Im Wasser sind wir schwerelos

Über Tomasz Jedrowski

Foto: © Tomasz Jedrowski

Tomasz Jedrowski, als Kind polnischer Eltern in Westdeuschland aufgewachsen, studierte Jura in Cambridge und an der Université de Paris. Nach Jahren in Großbritannien und Polen lebt er nun bei Paris. Im Wasser sind wir schwerelos ist sein Debütroman, der in Großbritannien von der Kritik gefeiert und vom GUARDIAN zum Buch des Jahres ernannt wurde.

 

Die Übersetzerin

Brigitte Jakobeit, geb. 1955, übersetzt Literatur aus dem Englischen, u.a. Werke von William Trevor, Celeste Ng, Paula Fox, Valeria Luiselli und die Autobiographien von Miles Davis. 2018 wurde sie mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet.

 

Alfred Jarry, König Ubu

 

 

Wszystko mija, nawet najdłuższa żmija.

Alles geht vorbei, auch die längste Viper.

 

Stanisław Jerzy Lec, Unfrisierte Gedanken

Ich weiß nicht, wovon ich heute Nacht wach wurde. Nicht vom Ast der Kastanie, der gegen mein Fenster schlug, und auch nicht von Pani Koleckas Husten im Zimmer nebenan. Nicht mehr. Vielleicht waren es die Geister dieser Geräusche, aufgewirbelt vom Wind und über den Ozean getragen, um an mein Bewusstsein zu klopfen. Vielleicht. Sicher weiß ich nur: Mein Körper ist ausgelaugt wie ein fremdes Land nach einem Krieg. Und dennoch kann ich nicht mehr einschlafen.

Ich denke an dich. An das Gesicht, das mein Gedächtnis heraufbeschwören kann, mit seinen groben Konturen und zarten Details, mit den graublauen Augen, derselben Farbe wie die Ostsee im Winter. Ich denke an dein Gesicht, während ich aufstehe und in der Dunkelheit vom Bett zum Fenster gehe, die auf dem Boden herumliegenden Kleider wie unfertige Gedanken. Dann fällt mir der gestrige Abend ein, und ein eiskalter Schauer lässt mich wie angewurzelt innehalten. Das Radio lief, eine Musiksendung wie jeden Tag nach der Arbeit: Irgendetwas Leichtes wurde gespielt, ich erinnere mich nicht mehr, was. Ich stand in der Küche und suchte nach dem Kaffee, als die Musik aufhörte.

»Wir unterbrechen die Sendung wegen einer Sondermeldung«, sagte die Moderatorin mit ihrer schönen, weichen Stimme.

Die Musik setzte wieder ein.

Ich kann dir nicht annähernd sagen, wie mir in diesem Moment zumute war. Es war die reinste Form von Lähmung. Vermutlich hat mein Körper abgeschaltet, bevor mein Verstand reagieren konnte. Keine Ahnung, wie ich ins Bett kam.

Ich zünde mir eine Zigarette am Fenster an. Die Straße draußen ist leer, der nächtliche Regen schimmert auf dem Asphalt und spiegelt die zweistöckigen Häuser und flackernden Neonreklamen. »24 hours«, verspricht der Hamburger-Laden ein Stück weiter unten. »Wanda’s Greenpoint Convenience«, flüstert rot-weiß ein anderes Schild. In der Ferne heulen Polizeisirenen. Bizarrerweise klingen sie genauso wie zu Hause. Sobald ich eine höre, richten sich die Haare auf meinem Unterarm auf. Die Sirenen erinnern mich an die Nacht, als derselbe schrille Ton die Luft einer weit entfernten Stadt zerriss. Bevor diese Stadt ein Schemen wurde, ein kurzes Thema in den Nachrichten. Bevor die Einsamkeit mich umhüllte wie nachtblauer Teer.

