ihrer nationalen Zugehörigkeit, allenfalls auf ihre nationale Herkunft zu behaften und zu beschränken, ist eine totalitäre Attitüde. Literatur ist keine Sportveranstaltung mit Nationalmannschaften in farbigen Nationaltrikots. Ich glaube, davon muss der geneigte Schriftsteller wegkommen, um vernünftig arbeiten zu können, und die meisten tun es auch, soweit ich dies erkennen kann. Andernfalls würden sie sich ja nur lächerlich machen. Ich kenne nur ganz wenige Schriftsteller, die heute noch darauf beharren, opportunistische Schriftsteller zu sein, warum auch immer – und sie sind selber schuld. Ich lasse mich als Schriftsteller also nie mehr auf meine absolut zufällige und völlig bedeutungslose Nationalität behaften.

Ein interessanter Traum während des Mittagsschlafes: Plötzlich stellte ich fest, dass ich ins Schulhaus zurückgekehrt war; ich war verblüfft. Was sollte ich hier? Ach ja, ich hatte eine schwarze Lederjacke in der Hand, die nicht mir, sondern aus unerfindlichen Gründen der Schule gehörte, die wollte ich offenbar zurückbringen. Das Schulhaus sah aber ganz anders aus, viel älter. Die Treppen hatte dicke, gedrechselte Holzgeländer, und es standen einige Handwerker herum, aus deren Gesprächen ich entnahm, dass das Lehrerzimmer umgebaut werden soll. „Dafür haben sie Geld“, hörte ich einen sagen. Ich aber, erschrocken in der unverständlichen Annahme, jemand könnte mich sehen, flüchtete ins düstere Unterschoß, wo ich beschloss, die Jacke einfach zu behalten und möglichst unerkannt zu entkommen. Mir fiel ein, dass ja Mittwochnachmittag ist und sich demzufolge kaum jemand im Hause befinden würde, aber ich wollte trotzdem so schnell wie möglich entkommen, denn wiederum wusste ich nicht mehr, welche Schnapsidee mich hergebracht hatte.

Dann aber fand ich den Weg nicht mehr hinaus. Ich kletterte mühsam über diese schweren Holzgeländer, denn die Treppenhäuser führten nirgendwo hin. Draußen, auf dem Pausenplatz, lehnte sich einer der S.-Brüder ans Fahrrad und blickte angestrengt weg, als ob er mich nicht gesehen hätte. „Das sieht mir schwer nach schlechtem Gewissen aus“, dachte ich im Traum, „vielleicht hat ja dieser kleine Scheißer all den Unfug über mich verbreitet, obschon ich damals dem kleinen Stinker sogar ins Gymnasium verholfen und ihm somit seinen sozialen Aufstieg ermöglicht habe.“

Dr. B. geht mit Recht davon aus, dass ihm seine Patienten selber etwas erzählen wollen müssen oder müssen wollen; er selber reißt das Gespräch nie an sich. Nie stellt er eine Eingangsfrage, nie fängt er ein Gespräch von sich aus an. Er wartet einfach. Das mag klug sein, das mag aber auch einfach so sein, das mag auch etwas billig und bequem sein; für den Patienten ist es indessen etwas unangenehm und wirkt auf die Dauer ziemlich angestrengt. Ich erwarte zum Beispiel, dass mir die Initiative abgenommen wird. Deshalb bin ich jetzt soweit, dass ich gar nichts mehr sage, wenn ich bei ihm im bequemen, schwarzen Ledersessel sitze. Ich nehme an, dass Dr. B. etwas enttäuscht von mir ist, aber das kratzt mich nicht: Ich fühle mich weder verantwortlich für seine Gefühle mir gegenüber, noch zuständig für selbige.

01.06.2001

Jetzt haben wir schon Juni. M. hat mich gefragt, wann ich denn endlich Bescheid kriege, und ich antwortete: „Wahrscheinlich im Verlaufe des Monats Juni.“ Das vermute ich nur, weiß es aber nicht. Möglich, dass es gar nicht im Juni geschehen wird, sondern vielleicht erst im Juli oder im August. Oder erst im nächsten Jahr? Oder erst in fünf Jahren? Vielleicht bin ich völlig neben den Schuhen? Völlig desinformiert? Völlig deplatziert? Vielleicht bin ich der Einzige weit und breit, der überhaupt keine Ahnung hat? Vielleicht fragen sich die Leute: „Wie ist es möglich, dass diese Schnapsnase so ahnungslos herumläuft?“