Ich weiß nicht, ob ich möchte, dass du all das irgendwann liest, aber ich weiß, dass ich es aufschreiben muss. Weil du schon zu lange in meinen Gedanken bist. Seit jenem Tag vor zwölf Monaten, als ich in ein Flugzeug stieg und durch die

Am besten beginne ich mit dem Anfang – oder zumindest mit dem, was ich dafür halte. Inzwischen ist mir klar, dass wir nie viel über unsere Vergangenheit gesprochen haben. Vielleicht hätte das manches geändert, vielleicht hätten wir uns dann besser verstanden, und alles wäre anders gekommen. Wer weiß das schon? Wie dem auch sei, wahrscheinlich habe ich dir nie von Beniek erzählt. Er kam ein Jahrzehnt vor dir. Ich war neun, genau wie er.

Ich kannte Beniek schon fast mein Leben lang. Er wohnte bei uns um die Ecke, in unserem Viertel in Breslau, das aus runden Straßen und dreistöckigen Wohnhäusern bestand, die aus der Luft gesehen einen riesigen Adler bildeten, das Symbol unseres Landes. Es gab Hecken und große Höfe mit einem kleinen Garten für jede Wohnung, kühle, dunkle Keller und staubige Dachböden. Noch keine zwanzig Jahre war es her, seit unsere Familien eingezogen waren, um hier zu leben. Auf unseren Briefkästen stand noch immer das deutsche Wort Briefe. Alle – die Leute, die vorher hier gelebt hatten, und die Leute, die sie ersetzten – hatten ihr altes Zuhause verlassen müssen. Von einem Tag auf den nächsten hatten sich auf dem ganzen Kontinent die Grenzen verschoben, waren neu gezogen worden wie die Kreidelinien bei unseren Himmel-und-Hölle-Spielen auf dem Gehsteig. Bei Kriegsende wurde der Osten Deutschlands zu Polen und der Osten Polens zur Sowjetunion. Omas Familie wurde gezwungen, ihr Land in der Nähe von Lemberg zu verlassen. Die Sowjets beschlagnahmten ihr Haus und karrten sie in denselben Viehwaggons weg, in denen man ein oder zwei Jahre zuvor die Juden in die Lager gebracht hatte. Sie landeten in Breslau, einer seit Jahrhunderten von Deutschen bewohnten Stadt, in einer Wohnung, gerade verlassen von einer Familie,

Auf den breiten, mit Bäumen und Bänken gesäumten Gehwegen spielten alle Kinder im Viertel zusammen. Wir spielten Fangen und Seilhüpfen mit den Mädchen, rannten schreiend durch die Innenhöfe und turnten an den Doppelstangen, die aussahen wie Rugby-Pfosten und an denen die Frauen Teppiche ausklopften. Wir wurden von den Erwachsenen ausgeschimpft und ergriffen die Flucht. Wir waren schmutzige Kinder. In Shorts, Kniestrümpfen und Hosenträgern rannten wir im Sommer durch die Straßen und in fadenscheinigen Wollmänteln, wenn im Herbst der Boden von Blättern bedeckt war, und wir rannten auch noch, wenn die Erde gefroren war, die Luft in unseren Lungen brannte und der Atem vor unseren Augen sich in kleine Wolken verwandelte. Im Frühling, am Śmigus-dyngus-Tag, kippten wir Eimer voll Wasser über jedes Mädchen, das nicht schnell genug entkommen konnte, und dann jagten und bespritzten wir uns gegenseitig und kamen bis auf die Knochen durchnässt nach Hause. Sonntags warfen wir mit Kieselsteinen auf die Milchflaschen, die oben auf den Fenstersimsen standen, wo niemand sie stehlen konnte, und wir rannten voller Angst weg, wenn eine Flasche zerbrach und die Milch in weißen Rinnsalen langsam wie Tränen über die verrußte Fassade floss.

Beniek gehörte zu dieser Kinderbande, er war einer der Kühneren. Ich glaube nicht, dass wir damals je miteinander sprachen, aber er fiel mir auf. Er war größer als die meisten von uns, irgendwie auch dunkler, mit langen Wimpern und einem rebellischen Blick. Und er war nett. Als wir einmal nach einem inzwischen längst vergessenen Streich vor einem Erwachsenen

»Alles in Ordnung?«

Beniek stand mit ausgestreckter Hand über mir. Ich ergriff sie und spürte die Kraft, mit der er mich auf die Füße zog.

»Danke«, murmelte ich, und er lächelte aufmunternd, bevor er wegrannte. Ich folgte ihm, so schnell ich konnte, und vergaß glücklich den Schmerz in meinem Knie.

Später ging Beniek auf eine andere Schule, und ich sah ihn nicht mehr. Aber vor unserer Erstkommunion trafen wir uns wieder.

Die Gemeindekirche war nur einen kurzen Fußweg von uns entfernt, hinter dem kleinen Park, wo wir wegen der Trunkenbolde nie spielten, und jenseits des Friedhofs, wo Mutter Jahre später begraben werden sollte. Wir gingen jeden Sonntag zur Kirche. Oma sagte, es gäbe Familien, die den Gottesdienst nur an Feiertagen oder nie besuchten, und ich beneidete die Kinder, die nicht so oft hingehen mussten wie ich.

Als der Kommunionsunterricht begann, trafen wir uns zweimal pro Woche in der Krypta. Die Stunden wurden von Pfarrer Klaszewski erteilt, einem Priester, der klein und alt, aber flink war und dessen blaue Augen fast jede Farbe verloren hatten. Meistens war er geduldig, hielt die Hände beim Sprechen vor seiner schwarzen Robe gefaltet und beobachtete uns mit seinen kleinen verwaschenen Augen. Aber manchmal explodierte er wegen einer dummen Kleinigkeit, wenn wir etwa schwatzten oder uns gegenseitig Grimassen schnitten; dann packte er einen von uns, scheinbar zufällig, am Ohr, riss mit seinem warmen Daumen und Zeigefinger fest am Läppchen, bis uns schwarz vor den Augen wurde und wir nur noch Sternchen

Dort sah ich Beniek wieder. Das überraschte mich, denn in der Kirche hatte ich ihn nie gesehen. Er hatte sich verändert. Der schlaksige Junge, an den ich mich erinnerte, verwandelte sich in einen Mann – dachte ich jedenfalls –, und obwohl wir erst neun waren, sah man die Männlichkeit in ihm bereits aufblühen: ein kräftiger Hals mit einer Andeutung von Adamsapfel; lange, muskulöse Beine, die aus den kurzen Hosen ragten, wenn wir im Kreis im Priesterzimmer saßen; sichtbare Muskeln unter der Haut; ein feiner Haarflaum, der über seinen Knien erschien. Seine schwarzen Locken waren noch genauso widerspenstig, und auch die dunklen, leicht schalkhaften Augen waren noch dieselben. Ich glaube, wir erkannten einander, auch wenn wir es nicht zeigten. Aber nach den ersten paar Treffen fingen wir an, miteinander zu reden. Ich weiß nicht mehr, worüber. Wie freundet man sich als Kind mit einem anderen Kind an? Vielleicht schlicht durch gemeinsame Interessen. Oder vielleicht gibt es etwas Tiefgründigeres, und alles, was man sagt und tut, wirkt wie ein unbeabsichtigter Code. Jedenfalls verstanden wir uns gut. Auf natürliche Weise. Und nach dem Bibelstudium an den Dienstag- und Donnerstagnachmittagen nahmen wir die Straßenbahn ins Stadtzentrum, fuhren vorbei am Zoo und seinem auf dem Eingangstor thronenden leuchtenden Löwen, vorbei an der Jahrhunderthalle mit ihrer Kuppel, erbaut von den Deutschen zum Jahrestag einer Begebenheit, um die kein Mensch sich mehr scherte. Wir überquerten die Eisenbrücken über der ruhigen braunen Oder. Unterwegs sahen wir viele leere Grundstücke, die Stadt glich einem Mund

Wir erzählten niemandem von unseren Ausflügen – unsere Eltern hätten sie nie erlaubt. Mutter hätte sich Sorgen gemacht: wegen der rotgesichtigen Veteranen, die mit ihren entblößten amputierten Gliedmaßen billigen Schmuck verkauften, wegen der »Perversen« – sie sprach das Wort aus, als handle es sich um eine gefährliche Schlange. Also stahlen wir uns heimlich davon und stellten uns vor, wir wären Piraten, die auf eigene Faust die Stadt erkundeten. Mit Beniek fühlte ich mich frei und beschützt. Wir gingen zu den Kiosken, fuhren mit den Fingern über die großen glatten Seiten teurer Zeitschriften, wiesen uns auf Dinge hin, die wir kaum begreifen konnten – asiatische Mönche, afrikanische Stammesangehörige, Klippenspringer aus Mexiko –, und staunten über die schiere Unermesslichkeit der Welt und die Farben, die unter den schwarz-weißen Seiten aufglommen.