Könnte es sein, dass sie es nur deshalb spannend machen wollen, um mich im letzten Moment doch noch weichzuklopfen und flachzukriegen – oder wenigstens den Versuch machen oder auch nur den Anschein erwecken? Der Weg ist für mich indessen klar: Wenn es ab August nicht rund läuft, gehe ich aufs Arbeitsamt und melde meine Arbeitslosigkeit an. Was muss ich dort erzählen? Ganz einfach: Krankheitsurlaub abgelaufen, Arbeitsplatz abgelaufen, alles abgelaufen. Sicher ist: Sie werden mich nie mehr zurück in eine Schule kriegen. Nie mehr. Vielleicht ist ja auch die Lehrerversicherungskasse im Juli in den Ferien? Plötzlich könnte es heißen: „Im Moment ist niemand zuständig.“ Obschon gerade sie von einer „lückenlosen Absicherung Ihrer Ansprüche“ geschrieben hat. Das sollte, wenn ich das richtig verstehe, doch eigentlich bedeuten, dass sie darauf bedacht sind, dass eben keine Finanzlücke entstehen kann? Natürlich möchte auch ich, dass keine Beitragslücke entsteht, aber ganz sicher bin ich nicht. Die Betroffenen werden ja immer zuletzt gefragt; die sind eindeutig der unbedeutendste Teil des Ganzen. Doch es ist heute nicht mehr so, dass ich deswegen gleich in Panik geriete wie früher. Nur die bitterböse Erinnerung an die Schule verfolgt mich leider immer noch auf Schritt und Tritt. Heute bin ich damit aufgewacht. Es muss wohl noch eine Menge Gras wachsen und Gas entweichen, bis ich nicht mehr daran denken muss. Gegenwärtig kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ich das alles jemals vergessen könnte, denn zur Erinnerung an die Schule gehören vor allem die Erinnerung an die üblen Intrigen, an all die Bösartigkeiten, an all die Hinterhältigkeiten und an all die üblen Manöver; das war ein richtiges Intrigen-Gewimmel, ein Intrigen-Sumpf. Schüler – Eltern – Schulleitung – Schulkommission – Elternrat – Schulinspektorat: eine unheimliche Allianz der Perfidie, der Lüge, der Verleumdung, der Niedertracht, der üblen Nachrede und der blanken Lust am Vernichten. Mein untrügliches Gefühl dabei: Man wollte mich bewusst vernichten, und zwar durchaus auch physisch. Das ist der fundamentale Motor des ganzen Geschehens gewesen. „Vernichten!“ Der Lieblingsbegriff der ganzen Saubande! Dahinter stecken nicht nur politische Motive, dahinter steckt auch ein gerüttelt Maß Psychopathie, gerade von Seiten der Schulleitung.

Ich möchte wirklich gerne mal zurückverfolgen können, woher all die Intrigen wirklich kommen. Vom hinterlistigen L.? Von R.? Von der intrigenreichen Frau D.? Von der abgefeimten Frau R.? Oder sind es gleich mehrere Quellen zusammen, die harmonisch zusammengespielt haben, die fugen- und lückenlos ineinandergegriffen haben? Sind die Quellen außerhalb der Schule zu suchen? Im furzer Rechtsaußenmilieu? Bei den furzer Neonazis? Oder in der Landesverteidigung? Bei der Bundesanwaltschaft? Im Geheimdienstbereich? Oder doch nur bei den Sozialdemokraten? Zwar kann ich getrost mit bis zu 90%iger Sicherheit annehmen, dass dahinter bloß Rechthaberei und Vorteilshuberei all der Kleingeister stecken, mit denen ich es leider allzu lange zu tun hatte, wie auch Freund P. annimmt, aber ich bin mir da nicht ganz sicher. Ich traue diesem verdorbenen Staat und dieser verrotteten Gesellschaft mittlerweile alles zu, wirklich alles, jede Gemeinheit, jede Hinterhältigkeit und jede Bösartigkeit. Aber ich möchte, dass mich all diese Dinge endlich nicht mehr beschäftigen, denn das unproduktive Thema bin ich natürlich längst leid. Aber es lässt sich, wie man sieht, gar nicht so leicht abschütteln, und es wird, so nehme ich an, mindestens noch ein Jahr brauchen, wenn nicht zwei oder zehn, um mich endgültig davon zu befreien. Was ich möchte: Ich möchte mich ohne Vorbehalte der Literatur widmen können, und zwar meiner eigenen Literatur. Das ist wirklich das einzige, womit ich mich beschäftigen möchte. Das werde ich machen, ohne jemand um Erlaubnis zu fragen. Und ich werde das bestimmt hinkriegen; erstmals in meinem Leben bin ich ganz nahe dran. Ich werde die Geduld nicht verlieren, denn ich habe jetzt gelernt, warten zu können. Ich kann warten, o ja, und wie! Ich kann jetzt jahrelang warten, wenn’s sein muss!

Ganz bewusst lese ich nie nach, was ich in diesem Journal geschrieben habe, ich blättere nie zurück, wenn man dies bei einem elektronischen Medium überhaupt noch sagen kann. Ich nehme aber mit einer gewissen Sicherheit an, dass ich heute weniger Käse zusammenschreibe als vorher, das heißt, weniger Streichmaterial als ganz am Anfang meines Schreibens. Stimmt das? Ich gehe davon aus, dass ich besonders zu Beginn, also im letzten Herbst, viel Stuss notiert haben muss. Ich kann mir gut vorstellen, dass damals mein akuter Erklärungsnotstand zu einem unglaublichen Durcheinander geführt hat. Im Nachhinein