Wir fingen an, uns auch an anderen Tagen nach der Schule zu treffen. Meistens gingen wir zu mir. Wir spielten Karten auf dem Fußboden meines winzigen Zimmers, gerade so breit wie ein Heizkörper, während Mutter bei der Arbeit war. Zwischendurch kam Oma und brachte uns Milch und mit Zucker bestreute Brote. Bei ihm waren wir nur einmal. Das Treppenhaus war genauso wie unseres, feucht und dunkel, aber es wirkte irgendwie kälter und schmutziger. Die Wohnung jedoch war anders – mehr Bücher und nirgendwo Kreuze. Wir saßen in Benieks Zimmer, das genauso klein wie meines war, und hörten uns Platten an, die ihm Verwandte aus dem Ausland geschickt hatten. Dort hörte ich zum ersten Mal die Beatles, die »Help!« und »I Want to Hold Your Hand« sangen und mich

Eines Abends, als meine Mutter von der Arbeit nach Hause kam, fragte ich sie, ob Beniek zu uns kommen und bei uns leben könnte. Ich wollte ihn wie einen Bruder immer um mich haben. Meine Mutter zog ihren langen Mantel aus und hängte ihn an den Haken neben der Tür. An ihrem Gesicht konnte ich ablesen, dass sie schlecht gelaunt war.

»Weißt du, Beniek ist anders als wir«, sagte sie abfällig. »Er könnte nie zu unserer Familie gehören.«

»Wie meinst du das?«, fragte ich verständnislos. Oma erschien mit einem Lappen in der Hand in der Küchentür.

»Hör auf, Gosia. Beniek ist ein guter Junge, und er geht zur Kommunion. Und jetzt kommt alle beide, das Essen wird langsam kalt.«

 

An einem Samstagnachmittag spielten Beniek und ich mit einigen anderen Kindern aus dem Viertel auf dem Platz vor unserem Haus Fangen. Ich weiß noch, dass es ein warmer,

 

Unser Kommunionsausflug nahte. Wir fuhren nach Norden, Richtung Zoppot. Es war ein Frühsommer, der jede Erinnerung an andere Jahreszeiten auslöschte, ein Sommer, wo Licht und Wärme einen randvoll ausfüllten. Wir fuhren mit dem Bus, etwa vierzig Kinder, in ein abgelegenes Schullandheim in der Nähe eines Waldes, hinter dem das Meer lag. Ich teilte mir ein Zimmer mit Beniek und zwei anderen Jungs, wir schliefen in Stockbetten, ich in der Koje über ihm. Wir machten Spaziergänge, sangen und beteten. Wir spielten Bibelspiele, die Pfarrer Klaszewski organisierte. Im Wald besuchten wir eine alte Holzkapelle, die versteckt zwischen Kieferhainen lag, und beteten mit Rosenkränzen wie eine Armee gehorsamer Engel.

An den Nachmittagen hatten wir frei. Beniek und ich gingen mit einigen anderen Jungs zum Strand und schwammen in der kalten, aufgewühlten Ostsee. Danach trockneten wir uns ab und ließen die anderen zurück. Wir kletterten auf Stranddünen und stapften durch ihre Mondlandschaften, bis wir eine perfekte Stelle fanden: hoch und verborgen wie der Krater eines schlafenden Vulkans. Dort rollten wir uns ein wie müde Störche nach einer Meeresüberquerung und schliefen mit dem sanften Sommerwind auf dem Rücken ein.

Am letzten Abend unseres Aufenthalts organisierten die Betreuer für uns eine Tanzveranstaltung, zur Feier unserer bevorstehenden Zeremonie. Der Speisesaal des Heims wurde in eine Art Disco umgewandelt. Es gab süßes Fruchtkompott und Salzstangen, die Musik kam aus einem Radio. Am Anfang waren wir alle schüchtern und fühlten uns ins Erwachsenendasein gedrängt. Die Jungs standen in Shorts und Kniestrümpfen

Beniek und ich tanzten in einer lockeren Gruppe mit den Jungs aus unserem Zimmer, als plötzlich ohne Vorwarnung die Lichter ausgingen. Draußen war die Dunkelheit bereits hereingebrochen und drängte nun in den Raum. Die Mädchen kreischten, während die Musik weiterlief. Ich war begeistert, wie berauscht von den Möglichkeiten, die die Dunkelheit bot, und in meinem Verstand wich eine mir unbekannte Barriere. Ich sah Benieks Silhouette neben mir, und das Bedürfnis, ihn zu küssen, schälte sich wie ein Wolf aus der Nacht. Zum ersten Mal wollte ich bewusst jemanden an mich ziehen. Das Verlangen überkam mich wie eine klare Botschaft aus meinem tiefsten Inneren, einem Ort, den ich noch nie gespürt hatte, aber sofort erkannte. Wie in Trance bewegte ich mich auf ihn zu. Sein Körper leistete keinen Widerstand, als ich ihn an mich zog und seine harten Knochen, mein Gesicht an seinem und seinen warmen Atem spürte. In dem Moment gingen die Lichter wieder an. Mit angsterfüllten Augen schauten wir uns an, weil wir wussten, dass die anderen um uns herumstanden und uns anstarrten. Wir lösten uns voneinander. Und obwohl wir weitertanzten, hörte ich die Musik nicht mehr. Vor meinem geistigen Auge sah ich ein Bild meines Lebens vor mir, das mich so verstörte, dass sich mir der Kopf drehte. Scham, die sich aus verborgenen Ängsten und Wünschen speiste, hatte schwer und lebendig Gestalt angenommen.

Am Abend lag ich im Dunkeln in meinem Bett über Beniek

Am nächsten Morgen zogen wir die Betten ab und packten unsere Sachen. Die Jungs unterhielten sich aufgeregt über die Disco, über die hübschesten Mädchen, über richtiges Essen zu Hause.

»Ich freu mich schon auf ein Omelett aus vier Eiern«, sagte ein pummeliger Junge.

Jemand schnitt ihm eine Grimasse. »Verfressener Igel!«

Alle lachten, auch Beniek, mit weit geöffnetem Mund, der seine Zähne entblößte. Ich konnte sogar sehen, wie seine Mandeln sich hinten im Rachen im Rhythmus seines Lachens bewegten. Doch die allgemeine Ausgelassenheit übertrug sich nicht auf mich. Ich hatte das Gefühl, als trennte mich eine Wand von den anderen Jungs, eine, die ich zuvor nicht gesehen hatte, die jetzt aber klar und unwiderruflich vorhanden war. Beniek suchte meinen Blick, aber ich drehte mich beschämt weg. Als wir in Breslau ankamen und unsere Eltern uns abholten, kam ich mir vor, als kehrte ich als ein anderer, verdorbener Mensch zurück, der nie wieder so sein könnte wie früher.

In der folgenden Woche hatten wir keine Bibelstunde mehr, und Mutter und Oma nähten mein weißes Gewand für die Feier fertig. Dann fingen sie an zu kochen und alles für den Besuch unserer Verwandten vorzubereiten. Im Haus herrschte

»Gehen wir rein, mein Lieber«, sagte Oma und drückte mir die Schulter. »Es fängt gleich an.«

»Aber Beniek …«

»Wahrscheinlich ist er schon drin«, sagte sie ernst. Ich wusste, dass sie log, und ließ mich von ihr an der Hand weiterziehen.

In der Kirche war es kühl, und die Orgel setzte ein,

Am nächsten Tag ging ich zu Beniek und klopfte mit zitternder Hand an seine Tür, meine Handflächen schwitzten, ich konnte nichts dagegen tun. Einen Augenblick später hörte ich Schritte auf der anderen Seite, dann wurde die Tür von einer Frau geöffnet, die ich noch nie gesehen hatte.

»Was ist?«, fragte sie unfreundlich. Sie war kräftig, ihr Gesicht sah aus wie zerknittertes Papier. Eine Zigarette hing an ihrer Unterlippe.

»Kannst du den Namen an der Tür nicht lesen?« Sie klopfte auf das kleine Quadrat neben der Klingel. »KOWALSKI« stand da in Großbuchstaben. »Diese Juden wohnen hier nicht mehr. Verstanden?« Es klang, als würde sie mit einem Hund schimpfen. »Und jetzt belästige uns nicht mehr, sonst verpasst dir mein Mann eine Tracht Prügel, die du nicht so schnell vergisst.« Dann machte sie mir die Tür vor der Nase zu.

Ich stand da, völlig sprachlos. Dann rannte ich Treppen hoch und runter, suchte an den Nachbartüren nach den Eisenszteins, klingelte überall und fragte mich, ob ich mich im Haus geirrt hatte.

»Sie sind weggezogen«, flüsterte eine Stimme durch eine halbgeöffnete Tür. Eine Frau, die ich aus der Kirche kannte.

»Wohin?«, fragte ich, und meine Verzweiflung setzte kurz aus.

Sie sah sich auf dem Treppenabsatz um, als wollte sie sich vergewissern, dass niemand mithörte. »Israel.« Das Wort war ein Flüstern und sagte mir nichts, aber sein ominöser wogender Klang beunruhigte mich trotzdem.

»Wann kommen sie zurück?«

Ihre Hände umklammerten die Tür, und sie schüttelte langsam den Kopf. »Such dir lieber einen anderen zum Spielen, Kleiner.« Sie nickte und schloss die Tür.

Ich stand in dem stillen Treppenhaus und spürte eine große Angst in mir aufsteigen, die mir die Kehle zuschnürte und in den Augen brannte. Tränen liefen mir über die Wangen wie geschmolzene Butter. Eine ganze Weile spürte ich nichts als ihre Hitze.

 

Wir waren zusammen in diesem Bus. In Warschau, 1980. Es war warm, Anfang Juni, der Sommer nach unseren Abschlussprüfungen. Und obwohl wir im selben Semester gewesen waren, kannten wir einander nicht. Du hattest nie Vorlesungen besucht, weil du es nicht musstest. Es hätte also gut sein können, dass wir uns nie begegnet wären.

Der Bus wartete auf weitere Ankömmlinge. Ich saß am Fenster, die orangeroten Wollvorhänge zum Schutz vor der Sonne zugezogen, und las erneut Quo Vadis. Mich interessierten weniger die religiösen Passagen als die Liebesgeschichte, die heldenhaften Wendungen, der Mut zum Widerspruch. So lebte ich damals – durch Bücher. Ich versank in ihren Geschichten, träumte nachts von den Figuren und stellte mir vor, ich wäre sie. Bücher waren mein Panzer gegen die harten Ränder der Realität. Wie einen Talisman nahm ich sie in meiner Tasche überallhin mit, weil sie für mich realer waren als die Menschen in meiner Umgebung, die sich verleugneten, wenn sie den Mund aufmachten, und sich der Wahrheit verschlossen, dazu bestimmt, dachte ich, nie etwas zu tun, das sich zu erzählen lohnte.

Ich zog den Vorhang beiseite und betrachtete mein Spiegelbild in der Scheibe. Es gab Tage, an denen mir gefiel, was

Langsam füllte sich der Bus, die Stimmung war aufgekratzt, beflügelt vom nahenden Sommer. Der Platz neben mir war leer, bis Karolina erschien und ihn in Beschlag nahm, mit ihrem breiten, leicht sarkastischen Grinsen im Gesicht.

»Bist du bereit, Bauer zu werden?«, fragte sie.

Ich legte das Buch in meinen Schoß. »Kann es kaum erwarten«, erwiderte ich mit gespielt todernster Miene.

Karolina warf lachend den Kopf zurück. »Und ich kann es kaum erwarten zu sehen, wie du dich auf allen vieren bei der Feldarbeit dreckig machst.«

Der Bus war inzwischen fast voll. Der Fahrer stieg ein, eine Zigarette zwischen den Lippen, und es ging los. Wir vibrierten im Rhythmus des brummenden Motors. Die Sonne schien auf mein Gesicht, und draußen ragte die Spitze von Warschaus Wahrzeichen – Stalins Kulturpalast – so hoch in den klaren blauen Himmel, dass man sich den Hals verrenken musste, um sie zu sehen. Ich war merkwürdig euphorisch. Ich hatte schon immer die Geste des Abschiednehmens gemocht, die Spanne zwischen Aufbruch und Ankunft, wenn man sich scheinbar im Nirgendwo befindet, von einem anderen Zeitgefühl bestimmt. Diese Busfahrt erinnerte mich an eine Reise, die vier Jahre zurücklag: den Tag, als ich zum ersten Mal allein im Zug nach Warschau fuhr, um mein altes Ich hinter mir zu lassen und in der Hauptstadt zu leben. Ich stand mit Oma am Bahnsteig, neben uns zwei große Koffer, und sie tupfte sich mit einem Taschentuch in der behandschuhten Hand die glänzenden Augen. Sie wollte nicht, dass ich ging, aber sie sagte nichts. Ich

 

Wir überquerten eine Brücke über die Weichsel. Die Bäume waren von einem klaren Grün und säumten die Ufer wie dichte Lockenschöpfe. Der süße Duft von Linden und Flieder hing in der Luft, farbenfroh und berauschend durchdrang er die Stadt. Die sandigen Ufer lagen verlassen da und verliehen der gesamten Böschung einen urwüchsigen Anschein. Wären hinter den dichten Baumwipfeln nicht die Dächer der grauen Wohnblocks gewesen, hätte man meinen können, dass hier nie eine Menschenseele gelebt hatte.

Ich wandte mich wieder Karolina zu. Sie rauchte, ihre breiten, korallenrot bemalten Lippen hinterließen einen Abdruck auf dem Filter. Ich kann mich nicht entsinnen, sie je ohne diesen Lippenstift gesehen zu haben oder ohne die dunkelblonde Ponyfrisur, die ihre unruhigen Augen umrahmte.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie und schaute mich von der Seite an. Ich nickte und musste unwillkürlich lächeln. Ich war froh, sie bei mir zu haben. Wir hatten uns im ersten Studienjahr kennengelernt, seitdem war sie für mich wie eine Schwester geworden. Von ihr hatte ich fast alles gelernt, was mir wichtig

»Ich bitte dich«, sagte sie oft und zog die Brauen zusammen, wenn ich fragte, ob sie denn gar keine Angst habe, ihre Meinung zu äußern. Mutter und Oma hatten mir schreckliche Geschichten von Bekannten erzählt, die wegen einer einzigen kritischen Bemerkung verschwunden waren.

»Stalin ist schon lange tot«, sagte Karolina. »Wir wissen alle, dass das Regime eine Farce ist, und die wissen es auch. Zum Glück sind wir nicht in Ostdeutschland. Bei uns in Polen schlafwandeln sie.«

Die Gegend wurde ländlicher, und wir holperten die Straßen entlang, vorbei an riesigen Feldern, Birkenwäldern und ausgedehnten Strecken mit Kiefern, an kleinen verschlafenen Ortschaften, aus denen Kirchtürme aufragten. Ich weiß nicht, ob Karolina über mich Bescheid wusste – vermutlich ahnte sie etwas. Aber sie drängte mich nie, stellte mich nie zur Rede, und dafür bin ich ihr immer dankbar gewesen. Sie verfügte über dieses gewisse Feingefühl, von dem ich mir nicht sicher bin, ob ich es an ihrer Stelle bewiesen hätte. Nur einmal überspannte sie fast den Bogen. Es war ungefähr einen Monat vor dem Lager, nach einer Vorstellung im Nationaltheater – wir hatten uns Slawomir Mrożeks Tango angesehen. Wir wollten noch etwas trinken, und sie zeigte mir eine kleine Bar, die versteckt in einer schmalen Seitenstraße in der Altstadt lag, angeblich auch